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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst verfallen. Er warf sich vor, sich aus Liebe für seine Braut in die Lage gebracht zu haben, Unterstützungen anzunehmen, er, der es gebilligt hatte, daß seine Mutter lange Zeit sich auf das Kümmerlichste beholfen hatte, um dieser verhaßten Abhängigkeit zu entgehen. Nur gegen seine Mutter hatte er sich über seine Unterredung mit Jennys Vater ausgesprochen. Sie hatte dem verständigen Manne vollkommen beigestimmt und ihrem Sohne versichert, daß keinem andern als ihm ein Kummer daraus erwachse, mit der Hand eines geliebten, reichen Mädchens ein angemessenes Jahrgeld anzunehmen oder, wie es hier der Fall wäre, eine Mitgift, die im Verhältnis zu Jennys einstigem Reichtum unbedeutend blieb. Sie machte ihn darauf aufmerksam, wie Jenny trotzdem noch vieles entbehren würde, woran sie in ihrem väterlichen Hause gewöhnt worden, und wie sie durch die Freudigkeit, mit welcher sie der Zukunft gedächte, einen sicheren Beweis dafür gebe, daß ihr Reinhards Liebe höher gelte als jener Reichtum, den nur Reinhard selbst so hoch anschlage, um sich damit zu quälen. Für einige Tage hielten diese Vorstellungen vor, dann aber bedurfte es nur eines Wortes, das irgend jemand arglos aussprach und das eine andere Deutung zuließ, um ihn aufs neue mit dem finstersten Unmut zu erfüllen. Es bewährte sich auch an ihm, daß niemand uns so tödlich verletzen, so unablässig zu peinigen vermag als wir selbst, weil niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiß als eben wir. Darum sollte man sich vor keinem Feinde so sehr hüten als vor seinen eigenen Schwächen und Phantasien, mögen sie auch noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde tritt man mit Härte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hilfstruppen gegen den Feind außer uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen? Wen freut es, über ein verhätscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben, eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind für dessen Fehler ist?

Dennoch hatte sich äußerlich nach jener Unterhaltung des Vaters mit Reinhard das gute Vernehmen zwischen allen Teilen wieder hergestellt, und Herr Meier konnte seiner Frau die Versicherung geben, daß für Jennys Zukunft in bezug auf die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens nichts zu befürchten sei.

Eine andere Angelegenheit aber verursachte ihm immer lebhaftere Besorgnis: Eduards tiefer Kummer nämlich, den dieser vergebens unter der Maske ruhigen Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der Vater nicht erst zu erraten brauchte. Nachdem er also mit Reinhard geordnet hatte, was ihm für Jennys Zukunft unerläßlich schien, ließ er Eduard eines Tages zu sich rufen.

Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war immer einfach gewesen, und auch jetzt machte der Vater keine besondere Einleitung. »Ich habe ein ernstes Wort mit dir zu reden«, sagte er, als sie allein beisammen waren, »und ich habe nicht erst nötig, dir den Gegenstand zu nennen. Ich glaubte mit Recht erwarten zu dürfen, daß du mir aus einem Verhältnis kein Geheimnis machen würdest, welches dich seit lange schon beschäftigt. Du kannst nicht leugnen, daß du eine Liebe für Fräulein Horn empfindest.«

»Auch möchte ich das nimmer«, fiel Eduard lebhaft ein.

»So beantworte mir ehrlich die eine Frage, wohin soll das führen? – Bist du entschlossen, Christ zu werden?« fragte er, da Eduard schwieg.

»Um keinen Preis«, erwiderte Eduard fest, »selbst um den Besitz des Mädchens nicht!« Er war bewegt und kämpfte die Bewegung nieder. Dann sagte er nach einer Weile: »Es ist wahr, ich liebe sie, und um sie zu erlangen, sie mein zu nennen, soll kein Mittel unversucht bleiben. Ihres Herzens bin ich gewiß, obgleich nie ein Wort von Liebe unsere Lippen berührt hat; und nicht aus Mißtrauen schwieg ich gegen dich, sondern weil an dem Tage, an dem ich dir Clara als meine Braut vorzustellen hoffte, ich dir einen doppelten Sinn zu verkünden wünschte.«

»Der wäre?« fragte der Vater.

»In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden verboten, obgleich sie nicht gebräuchlich bei uns ist. Ich habe um die Erlaubnis zu solcher Ehe nachgesucht, mich darauf stützend, daß in Dänemark und Holland, die ebenfalls streng protestantische Länder sind, solche Verbindung statthaft ist. Wenn es mir nun gelingt, diese Erlaubnis zu erlangen, wenn ich, indem ich mir die Geliebte gewinne, zugleich einen Schritt vorwärts gegen das Ziel mache, das wir erstreben, dann wollte ich vor dich hintreten und dir die erkämpfte Braut als Tochter zuführen.«

»Und wenn du diese Erlaubnis nicht erhältst?« fragte der Vater, und da der Sohn darauf nicht antwortete, fügte jener mit gerechtem Bedenken hinzu: »Dann hast du, auf eine höchst zweifelhafte Aussicht hin, die Ruhe, vielleicht das Glück eines Mädchens zerstört, das zu edel von dir dachte, um zu glauben, du würdest unvorsichtig Hoffnungen in ihr erregen, die zu erfüllen dir unmöglich ist. Sage mir nicht, du hättest Clara deine Liebe nicht gestanden. Das sind Entschuldigungen, die kein ehrlicher Mann sich machen darf. Sie kennt deine Liebe; sie erwidert sie; das wissen wir alle, Claras Eltern vielleicht ausgenommen. Daß du um Claras Liebe geworben, und das hast du, verzeih' mir, mein Sohn, das war keine gute Tat, das war ein schweres Unrecht, sobald du entschlossen warst, nicht Christ zu werden.«

Eduard fuhr auf, nahm sich aber zusammen und sagte ruhig: »Unrecht wäre es vielleicht gewesen, wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen hätte; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu verbergen gesucht und nicht ihr selbst immer die Hindernisse, die uns trennen, vorgehalten hätte. Clara weiß, daß wir nicht viel zu hoffen haben.«

»Wozu nützt ihr dieses Wissen?« fragte der Vater. »Rechnet sie darum weniger auf die Erfüllung eurer gemeinschaftlichen Wünsche? Und geschah es auch, um ihr jede Hoffnung zu rauben, daß du sie in unser Haus geführt hast? Glaubst du, Jennys bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Mut geben, auch von dir das Nämliche zu erwarten? Was soll Claras Vater von mir denken, daß ich seine Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Förderer und Schützer einer Liebe hergegeben habe, durch die das Mädchen unglücklich wird?«

»Vater, du gehst zu weit!« sagte Eduard in heftiger Bewegung. Der Vater aber, der bis dahin mit kalter Ruhe, fast streng mit dem Sohne gesprochen hatte, nahm plötzlich seine Hand, die er herzlich drückte, und sagte mild: »So, Eduard, urteilt der Mann, und du verdienst den Tadel. Der Vater bedauert dich, und wollte Gott, ich könnte dir helfen! Mein Herz ist nicht so kalt geworden, daß ich dein Leiden nicht verstehen könnte, aber weil ich dich, mein Sohn, vor Reue, und das Mädchen, das ich schätze, vor Kummer wahren möchte, darum ist es meine Pflicht, dir zu sagen: halte inne. Tue keinen Schritt vorwärts; vermeide alles, was euch einander näherbringen, Claras Erwartungen erhöhen könnte, bis du weißt, ob du auf sie hoffen darfst. Denn wenn selbst, was ich bezweifle, der Staat eine solche Verbindung zugäbe, stände dir mit Claras Eltern noch ein schwerer Kampf bevor. Und doch wollte ich, sie allein wären es, die du gegen dich hast!« schloß er und sah bekümmert auf das verdüsterte Antlitz des Sohnes.

Dieser schwieg lange, dann sagte er: »Ich bin mir bewußt, daß der Gedanke an Claras Ruhe ebensowenig aus meiner Seele gekommen ist als das Gefühl meiner Liebe! Der Schwäche bin ich freilich schuldig, daß ich mein Herz nicht fest zusammennahm, daß ich mich dem beglückenden Reiz des Augenblicks mehr, als ich wollte, überließ, daß ich hoffte, weil ich wünschte; aber falle mein Los, wie es wolle, du sollst mich deiner würdig finden.«

»Das genügt, mein Sohn!« sprach der Vater. »Ich traue dir und wollte nichts als dich warnen vor dir selber.«

Damit trennten sie sich, beide tief ergriffen und besorgt, aber ruhig im äußeren, wie sie es immer waren, obgleich Eduard nun mit doppelter Ungeduld die Entscheidung seines Schicksals ersehnte.

Je länger er diese Liebe zu Clara in stiller Brust genährt, um so tiefer war sie in sein Herz gedrungen. Er konnte zwar sein Leben ohne Claras Besitz denken, aber kein Glück ohne sie. Sie zu erkämpfen und seinem Volke zugleich damit zu nützen, das war der belebende Gedanke in seiner Seele geworden; und mit der Energie, die ihm eigen war, hatte er rasch die nötigen Schritte dazu getan, ohne mit irgend jemandem darüber zu sprechen. Anfangs hatte er mit Zuversicht auf einen günstigen Bescheid gerechnet und sich mit einer Art von stolzer Sorglosigkeit der Leidenschaft hingegeben, die ihn beherrschte; nun aber, als die Antwort, die er erwartete, von Tag zu Tag ausblieb, als die Erkundigungen, welche er einzog, auf eine abschlägige Bescheidung hinzudeuten schienen, mußten die Ermahnungen seines Vaters einen um so tiefern Eindruck auf ihn machen. Zerstreut war er zu seinen Kranken gekommen und hatte kaum die nötige Aufmerksamkeit für ihre Klagen in sich erzwingen können. Das machte ihn noch trüber und unzufriedener mit sich. Er zog sich in den Stunden, welche ihm seine Praxis frei ließ, ganz in seine Wohnung zurück und kam auch nur des Mittags zu den Seinen, weil in dieser Stimmung ihm selbst der Umgang mit seiner Familie keine Freude machte.

So mochten etwa acht Tage vergangen sein. Er saß abends an den geöffneten Fenstern seines Zimmers und sah, in tiefe Gedanken versunken, nichts von der Pracht des Frühlings, dessen liebliche Blumen in dem Garten, der das Haus nach dem Hafen hin begrenzte, sich zu entfalten anfingen. Lebhaft erinnerte er sich jener Winternacht, in der dieselbe hoffnungslose Liebe ihn in Sturm und Wetter hinausgetrieben hatte, und der leidenschaftlich erregte Zustand jener Stunde schien ihm beneidenswert gegen die Mutlosigkeit, welche er jetzt empfand und aus der ihn, wie er wähnte, nichts emporzurütteln vermochte. Da pochte es an seine Türe, und es trat der Postbote herein, der ihm einen großen, mit amtlichem Siegel geschlossenen Brief aushändigte. Eduard wußte, was er ihm bringen konnte. Mit hastiger Hand erbrach er ihn. Er näherte sich dem Fenster, um bei den letzten Strahlen des Tages die feste, deutliche Schrift zu lesen – dann legte er das Blatt zur Seite und blieb gedankenvoll, den Kopf gegen die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen.

Es war entschieden. Der Jude durfte nicht auf das Glück hoffen, die Geliebte zu besitzen. Was war nun zu beginnen?

Er hörte über seinem Haupte, in den obern Zimmern, Stühle hin und wieder rücken; er sah empor, es war Nacht geworden. Man stand vermutlich bei seinen Eltern von der Abendmahlzeit auf. Er hatte also mehrere Stunden in dumpfem Brüten verbracht, und kein kräftigender Gedanke war erleuchtend in die Nacht seines Schmerzes gedrungen. Flüsternd berührten Jennys und Gustavs Stimmen sein Ohr. Der milde Abend hatte sie ins Freie gelockt, und Eduard erblickte sie bald darauf in den breiten Gängen des Gartens. Aber – trog ihn sein Auge? Noch eine dritte Gestalt ging mit ihnen. Therese konnte das nicht sein; sie war wenig größer als Jenny, während diese schlanke, hohe Figur Jenny bedeutend überragte. Sie war es! Noch ahnte sie nichts von dem Schmerz, den er bekämpfte, den der nächste Tag auch ihr bringen mußte. Nur noch dies eine Mal wollte er sie glücklich sehen. Es schien ihm, als hätte sie im Vorübergehen, trotz der Dunkelheit, nach seinen Fenstern geblickt – im nächsten Moment war er an ihrer Seite.

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