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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Abend fing schon an hereinzubrechen, und die Atmosphäre hatte jenen warmen, schwülen Duft, der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frühlings häufig eigen ist und der Seele eine weiche, melancholische Stimmung gibt. Jenny, der man früher niemals erlaubt hatte, ohne Begleitung eines Dieners die Straße zu betreten, wollte sich, um Reinhard zu gefallen, gern von allem entwöhnen, was der Luxus den Reichen zum Bedürfnis macht, und hatte zu Hause erklärt, sie werde allein von dem Hause des Pastors zu ihrer künftigen Schwiegermutter gehen.

Es war das erste Mal, daß sie den Versuch machen wollte; und als sie nun bei einbrechender Dunkelheit – denn der Unterricht hatte länger als gewöhnlich gedauert – allein durch die Straßen ging, überkam sie ein Unbehagen, wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Sie fürchtete, daß irgendeiner ihrer Bekannten sie so allein umhergehen sehen könnte, und wünschte doch sehnlich, jemandem zu begegnen, der sie beschütze, da ihr bange war unter dem Gewühl der Männer und Frauen, die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten. ›Wenn die Mutter wüßte, daß der Unterricht so lange gedauert hat; wenn sie wüßte, daß ich nun im Dämmerlichte in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Straße bin, in der mich niemand kennt, fern von Reinhard und so weit von Hause, wie besorgt würde sie sein!‹ so sagte sie sich, ›und‹ – rief es in ihr – ›was will dies Verlassensein bedeuten gegen die geistige Vereinsamung, in der ich mich befinde? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen vom Glauben meiner Väter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion übertreten, gegen welche meine Überzeugung sich noch immer sträubt. Das kann Gott nicht wollen, das wäre Sünde.‹

Aber was konnte sie denn tun, sich zu befreien aus dieser Not? Sich Reinhard entdecken oder irgend jemandem, hieße Reinhard verlieren; denn nur als Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr angehören. Sie erschien sich unglücklicher als jene Arbeiter, die in Dürftigkeit, aber gewiß ruhigen Geistes neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprüft zu werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott geglaubt und das Rechte getan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen, die ihr bis jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten innern Kämpfen preisgaben. Vater und Mutter sollte sie verlassen, sich von dem Bruder, von allen Freunden trennen. Sie sollte Reinhard folgen nach einem Orte, den sie nicht kannte und der vielleicht fern von der Heimat öde und traurig sein konnte. Sie dachte an ihr helles, sonniges Zimmer, an das Treibhaus, an all jene Behaglichkeiten des Lebens, die sie nie hochgeschätzt hatte, weil sie nicht gefürchtet, sie jemals entbehren zu müssen. ›Auch wäre das gar nicht nötig, wenn Reinhard nicht so wunderlich wäre‹, dachte sie weiter. Warum sollte sie nicht alle diese kleinen Bequemlichkeiten auch in ihrem Hause haben können, da ihr Vater nur zu glücklich sein würde, ihr alles zu gewähren, was sie wünschte? Aber das gerade wünschte Reinhard nicht. Das erlaubte sein Stolz nicht, den er ihr nicht zum Opfer bringen wollte, während sie alles opfern wollte: Heimat, Eltern, Freunde und ihre Überzeugung und es so gern, so bereitwillig tat, um des Geliebten willen. Ertrug sie doch jetzt eben Zweifel und Furcht und Bangigkeit, und das alles nur aus Liebe zu ihm! Wie ernst strebte sie, den Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst, sie konnte wie bisher sehr glücklich sein auch ohne diese Erkenntnis – aber ohne Reinhard nicht.

Je dunkler es wurde, um so mehr beschleunigte sie ihren anfangs gemessenen Schritt und langte endlich in der verzagtesten Stimmung von der Welt fast atemlos bei ihrer zukünftigen Schwiegermutter an. Die Pfarrerin kam ihr wie immer liebevoll entgegen, aber sie erschrak, als sie Jenny den Hut abnahm und in ihr verstörtes, bleiches Gesicht blickte. Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar durchnäßt, es fiel ungelockt über ihre Stirn und machte sie noch bleicher erscheinen, als sie ohnehin war. Große Tränen fielen aus ihren Augen.

»Um Gottes willen, Kind!« rief die Matrone und zog sie ängstlich zum Sofa, vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte, »was ist geschehen? Wo kommst du her? So rede doch«, bat sie eindringlich, da Jenny noch immer kein Wort zu sprechen vermochte, »was ist dir zugestoßen?«

Jetzt, da sie sich in Sicherheit fühlte, wollte Jenny sich selbst verspotten, aber es gelang ihr nicht. Aufgeregter als sie es wußte, erzählte sie, wie sie Reinhard zuliebe habe ohne Diener gehen wollen, wie der Abend sie überrascht und eine kindische Angst sie überfallen habe. Die Pfarrerin suchte sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu, künftige Versuche der Art zu unterlassen. Sie selbst wolle ihrem Sohne sagen, daß er auch im Scherze nicht solche Anforderungen machen und Dinge verlangen dürfe, an die seine Braut weder gewöhnt sei noch sich zu gewöhnen nötig habe. Dann schob sie die Lampe in die Höhe, nötigte Jenny, sich zu ihr auf das Sofa zu setzen, stellte das Teegerät zurecht und fing, um sie zu zerstreuen, an, ihr scherzend vorzuhalten, wie es gar nicht lange dauern werde, bis Jenny im eigenen Hause schalten könne.

»Dann brauchst du, armes Kind«, sagte sie tröstend, »nicht mehr so spät allein in Religionsstunden gehen und kannst dem Bösewicht, der dich zu dieser unzeitigen Promenade veranlaßt und der eben nach Hause kommt, als wackere Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten, die du heute unnötig ausgestanden hast.«

Wirklich trat, noch während die Mutter also sprach, der Sohn herein und fragte ängstlich, als er, von dem plötzlichen Lichtwechsel geblendet, Jenny hinter der Lampe nicht gleich sah: »Ist Jenny noch nicht hier? Ich bin ihr bis zum Hause des Pastors entgegengegangen, als es dunkelte und ich sie noch nicht hier sah, weil sie heute zu Fuß und allein zu kommen versprach. Dort aber ist sie lange fort, und –«

»Hier ist sie!« rief Jenny, und die Pfarrerin sah mit Wohlgefallen, wie die beiden sich entgegenflogen und des Glückes und der Freude gar kein Ende werden wollte. Dann aber schilderte sie dem Sohne, in welcher Bewegung seine Braut bei ihr angelangt war, und er versprach, künftig viel vernünftiger zu werden und keine Kunststücke, wie die Mutter sie nannte, von dem geliebten Mädchen zu verlangen.

»Es will mir nur immer nicht in den Kopf«, sagte er dann neckend, »daß ihr jungen Mädchen so gar verwöhnt seid. Haben doch selbst die Engel auf Erden gewandelt, warum sollte mein kleiner Engel es nicht können, so wie sie?«

»Vergiß nicht«, scherzte die Pfarrerin, »daß solch ein Engel sich aufschwingen konnte, wenn ihn das Irdische zu rauh berührte, damit ist es aber jetzt vorbei; denn es geschehen leider keine Wunder mehr.«

»Ach! Sage Gott sei dank, mein Mütterchen!« rief Jenny, »mich quälen die alten Wunder schon so sehr, daß ich genug an ihnen habe und nach neuen nicht begehre.« Kaum aber hatte sie es gesagt, als sie das Wort bereute, denn Reinhard fragte, ob der Pastor etwa von den Wundern zu ihr gesprochen habe und wovon überhaupt die Rede gewesen sei.

Nun war das Gespräch, das sie gefürchtet hatte, kaum noch zu vermeiden, und sie erzählte ruhig alles, was der Pastor ihr über den Gegenstand gesagt hatte, ohne den Eindruck zu berühren, den es ihr gemacht. Dann, als Reinhard zu wissen verlangte, ob ihr denn nun die Idee der Dreieinigkeit einleuchtend geworden, ob sie nun erfaßt hätte, was ihr früher unbegreiflich gewesen sei, sagte sie: »Nun, eine Dreieinigkeit habe ich immer gekannt, die vielleicht wieder andern unverständlich oder wenigstens nicht so in sich und durch sich bedingt erscheint als mir. Es ist die Dreieinigkeit der Kunst! Diese ist mir von jeher einleuchtend gewesen, so sehr, daß ich Poesie, Musik und bildende Kunst gar nicht voneinander im Innersten der Seele zu trennen vermag; daß ich sie wie eines immer zusammen empfinden und die Anschauung oder der Genuß einer dieser Künste mir gleich, wie zur Ergänzung, das Bedürfnis nach der andern hervorruft. Mir wird jede Musik Gedicht und jedes Gedicht zum Bilde. Hier ist mir, obgleich ich jede Kunst als selbständig in sich erkenne, doch eine unauflösliche Einheit denkbar: und so kann man nicht sagen, daß ich bis jetzt den Begriff der Dreieinigkeit nicht hatte.«

Reinhard wandte ein, daß der Vergleich nicht richtig sei, und wollte zu seiner eigentlichen Frage zurückkommen. Jenny unterbrach ihn aber ängstlich und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit: »Und noch eine Dreieinigkeit begreife ich: Du, mein Mütterchen, und Reinhard und ich, wir sind drei und sind doch eines und so einig, daß der geliebte Reinhard auch mit keiner Silbe widersprechen darf, wenn seine Jenny es behauptet. Habe ich das recht verstanden?« fragte sie den Glücklichen, der so vielem Liebreiz nicht zu widerstehen vermochte und sich willig den Plaudereien seiner Braut hingab, ohne ihrer religiösen Erkenntnis weiter zu gedenken.

Wenn er Jenny so vor sich sah in einfachster Kleidung, die sie ihm zuliebe jetzt fast immer trug, wie sie in dem kleinen Stübchen an seiner Seite saß, ihm den Tee bereitend und mit den sanften klugen Augen freundlich nach jedem seiner Wünsche spähend, so ruhig und so begnügt, dann konnte er es nicht fassen, wie ihm jemals davor bangen konnte, sie aus dem reichen Hause ihres Vaters in beschränktere Verhältnisse zu führen. Er warf sich dann vor, ihr Unrecht zu tun mit seinen Zweifeln; er nahm sich dann vor, ihr bei nächster Gelegenheit den Mangel an Zutrauen zu bekennen, den er in dieser Beziehung zu ihr gehabt habe; und heute vollends empfand er sich auf dem Gipfel des Glücks, denn heute waren sein Herz und sein Verstand gleich befriedigt durch die Geliebte. Er hatte keinen Wunsch, als daß es stets so bliebe; und daß es also bleiben werde, davon war er überzeugt.

Als sie nun so in friedlicher Stille beisammen waren, klopfte es an die Türe. Reinhard ging, um zu öffnen, und trat bald darauf mit einem Briefe in der Hand wieder bei ihnen ein, den er, nachdem er ihn schnell durchgelesen, seiner Braut mit den Worten reichte: »Nun endlich, meine Jenny! Lies, o lies!«

Doch hinderte er selbst sie daran, denn er erzählte, wie dieser Brief ihm die Nachricht von dem Entschlusse eines entfernten alten Verwandten bringe, zu seinen Gunsten eine Pfarrstelle niederzulegen, die er bis jetzt bekleidet hatte. Fröhlich, wie ihn die Aussicht machte, überhörte er die Bemerkung der Mutter, daß die Pfarre zu Schönfelde, von der eben die Rede war, in einer gar traurigen Gegend liege, und glücklicherweise entging ihm ebenso Jennys Erbleichen bei der Mitteilung.

Heute gerade, wo Reinhard sich zufrieden und mit sich einig fühlte, war Jenny in einer völlig entgegengesetzten Stimmung. Nachdem sie auf dem Wege zur Pfarrerin zum ersten Male an die Entbehrungen gedacht, die sie sich künftig werde auferlegen müssen, erschien ihr alles, was sie bisher in der Wohnung ihrer Schwiegermutter idyllisch und behaglich gefunden, wie entzaubert. Die kleine Lampe fand sie düster, die Zimmer eng und beklommen; und in so kleinen Räumen, in solch beschränkten Verhältnissen für immer zu leben hielt sie für ein Unglück, das selbst durch Reinhards Liebe nur gemildert, nicht aufgehoben werden konnte. Mit gewohnter Freundlichkeit half sie der Pfarrerin bei den Zurüstungen zu dem einfachen Mahle und deckte den kleinen Tisch, wie sie pflegte; aber es machte ihr heute kein Vergnügen, und sie hätte es gern der jungen Magd überlassen, wenn sie nicht gewußt hätte, wie sehr sie ihren Bräutigam damit erfreute, der sie während der kleinen Arbeit nicht aus den Augen verlor und mit Blicken der innigsten Liebe jede ihrer Bewegungen betrachtete. Trotzdem konnte sie ihre Niedergeschlagenheit nicht besiegen, und sie war sehr zufrieden, daß weder ihr Bräutigam noch dessen Mutter etwas von dem errieten, was in ihr vorging. Sie fühlte sich geradezu erleichtert, als sie gegen die zehnte Stunde das bekannte Rollen ihres Wagens hörte und von der Pfarrerin Abschied nahm, die sie mit ängstlicher Sorgfalt in den Mantel hüllte und noch ein Tuch hinzufügen wollte, damit sich Jenny nicht erkälte.

»Nein, nein, Mütterchen! Ich bedarf ja all dessen nicht; ich gehe ja nicht, ich fahre nach Hause!« sagte sie mit solchem Vergnügen, daß es ihr selber komisch vorkam, als sie an Reinhards Arm die Treppe hinunterging, der sie im Wagen nach Hause begleiten wollte, wo sie die Ihrigen noch beim Tee zu finden und ein Stündchen mit ihnen zusammenzubleiben hoffte. Als dann der Diener den Fußtritt herunterschlug, sie gewandt beim Einsteigen unterstützte und die Türe des Wagens schloß; als Reinhard das Fenster in die Höhe zog und sie an seiner Seite, bequem und warm, dahinflog, drückte sie sich mit einer nie gekannten Wollust in die seidenen Kissen. Ihre ganze Heiterkeit war wiedergekommen, und heiter und fröhlich trat sie mit Reinhard bei ihren Eltern ein, als ob sie dieselben wer weiß wie lange nicht gesehen hätte. Es gefiel ihr unbeschreiblich, viel besser noch als sonst, zu Hause; es machte ihr besonderes Vergnügen, daß sie Eduard und Joseph noch bei den Eltern fand, so daß sie, als man sie fragte, wie es ihr ergangen, in Selbstverspottung ihre Angst und ihre Abenteuer schilderte.

»Und für all die Heldentaten, die ich heute so herrlich vollbracht habe, lieber Vater, bitte ich nur um eine Belohnung. Du sollst mir zur Hochzeit nicht Perlen, nicht Brillanten schenken; daraus mache ich mir nichts, und die möchten auch für eine Frau Pfarrerin nicht passen, welche andern mit tugendhaftem Beispiel vorangehen soll«, sagte sie, indem sie sich scherzend ein sehr ernsthaftes Ansehen gab, »aber einen guten, ordentlichen Landauer, liebes Väterchen, den kannst du mir nur immer kaufen!«

»Der möchte leicht ebenso unpassend als die Brillanten sein!« wendete Reinhard ein, »und ich zweifele, daß ein Paar gewöhnliche Landpferde solche Karosse ziehen oder zieren würden.«

»Nun, da muß Vater ein übriges tun und zwei Pferde zulegen!« rief Jenny lachend.

»Und dann soll der Pfarrer wohl in einer Equipage, die den reichsten Edelmann beschämt, durch das Dorf nach der Kirche fahren, um die Verachtung des Irdischen zu predigen?« fragte Reinhard nicht ohne Spott. »Solch eine Equipage möchte leicht mehr kosten, als meine künftige Pfarre in zwei Jahren einträgt, und würde uns deshalb übel anstehen. Du solltest nur sehen, liebste Jenny, wie meine Amtsbrüder ruhig auf einem Leiterwagen über Land fahren: da würdest du begreifen, wie eine Staats-Equipage uns nicht kleiden kann.«

»Aber Sie können doch Jenny nicht zumuten, auf einem Leiterwagen oder irgendeiner andern elenden Karrette herumzufahren?« meinte die Mutter verdrießlich.

»Warum nicht?« sagte Reinhard, gereizt durch den Ton dieser Frage. »Meine Mutter ist jahrelang so gefahren, und es ist ihr vortrefflich bekommen, obgleich sie es ebensowenig gewöhnt war als Jenny! Aus Liebe kann man viel!«

»Streitet doch nicht um des Kaisers Bart!« rief Eduard dazwischen, als er sah, wie unangenehm seiner Schwester diese Wendung des Gesprächs sein mußte. »Wenn Reinhard eine Pfarre haben wird, mögt ihr nach dieser Stelle euren Wagen einrichten, und das ist noch weit im Felde!«

»Glücklicherweise!« murmelte die Mutter für sich, während Reinhard eben zu erzählen anfing, daß er im Gegenteil auf dem Punkte stehe, eine Stelle zu erhalten, die ihm, alles zusammengerechnet, doch sechs- bis siebenhundert Taler bringen könne und die nur den einen Fehler habe, nahe der Grenze, in einer nicht eben angenehmen Gegend, zu liegen; doch hoffe er, nicht allzu lange dort zu bleiben, und wolle sie bestimmt annehmen, weil man sie ihm biete.

»Und was sagt Jenny dazu?« fragte der Vater, nun ebenfalls gekränkt durch die rücksichtslose Art, mit welcher Reinhard über seine Zukunft entschied, ohne an die Wünsche Jennys oder ihrer Eltern irgendwie zu denken.

»Nun, ich muß ja meinem Manne folgen, wie es in der Bibel steht«, sagte Jenny mit einer Stimme, die das Weinen verriet, obgleich der Mund lächelte, »aber vielleicht warten wir auch noch, bis sich eine Pfarre hier in der Nähe findet.«

»Ich bestimmt nicht!« fuhr Reinhard auf. »Es gilt die Erreichung meiner beiden Hoffnungen. Ich stehe an der Schwelle, einen Wirkungskreis und dich zu gewinnen: willst du dich mir länger entziehen – gut! Ich muß es tragen; aber selbst meine Liebe soll mich nicht verleiten, meinen Beruf zu versäumen, der mir höher gilt als alles. Doch werde ich dich keineswegs zwingen. Kannst du und willst du noch in deinem Vaterhause bleiben, so muß ich es mir gefallen lassen, und meine Mutter allein wird mir dann folgen, bis mein Los sich günstiger gestaltet.«

Mit den Worten stand er rasch auf und wollte sich entfernen, aber Jenny hielt ihn in sprachloser Bewegung zurück. Es war der erste wirkliche Streit mit dem Geliebten, auch Eduard versuchte Reinhard zu besänftigen, während die Mutter verdrießlich schmollte. Joseph sah bald düster vor sich nieder, bald blickte er verstohlen auf Jenny und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, wie es seine Art war, wenn ihn etwas unangenehm berührte. Nur der Vater blieb anscheinend ruhig und sagte: »Zu warten, bis Sie eine bessere Stelle in unserer Gegend haben, Reinhard, dazu würde ich meiner Tochter und Ihnen eigentlich auch raten; wenn Sie nicht überhaupt besser täten, in der Stadt zu bleiben. Ich wollte schon lange darüber einmal mit Ihnen sprechen und rechne darauf, daß Sie morgen in der Frühe zu mir kommen, damit wir es ohne die Frauen überlegen.«

Reinhard schickte sich an zu antworten, der alte Herr ließ es aber nicht zu.

»Das hat Zeit bis morgen, lieber Freund!« sprach er, »bis morgen können wir beide das Für und Wider überdenken und verständigen uns dann leicht. Machen Sie jetzt nur Ihren Frieden mit Jenny und der Mutter und – ehe Sie über christliche Geduld predigen dürfen, mein junger Freund«, fügte er lächelnd hinzu, »werden Sie noch ein gutes Teil Ihrer Lebhaftigkeit abzulegen haben.«

Reinhard war ebenso verstimmt als verlegen: verstimmt über die Aufforderungen, die man an ihn machte, und verlegen über die Herbigkeit, zu welcher er sich hatte hinreißen lassen. Er näherte sich seiner Braut, die ihm ihre Hand entgegenreichte, und fragte, sich zu ihr neigend: »Bist du böse? Sei es nicht!« Dann, sie festhaltend, ging er zu der Mutter, küßte ihr, mit ein paar freundlichen Worten sich entschuldigend, die Hand und empfahl sich den Männern. Jenny begleitete ihn, und auch Eduard wollte mitgehen; der Vater aber, der es bemerkte, sagte leise: »Bleibe hier, laß sie allein.«

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