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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Umgang zwischen den beiden jungen Mädchen gewann bald eine große Innigkeit, nachdem die ersten Schritte getan waren. Clara hörte nur zu gern von Eduard erzählen; was er gesagt, gewollt, getan, alles war für sie von Wichtigkeit. Was nur in irgendeiner Beziehung zu ihm stand, erregte ihre Teilnahme, und sie fühlte sich zu Jenny doppelt hingezogen, weil sie mit ihr stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte, ohne, wie sie wähnte, irgendeinen Verdacht zu erregen. Darin aber täuschte sie sich freilich. Jenny, der die leidenschaftliche Liebe Eduards zu Clara längst außer allem Zweifel war, hatte auch bald in Claras Herz gelesen. Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das Beisammensein mit Clara höchst angenehm, sie fand an ihr, was sie an Therese stets vermißt hatte, ein Gemüt, das ihr in rascher Empfänglichkeit sympathisierte, und eine Tiefe des Gefühls, welche Therese nicht in dem Grade besaß, oder mindestens nicht zu äußern vermochte. Solch eine Schwägerin hatte sie sich gewünscht; auch ihr schien es nur zu natürlich, daß Eduard kein Opfer scheuen werde, um Clara zu besitzen, und beiden wurde es zu einer süßen Gewohnheit, zu einem Bedürfnis, häufig beieinander zu sein.

In ungetrübter Freude waren so einige Wochen verflossen, als Hughes eines Abends verstört in die Stube seiner Tante trat und, indem er ihr einen Brief reichte, die Worte ausrief. »Ich muß fort, Tante! Mein Vater liegt zum Sterben!«

Die Kommerzienrätin erschrak so sehr, als die kaltblütige Frau es überhaupt vermochte. Denn so unangenehm ihr auch die plötzliche Entfernung Williams erschien, so leuchtete ihr doch der materielle Vorteil ein, der für den Sohn entstände, wenn er schon jetzt in den Besitz der väterlichen Schätze käme. Sie versäumte also nicht, in wohlgewählten Worten ihr tiefes Bedauern über das Unglück auszudrücken, das ihrer Schwester durch den Tod des Gatten drohe, sie brachte es selbst bis zu Tränen bei dem Gedanken an Williams Abreise; und dieser, aufgeregt durch die entsetzliche Nachricht, die ihn bis in das Herz getroffen, ließ sich von der künstlichen Teilnahme der schlauen Frau täuschen. Er mußte jemanden finden, dem er seine Gefühle enthüllte, und Clara, vor der er es am liebsten getan hätte, war seit einigen Stunden bei der Freundin. Er fragte nach ihr, er wolle und müsse Abschied von ihr nehmen.

»Beruhige dich«, sagte die Kommerzienrätin, »ich will sie rufen lassen, und sie soll den Rest des Abends mit dir verbringen. Sie wird wie ich untröstlich sein über den Verlust, der uns allen zu drohen scheint.« Sie schellte darauf und befahl dem eintretenden Diener, anspannen zu lassen und das Fräulein zu holen, weil Herr Hughes morgen früh verreisen wolle.

»Morgen? Tante! Ehe ich kam, waren die Pferde bestellt, mein Diener bereitet mein Gepäck, und ich harre auf den Ton des Posthorns. Ich reise gleich; jeder Augenblick, den ich zögere, kann mich um den Trost bringen, meinen Vater noch zu sehen, noch ein Wort von seinem Munde zu hören – nur in der höchsten Eile ist noch Hoffnung.«

Das lag außer der Erwartung der Tante: sie klingelte nochmals, und der Diener erhielt geschärfte Befehle. Er sollte dem Fräulein sagen, Herr Hughes reise gleich, weil sein Vater zum Tode erkrankt sei.

»Um Gottes willen, das nicht!« rief Hughes in großmütiger Vorsorge, »lieber reise ich, ohne sie zu sehen, ehe so furchtbarer Schreck sie unvorbereitet treffe.«

Ein Wink entfernte den Diener, und die Kommerzienrätin ging unruhig im Zimmer umher, jeden Augenblick am Fenster spähend, ob der Wagen das Portal nicht schon verlasse. Auch Hughes war in qualvoller Spannung. Dann, als das Rollen der Räder auf den Steinen hörbar wurde, schien es ihm Hoffnung zu bringen. Ein ängstliches Schweigen herrschte im Zimmer, Tante und Neffe hingen mit gespanntem Auge an dem Zeiger der Uhr, der sich ruhig und langsam von Sekunde zu Sekunde fortbewegte, während ihr Ohr ebenso ängstlich auf jeden Ton lauschte, der von der Straße heraufschallte.

»Ich begreife nicht, wo Clara bleibt«, sagte nach einer Weile peinlicher Erwartung die Kommerzienrätin.

»Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und mein Vater stirbt!« fiel William, der nur den einen Gedanken hatte, ihr tonlos ins Wort. »Denken Sie, Tante, jede Minute Aufschub kann mir die Möglichkeit rauben, den Vater zu sehen, den ich mehr als alles liebe, und trennt mich zugleich von Clara, ohne daß ich sie gesprochen habe, ohne daß sie weiß, wie ich sie liebe!«

Da atmete die Kommerzienrätin tief auf, ein siegreiches Lächeln glitt einen Augenblick über ihre Züge – sie war am Ziele! Aber schnell besonnen, trat sie mit dem Ausdruck inniger Teilnahme zu William, legte ihre Hand auf die seine und sagte beruhigend: »Möchte dir so sicher das Leben deines Vaters erhalten werden als Claras Liebe und ihre Hand, die ich dir von je bestimmte.«

»Wer sagt Ihnen, Tante!« rief der Jüngling – da schmetterte fröhlich und laut das Posthorn, und sich gewaltsam zusammennehmend, fügte er hinzu: »Leben Sie wohl, Tante, grüßen Sie mir Clara!«

»Gehe, mein Sohn«, erwiderte mit Feierlichkeit die Tante, »und kehre uns bald und glücklich wieder. Für Claras Herz bürgt dir ihre Liebe, für ihre Hand bin ich dir Bürge, und sollte es Gott gefallen, dir den Vater zu rauben, so findest du hier einen Vater wieder, der den Gatten seiner Tochter mit offenen Armen empfangen wird.«

Hughes umarmte sie zärtlich und eilte hinaus; dann kehrte er zurück, zog einen Ring von seinem Finger und reichte ihn der Tante. »Für Clara!« sagte er, »und sie soll mein gedenken!« Dann eilte er davon.

Und wieder erklang das Schmettern des Posthorns; die Kommerzienrätin trat an das Fenster und sah dem Wagen nach, bis einige Minuten später ihre Equipage sichtbar wurde und Clara bei ihr eintrat. Sie hatte trotz Williams Verbot durch den Diener die traurige Nachricht bereits erfahren.

»Wo ist William?« fragte sie mit einer Lebhaftigkeit, welche die Mutter nur zu leicht für ein Zeichen der Liebe nehmen konnte. Auch hielt sie es für angemessen, die Rolle, welche sie bei Hughes mit so viel Glück gespielt, bei Clara fortzusetzen. Sie umarmte ihre Tochter mehrmals, küßte sie zärtlich und sagte: »Beruhige dich, mein Kind! Du siehst ihn wieder. Wenn du wüßtest, wie ihm das Scheiden schwer war! Sein Schmerz war so groß, daß er mich, ohne es zu wollen, zur Vertrauten seiner Liebe machte. Er sendet dir diesen Ring, und ich habe ihm statt deiner versprochen, daß er bei dir Trost finden würde, falls es Gott gefallen sollte, ihm seinen Vater zu nehmen.«

Clara fuhr erschreckt zusammen; das hatte sie am wenigsten erwartet. Nach ihrer Meinung mußte gerade Hughes um ihre Liebe für Eduard wissen, denn gegen ihren Vetter allein hatte sie sich stets offen über denselben ausgesprochen. Sie hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins, ihre Bekanntschaft mit Jenny einzuleiten und ihren nähern Umgang zu befördern, eine Billigung ihrer Gefühle gesehen und sich dankbar dafür mit einer Zärtlichkeit an William angeschlossen, die ihr Bruder ihr einzuflößen niemals weder gestrebt noch vermocht. Sie begriff es nicht, wie der Vetter dies Wohlwollen für Liebe nehmen könne, da sie wußte, wie himmelweit es von dem Gefühle verschieden sei, das sie für Eduard empfand; und doch quälte sie der Gedanke, William, der vertrauende, großmütige Mann, könne sie eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen beschuldigen. Es tat ihr wehe, daß sie ihn, wenn auch ganz absichtslos, getäuscht, und sie bedauerte von Herzen, ihn nicht mehr gesprochen zu haben, um es zu verhindern, daß er Hoffnungen nähre, die sie nicht zu erfüllen dachte. Aber nicht das allein war es, was sie beunruhigte. Sie wußte, daß ihre Mutter, nun sie endlich das Gelingen ihres Planes sicher vor sich sah, nicht so leicht davon abgehen würde, am wenigsten zu Eduards Gunsten. Mitleid mit William, mit Eduard und mit sich selber, Furcht vor den Leiden, denen sie notwendig durch ihre Liebe ausgesetzt war, und auch aufrichtige Betrübnis, dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu können, drängten zusammen auf sie ein, und weinend legte sie Williams Ring von sich, den die Kommerzienrätin ihr aufgezogen hatte.

»Recht so, liebe Tochter!« sagte die Mutter, als sie es bemerkte, »auch ich finde es schicklicher, daß die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann schmücke, wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt. Doch weine deshalb nicht. In wenigen Wochen kehrt William hoffentlich zurück, und die ganze Stadt soll es dann wissen, wie glücklich du bist und wie glücklich du mich durch die Erfüllung meiner langgehegten Wünsche machst! Ich hatte nicht unrecht, mein Töchterchen, zu behaupten, daß dir einmal ein anderes Los bereitet werden solle als der kleinen Jenny!« fügte sie triumphierend hinzu, indem sie Clara nochmals umarmte und sie dann verließ.

»Was soll ich tun?« rief Clara, als sie sich allein sah. Die verschiedensten Pläne und Möglichkeiten fielen ihr auf einmal ein. Sie wollte ihrer Mutter nacheilen und ihr alles bekennen; aber wozu sollte das führen, da ihre Mutter gerade die Heirat mit William wünschte und sich ihrer Liebe zu Eduard entschieden widersetzen würde? Sich dem Vater anvertrauen? Das würde die Mutter für eine Kränkung ihrer Rechte halten und doppelt erzürnt sein! Dann wollte sie William schreiben und sich seiner Großmut überlassen; als sie indes bedachte, wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden könne, fehlte ihr der Mut, seinen Schmerz noch zu erhöhen durch das Geständnis, sie könne ihn nicht lieben. Ratlos sann sie lange hin und her, bis die glückliche Schnellkraft ihrer Jugend sie plötzlich das Ereignis in besserem Lichte erblicken ließ. Sie fing an zu hoffen, die Krankheit ihres Onkels werde so gefährlich nicht sein; William müsse ihn gewiß auf dem Wege der Genesung finden, und es machte sie glücklich zu denken, Eduard werde ohne Zweifel Williams Abwesenheit benutzen, sich gegen sie zu erklären. Dann, wenn es unwiderruflich sei, werde ihr Cousin es auch viel leichter tragen, besonders wenn Entfernung und die Freude, seinen Vater wiederzusehen, ihm zu Hilfe kämen. Als aber ihre Vorstellungen erst diese Richtung genommen hatten, waren bald alle Sorgen vergessen, so sehr, daß sie es sich vorwarf, nicht trauriger über ein Ereignis zu sein, von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein mußte.

Ein Bote von Jenny, der abgesandt war zu fragen, was Claras plötzliche Nachhauseberufung veranlaßt habe, erhielt ein ruhiges Billet mit den nötigen Erklärungen zur Antwort, der die Bitte hinzugefügt war, Jenny möge sie morgen recht zeitig besuchen.

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