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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein paar Tage lang war diese Verlobung ein Gegenstand der Unterhaltung bei allen, die, wenn auch nur entfernt, mit einem der beiden Teile bekannt waren. Manche lobten es, daß der Vater bei der Wahl des Gatten für seine Tochter nur auf ihre Neigung gesehen; andere, und gerade die Freunde und Verwandten des Hauses, machten ihm einen Vorwurf daraus, daß er, der angesehenste Jude der Stadt, seine Tochter zum Christentum übertreten lasse. Dergleichen hatte aber auf den klaren Sinn des würdigen Mannes keinen Einfluß. Nachdem der Entschluß reiflich überdacht und ausgeführt war, stand er als Tatsache unwandelbar vor ihm, und kein fremdes Urteil vermochte seine Ansicht darüber zu erschüttern.

Anders war es mit der Mutter. Auf sie blieben die wiederholten Bemerkungen der Leute, daß Jenny zu ganz andern Verbindungen berechtigt gewesen wäre, wenn sie nun einmal Christin werden sollte, nicht ohne Einfluß; und während ihr Mann mit der Wahl seiner Tochter vollkommen zufrieden geworden war, fing die Mutter sie zu bereuen an.

Sie überlegte, wie diese und jene Tochter eines reichen Kaufmanns einen berühmten Künstler, einen Baron, einen Grafen geheiratet hatte. Reinhard war ihr sehr lieb, sie vor allen hatte das Verhältnis gebilligt und geschätzt gegen die frühere Ansicht ihres Mannes, und diese Verbindung war ihr vollkommen ausreichend zu Jennys Glück erschienen, bis das unnütze Geschwätz von Dritten, die ihr damit zu schmeicheln wähnten, die Saat der Unzufriedenheit in ihre Brust streuten. Vergebens wiederholte sie sich, daß ihre Tochter glücklich sei; es fiel ihr unaufhörlich ein, es hätte doch noch beglückender für Jenny sein müssen, wenn Reinhard nicht ein junger Theologe, sondern ein Mann von Stande gewesen wäre. Daß er es nicht war, konnte sie ihm zwar nicht zur Last legen, es mußte ihn aber ihrer Meinung nach veranlassen, durch besondere Zuvorkommenheit, durch gänzliche Selbstverleugnung Jenny dafür zu entschädigen.

Mit ihrem Manne oder mit Eduard davon zu sprechen wagte sie nicht, weil sie überzeugt war, auf Tadel zu stoßen. Sie fühlte das Törichte dieser Ansicht, denn sie war eine verständige Frau; aber immer wieder trug die Verblendung und Eitelkeit der Mutterliebe den Sieg davon. Es war und blieb ihr unangenehm, daß man ihre Jenny nicht auch in dieser Beziehung beneidenswert fände, und sie beschloß, obgleich ihr das sonst niemals in den Sinn gekommen, durch einen verdoppelten Luxus in allem, was Jenny umgab, der Welt zu zeigen, daß ihre Tochter in der Lage sei, eine glänzende Heirat entbehren zu können.

Dadurch aber kam die arme Jenny von dem ersten Tage an in eine peinliche Lage. Während die Mutter unaufhörlich auf ein gewisses Schaustellen drang, verweigerte Reinhard dies entschieden, und die junge Braut mußte oft beschwichtigend und versöhnend auftreten, worin sie von der Pfarrerin glücklicherweise unterstützt wurde.

Schon an dem Tage, an dem das Brautpaar die üblichen Besuche machte, gab es kleine Mißhelligkeiten. Die Mutter hatte ein langes Register derjenigen Personen entworfen, denen die Verlobten sich vorstellen sollten, und ihrem Diener die größte Sorgfalt für die Equipage befohlen, als Reinhard erklärte, er begreife nicht, weshalb sie zu einer Menge gleichgültiger Leute fahren müßten, mit denen sie schwerlich in Berührung bleiben würden. Er hoffe, recht bald eine Stelle zu bekommen und die Stadt zu verlassen; seiner Meinung nach genüge es daher vollkommen, wenn sie die nächsten Verwandten und Freunde der Familie besuchten. Zu diesen könne er mit Jenny hingehen, wolle gleich heute damit anfangen und hoffe, seine Braut ebenso wohlbehalten heimzubringen, als ob sie gefahren wäre. Davon wollte jedoch die Mutter nichts wissen. Sie versicherte, kein Mensch habe jemals Verlobungsbesuche zu Fuß gemacht, und fügte hinzu: »Glauben Sie mir, lieber Reinhard, Jenny ist gar nicht imstande, so weite Wege zu gehen.«

»Ja, das ist freilich übel«, erwiderte Reinhard lächelnd; »aber wie soll das werden, wenn wir später keine Equipage haben werden? Da wird sie sich doch daran gewöhnen müssen!«

Jenny, die Reinhards Widerstreben sofort begriff, legte sich ausgleichend in das Mittel. Sie schlug vor, ein paar der Anstands-Besuche in dem Wagen ihrer Eltern, die andern aber zu Fuß zu machen, und alle Parteien waren für den Augenblick damit zufriedengestellt. Indes es sollte nicht das letzte Mal sein, daß Jennys Vermittlung nötig wurde.

Zu des Vaters Freude, der das Brautpaar in der Stille mit sorglicher Liebe beobachtete, entwickelte Jenny bei diesen Versuchen, Reinhards und der ihrigen Wünsche zu vereinen, eine ganz neue Seite ihres Charakters. Sich selbst vergessend, war sie unaufhörlich bemüht, sich den Ansichten der andern zu fügen, den leisesten Wünschen ihres Verlobten zuvorzukommen. Hatte ein geräuschvoll verlebter Abend ihn unbefriedigt gelassen, so erlangte sie am nächsten Morgen gewiß die Erlaubnis, den ganzen Tag bei der Pfarrerin zuzubringen, um ihm zu zeigen, daß ihr im traulichen Beisammensein mit ihm die reinste Freude erblühe. Dann war Reinhard glücklich; dann konnte er nicht aufhören, sich ihrer zu erfreuen, und es entzückte ihn, wenn sie sich seiner Mutter bereitwillig zu kleinen häuslichen Hilfsleistungen anbot, zu denen sich in ihrem elterlichen Hause, wo eine große Dienerschaft jedes Winkes harrte, die Gelegenheit nicht bot.

So sehr sie früher darauf gehalten hatte, auch in Kleinigkeiten ihren Willen zu haben, so fügsam wurde sie jetzt. Einzelne unbedachte Äußerungen ihrer Mutter ließen sie vermuten, daß ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein großes Opfer betrachteten, welches sie dem Glücke ihres Kindes gebracht hatten. Das bewog Jenny, den Ihren nachzugeben, soweit es irgend möglich, und machte andrerseits sie noch zärtlicher gegen Reinhard; denn es tat ihr leid um seinetwillen, daß er den Eltern nicht der erwünschteste Sohn unter allen Männern auf der Welt, wie ihr der geliebteste war. Mit jedem Tage, den sie bei seiner Mutter verlebte, wurde er ihr teurer und verehrungswürdiger. Sein reicher Geist, seine unbestechliche Gradheit zeigten sich in all ihrem Glanze, wenn er sich ohne Rückhalt gab. Oft, wenn er sich dann in süße Schwärmereien verlor, hörte sie mit einer Andacht, mit einer Erhebung zu, von der die Pfarrerin innig gerührt war. »So«, sagte sie einst zu ihrem Sohne, »mag Maria zu den Füßen des Herrn gesessen haben«, und Jenny bemerkte lächelnd: »Mehr als ich ihn liebe, liebte auch gewiß Maria den Herrn nicht.« Das vollkommenste Einverständnis herrschte unter den Liebenden, und selbst der Vater gewann Vertrauen für die Zukunft seiner Tochter.

Man war seit Jennys Verlobung daran gewöhnt, sie mehrere Tage der Woche der Pfarrerin zu überlassen. Damit nun den Eltern dieses Entbehren ihrer Tochter nicht zu empfindlich werde, hatte man Therese eingeladen, an jenen Tagen Jennys Stelle bei der Mutter zu ersetzen, und man kam schließlich überein, Therese für den Sommer, den die Familie auf ihrem Gute zuzubringen gewohnt war, als Hausgenossin mit hinauszunehmen. Auch die Pfarrerin wollte dann die Stadt verlassen, um einige Zeit bei einer Freundin zu verleben. Deshalb strebte man jetzt, je mehr der Winter sich zu Ende neigte, die letzte Zeit vor dieser kleinen allgemeinen Auswanderung noch recht mit Bewußtsein zu genießen. Durch Hughes und Clara war der engere Kreis der Hausfreunde im Laufe des Winters vergrößert worden, nachdem Clara, wenn auch nur schwer, die Erlaubnis erlangt hatte, Eduards Familie in Begleitung ihres Vetters öfters wiederzusehen.

Erfreut durch diese Erlaubnis, die ebensosehr Williams Liebe für Clara entsprach als seiner Freundschaft für die Familie Meier, warf William sich zum Protektor dieses neuen Verhältnisses auf. Er stellte der Kommerzienrätin vor, wie es gerade ihr, einer der vornehmsten Damen der Stadt, wohl anstände, ein Beispiel zeitgemäßer Bildung zu geben, indem sie allem Gerede zum Trotz Jenny und Clara, die einander sehr zusagten, auch ungestört miteinander umgehen lasse.

»Sie haben früher den Doktor Meier zu Ihrem Arzte gewählt, liebste Tante«, sagte er schmeichelnd, »und es sind viele Familien unserer beau monde Ihrem Beispiele nachgefolgt. Vor Ihrem klaren Verstande können jene Vorurteile, welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Konfessionen verursachten, nicht mehr Stich halten. Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie mir den größten Gefallen tun, sooft Sie die Cousine meiner Begleitung anvertrauen, und daß Clara sich vortrefflich in der Meierschen Familie unterhält, so darf ich hoffen, Sie heben für Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen völlige Freiheit für ihren Verkehr.«

Die Kommerzienrätin tat darauf, als ob Williams Gründe sie überredet hätten, und wenige Tage, nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden war, erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause der Kommerzienrätin, die aber nur Eduard annahm, weil Jenny sich nicht entschließen konnte, ohne den Bräutigam hinzugeben. Dem Vater war dies ganz gelegen, da er im Ernste meinte, was er nur scherzend aussprach, er sähe es gern, wenn Leute, die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzeigen glaubten, lieber über zuviel Zurückhaltung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten.

In jenen Tagen wurde nun Jennys Verlobung bekanntgemacht, und Clara gehörte zu denjenigen, welche am meisten davon überrascht wurden, sich am meisten darüber freuten. Sie saß im Zimmer ihrer Mutter, als am Neujahrsmorgen ein Diener das Meldungsbillet hereinbrachte. Die Kommerzienrätin geriet in die beste Laune, nun sie mit Zuversicht wußte, daß sie die einst gefürchtete Nebenbuhlerin für ihre Clara nicht mehr zu scheuen habe, und reichte das Billet, nachdem sie es gelesen, ihrer Tochter mit der Bemerkung hin: »Da sieht man deutlich, wie solchen Leuten selbst der Reichtum zu nichts hilft: ein Kandidat der Theologie! Für dich soll einmal eine andere Wahl getroffen werden!«

Clara antwortete keine Silbe, denn sie hatte in ihrer freudigen Überraschung gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehört. Sie hielt das Blatt in den Händen und las mit klopfendem Herzen immer wieder die Worte, welche ihr Jennys Verlobung mit Reinhard verkündeten. Das war ein Lichtstrahl von oben, der urplötzlich die Nacht ihres Kummers erhellte. Jetzt war alles gut, all ihr hoffnungsloses Leiden beendet, jeder Zweifel behoben. Wenn Jenny sich mit Reinhard verlobte, konnte auch der Liebe Eduards zu ihr kein Hindernis von seiner Seite im Wege stehen; und sie wünschte nur zu erfahren, durch welche Verhältnisse dieser glückliche Wechsel der Ansichten in der Meierschen Familie hervorgebracht worden war. Sie bestürmte Hughes mit Fragen, sie wollte wissen, ob der Doktor mit dieser Heirat einverstanden sei, ob die Eltern sie gern sähen; und die Versicherung ihres Cousins, daß alle sehr glücklich und erfreut darüber wären, reifte ihre Hoffnung zu beseligender Überzeugung, so daß sie freudestrahlend Eduard entgegenging, der im Laufe des Tages hinkam, ihnen zum neuen Jahre zu gratulieren.

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