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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Es würde vergebens sein, das Glück der Verlobten zu schildern. Fröhlicher, hingebender konnte kein Wesen gedacht werden als Jenny, und selbst der Vater söhnte sich mit dem Gedanken an diese Verbindung aus, als er die Tochter so voll Freude sah. Die engsten Bande umschlagen den kleinen Kreis. Die Pfarrerin und Jennys Mutter waren erfreut, nun für immer durch ihre Kinder zusammenzugehören, und sahen wohlgefällig auf das schöne Paar, das seines Glückes täglich bewußter zu werden schien. Josephs edler Sinn hätte es für ein Unrecht gehalten, durch das leiseste Zeichen von Bedauern, von Verstimmung die allgemeine Freude zu trüben, und als an dem Verlobungsmorgen Reinhard ihn allein fand und über ihr früheres Zusammentreffen an jenem Abend versöhnend zu sprechen begann, gab ihm Joseph die Hand und sagte: »Machen Sie Jenny so glücklich, daß ich nie den Vorzug bedauere, den sie Ihnen gegeben; dann ist weiter nichts darüber zu sagen.«

Eduard allein war wehmütig gestimmt. Das Glück, dessen Zeuge er war, rief die Sehnsucht nach gleicher Befriedigung in ihm hervor, und aufs neue begann der Kampf in ihm, den seit Monden seine Liebe und sein Gewissen führten. Am sonderbarsten aber erschien Therese in der allgemeinen Freude. Es kam ihr vor, als ob Jennys Glück allein ihr Werk sei; sie gab sich das Ansehen einer Beschützerin und tat so verständig und altklug, daß die andern nicht aufhören konnten, darüber zu lachen.

»Lacht nur immerfort«, sagte sie mit Stolz, »wäre ich euch an jenem unglücklichen Probeabend nicht zu Hilfe gekommen, ihr wäret noch Gott weiß wie weit vom Lachen!«

Und ganz unrecht hatte sie nicht; nur daß sie sich und ihrer Überlegung zuschrieb, was Eingebung des drängenden Momentes gewesen war, und daß sie es ganz in der Ordnung fand, wenn Reinhard und seine Braut sie scherzend den Schutzengel ihrer Liebe nannten.

Man war übereingekommen, da nur noch einige Tage bis zum Sylvester fehlten, an dem gewöhnlich ein Ball im Meierschen Hause zu sein pflegte, an diesem Abende das junge Paar als Verlobte vorzustellen. Niemand, so wünschte die Mutter, sollte vorher davon benachrichtigt werden. Man wollte die Bilder gleich am Anfange des Abends aufstellen, um nachher beim Beginn des neuen Jahres das Brautpaar als den Mittelpunkt des Festes zu feiern. Nach Reinhards Geschmack war das nun freilich nicht, und er sprach sich gegen Eduard darüber aus.

»Was kannst du dagegen haben?« fragte ihn dieser.

»Ich mag solch lautes Glück nicht. Liebe bedarf nicht des Trompetentusches; wahrhaft beglückt sie nur in der Stille, und solch ein Gepränge ist mir überhaupt zuwider.«

»Sei nicht wunderlich«, bedeutete ihm Eduard. »Bis zum Sylvesterabend hast du dein Glück fast eine Woche lang still genossen, und du mußt dann auch damit zufrieden sein, es auf die Weise bekannt machen zu lassen, die meinem Vater zusagt.«

»Was gibt es da bekanntzumachen?« sagte Reinhard verdrießlich. »Was kümmert es die Fremden? Und die Bekannten ahnen es wohl alle, seit sie mich täglich und zu allen Stunden in eurem Hause sehen. Du glaubst es nicht, wie solche prunkende Schaustellungen mir zuwider sind.«

»Prunkende Schaustellungen?« fragte Eduard; »die hat man meinen Eltern niemals vorgeworfen, und ich wüßte nicht, wie sie jetzt mit einem Male dazu kommen sollten.«

»Du meinst«, sagte Reinhard rasch, »die Verlobung mit einem Kandidaten der Theologie sei eben kein Ereignis, auf das man besonders stolz zu sein brauchte. Da hast du recht, und vielleicht bin ich so sehr gegen diese Ballparade, weil ich das selbst empfinde. Vielleicht wäre ich weniger dagegen, wenn ich mit Rang und Würden aufträte, so aber –«

In Eduards Seele war wirklich kein Gedanke der Art gekommen. Er empfand seines Schwagers Äußerung fast wie eine Beleidigung; doch hatte er sich von je gewöhnt, in diesem Punkte, in dem Reinhard von kranker Empfindlichkeit war, Nachsicht und Schonung gegen ihn zu üben. Er ließ ihn also nicht zu Ende sprechen. »Gönne uns doch die Freude zu zeigen, daß Jenny eine Wahl getroffen«, sagte er, »die uns lieber ist als alle Leute von Rang und Würden, die sie ausgeschlagen!«

Damit war die Sache abgetan; aber Eduard fühlte, daß seines Vaters Ansicht von Reinhard nicht unbegründet sei, und auch ihm wurde bange, ob der, den er mit vollstem Vertrauen seinen Freund nannte, sich zu Jennys Gatten eigne. Doch war das nur eine vorübergehende Idee, die bald verschwand, wenn er sah, wie Reinhards ganzes Wesen, seine stolze Kälte, seine schroffe Abgeschlossenheit vor einem Blicke Jennys sich in Liebe auflösten; wie er in einer andern Luft zu atmen, alles in anderm Licht zu sehen schien, wenn er sich in der Nähe seiner Braut befand.

Unter Vorbereitungen mancher Art kam der Sylvesterabend heran. Man hatte die Säle des Hauses mehr als gewöhnlich ausgeschmückt, und selbst die Freunde des Hauses ahnten heute irgend etwas Besonderes, obgleich Herr Meier immer Wohlgefallen daran hatte, sein Haus in einer gewissen Eleganz zu zeigen. Nach den ersten Tänzen wurde die Gesellschaft in das Treibhaus geführt, das für die Ausstellung der Tableaux eingerichtet war.

Man hatte als erstes Bild Bendemanns ›Trauernde Juden‹ gewählt, die in der letzten Ausstellung mit großem Beifall aufgenommen worden waren. Die breiten Türflügel, welche das Treibhaus von dem Saale trennten, waren zurückgeschlagen. Sie bildeten einen Rahmen, der die Bilder einschloß, und ein allgemeiner Ruf der Bewunderung wurde laut, als das Aufziehen des Vorhanges das Bild enthüllte, für das die herrlichen Tropengewächse des Treibhauses den Hintergrund gaben.

Steinheim, der den Greis darstellte, war durch seine kräftige Gestalt und sein ausdrucksvolles Gesicht, das durch den künstlichen Bart und die orientalische Kopfbedeckung an Bedeutung gewann, vortrefflich für seine Rolle geeignet. Eine junge Verwandte des Hauses, die seit einigen Jahren verheiratet und Mutter des Knaben war, dessen wir schon bei der Probe gedachten, stellte die junge Frau mit dem Kinde vor. Zu Steinheims Füßen ruhte, verhüllten Angesichts, Therese, und, die rechte Hand auf die Laute gelehnt, das schöne Haupt auf den andern Arm gestützt, saß Jenny an Steinheims Seite. Man konnte nichts Edleres, nichts Ergreifenderes sehen, als den Ausdruck hoffnungsloser Trauer in ihren jugendlichen Zügen.

Darüber war nur eine Stimme, daß diese Darstellung einen lebhafteren Eindruck mache als Bendemanns Bild selbst, während sonst fast immer dergleichen weit hinter dem Originale zurückbleibt. Man konnte nicht genug sehen und bewundern, und Erlau mußte endlich, trotz aller Bitten, den Vorhang herunterlassen, um die Mitwirkenden nicht zu sehr zu ermüden.

Kaum sah Reinhard seine Braut das Treibhaus verlassen, um ihr Kostüm auf ihrer Stube zu wechseln, als er ihr nacheilte. Er wünschte sie einen Augenblick allein zu sehen, was ihm bis dahin nicht gelungen war, da er versprochen hatte, durch keine auffallende Annäherung den Eltern die Freude der Überraschung zu verderben. Voll Liebe flog Jenny ihm entgegen; ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, und als er sie umfaßte, hob er die kleine anmutige Gestalt in die Höhe und ließ sie nur ungern zur Erde hinunter, als sie lachend ausrief. »Du weißt wohl, mein Himmel ist in deinen Armen, aber da heute auf Erden Sylvester und Ball bei uns ist, so werde ich doch nun zu den Erdensöhnen hinuntereilen müssen, also laß mich fort!« bat sie und wollte sich ihm entziehen.

Reinhard aber hinderte sie daran. »Laß mich noch einmal in deine Augen sehen«, bat er. »Oh!« rief er dann und küßte trunken Jennys lange Wimpern, »die süßen Augen sind ja licht und fröhlich – nun bin ich ruhig, nun geh', mein Lieb!«

Jenny fragte scherzend, was er denn in ihren Augen heute besonders zu finden geglaubt?

»Den Schmerz, den sie ausgedrückt, als du in dem Bilde gesessen«, sagte er. »Wenn ich dich jemals so traurig sehen müßte, wenn ich es sehen müßte und könnte den Schmerz aus deinen Zügen nicht verscheuchen, wie unglücklich würde ich dann sein!«

»Welch ein Gedanke! Wie kommst du nur darauf?« fragte Jenny ihn ängstlich.

»Weiß ich's?« antwortete er. »Dort im Saale, als sie in deiner Bewunderung kein Ende finden konnten, verdroß es mich, daß du auch für andere schön bist, daß ich den Genuß, dich anzustaunen, mit gleichgültigen Menschen teilen soll. Ich wünschte dich fort von hier, wo kein Auge dich sähe als meines; wie ich es damals wünschte, als du mich im Figaro erraten lassen, was ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Dann überfiel mich wieder der Gedanke, ob ich allein dir genügen, dir Ersatz für die ganze übrige Welt sein könnte, wie du mir! – Wenn ich dich einst weniger glücklich sehen müßte als in dieser Stunde, wenn du es je bereuen könntest, die meine geworden zu sein!« rief er und preßte sie so heftig an sich, daß sie davor erschrak und abwehrend bat, er möge sie lassen; er aber drückte sie nur fester an sich und sagte: »Sieh, daß ich dich so halten kann mit starkem Arm, daß du nun mein bist, meinem Willen angehörend – oh, schilt mich nicht roh, nicht ungroßmütig, daß du von mir, von meinem Wollen abhängst, das macht mich glücklich, ja das macht mich glücklich!« – Bei den Worten ließ er sie plötzlich los, küßte sanft und still ihre Stirne, streichelte ihr Haar und schickte sich an, sie zu verlassen. Da war es Jenny, die ihn zurückhielt und, indem sie ihre Hände in den seinen ruhen ließ, sank sie langsam vor ihm nieder und flüsterte in Liebe aufgelöst: »So bin ich dein, du Starker, so ganz dein! Mein Schicksal ist fortan in deiner Hand.« –

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