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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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»Der morgige Tag wird für das Seinige sorgen!«; mit den Worten verließ der alte Meier am Abend seine Frau und Jenny, die noch lange beisammenblieben und, der Vergangenheit gedenkend, tausend Entwürfe machten, wie es möglich zu machen sei, daß Mutter und Tochter nicht getrennt würden, was bei Reinhards Beruf leicht der Fall sein konnte. Denn daß der Vater seine Einwilligung geben würde, da Jenny ihm versichert, sie könne nicht glücklich sein, nicht leben ohne Reinhard, daran glaubten die Frauen nicht zweifeln zu dürfen.

Und doch war der alte Herr der Heirat lange nicht so geneigt, als die beiden glaubten; und die Morgenstunde fand ihn mit Eduard und Joseph, die er zu sich beschieden hatte, in ernster Beratung. Er teilte ihnen die Vorgänge des letzten Abends mit und fand zu seiner Verwunderung, daß man sie gewissermaßen erwartet hatte. Eduard bekannte, er habe seit längerer Zeit eine Neigung Jennys und Reinhards zueinander vermutet, habe aber absichtlich geschwiegen, weil dergleichen Verhältnisse wie eine Aeols-Harfe wären, die man bei der leisesten Berührung hell erklingen mache; und er habe andrerseits die Überzeugung gehegt, daß die Eltern keinen Grund irgendeiner Art haben könnten, dieser Neigung entgegenzusein, da ihnen allen Reinhard als einer der tüchtigsten Menschen bekannt sei.

»Was du da sagst, mein Sohn«, sprach der Vater, »ist größtenteils wahr. Ich finde es auch begreiflich, wie gerade dir« – Eduard wurde verwirrt – »eine Heirat aus Neigung so unerläßlich erscheint, daß alle andern Rücksichten davor schweigen. Anders aber urteilt man in meinen Jahren als in den euren.«

»Und doch«, wandte Eduard ein, »hast du, lieber Vater, bei der Wahl deiner Gattin nur dein Herz befragt.«

»Das glücklicherweise«, ergänzte der Vater, »nirgend gegen Bestehendes zu kämpfen hatte. Doch das gehört nicht hierher. In einer Stunde wie dieser müssen falsche Rücksichten nicht beachtet werden: ich sage es daher offen, wir alle wissen, daß Joseph Jenny liebt. Mir war das sehr wünschenswert, denn es war mein fester Wille, sie ihm zur Frau zu geben, und dich, Joseph, den ich wie einen Sohn liebe, wirklich zu meinem Sohne zu machen.«

»Ich weiß das, lieber Onkel! Aber Jenny hat keine Neigung für mich, und sie würde vielleicht mit mir, wie ich nun einmal bin, auch ohne Reinhards Dazwischentreten nicht glücklich geworden sein!« sagte Joseph, seine innere Bewegung mit Gelassenheit bekämpfend.

»Wollte Gott, ich könnte sie Reinhard mit solcher Zuversicht anvertrauen als dir«, entgegnete der Vater und drückte ihm die Hand.

Es entstand eine peinliche Pause. Eduard, der hier zwischen seinen besten Freunden entscheiden sollte, fühlte für beide lebhafte Teilnahme. Er gönnte Reinhard und Jenny ein Glück, das ihn seine Liebe in voller Größe erkennen ließ, und er empfand in Josephs Seele, was Entsagung zu bedeuten habe. Das Mißtrauen seines Vaters gegen Reinhard aber bewog ihn endlich, das Schweigen mit der Bemerkung zu unterbrechen, wie ihm, der Reinhard seit Jahren kenne, dessen Charakter ein sicherer Bürge für Jennys Zukunft sei.

»Da irrst du!« entgegnete der Vater. »Ich achte Reinhard und erkenne seine Vorzüge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Menschen sind mir bedenklich und taugen nicht für die Ehe. Weil er mit der höchsten Anstrengung und allem Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines Menschen, zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an andere die gleichen Ansprüche zu machen. So wie er das Leben, die Liebe auffaßt, sind sie nicht, und die Ehe, die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden Geschlechter, bleibt trotz der höchsten Liebe, die zwei treffliche Menschen verbindet, immerdar hinter dem zurück, was einem jungen Manne oder Weibe als Ideal vorschweben mag! Der Ruhige, der Besonnene findet sich darin und tröstet sich mit dem Guten, das sich ihm in der Ehe offenbart, über das, was nicht zu erreichen ist – das aber, fürchte ich, will und kann Reinhard nicht. Weil er Jenny liebt, erscheint sie ihm geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin zu werden, wie er sie sich träumt; er wird es deshalb auch verlangen, daß sie sein Ideal verwirklicht und, wie ich ihn beurteile, nur zu geneigt sein, ihr aus den Unvollkommenheiten des Menschen überhaupt einen persönlichen Fehler zu machen. Mit einem Worte, Reinhard hat eine Art Überspannung in seinen Gefühlen, die mich für Jennys Glück besorgt macht.«

Eduard konnte nicht leugnen, daß die Bemerkung seines Vaters Wahrheit enthalte, verteidigte den Freund aber lebhaft und meinte, sein Vater verfalle selber in den Fehler, den er an Reinhard rüge; er verlange, daß Reinhard vollkommen sein solle.

»Nein!« sagte der Vater, »aber daß ich es euch gerade heraus gestehe, mir ist eigentlich nichts genehm bei diesem Antrage. Jenny soll Christin werden, auch das steht mir nicht an.«

»Und doch wünscht sie eben das!« bemerkte Joseph.

»Nicht doch, mein Sohn! Sie wünscht nichts als Reinhards Frau zu werden; das Christentum ist ihr ein Mittel für den Zweck, das glaube mir. Und gerade auch das macht mich besorgt. Reinhard ist zu strenggläubig, um duldsam sein zu können, und Jenny hat zum Glauben viel zuviel Verstand.«

Eduard schüttelte den Kopf. »Wen das Weib liebt, dem glaubt sie!« sagte er. »Jeder Mann ist seiner Geliebten der Verkünder eines neuen Glaubens; Liebe ist die Offenbarung, in der das Weib den Geliebten als den gottgesandten Messias erblickt. Wenn Jenny wahrhaft liebt, wie ich gewiß bin, wird sie glauben, woran sie will! Sie wird glücklich machen und das ist genug, um auch glücklich zu sein.«

»Meinst du?« fragte der Vater – »Die Mutter ist nur zu sehr für den Plan eingenommen, ihr ist es lieb, daß Jenny Christin wird, sie schätzt die Pfarrerin und Reinhard hoch und gewiß, das tue ich auch. Nur will mich's trotz alledem bedünken, als ob Jenny und Reinhard nicht zusammengehören. Da nun Reinhard glücklicherweise noch keine Stelle hat, so will ich meine Einwilligung, wenn ich sie denn geben muß, nur unter der Bedingung gewähren, daß man die Verlobung geheim hält, bis Reinhard ein Amt erhalten haben wird.«

Dagegen machte Eduard Einwendungen. Auch Joseph meinte, daß eben dies Brautpaar nicht dazu geeignet wäre, in solch geheimgehaltenem Verhältnis Ruhe und Glück zu finden.

»Ich weiß aus Erfahrung«, sagte Joseph, »Reinhard ist eifersüchtig und Jennys Lebhaftigkeit allein kann dabei schon Anlaß zu tausend Mißhelligkeiten geben. Auch sehe ich nicht ab, lieber Onkel, was du eigentlich gegen die Bekanntmachung der Verlobung hast?«

»Was ich dagegen habe?« rief der alte Herr nun heftig aus. »Jenny ist eins der reichsten Mädchen der Stadt, sie ist schön, klug und kaum erwachsen. Mein Name, mein Haus ist der geachtetsten eines – solch Mädchen mußte mir dich oder einen andern Schwiegersohn bringen, der meinem Hause Ehre machte, dem ich die Firma übergeben, den ich den Leuten zeigen konnte. Ihr wißt, daß meiner Kinder Glück in erster Linie bei mir steht, aber ich bin nicht allein Vater, ich bin auch Kaufmann. Auch mein Haus ist ein Teil meines Ichs und es will mir nicht in den Sinn, daß meine einzige Tochter sich mit einem Studenten oder Kandidaten verlobe, von dem man gar nichts weiß, als daß er wegen Demagogie in Untersuchung gewesen ist. Und«, fügte er plötzlich weicher hinzu, »der vielleicht in seinem Stolze noch glaubt, ein Opfer zu bringen, mir eine Ehre zu erzeigen, indem er ein Judenmädchen, diese Perle von einem Mädchen, zum Weibe nimmt.«

Und wieder entstand eine Pause. Der Vater ging rasch im Zimmer umher, bis Eduard und Joseph das Thema nochmals aufnahmen, als er ruhiger zu werden schien. Sie erinnerten ihn an die vorteilhafte Meinung, die er selbst stets von Reinhard gehegt, sie warfen ihm vor, einer Art von Hochmut mehr Gehör zu geben als seinem Herzen. Joseph schilderte die Szene, die er einst mit Jenny erlebt, als er ihr abgeraten hatte, zum Christentume überzutreten; er versicherte, Jennys Hand nie annehmen zu wollen, wenn sie nicht zugleich ihr ungeteiltes Herz ihm geben könnte, und beide schlossen in der Überzeugung, daß Jenny nicht von Reinhard lassen, daß man eine so innige Neigung nicht ohne entschiedene Gründe trennen dürfe, und daß dem Vater daher nichts übrig bleibe, als seine Zustimmung zu geben.

»Das ist es eben, was mich so verdrießt!« sagte er, schon wieder freier geworden. »Ich habe keinen recht vernünftigen Grund, meine Einwilligung zu verweigern, und doch möcht' ich es gerne, wenn ich Jennys Zukunft recht bedenke. Zur Pfarrersfrau ist sie einmal nicht gemacht, und wir müssen darauf denken, für Reinhard eine andere Stellung zu gewinnen!« –

Als die Unterhandlungen so weit gediehen waren, nahmen sie eine leichtere, fast geschäftliche Richtung an. Man sprach davon, ob und wie man Reinhard bewegen könne, eine andere Karriere, etwa die akademische, zu erwählen. Eduard bezweifelte, daß sein Freund darein willigen werde. Joseph meinte, wenn Jenny ihn ernstlich darum bäte, müsse er es tun, da es im Grunde gleichviel sei, ob er selbst Pfarrer werde oder die jungen Leute zu Geistlichen nach seinem Sinne bilde; und der Vater sagte ziemlich diktatorisch: »Für das Opfer, das ich bringe, für das Mädchen, das er bekommt, habe ich das Recht, auch von seiner Seite auf Fügsamkeit zu rechnen; und – so sei es denn! Jenny wird Reinhards Frau!« schloß er lächelnd, aber mit einem tiefen Seufzer, der ein Echo in Josephs Herzen fand.

»Und nun, mein Freund«, sprach der alte Herr zu Joseph, »laß auch uns ins reine miteinander kommen. Ich hielt dich bisher in meinem Hause fest, weil ich hoffte, es dir als Jennys Mitgift einst zu übergeben. Der Plan zerfällt, und ich muß es deiner Neigung überlassen, ob und unter welchen Verhältnissen du künftig bei mir bleiben willst. Ich sehe dich ungern von uns scheiden, indessen...«

»Ich bleibe, Onkel!« rief Joseph mit einem Handschlag, den der Onkel und Eduard fest erwiderten, und die drei Männer wußten, wie sie aufeinander zählen konnten.

Dann beriet man noch, daß Joseph als Compagnon in das Geschäft seines Onkels eintreten solle. »Und wenn du«, sagte dieser, »dir einst eine Frau wählst und mir dadurch eine zweite Tochter bringst, so mag sich Herr Eduard seine eigene Wohnung suchen. Der Compagnon des alten Meier wohnt auch in dessen Hause.«

Man wollte scherzen, es kam ihnen aber nicht aus der Seele, und man ging nach dem Wohnzimmer, in der Hoffnung, die kleine Braut zu begrüßen.

*

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