Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

»Ich kenne fast nichts Reizenderes«, bemerkte Clara gegen Eduard auf dem Wege, »als ein Treibhaus wie das Ihrer Eltern in der Mitte des Winters. Diese Farbenpracht, der süße Duft erquicken doppelt zu einer Zeit, in der man beides nicht erwartet; abgesehen davon, daß ich schon darum Treibhäuser liebe, weil in der Sorge des Menschen für die Pflanzen etwas Zutraueneinflößendes liegt.«

»Das letztere, liebe Clara«, sagte Hughes, »kann doch nur da der Fall sein, wo nicht Prunksucht oder Spekulation an der Pflege der Blumen teilhaben.«

»Gewiß nur da«, antwortete sie. »Aber ich kann es nicht genug sagen, wie ich mich freue, wenn ich finde, daß auch andere die Blumen so lieb haben als ich. Blumen sind eine von den Freuden, die Gott uns allen bestimmt hat, und jene Blumenkästen, welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armut sehen, tun mir jedesmal sehr wohl.«

»Wohl?« fragte Eduard verwundert. »Mich machen sie fast immer traurig, und das ist ein Eindruck, der seit meiner ersten Kindheit sich gleichgeblieben ist. Ich sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genüssen, das Streben, sich ein kümmerliches Dasein zu verschönen, oder eine Entsagung, die mir wehe tut. Wo ich solche kleine Blumenkästen sehe, möchte ich von unserm Überflusse spenden – und gelegentlich hab' ich's getan!« fügte er halblaut hinzu.

»Aber die Leute haben an ihrem kleinen Besitz«, wandte Clara ein, »vielleicht oftmals ebensoviel Freude als mancher Reiche an dem größten Treibhaus, und mehr!«

»Glauben Sie denn, daß ich diese Treibhäuser und Treibhauspflanzen liebe?« fragte Eduard lebhaft. »Es liegt etwas Unnatürliches in der Farbenpracht und dem Duft dieser erkünstelten Vegetation, das mich ebenso unangenehm berührt als die Bewegung der freien Tiere des Waldes in den engen Käfigen einer Menagerie. Für mich ist alles Geschaffene nur schön an dem Ort, für den es geschaffen ward. Ich vermag es zu bewundern, wo ich es finde, aber es freut mich nicht, sobald man es von seinem Platze entfernt. Auf die Gefahr hin, Ihnen zu widersprechen, bekenne ich, mir erscheint die Zusammenstellung einer Masse von Pflanzen aus den verschiedensten Weltteilen, die alle nur ein krüppelhaftes Dasein führen, oft wie eine Verirrung des Geschmackes; und wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken gälte, möchte ich lieber auf alle tropischen Gewächse verzichten, als sie so kümmerlich gedeihen zu sehen. Ich sehe ihnen immer an, was sie sein könnten, wenn sie in ihrer Heimat und frei wären, und die armen, kranken Verbannten tun mir dann leid.«

Clara hörte ihm überrascht zu und blickte mit stillem Entzücken in ihr schönes Bouquet. »Ich habe die südlichen, schönen Gewächse dennoch lieb«, sagte sie, »und vielleicht ist es das Mitleid mit den Gefangenen, das mich so unwiderstehlich zu ihnen zieht«, fügte sie lächelnd hinzu.

»Wenigstens wäre das echt weiblich«, schaltete William ein, als sie das Hornsche Haus erreicht hatten und gemeinschaftlich das Zimmer der Kommerzienrätin betraten.

Clara war sehr heiter. Sie konnte der Mutter nicht genug von der Herrlichkeit der Treibhäuser erzählen, und sie war noch in der lebhaftesten Beschreibung, als die Kommerzienrätin abgerufen wurde.

»Mir tat es leid«, sagte Eduard, als Claras Mutter sich entfernt hatte, »mir tat es leid, daß Frau Steinheim unser Beisammensein störte. Sie meint es gut, aber man fühlt sich doch erleichtert, wenn man sie scheiden sieht.«

»Da Sie selbst das Thema berühren«, erwiderte Hughes, »so bekenne ich Ihnen, daß mir Herr Steinheim auch nicht eben zusagt und daß ich es nicht begreife, wie Sie diese ewigen Zitate ertragen können. Sein Witzeln, sein Spielen mit den Worten machen mich oft ungeduldig.«

»Ich teile Ihre Empfindung«, gab Eduard ihm zur Antwort, »aber Steinheims üble Angewohnheit ist halbwegs national. Es walten in den Juden noch die alten orientalischen Elemente vor; und noch heute hat z.B. der ungebildete Jude seine Lust an kleinen Erzählungen, wie der Orientale. Er liebt es, sich in Bildern und Gleichnissen auszudrücken, und mag gern das, was er zu sagen hat, mit einer jener Anekdoten begleiten, die oft schlagend genug sind und deren seine alten Bücher zu Tausenden enthalten. Solche alte Gleichnisse wird nun Steinheim nicht leicht zu benutzen wagen, aber von der Gewohnheit derselben kann er auch nicht loskommen, und die Zitate aus neuen und alten Werken müssen ihm als Aushilfe dienen.«

»Mir kam Herr Steinheim originell und geistreich vor«, sagte Clara, »und etwas Rasches, Bezeichnendes kann man dieser Art nicht absprechen. Dazu sieht er eigentlich sehr gut aus, und dennoch, wenn ich es offen sagen darf, verletzte mich etwas in seiner Erscheinung. Ich weiß nicht, soll ich es Selbstgenügsamkeit nennen, oder ein gewisses zutrauliches Wesen, das mir von einem Fremden auffiel.«

»Vermutlich beides«, meinte Eduard. »Ich komme leider Ihnen gegenüber immer wieder in die Lage, den Verteidiger der Juden zu machen.«

»Das haben Sie nicht nötig!« beteuerte ihm Clara. »Ich habe gewiß kein Vorurteil der Art gehabt; und wäre das selbst der Fall gewesen, so verdanke ich es Ihnen und William, dasselbe durchaus besiegt zu haben. Wie könnte ich daran noch denken, nachdem Sie mir die Freude gemacht, Ihre verehrten Eltern kennenzulernen, nachdem ich in Ihrer Familie eben solch glückliche Stunden verlebt habe.« Clara schwieg aus Besorgnis, zuviel gesagt zu haben, und auch Eduard saß sinnend eine Weile neben ihr und las in ihren Augen, was ihr Herz sprach und ihr Mund verschwieg; dann fuhr er fort: »Und doch würden Ihnen viele von den Freunden meiner Familie gar sehr mißfallen, obschon es gute, brave Menschen sind. Die Gewohnheit, sich immer nur in demselben Kreise zu bewegen, in welchem alle sich seit ihrer frühesten Kindheit mindestens dem Namen und den Verhältnissen nach kennen, gibt den Juden eine Art, sich gehenzulassen, die dem Fremden zudringlich und beleidigend erscheinen muß. Ich erfahre das selbst bisweilen. Meine Verhältnisse haben mich zum Teil diesem Kreise entfernt; ich sehe manche Personen oft kaum einmal im Jahre; und doch, treffen wir zusammen, so bin ich gezwungen, mir die kleinlichsten Familienereignisse mit unerträglicher Weitschweifigkeit berichten zu lassen. Ihnen bin und bleibe ich der Eduard Meier, der mit ihnen eingesegnet wurde, mit ihnen einmal dies und jenes gemeinsam hatte, und sie können nicht begreifen, daß mich das Tun und Treiben ihrer Onkel und Großonkel nicht ebenso interessiere als sie selbst.«

»Das ist aber der Fehler aller engen Kreise«, meinte Clara, die mit feinem Gefühl dem Geliebten jede unbequeme Erörterung ersparen wollte. »In unsern kleineren und größeren Zirkeln wiederholt sich, was Sie eben rügten. Das darf man nicht so strenge tadeln, denke ich.«

»Und doch tut das alle Welt bei den Juden!« rief Eduard; »bei ihnen, denen man nicht einmal die Möglichkeit läßt, aus ihrem engen Kreise herauszutreten, so gern sie es möchten. Ein Teil der gebildeten Juden kann sich dreist mit jedem andern Gebildeten messen, er würde, wie in Frankreich, sich längst der Masse der Nation angeschlossen haben, er würde auch in Deutschland längst nationalisiert sein, wenn ihn sein Äußeres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht auf den ersten Blick von den Deutschen unterschieden zeigten. Dies fremde Äußere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pöbel ausgehend, dem Judenhasse immer neue Nahrung, von dem wohl die wenigsten so frei sind, daß sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum ächtenden Vorwurf machten. Und man brauchte sie doch nur zu emanzipieren, um die Unebenheiten von ihrer Außenseite abzuschleifen. Freilich ist es gar bequem zu sagen: Die Juden haben einen häßlichen Dialekt, häßliche Manieren. – Woher das aber kommt, fragt niemand! – Daß es so ist, reicht ja hin, den Juden auszuschließen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man nicht.«

Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrübt, und selbst Hughes nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich und sagte: »Allerdings trifft die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalität nicht anzuerkennen, während sie sonst jeder fremden Eigentümlichkeit mehr als nötig nachsehen. Erwarten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die Gegenwart meines Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern. Das arme Mädchen sieht schon so betrübt aus, als ob es das Urteil verschuldet hätte, und ist so gut, daß es gewiß gern Hilfe und Änderung brächte.«

»Wenn ich das könnte«, rief Clara lebhaft, und Hughes glaubte eine Träne in ihrem Auge zu sehen, als Eduard sich bald darauf empfahl, nochmals für die Ehre dankend, die Clara ihm erzeugt, indem sie seine Einladung angenommen hatte.

»Ehre?« seufzte Clara, obgleich Eduard das Wort nur gefällig und achtlos gewählt,»Ehre? – Ach mein Gott!«

Auch William war der Schluß der Unterhaltung peinlich geworden. »Es ist schade«, sagte er, als jener sich entfernt hatte, »daß man mit Eduard so gar vorsichtig sein muß, weil man nur zu leicht die Saite seines Gemütes berührt, die ewig in Klagetönen erklingt, in Dissonanzen, für die es nun einmal noch keine Auflösung gibt. Oft tut es mir leid; aber man ist nicht immer dazu geneigt, über unabänderliche Verhältnisse zu sprechen und Teil an ihnen zu nehmen; man will nicht immer Mitleid haben.«

»Mitleid«, fiel Clara ein, stolz aus der Seele des Geliebten antwortend, »verlangt denn Eduard Mitleid? Er will sein Recht, das Recht, welches man seinem Volke und damit auch ihm selber vorenthält. Wer darf mehr verlangen, frei und den Besten gleichgestellt zu sein, als er? Und kannst du ihn tadeln, daß er in jedem Augenblicke das Unrecht fühlt, welches ihm geschieht? Daß er den Gedanken ausspricht, der zum Grundton seines Wesens geworden ist? Atmen und frei sein mit seinem Volke, das ist ihm gleichbedeutend; er kann und will nicht schweigen von dem, was allein ihm Wert hat. Jeder Mann von Ehre müßte so handeln; ich begreife das vollkommen.«

»So scheint es«, sagte William etwas spöttisch. »Es ist nur zu bedauern, daß die Juden nicht viele solch eifrige Verteidiger finden als meine schöne Cousine, die ich von ihren Betrachtungen über die Gleichstellung der Juden nicht länger abhalten will.«

Und verstimmt trennten sich die drei Menschen, die eben erst in schöner Freundschaft glückliche Stunden miteinander genossen hatten.

*

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.