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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Doktor kam aus dem Hornschen Hause. Man hatte dort von einem Treibhause gesprochen, in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüte ständen, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus von Eduards Vater für eines der reichsten und schönsten, die er jemals gesehen habe. Er erzählte von all den verschiedenen Kamelien, Azalien und Hyazinthen. Clara schien sich dafür lebhaft zu interessieren, und Eduard wagte endlich den Vorschlag, sie möge seinen Eltern die Freude machen, sich selbst durch den Augenschein davon zu überzeugen. Hughes fand die Idee vortrefflich; er war gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt dazu nach einigen Einwendungen die Erlaubnis seiner Tante.

Die Kommerzienrätin nämlich, die ihren Plan niemals aus dem Gesichte verlor, fingen Williams häufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an. Es bangte ihr vor der Möglichkeit, Jenny könne der Magnet sein, der ihn dort hinziehe, und sie wünschte lebhaft, die Verlobung Claras mit William, die ihr sehr am Herzen lag, so schnell als möglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr jede Veranlassung willkommen, die Clara und Hughes zusammenführte, besonders diese, bei welcher der junge Mann als Beschützer des Mädchens auftrat; und es war ihr lieb, wenn sich die Leute gewöhnten, das Paar als verlobt zu betrachten, weil nur zu häufig das Urteil der Welt uns erst zu Entschlüssen bestimmt, die wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel später fassen würden.

Eine größere Freude hätte die Kommerzienrätin aber weder ihrer Tochter noch Eduard bereiten können. Beide erglühten vor Lust, als ihre Blicke sich begegneten. Die Verabredung wurde für den nächsten Morgen getroffen, und Eduard eilte nach Hause, um seine Eltern davon in Kenntnis zu setzen.

Auch Reinhard war, als er sich von Joseph trennte, nach seiner Wohnung gegangen und so stürmisch in das friedliche Zimmer der Pfarrerin getreten, daß diese, Brille und Strickzeug beiseite legend, verwundert zu dem Sohne emporsah, denn sie war dergleichen Ausbrüche in ihrer Nähe, die er wie geheiligten Boden ehrte, nicht gewöhnt.

»Was ist geschehen, Gustav? Sprich, mein Sohn!« fragte sie endlich, als Reinhard, der offenbar keinen Anfang zu dieser Unterhaltung zu machen vermochte, sich schweigend neben sie auf das Sofa warf und tief aufatmend sein Gesicht in den Händen barg. »Was ist geschehen, um Gottes willen?« fragte die Mutter noch einmal, »so rede doch!«

Und des starken Mannes Lippen bebten, und aus beklommener Brust stieß er die Worte aus: »Ich liebe Jenny, und ich sah sie an ihres Vetters Brust!«

Auch die Pfarrerin fuhr zusammen. »Armer Sohn«, sprach sie, »also ist sie Josephs Braut? Und ich glaubte, sie teile deine Liebe, die ich lang schon kannte.«

»Sieh Mutter, das ist es! Auch ich habe an ihre Liebe geglaubt. Ich bete sie an, sie ist der Gedanke meiner Tage und der ewige Traum meiner Nächte gewesen, und nun!«

Die Mutter drang in ihn, ihr genau zu berichten, was vorgefallen sei. Reinhards Erzählung, von den leidenschaftlichsten Klagen unterbrochen, ließ sie einsehen, daß ihres Sohnes Eifersucht der Geliebten Unrecht getan haben möchte. Sie fragte ihn, ob er Jenny seine Liebe bekannt habe?

»Niemals!« antwortete er. »Ein mir sonst unbekanntes Bangen hielt mich davon zurück. Wenn ich es zu sagen vermöchte, wie ich Jenny liebe, das schöne, schöne Geschöpf, dessen Lehrer ich gewesen bin, dessen Geist ich gebildet habe, dessen Herz so warm, an dessen Seite zu leben das heißeste Verlangen meines Lebens ist! Aber in Jenny ist noch ein zweites, fremdes Wesen, das mich kalt zurückstößt, wenn mein Herz ihr offen und warm entgegenwallt. – Hast du Jenny gesehen, wenn sie den schalen Witzen des albernen Steinheim Beifall lächelt? Wenn sie mit Wonne die Huldigungen von alt und jung duldet und kein höheres Glück zu kennen scheint als die Pracht und den Luxus, die sie umgeben, keine andere Freude als allem Hohn zu sprechen, was es Großes und Heiliges gibt? Ich habe sie am Morgen Tränen der Rührung vergießen sehen über Empfindungen, die sie am Abend spottend verlachte; und oft, wenn ihr schönes Auge mich zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, verletzte mich im nächsten Augenblick ihr kaltes Wort so schwer, daß ich schon tausendmal entschlossen war, sie für immerdar zu fliehen. Und sie zu fliehen, sie nicht zu sehen, Mutter, von Jenny zu scheiden, vermag ich doch nicht mehr.« – Beide schwiegen, und die Pfarrerin weinte still.

»Neulich«, fuhr er nach einer Weile fort, »hörte sie von dem Unglück einer armen Familie sprechen; sie war sehr bewegt und doch so klug und ruhig in den Hilfsleistungen, die sie anbot. Sie war gerührt wie ein Weib und klar und verständig wie ein Mann. Hocherfreut betrachtete ich sie, wie sie geschäftig alles Nötige ordnete und aus Kisten und Schränken zusammentrug, was irgend der augenblicklichen Not zu steuern vermochte. Und nach einer Stunde, als vielleicht auf ihr junges Haupt der beste Segen des Himmels von den Armen erfleht wurde, hörte ich selbst aus ihrem Munde die Worte: ›Die Dürftigkeit ist nicht poetisch, ich habe nie an die glückliche Armut geglaubt, sie ist nur niederziehend, ist nur kläglich.‹ – Und ich sollte daran denken, sie in ein kleines Pfarrhaus einzuführen, das ihr niederziehend und kläglich scheinen könnte? – Nein! Niemals, niemals!«

Und wieder entstand eine lange und traurige Pause, bis die Pfarrerin endlich sagte, indem sie ihren Arm um ihren Sohn schlang: »Mein armer Sohn! Leider ist manches wahr in deinen Klagen. Aber bist du sicher, daß du Jenny nicht Unrecht tust mit deinem Urteil? Ihr Herz ist gut, sie liebt dich, und viele ihrer Fehler, die ich nicht verkenne, würden sich verlieren, wenn sie in der Ehe höhere und reinere Freuden kennenlernte als den Luxus ihres Vaterhauses.«

»Oh! Das ist es auch nicht«, rief Reinhard, innerlichst erfreut, sich widersprochen und die Geliebte gelobt zu sehen. »Das ist es nicht! Gönne ich ihr nicht die Perlenschnur in ihren schönen Locken? Freue ich mich nicht selbst, wenn der weiche Kaschmirshawl sich um die kleine, feine Gestalt legt und die Schultern blendend weiß daraus hervorschimmern? Sie ist geboren für diesen Schmuck! Aber sie kann ihn nicht entbehren; ich vermag ihn ihr nicht zu geben und würde doch erröten, mein Weib in einer Pracht zu sehen, die sie nicht mir allein verdankte, die ich nicht mit ihr teilen könnte, ohne von den Wohltaten eines Dritten zu leben. Und wenn Jenny in einem jener Anfälle rücksichtslosen Witzes jemals ein Wort sagte, das mich daran erinnerte, sie sei die Reiche mir gegenüber – gerade, weil ich sie liebe – bei Gott, ich glaube, ich könnte sie hassen!«

»Das wird Jenny nie«, begütigte die Pfarrerin, »und in der Beziehung würde ich sie ruhig an deiner Seite sehen. Was mir an ihr mißfällt, ist das jüdische Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigentümlich und fürchterlich, er hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn es mir in ihrem Vaterhause wohl war, wie es einem bei so braven, gebildeten Menschen wohl werden muß. Der Witz der Juden hat etwas von dem Stilett des Banditen, der aus dem Verborgenen hervorstürzt, den Wehrlosen um so sicherer damit zu treffen. Er ist die letzte Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen hat, die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach.«

»Mutter! Jennys Witz ist nicht so schlimm; er ist kindisch, schnell und treffend. Aber wenn ich, in törichter Eifersucht aufgeregt, hart über Jenny urteilte – vergiß es, liebe Mutter!« bat der Sohn, »denn ich habe Jenny Unrecht, sehr Unrecht getan. Ich selbst glaube nicht, was ich sagte; es war Leidenschaft, Zorn, was aus mir sprach, nicht meine Überzeugung, nicht mein Herz, das Jenny liebt – und, nicht wahr, auch du hast Jenny lieb?« fragte Reinhard, und die Pfarrerin schwankte, was sie beginnen sollte. Sie sah, daß ihr Sohn zu sehr an der Geliebten hing, um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein Wort des Tadels gegen sie ertragen zu können. Lieber wollte er seine Überzeugung, seine eigene Erfahrung in der Beziehung Lügen strafen als Jenny tadeln hören, die er gerade jetzt, wo die Eifersucht ihm die Gefahr, sie zu verlieren, vorspiegelte, um so leidenschaftlicher liebte. Doch siegte die Pflicht, ihren Sohn an Jennys Eigentümlichkeit zu mahnen, in ihr über die Scheu, ihm augenblicklich wehzutun.

»Ich habe Jenny sehr lieb«, sagte sie, »und die kindliche Freundlichkeit, die Hingebung, die sie mir immer zeigt, verdienen meinen wärmsten Dank. Klug, schön und gut, wie sie ist, darf jede Mutter stolz auf eine solche Tochter sein.« – Reinhards Gesicht leuchtete vor Freude, und ein feuriger Händedruck lohnte seiner Mutter diese Anerkennung. »Doch«, fuhr die Pfarrerin fort, »täusche dich nicht, mein Sohn! Jenny hat Fehler, für die sie nicht verantwortlich ist, weil sie gewissermaßen national sind, und weil die Mehrzahl der Jüdinnen sie mehr oder weniger mit ihr teilen. Die Lebhaftigkeit, die Rührigkeit der Juden wird bei der großen Masse zur unerträglichen Manier. Ihr Sprechen, ihre Gebärden sind karikiert. Davon ist der Gebildete bis zu einem gewissen Grade frei, die unruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervorstechender Zug der Juden. Sie mag vortreffliche Geschäftsmänner hervorbringen, der Weiblichkeit aber tritt sie zu nahe. Jenny belebt eine ganze Gesellschaft; sie ist täglich neu; man hat Freude an der Unterhaltung mit ihr, nur Ruhe findet man nicht bei ihr. Sie hat Mut und Geist; sie bewegt sich frei und keck; und doch muß ich, wie zur Erholung, auf Therese sehen, die in ihrer Bescheidenheit neben Jenny einen gar wohltuenden Eindruck auf mich macht.«

»Therese ist kälter; hat nicht so viel Geist«, wandte Reinhard ein, »und was du von den Jüdinnen sagst, trifft auch nicht immer zu. Ist Jennys Mutter nicht die liebenswürdigste, vortrefflichste Frau? Und diese beständige Lebhaftigkeit, die du tadelst, wieviel Freude muß sie dem Manne gewähren! Jennys Geist...«

»Das ist es, was ich fürchte!« sagte die Pfarrerin. »Jennys Geist ist unerbittlich klar; er läßt sich nie von ihrem Herzen täuschen. Das ist es, was mich besorgt macht. Diesen geistreichen Mädchen aus den jüdischen Familien, die gleich Jenny erzogen werden, fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange: mehr unterrichtet als die Frauen ihrer nächsten Umgebung, überschätzen sie sich zu leicht; das Beisammensein mit Mädchen, die Sorge für die täglichen Bedürfnisse des Hauses hört auf, ihnen Freude zu machen; sie ziehen die Unterhaltung der Männer vor, welche mit Vergnügen solch einen kleinen Überläufer empfangen. Im Kreise der Männer machen ihr Geist und ihre Aufklärung rasche Fortschritte; die neuen Begriffe, der große Maßstab der Männer werden an alles gelegt; das Mädchen schämt sich der engen Verhältnisse, die ihm bis dahin genügten; eilig werden die alten Vorurteile niedergerissen, die beschränkten Ansichten verworfen; das Haus, in dessen friedlichen alten Mauern das junge Mädchen heimisch ist und am liebenswürdigsten erscheint, wird zerstört und ein neuer, spiegelblanker Palast errichtet. Durch die großen Scheiben dringt strahlend hell das Sonnenlicht und glänzt von den glatten Marmorwänden wieder. Alles ist Licht! Kein Halbdunkel, kein düsterer Schatten; aber auch kein stiller Raum, um dem Schöpfer einen Altar zu bauen, kein trauliches Plätzchen für schüchterne Liebe.« – Sie hielt inne, ergriff des Sohnes Hand und sagte mit Bewegung: »Ich habe dir, als du noch auf meinen Knien spieltest, oft in Märchen und Bildern die Wahrheit mitzuteilen versucht, die ich deinem Herzen einprägen wollte; die alte Gewohnheit ist mir geblieben, wie du siehst. Jenny, von den Ihrigen im Zweifel erzogen, ist ein weiblicher Freigeist geworden. Wird sie, die Glaubenslose, dich dauernd glücklich machen können?«

Reinhard sah brütend vor sich nieder, ohne zu antworten; auch seine Mutter verlor sich in Gedanken. So saßen sie eine Weile still beisammen. »Bei den Männern«, hub die Mutter dann aufs neue an, ihrer Gedankenreihe Ausdruck gebend, »bei den Männern, bei Jennys Vater, bei Eduard, fällt der Unglaube nicht so störend auf, weil philosophische Erkenntnis ihnen eine feste Überzeugung gegeben hat. Aber Madame Meier selbst bedauert die Richtung, welche ihre Tochter genommen hat, denn die Mutter ist ein frommes, echt weibliches Gemüt, und sage mir ehrlich, mein Sohn! Glaubst du, Jenny werde jemals von Herzen Christin sein? Wenn du nun dastehst und mit inniger Erhebung deiner Gemeinde das Abendmahl erteilst im Namen unsers Heilandes, der für uns gestorben ist, wird dein Herz nicht bluten bei dem Gedanken, daß deine Frau, dein anderes Ich, der heiligen Handlung kalt und zweifelnd zusieht und innerlich dich und die Gemeinde bemitleidet, die Erbauung findet, wo sie ein leeres Formenwesen sieht? Hast du dir Jenny als die Mutter deiner Töchter gedacht? – Sie könnte einem Manne unter anderen Umständen gewiß viel, sehr viel sein, aber keinem Christen, keinem Geistlichen, der aus innerer Überzeugung seinen Beruf heilig hält.«

»Nein!« rief Reinhard plötzlich aus, »nein! Du irrst dich, Mutter! Es wird anders werden, anders sein! Das Licht göttlicher Wahrheit wird auch Jennys Geist leuchten, sie wird einsehen und fühlen, daß im Christentum der Quell ewiger Seligkeit rein und lauter strömt. Ein starker Glaube, wie meiner, muß sie davon überzeugen, und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin? Alles, was du an ihr tadelst, liebe Mutter, wird schwinden; du hast es selbst vorhin gesagt, wenn ihr Gemüt die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen haben wird, wenn eine edlere Freude, eine selige Ruhe sie beleben werden. Denke dir, welch ein Glück, die Seele seiner Frau gebildet zu haben, sie gewonnen zu haben für die Wahrheit! Und werde ich ihr nicht Schätze bieten, edler und unschätzbarer als ihre Reichtümer, die mich ängstigten? Morgen noch sage ich ihr, daß ich sie liebe, und ich hoffe, dir morgen eine Tochter zuzuführen, die würdig ist, einen Platz an deinem Herzen zu finden! O teure Mutter! Glaube mir! Wir werden sehr glücklich sein. Ich allein weiß, welch eine Welt von Liebe, von Großmut in Jenny lebt, ihre Seele entspricht dem holden, süßen Antlitz – und beides mein! Jenny ganz mein, mein Eigen! Es ist fast zuviel Glück!« sagte er lächelnd und fing an, der Pfarrerin ein Bild ihres künftigen Lebens in ländlicher Stille zu entwerfen, das der armen Frau Tränen entlockte, eben weil sie ihrem Sohne ein solches Los wünschte und doch zweifelte, ob es jemals Jenny zusagen würde. Nur mit Überwindung wagte sie, ihrem Sohne den Vorschlag zu machen, noch ein paar Tage mit seiner Werbung zu zögern, nochmals reiflich zu überlegen – denn zu harren, bis er eine Anstellung gefunden, dazu war er nicht zu überreden.

Die Warnungen seiner Mutter, ihre Mißbilligung hatten nur dazu gedient, ihn an Jennys Vorzüge zu erinnern, und widerstrebend versprach er, das Meiersche Haus ein paar Tage zu meiden und Jenny nicht zu sehen.

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