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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein Jeder hat es gewiß erfahren, wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich allmählich eine Epoche vorbereitet, in der unvorhergesehene Ereignisse eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse hervorrufen. Es ist, als ob ein jeder sich mit einem Male bewußt geworden sei, was er wolle und müsse; und wo noch vor kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren, steht schnell emporgewachsen eine reife Ernte da. Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien, wie in der Natur bei der Ernte, heiße, schwere Tage voraus, in denen die Luft drückend und unheilschwer über uns liegt und sich in gewaltsamen Gewitterstürmen abkühlt. Wir fühlen den herannahenden Orkan, eine Unruhe überfällt uns, wir zagen vor dem entscheidenden Momente und sehnen ihn doch ungeduldig herbei, um in der erfrischten Atmosphäre frisch und frei aufatmen zu können.

Ein solcher Zeitpunkt war für den Kreis von Menschen herangerückt, in dessen Mitte diese Erzählung uns führt. Jeder der Beteiligten fühlte, daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse, und keiner hatte den Mut, ihn zu tun. Eduard hielt es sich als eine Notwendigkeit vor, Clara zu verlassen, ehe das Scheiden ihm und ihr noch schwerer werde, und konnte es doch nicht über sich gewinnen, ihre Behandlung fremden Händen zu übergeben, die leicht weniger geschickt und sorgsam sein konnten als die seinen. Wenigstens täuschte er sich über seine Unentschlossenheit mit dieser scheinbaren Pflichterfüllung. Jenny begriff es nicht in liebender Ungeduld, warum Reinhard zögere, ihr ein Geständnis zu machen, dessen es kaum noch bedurfte, während dieser selbst ernst mit sich zu Rate ging und, je mehr er sich und Jenny prüfte, um so ängstlicher über den Erfolg einer Verbindung mit der Geliebten wurde.

In dieser peinlichen Unruhe vergingen einige Wochen. Claras Genesung war so weit vorgeschritten, daß Eduard nur noch bisweilen ihr väterliches Haus besuchte, um sich nach dem Zustande seiner Kranken zu erkundigen und vor allem, um sie zu sehen, um mit ihr über alles zu sprechen, was seine Seele in Anspruch nahm. Vor ihr hatte er sich angewöhnt, alle Regungen seines Herzens, alle Gedanken seines Geistes zu enthüllen. Er hatte sie eingeweiht in das Glück und in das Leid, das er um seiner Abstammung willen erduldet, und während er sich die Genugtuung gönnte, der Geliebten von sich und seinem früheren Leben zu erzählen, hatte er gehofft, es Clara dadurch zugleich deutlich zu machen, wie sie getrennt wären durch das Vorurteil der Menschen, und wie er niemals daran denken könne, sie sein Weib zu nennen. Anders aber, als er es berechnet hatte, wirkten diese Schilderungen auf das liebende Herz des Mädchens. Sie wünschte und fühlte in sich die Macht, ihn zu entschädigen für alles, was fremde Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte; sie wollte ihm zeigen, daß sie wenigstens die Vorurteile der Menge nicht teile. Darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten ihm gegenüber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz dessen findet, dem sie gelten. Sie war tief ergriffen von seiner ihr bisher fremden und doch so freien Weltanschauung; die Wahrheit seiner Worte prägte sich ihr so deutlich und unbestreitbar ein, daß auch in dieser Beziehung der Geliebte ihr zum Ideal wurde. Ein Tag, an dem sie ihn nicht gesehen, nicht gehört hatte, was er treibe, was ihn beschäftige, schien ihr ein verlorener zu sein; und als nun Eduard endlich seine letzte ärztliche Visite machte, als Clara mit Tränen in den Augen vor ihm stand, mit Tränen, die, wie ihre Mutter meinte, einer übertriebenen Dankbarkeit flossen, fand sie endlich so viel Mut in sich, leise die Hoffnung auszusprechen, der hilfreiche Arzt, dem sie zu Dank verpflichtet sei, werde auch künftig sich dem Hause ihrer Eltern nicht ganz entziehen. Die Kommerzienrätin konnte es also füglich auch nicht wohl vermeiden, eine ähnliche Einladung an ihn ergehen zu lassen, und trotz aller gefaßten Entschlüsse, trotz seiner Grundsätze, freute sich Eduard dieses mit Widerstreben getanen Vorschlags. Aber wer will ihn der Schwäche zeihen, der selbst geliebt hat? Erinnert euch, wie eure Vorsätze zugrunde gingen, wenn in der Trennungsstunde die Geliebte bittend vor euch stand! Fragt euch, ob die Sehnsucht nach der Gegenwart der Geliebten nicht stärker war als jeder Entschluß, den die Vernunft euch vorgezeichnet hatte!

Nachdem Eduard eine förmliche Einladung zu einem Mittagsbrot im Hause der Kommerzienrätin erhalten hatte, bei dem er mit vielen der angesehensten Männer der Stadt zusammengekommen war, die ihn kannten und hochschätzten, nachdem die stolze Wirtin es einmal über sich gewonnen hatte, einen Juden als Gast an ihrer Tafel zu dulden, fand es Clara nicht schwer, eine zweite Einladung für ihn zu erwirken, besonders da Ferdinand, nach heftigen Zerwürfnissen mit seinem Vater, seine sogenannte große Tour angetreten hatte und so lange in London in dem Hause seines Onkels bleiben sollte, als William auf dem Kontinent verweilen würde. Statt also in ihren Absichten durch Ferdinand behindert zu werden, fand sie dieselben durch das Zureden ihres Vetters wesentlich gefördert; und ihre Eltern ließen sich bereitfinden, den Wünschen ihrer Tochter und Williams nachzugeben, da nach Claras Herstellung das Heiratsprojekt für diese wieder aufgenommen wurde, und die Kommerzienrätin aufs neue die zärtliche, nachgebende Mutter spielte, um desto leichter das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Dazu kam, daß der bisherige alte Hausarzt der Hornschen Familie gerade jetzt, nachdem er sein Jubiläum feierlich begangen hatte, seine Praxis niederlegte und der Kommerzienrätin selbst den Vorschlag machte, Eduard zu ihrem Arzte zu erwählen, wodurch er gewissermaßen von Rechts wegen in die Zahl der Hausfreunde mit aufgenommen wurde. Seine fleißigen Besuche schrieb Madame Horn der Ehre zu, die ihm durch seine Wahl widerfahren sei und die er zu schätzen wisse; und daß Claras Interesse für den Doktor andere Motive als Erkenntlichkeit haben könne, war ein Gedanke, der ihr niemals einfiel, weil sie die Liebe ihrer Tochter zu einem Juden für eine Naturverirrung angesehen haben würde, die sie einem Mädchen aus ihrer Familie unmöglich zutrauen konnte.

Das Jahr näherte sich seinem Ende, als Eduard fast ein täglicher und selbst von den Eltern gern gesehener Gast des Hornschen Hauses geworden war. Der Kommerzienrat, der durch seine Geschäfte fortwährend mit den jüdischen Bankiers in Berührung kam und den alten Meier persönlich achtete, war natürlich weniger hartnäckig in seinem Widerwillen gegen die Juden; und Eduard hatte, schon während er Clara behandelte, sich das volle Zutrauen ihres Vaters gewonnen. Hughes schloß sich immer mehr Eduard an, und diesem war das um so lieber, als er durch ihn in fortwährender Berührung mit Clara blieb, deren unzertrennlicher Begleiter der Cousin seit Ferdinands Abwesenheit geworden war.

Für Clara begann nun eine Zeit der reinsten Freude. Eduard überließ sich mit jugendlicher Lebendigkeit der Wonne, die ihm das Beisammensein mit der Geliebten gewährte, ohne an die Zukunft zu denken, weil die Gegenwart ihn hinnahm. Hughes, dem Clara mit der schwesterlichsten Traulichkeit begegnete, gerade weil ihr Herz mit Eduard allein beschäftigt war, Hughes fühlte eine wachsende Neigung für sie, der er sich sorglos hingab, da er wußte, daß sie die Wünsche beider Familien für sich habe. Er gehörte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem Gefühle doch keiner Leidenschaft fähig sind. Er gewann Clara lieb, er liebte sie sogar innig, aber das störte ihn weder in den Beschäftigungen und Zerstreuungen des Tages, noch raubte es ihm eine Stunde des Schlummers während der Nacht. Unermüdlich aufmerksam auf alles, was Clara erfreuen konnte, stets besorgt, ihr Unangenehmes zu ersparen, war er ganz zufrieden mit dem Wohlwollen, das sie ihm bewies, und des Doktors Einfluß auf seine Cousine beunruhigte ihn nicht, da er mit offenem Vertrauen an beiden hing. Eduard hinwiederum entgingen die Gefühle nicht, die William für Clara hegte, aber so fest glaubte er an ihres Herzens Wahrhaftigkeit, daß nie ein Gedanke von Eifersucht in ihm rege wurde. Wenn dann aber plötzlich die Frage in ihm hervortrat, was die Zukunft ihm bringen werde, was das Ende von allen diesen Verhältnissen sein könne, dann zog sich eine düstre Wolke auf seiner Stirn zusammen. Er sagte sich, daß er schlecht, daß er unredlich handele, er rief sich zurück, wie fest der Entschluß, Clara zu meiden, einst in ihm gewesen sei, und fand nicht Frieden, nicht Ruhe, bis er in Claras Nähe alles wieder vergaß, außer seiner Liebe für sie.

Da er den ganzen Tag beschäftigt und abends häufig im Hornschen Hause war, anderer Einladungen nicht zu gedenken, an denen es dem beliebten Arzt nicht fehlte, mußte er natürlich in seinem elterlichen Hause seltener werden, obgleich er das Mittagsmahl regelmäßig mit den Seinen einnahm und oft ängstlich nach Muße strebte, um sie den Eltern zu widmen.

Die nächste Folge davon war, daß Jenny aus Mißmut, wie sie sagte, sich an Joseph zu gewöhnen begann und Zutrauen zu ihm faßte. Denn Reinhard hielt sich in scheuer Entfernung, er mißtraute sich und der Geliebten. Eduard war, um Jennys Worte zu brauchen, der Fahne untreu geworden und auf dem Punkte zu desertieren. Erlau malte die Giovanolla und folgte ihr von früh bis spät. Steinheim endlich hatte zum zehnten Mal eine jener literarischen Arbeiten vorgenommen, deren er immer ein halbes Dutzend unter den Händen hatte, die ihn ein paar Wochen lang beschäftigten und ihm unsterblichen Ruhm verschaffen sollten, die aber niemals fertig wurden, weil er weder Ruhe noch Fleiß genug dazu besaß, und somit war die Meiersche Familie jetzt mehr allein, als es sonst der Fall zu sein pflegte.

Dieser Zustand wurde der lebhaften Jenny unerträglich. Gepeinigt durch Reinhards Benehmen, das sie sich nicht zu deuten vermochte, gelangweilt durch die ungewohnte Einsamkeit und Stille des Hauses, tauchte plötzlich in ihr der Entschluß auf, Reinhards Zweifeln, die ihrer Meinung nach nur aus dem verschiedenen Glauben entspringen konnten, ein Ende zu machen und zugleich dem Geliebten einen überzeugenden Beweis ihrer Liebe zu geben , indem sie sich von der Religion ihrer Väter, ihrer Eltern trennte und zum Christentum überträte, dessen Lehren ihr durch Reinhard lieb geworden waren.

Dieser Vorsatz, einmal gefaßt, kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Therese, der sie ihn zuerst als das tiefste Geheimnis mitteilte, ohne jedoch die wahren Motive anzugeben, zerfloß in Tränen der Freude bei dem Gedanken, daß ihr Jenny künftig auch durch den gleichen Glauben angehören wolle. Sie malte sich mit rührender Inbrunst den Segen, der Jenny in dem Besuch der Kirche, in dem Genusse des heiligen Abendmahls zuteil werden müsse, sie schilderte ihr die Ruhe, den Himmelsfrieden, den sie nach demselben empfunden, und Jenny, deren ganze Seele gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war, fühlte sich dadurch in ihrer Ansicht bestärkt und fing an, auch die Eltern allmählich auf ihre Wünsche vorzubereiten. Diese nahmen es anfänglich leicht. Sie hielten es für eine jener enthusiastischen Aufwallungen, die sie an ihrer Tochter gewohnt waren und mit denen sie sich ebensogut für das Christentum und die Begründung eines neuen jüdischen Reiches begeistern konnte. Nur Joseph faßte es anders auf. Er kannte die geheimen Triebfedern, die hier im Spiele waren, und ein doppeltes Interesse flößte ihm den Wunsch ein, die Ausführung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu verhindern.

Eines Tages, als man vom Mittagstische aufgestanden war, Eduard sich entfernt und die Eltern eine kleine Spazierfahrt unternommen hatten, die Jenny mitzumachen abgelehnt, blieb sie mit Joseph allein in dem Eßzimmer zurück, und das Gespräch wandte sich bald auf das Christentum und Jennys beabsichtigten Übertritt, da Joseph sowohl als Jenny gleich lebhaft bei dem Thema beteiligt waren.

»Was ist es denn eigentlich«, fragte Joseph, »was dich so urplötzlich zu dem Entschlusse gebracht hat?«

»Urplötzlich kannst du ihn nicht nennen«, antwortete sie. »Ich habe bis jetzt überhaupt nicht über mich selbst nachgedacht; ich habe wie ein Kind in den Tag hineingelebt. Nun ich älter werde und ernster über mich nachdenke, fühle ich, daß die Halbheit, in der ich erzogen bin, mich nicht befriedigt, daß ich nicht glücklich bin, und ich will es ändern.«

Joseph lächelte unwillkürlich. »Und du hoffst, das Christentum werde dich glücklicher machen? Täusche dich doch nicht! Der Glaube, der Friede, der nicht in uns ist, den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz, den kann dir weder Christus noch Moses geben.«

»Das kannst du nicht wissen, weil du selbst nicht Christ bist!« erwiderte sie.

»Und woher weißt du es denn?«

»Durch Therese, durch Reinhard. Oh, wenn du wüßtest, wie selig Therese nach dem Genusse des Abendmahls war, wie fest Reinhard daran glaubt, daß selbst Leiden, die Gott uns auferlegt, zu unserm Heile dienen, wie sicher er darauf rechnet, nach dem Tode mit seinen geliebten Verstorbenen wiedervereinigt zu werden! Joseph, glaube mir, mit der Überzeugung muß man glücklich sein!«

Joseph schwieg eine Weile, denn Jennys Worte, aus denen ihre angebotene Lebhaftigkeit mit der Liebe für Reinhard zugleich hervortönte, machten einen schmerzlichen Eindruck auf ihn. Er beneidete Reinhard, daß er Jennys Liebe gewonnen, und war einen Augenblick nahe daran, ganz von dieser Unterhaltung abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen, das für ihn, wie er fühlte, hoffnungslos verloren sei. Indes war Jenny ihm zu teuer, als daß er sie ohne Besorgnis auf einem Pfade sehen konnte, dessen Ziel ihm für ihre Ruhe durchaus gefährlich schien, und er hielt es für recht und nötig, bei einem so wichtigen Schritte, an dessen Ausführung er, wie er die Verhältnisse kannte, nicht mehr zweifelte, die Stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen.

»Verkenne mich nicht«, sagte er, »wenn ich an der Möglichkeit deiner ernstlichen Bekehrung zweifle. Du sagst mir, mit Theresens und Reinhards Überzeugung müsse man glücklich sein. Hast du diese Überzeugung?«

»Nein«, antwortete Jenny.

»Aber du glaubst auch, daß Gott über uns lebt, daß er unser Schicksal lenkt, daß uns nichts begegnen könne ohne seinen Willen, daß er anweise und abgütig ist, daß er uns liebt?«

»Gewiß, das glaube ich.«

»Du glaubst, daß wir eine unsterbliche Seele haben? Denn das scheint eine von den Überzeugungen zu sein, die du am tröstlichsten findest.«

»Joseph«, fiel Jenny rasch ein, »sieh! Wenn ich an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben vermöchte, wenn mir das bewiesen werden könnte, so daß ich es einsehen, es begreifen könnte, dann wäre ich schon glücklich. Es ist so furchtbar, dasjenige auf das bloße Wort eines andern glauben zu müssen, was uns zur unwandelbaren, felsenfesten Überzeugung werden muß, wenn wir nicht beständig in Todesangst erzittern sollen bei dem Gedanken, daß einer unserer Lieben uns entrissen werden könne. Aber bewiesen muß es mir werden, daß ich es erfassen kann mit der Vernunft. Daß ihr mir sagt: Glaube, wir sind unsterblich, das genügt mir nicht, das vermag ich nicht.«

»Du vermagst nicht zu glauben und willst Christin werden? Zu einer Religion übertreten, die, ganz auf Offenbarungen fußend, voll von Mysterien, nur durch den Glauben besteht, in allem, was nicht Moral oder Philosophie ist? Was ist dir der Sohn Gottes, der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben? Wie kann dich die Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben, wenn du nicht zu glauben vermagst? Oder meinst du, man könne dir die Gegenwart Christi im Sakramente beweisen? Es gäbe eine Erklärung für die Kindschaft Jesu? Kannst du den Heiligen Geist, die Dreieinigkeit begreifen? Man wird dir ein Bild dafür geben, aber wer gibt dir die Fähigkeit zu glauben, dieses Bild sei die Wahrheit?«

»O Gott! Nicht weiter«, rief Jenny weinend aus, »nicht weiter, Joseph! Mache mich nicht haltlos.«

»Doch, mein Kind! Denn wie mein Kind oder wie meine Schwester liebe ich dich«, sagte Joseph mit bebender Stimme, sich selber überwindend, »doch! Du mußt mit dir selbst einig werden. Du weißt, das viele Sprechen ist nicht meine Sache, um dich aber aufzuklären über dich selbst, müssen wir aufrichtig miteinander sein. Den Glauben an Gott, die Lehren, recht zu tun und dem Nächsten zu dienen, enthält das alte Testament, und du findest sie veredelt und einer höhern geistigen Entwicklung entsprechend im neuen Testamente wieder; und Mahomet und Zoroaster lehrten sie, denn sie sind begründet in der Seele, die uns Gott gegeben. Darüber hinaus ist alles Menschensatzung. Und du, großgezogen in den Vorstellungen des jetzigen Judentumes, wirst nie aufhören, an alles den Maßstab der Vernunft anzulegen. Du hast gesehen, daß deine Familie gut und brav den Gesetzen der Moral gefolgt ist und doch die Gesetze, die das Judentum charakterisieren, als bloßes Zeremoniengesetz verwirft. Du bist erzogen in der Schule des Gedankens, wenn ich so sagen darf, und dir ist die Möglichkeit des Glaubens ohne Prüfung dadurch genommen. Du wirst hoffentlich ein Mensch werden nach dem Herzen Gottes, aber du wirst niemals Christin sein noch Jüdin. Wie wir Juden jetzt in religiöser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion mehr, die für uns möglich ist, und wir teilen mit Tausenden von Christen die Hoffnung, daß eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, deren Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein muß, ohne daß sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird.«

Joseph hielt inne, auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: »Und was soll aus mir werden? Was soll ich denn beginnen, wenn ich nicht glauben kann?«

Joseph, der neben ihr auf dem Divan saß, zog sie sanft an sich und sagte mit dem mildesten Tone, dessen seine Stimme fähig war: »Du sollst dich prüfen, ob du ohne Reinhard nicht glücklich zu sein vermagst, denn nur ihn suchst du im Christentume. Du sollst prüfen, ob Reinhard dir eine so feste Stütze im Leben werden kann als die Deinen. Reinhard ist gut und brav, aber ich fürchte, ihr beide werdet einander nie verstehen, und am Ende wirst du deinem Herzen folgen. Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen. Gott gebe, daß dein Herz dich niemals irreleitet.«

Er küßte mit den Worten Jennys Stirn, sie lehnte ergriffen und verschämt den Kopf an seine Schulter, da klopfte es an die Türe und Reinhard trat ins Zimmer. Er blieb erschreckt stehen, Jenny erhob sich nicht weniger erschrocken und eilte schnell hinaus, nur Joseph war ruhig und hieß den Gast willkommen. Dadurch gewann Reinhard Zeit, sich zu fassen; einen kurzen Moment schien er zu überlegen, dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und sagte: »Ich kenne Sie nicht genau genug, um eigentlich eine solche Frage an Sie richten zu dürfen. Sie können mich der Zudringlichkeit beschuldigen, aber mein Lebensglück hängt von der Frage ab: Wie stehen Sie zu Jenny?«

»Ihre Forderung ist allerdings sonderbar«, antwortete jener, »da ich eigentlich nicht einsehe, was Sie zu der Frage berechtigt. Doch will ich Ihnen antworten, weil ich Ihrer Ehre vertraue. Meine Cousine ist mir eine teure Verwandte, die, unter meinen Augen aufgewachsen, mir wie eine Schwester wert ist.«

»Und sie ist nicht Ihre Braut?« fragte Reinhard weiter.

»Nein!« war die entschiedene Erwiderung.

»Aber Sie lieben Jenny? Was bedeutet sonst die Szene, die ich eben hier mit angesehen habe?«

»Darüber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben, und es ist mehr, als Sie fragen dürfen, wenn Sie Fräulein Meier die Achtung zollen, die sie zu fordern berechtigt ist«, sagte Joseph tadelnd.

Reinhard wollte eben eine heftige Erwiderung machen, denn seine Eifersucht raubte ihm die Besinnung; doch bezwang er sich gewaltsam, und mit erkünstelter Ruhe sagte er: »Ich muß es darauf ankommen lassen, wie Sie über mich in diesem Augenblick urteilen mögen. Vielleicht gelingt es mir bald, Ihnen in günstigerem Lichte zu erscheinen und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen.« Mit den Worten verließ er Joseph, der gedankenschwer im Zimmer auf und ab ging, bis sein Oheim mit seiner Frau nach Hause kam, denen bald darauf Eduard in bester Laune folgte.

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