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Hugo von Hofmannsthal: Jedermann - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleJedermann
authorHugo von Hofmannsthal
year1997
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-10871-3
titleJedermann
pages12-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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Jedermann hat indes den Becher Glühwein ausgetrunken und sieht mit fröhlicher Miene umher
Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst,
Mir ist nit just recht wohl gewest
Ein Trunk hat mich gemacht gesund
Nun grüß ich erst meine Tafelrund.
War mir als läg was auf der Brust,
Nun hab ich doppelt Lebenslust
Bin froh daß wir beisammen sein
Ist mir ein rechter Freudenwein.
Schwillt mir das Herz so übervoll
Weiß gar nit wie ichs sagen soll
Greift in seiner Liebsten Haar.
Sind köstlich Ding doch auf der Welt
Ist herrlich gar um uns bestellt.
Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert
Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt.
Kommt Wein dazu und Saitenspiel
So ist's schon über Maßen viel.
Ich hab euch recht lieb, ihr lieben Gäst
Ich bitt euch nützt die Stund aufs Best.
Laßt eure Kehl nit untätig sein
Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein.
Verschränket eure Stimmen aufs Best
Und haltet sänftlich die Liebste fest.
Genützt sei eine schöne Stund
Mit Hand und Aug und Herz und Mund!
Ja laßt Euch nit lang gebeten sein
Und singt uns eins, lieber Vetter mein.

Der dicke Vetter
Mein dünner Vetter, o weh o weh
Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.

Sie singen lachend.

Der dünne Vetter singt
O weh o weh
Frau Minne mir ist weh
Frau Minne!
Greift her wie sehr ich brinne.

Gekreisch.

O weh!
Ein kalter kalter Schnee
Er müßt vor Glut zerrinnen
Darin das Herz erstickt!
Wollt helfen mir Frau Minnen,
Des wär ich hoch beglückt.

Alle singen mit. Man hört darein ein dumpfes Glockenläuten.

Jedermann stößt sein Glas von sich
Was ist das für ein Glockenläuten!
Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten
Der Schall ist laut und todesbang
Schafft mir im Herzen Qual und Drang.
Steht auf.
Was läuten Glocken zu dieser Zeit?

Ein Gast
Ist nichts zu hören weit und breit.

Ein anderer
Hat einer läuten hören Glocken?

Ein Fräulein
Was Glocken, was wird von Glocken geredt?

Ein Anderer
Wär eins zu früh zur Morgenmett!

Buhlschaft
Ich bitt euch laßt das Singen nit stocken.

Ein Gast
Hat einer von euch was läuten hören?

Ein anderer lachend
Nit läuten meiner Seel noch schlagen.

Buhlschaft
Laßt euch im Singen doch nit stören.

Jedermann
Ich bitt euch hat alls nichts zu sagen
Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.

Dicker Vetter
Kommt alls von einem trägen Blut.
Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.

Jedermann
Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein.

Er setzt sich wieder. Buhlschaft schmiegt sich an ihn.

Die am untern Ende des Tisches singen
»Floret silva undique«
und so fort als Kanon.

Indes sie singen kommt Jedermanns guter Gesell und nimmt den leeren Platz am Tische ein. Indem der Gesang leiser wird, hört man viele Stimmen rufen.

Stimmen
Jedermann! Jedermann! Jedermann!

Jedermann springt angstvoll auf
Mein Gott wer ruft da so nach mir?
Von wo werd ich gerufen so?
Des werd ich im Leben nimmer froh.

Gesell
Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.

Buhlschaft
Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.

Jedermann
Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an
Wer ruft so gräßlich »Jedermann«?

Dünner Vetter
Hat müssen grad ins Ohr dir dringen
Ein Widerhall von ihrem Singen.

Jedermann
Nein, nein! in fürchterlicher Weis
Und laut und mächtiglich, nit leis
So: Jedermann! und Jedermann!
Doch anderster als ich's schaffen kann.
Gar fremd und doch bekannt zugleich
Aus welchem höllischen Bereich
Hats müssen also nach mir schrein
Des kann ich mich nimmer getrösten, nein!
Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an
Wie streng sie rufen »Jedermann«!

Man hört das gleiche Rufen wie vordem.

Buhlschaft
Ich hör keinen Laut.

Der dicke Vetter
                                Ich hör keinen Schall.

Der dünne Vetter
Auch nit einen leisen Widerhall.

Gesell tritt zu Jedermann
Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus,
Soll ich geleiten dich nach Haus?

Jedermann
Wie ich auf euch die Augen heft
So kommen mir zurück die Kräft
Ich mein, es könnt ein solches Schrein
Kein zweitesmal sich hier anheben.
Tut mir recht wohl der Lichterschein.
Sitz nieder mein Gesell hierneben
Und mögen alle lieben Gäst
Zulangen und sich ergetzen aufs Best.
Will morgen zu gelegner Zeit
Mit einem Arzten Beratung pflegen
Daß solche Zufäll aller wegen
Er wohlbedacht mir hält hintan.

Buhlschaft
Mußt mirs versprechen, lieber Mann!
Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn
Sollt ich dich öftern also sehn.

Sie essen alle weiter und sind zärtlich miteinander.

Jedermann hebt sich angstvoll
Nun aber sag um Gott, mein Lieb,
Was brennen die Lichter also trüb?
Und wer kommt hinter mir heran?
Auf Erden schreitet so kein Mann.

Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf.

Tod
Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

Jedermann
Was fragst um das zu dieser Stund?
Bekümmerts dich? wer bist? was solls?

Tod
Von deines Schöpfers Majestät
Bin ich nach dir ausgesandt
Und das in Eil: drum steh ich da.

Buhlschaft ist von Jedermann weggeglitten.

Jedermann
Wie, ausgesandt nach mir?

Greift nach seinem Herzen. Alle stehen ohne Atem.

Dem möchte wohl so sein. Ei ja.

Tod
Denn ob du ihm gibst wenig Ehr
In der himmlischen Sphär
Denkt er dein,
In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.

Jedermann die Augen gesenkt tritt hinter sich
Was will mein Gott von mir?

Tod
Das will ich dich weisen.
Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

Jedermann mit einem jähen Trotz
Ganz und gar bin ich unbereit
Für solch ein Rechnung legen.
Müßt ich das tun, da käm ich in Not
Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

Lautloses Flüchten: Die Spielleut.

Buhlschaft ihre Kleider hebend.

Tod
Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann
Tret jeglichen an und verschone keinen.

Es flüchten viele.

Jedermann
Bist du derselbig, hör mich an.
Ich bin ein mächtig reicher Mann.
Die Sach soll aufgeschoben sein.
Nur dies tu! Willst's nit? Tust's nit?

Tod
                                                        Nein.
Mein Brauch ist gradaus umgekehrt.
Wird dir kein Aufschub nit gewährt.
Du kommst mit mir und zögerst nit.

Jedermann
Was? keine Frist willst du mir geben
Und überfällst eins ungewarnt
Gar mitten drin im besten Leben
Gotts Blut! das ist kein ehrlich Spiel
Damit erwirbst dir Ruhm nit viel
Denn daß ichs nur sag, bin nit bereit,
Mein Schuldbuch auch ist nit so weit
Hätt ich für mich so zehn, zwölf Jahre Zeit,
Ich wollt es in der Ordnung han
Daß keine Furcht mich gienget an
Das wollt ich so steh Gott mir bei.
Drum aus Gotts Gnaden laß mich hier
Daß ich das Ding in Ordnung führ.

Tod
Hie hilft kein Weinen und kein Beten
Die Reis mußt alsbald antreten.

Jedermann
O Gott der Gnaden auf himmlischem Thron
Erbarm dich meiner schweren Not!
Wird mir zum Gefährten für diesen Weg
Kein anderer als du bestellt?
Soll ich aus dieser Erdenwelt
Hinaus und kein Geleite haben?
Und war doch hier niemals allein,
Mußt allerwegen gesellig sein.

Tod sieht sich um
Nun ist Geselligkeit am End
Ring nit vergebner Weis die Händ
Schleun dich, jetzt gehts vor Gottes Thron
Dort empfängest deinen Lohn.

Tut einen Schritt auf ihn zu. Stärkeres Flüchten.

Wie, hat dich Narren wollen bedünken
Das Erdengut und dies dein Leben
Wäre dir alles zu Eigen gegeben?

Jedermann
So war ich vermeinend, wahrhaftig und ja.

Tod
Nichts da, war alls dir nur geliehen.
Bist du dahin erbts einen andern
Und über eine Weil schlägt dem sein Stund
Und er muß alles hier lassen und wandern.
Ich komm halt schnell.

Jedermann
                                    Nur einen Tag!
Nur diese Nacht bis Sonnaufgehn
Daß ich mit Reu mög in mich gehn
Und hören auf des Priesters Lehr
Und bessern mich nach deinem Begehr.

Tod
Dergleichen wird von mir nit erbeten,
Wo ich einen Mann tu antreten
Den schlag ich auf sein Herz mit Macht
Wird vorher kein Anzeig beigebracht.

Jedermann
O weh! Nun ist wohl Weinens Zeit!
Nun steh ich da hab kein Geleit.

Tod
Mit Weinen wird nur Zeit vertan.

Jedermann
Weh über mich was heb ich an!
Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit
Mir zu gewinnen ein Geleit.
Daß ich nicht mutterkindallein
Vor meinem Richter müßte sein.

Tod
Meinst du, daß solches dir gewinnst?
Ich sag sie weigern dir den Dienst.

Jedermann
Nur nit allein vor das Gericht!
Nur Redens und Ratens ein Stündlein Zeit
Um Christi Gotts Barmherzigkeit!

Tod
Meinshalb, ich tret dir aus dem Gesicht,
Nur merk vertu nit diese Frist
Und nütz sie klüglich als ein Christ.
Geht hinauf, wird unsichtbar.

Jedermann tritt zu seinem Gesellen
Mein guter Gesell, du weißts –

Gesell
                                                  Ich weiß.
War nit fünf Schritt weit, Jedermann
Wie dich der Tod hat treten an!

Die andern treten weg. Noch mehrere gehn.

Und hab euch reden hören alls
Schlägt mir das Herz bis an den Hals!
Ein froher Mann und kerngesund
Das warst du bis zu dieser Stund
Nun kommt mich schier das Weinen an
Wenn ich dich anschau, Jedermann.

Jedermann
Hab vielen Dank, mein guter Gesell.

Gesell
Was dir noch Not tut, sag du schnell.

Jedermann
Du bist mir wahrhaft ein guter Freund
Dich hab ich allzeit treu befunden.

Gesell
Und sollst mich finden zu allen Stunden.
Denn glaub du mir, ging deine Reis
Geradewegs hinab zur Höll
Hie fändest du den Gefährten zur Stell.

Jedermann
Gott steht mir bei du lieber Mann
Daß ichs um dich verdienen kann.

Gesell
Ist von Verdienen nit die Sprach,
Wär mir die allergrößte Schmach
Wollt ichs mit dem Mund mich unterwinden
Und sollt man in Taten mich lässig finden.

Jedermann
Mein Freund!

Gesell
                      Sprich frei, tu auf den Mund
Muß alls mir werden offenbart
Ich steh bei dir bis zur letzten Stund
Recht nach guter Gesellen Art.

Jedermann will den Mund auftun.

Gesell
Dein Jammer geht mir mächtig nah
Soll alles was aufs Herz dir druckt
Von diesem ganzen Erdenwesen
Von mir getreulich sein verwesen.
Sag, ist dir von etlichen Leids getan?
Sie sollen ihre Strafen han,
Von meiner Hand mit scharfem Eisen
Und müßt ich darüber ins Gras beißen!

Jedermann
Ist nit um dies mir, bei Gotts Blut!

Gesell
Es geht dir um dein Geld und Gut
Das schafft dir große Sorgenlast,
Daß keine Leibeserben hast.

Jedermann
Nein, Lieber, nein!

Gesell
                                Braucht nit viel Wort
Bei mir ist dein Vertraun am Ort
Der Kaufbrief da ist wohl verwahrt
Dir ist um deine Freundin zart
Daß deines Reichtums auf sie komm
Soviel als ihr auf immer fromm.

Jedermann
Nein, Lieber Guter hör mich an.

Gesell
Spar dir die Reden Jedermann
Bist ohne viel von mir verstanden.

Jedermann
Ach! ganz was anders schafft mir Qual
Viel näheres, mein guter Gesell!

Gesell
Heraus damit, laß hören schnell
Merk Freundes Mund tröst allemal.

Jedermann
Ja du mein Freund!

Gesell
                                Willst mich nit weisen?
Könnt sein dir blieb sonst nit die Zeit.

Jedermann
O weh, das wär mir bitter leid.

Gesell
Sag deine Sach! Frisch Jedermann.
Wo bliebe unsre Freundschaft dann?

Jedermann
Wenn ich dir tät mein Herz aufschließen
Und du, du kehrtest den Rücken mir
Und ließest dich meine Red verdrießen
Des hätte ich wohl zehnfach Gram und Weh!

Gesell
Herr, wie ich zu Euch gesprochen eh
So will ich tun.

Jedermann
                        So dank dir Gott.
Mir ist befohlen mich fortzuheben
Der Weg ist weit und voll Beschwer
Und was dann kommt, noch weit mehr,
Denn ich soll eine Rechnung geben
Von meinem Reichtum und all meinem Leben
Vor meinem Schöpfer und höchsten Richter!
hastig
Drum also komm mit mein guter Gesell
zieht ihn am Mantel
Wie dus versprochen hast zur Stell.

Gesell
Ei ja, das ist schon eine Sach
Versprechen und brechen, das wär mir Schmach
Daran nur denken macht mir heiß.

Jedermann
O du!

Gesell
          Doch sollt ich antreten die Reis
Da heißt es sich beraten und gut.

Jedermann
Was? sprachest doch auf jeglicher Straßen
Wolltest nicht lebend noch tot mich verlassen,
Und wär es geraden Wegs zur Höll.

Gesell
Richtig, so war meine Red, Hand aufs Herz!
Aber die Wahrheit zu vermelden
Ist jetzo nicht Zeit für dergleichen Scherz.
Ist fast bereits ernsthaft die Sachlag.
Und dann, wenn wir die Reis wollten antreten
Wann kämen wir wiederum hierher?
Ei, gib doch Antwort.

Jedermann
                                    Nimmermehr.
Nimmermehr bis an den Jüngsten Tag.

Gesell
Dann bei Gotts Tod bleib ich hintan
Wenn in dem Sinn die Meldung beschah,
Dann stehts, daß ich die Reis nit tu.

Jedermann
Nit tust?

Gesell
              Nein, alsdann bleib ich am Ort.
Ich sag dir, wie mir ist zu Sinn
Du weißt, daß ich freimütig bin.
Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu
Um keiner lebenden Seel fürwahr
Auch nit um meines Herrn Vaters Lieb
Gott schenk ihm ansonsten die ewige Ruh.

Jedermann
Um Gott! Hast mir was anders versprochen!

Gesell
Weiß wohl. Und ist recht in Treuen beschehn
Und so du wolltest was anders begehn
Mit Frauen was Gutes in Kumpanei
Oder was es sonsten sei
Solltest an deiner Seiten mich sehn
So lange Gott läßt einen hellen Tag sein
Und auch des Nachts bei Fackelschein.
Das sag ich in Treuen!
Schickt sich an zu gehen.

Jedermann
O deiner bedarf ich jetzt gar sehr
Jetzt heißt es: Gesell gedenke mein.
Hält ihn.

Gesell
Ob wir Genossen waren, ob nit
Hinfort tu ich mit dir keinen Schritt.

Jedermann
So bitt ich dich, nimm soviel auf dich
Um Christi Gotts Barmherzigkeit
Und gib mir tröstliches Geleit
Bis vor die Stadt.

Gesell reißt sich los
                            Ich tu dirs nit,
Setz einen Fuß nit vor den andern
Nit um ein neues Feierkleid
Ließest du dir ein wenig Zeit,
So wollt ich dich nit allein lassen stehn
Nun aber kann ich nit harren bei dir.
Über die Schulter zurück.
So geb dir Gott eine schleunige Fahrt
Dahin recht sänftlich in guter Art
Muß eilends jetzt meines Weges gehn.

Jedermann einen Schritt ihm nach
Wohin Gesell? Willst mich verlassen ganz und gar?

Gesell
Wohl, wohl. Gott nehm deiner Seelen wahr.

Jedermann
Leb wohl, mein Freund, um dich wird mir mein Herz arg schwer,
Leb immer wohl, dich seh ich nun auch nimmermehr.

Gesell
Leb wohl auch Jedermann, leb wohl am End, gib mir die Hand,
Ja, Scheiden tut recht weh, das hab ich jetzt erkannt.
Er geht.

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