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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Achtes Kapitel

Das mochte wohl etwa fünf Minuten gedauert haben, und Jean fing an, wieder in seinen früheren Gedankengang zurückzufallen, als er durch den geräuschvollen Eintritt von fünf oder sechs Männern, die alle zumal aufeinander hineinsprachen, aufgeschreckt wurde. Trotzdem verließ er seinen Platz nicht, und die Gesellschaft verweilte im vorderen Teil des Gemaches, ohne in seine Nähe zu kommen.

Es war dies eine Vereinigung von jenen völlig überflüssigen, unnützen Leuten, die nur dazu auf der Welt sind, um über die modernste Art zu grüßen und die Halsbinden zu schlingen, sich die Köpfe zu zerbrechen.

Gesellschaftliche Stellung: Modenarren, mit der berechtigten Hoffnung, zur »goldenen Jugend« oder zum »Löwen« oder »Gigerl« vorzurücken.

Unterhaltung: Alles, was man von der Sorte erwarten kann.

»Ich sage euch, ich habe sie gesehen!« rief einer von ihnen.

»Na, das schöne Mädel nimmt's mit der Trauer ziemlich leicht,« meinte ein andrer; »wenn man bedenkt, daß ihr Vater noch kaum einen Monat tot ist.«

»Bah, sie hat halt den Monat für ein Jahr gerechnet. Ist sie noch so hübsch? Die Trauer muß sie entzückend kleiden!«

»Puh! Mager und gelb ist sie. Und die Magerkeit steht keinem Weib.«

»Wenn ich bedenke, daß ich … noch nie ist eine Katastrophe rechtzeitiger hereingebrochen.«

»Ach richtig, ja! Ich glaube, Sie hatten schon bedeutend Feuer gefangen, Astier, die Erklärung wäre wohl nicht mehr lange ausgeblieben?«

»Sie lag schon in der Luft, Teuerster! Beim Gänseblümchenzupfen waren wir beide schon bei ›von Herzen‹ angelangt, und ich hatte nur noch mit dem Alten zu sprechen, als der Krach kam.«

»Das heiße ich Glück! Das war ja gerade, wie wenn man seine türkischen Lose noch rechtzeitig verkauft hat!«

»Genau so! Aber ihr werdet einsehen, daß es mir nicht eben angenehm wäre, ihr jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Deshalb laviere ich auch, mache mich dünne und suche den ländlichen Frieden dieses Haines.«

»Immerhin war sie ein herrliches Geschöpf! Thut es Ihnen gar nicht leid?«

»Glauben Sie denn, daß irgend eine Schönheit in der Welt eine Heirat wegen Schulden angenehm machen könne? Das Wort ›Heirat‹ klingt etwas besser als Gefängnis oder Selbstmord – das ist aber auch alles!«

»Kuckuck noch einmal! Stand es so?«

»Gewiß.«

»Nun und dann?«

»Dann geschah es, daß, wie in einem Lustspiel, ein alter Biedermann gerade zur rechten Zeit zu seinen Vätern versammelt wurde und das Loch stopfte, in das ich als Abschlagszahlung meinen Kopf zu stecken im Begriff war …«

Schon bei den ersten Worten hatte sich Jean erheben wollen, um dieser Unterhaltung ein Ende zu machen und das zum Zuhören verdammte arme Mädchen vor weiteren Kränkungen zu schützen.

Aber bei der ersten Bewegung, die er machte, die indes zu schwach war, um von den Sprechenden bemerkt zu werden, schreckte Alice zusammen, drehte sich rasch nach ihm um und schaute ihn an mit dem Blick eines gehetzten Rehes, das selbst in dem Dickicht, wo es verenden will, einen Feind zu hören glaubt.

Sofort hatte sie durch das Gebüsch hindurch die Uniform des jungen Offiziers bemerkt, sich halb aufgerichtet, einen Finger auf den Mund gelegt und ihm mit einer so gebieterischen Bewegung Schweigen geboten, daß er sich, wenn auch ungern, wieder setzte und nichts zu unternehmen wagte.

Aufs äußerste empört über die Art und Weise, in der dem jungen Mädchen diese rohen Wahrheiten enthüllt wurden, schickte Jean sich wiederholt an, sich ins Mittel zu legen, aber ohne daß sie auch nur den Kopf nach ihm umgewandt hätte, streckte sie mit noch viel entschiedenerer Gebärde die Hand nach ihm aus, als hätte sie sein Vorhaben vorausgesehen.

Es lag etwas Herzzerreißendes in dieser Scene, die sich in dem etwas gedämpften Licht dieses so poetisch ausgeschmückten Salons abspielte. In dem grünen Nest, das zum Stelldichein von Liebenden wie geschaffen schien, stand hoch aufgerichtet, mutterseelenallein das arme Mädchen und lauschte den rauhen Worten dieser Männer, die über sie verhandelten und ihr mit einem Schlage alle die lieblichen Täuschungen vernichteten, die uns das Leben sonst barmherzigerweise nur langsam, eine um die andre, zu zerstören pflegt – es war, um einen Stein zu erbarmen! Und um ihre Demütigung noch zu verschärfen, stand dort neben ihr der unfreiwillige Zeuge, der sich aus Achtung und aus Gehorsam wohl schweigend verhielt, aber die Schamröte sah, die ihr bis in die Stirn stieg.

Einen Augenblick wollte es scheinen, als entferne sich die Gruppe; aber einer der jungen Leute rief seine Freunde nach einem Diwan, den er eben entdeckt hatte, und dort wurde das Gespräch ohne Unterbrechung fortgesetzt.

»Wahrhaftig, Astier, Sie sind noch größere Gefahr gelaufen, als sie denken. Hieß es nicht, Frau von Valvieux sei an Entkräftung gestorben?«

»Nun?«

»Nun, wissen Sie denn nicht, daß ›Entkräftung‹ nur eine höfliche Bezeichnung für Schwindsucht ist, deren man sich bei vornehmen Kranken bedient, besonders wenn sie auch noch zu versorgende Töchter hinterlassen?«

»Eine schwindsüchtige Million! Sie Teufel, Sie! Wollen Sie mir denn durchaus das Herz schwer machen? … Lassen Sie mich bei dem Glauben, sie sei so gesund als ein Holzhauerweib, sonst kann ich nicht dafür stehen, was ich in meiner Verzweiflung anfange!«

»Wie wär's denn, wenn Sie sich bei ihr selbst Trost zu holen suchten? Welche Rolle spielt sie hier? Arme Verwandte oder Gesellschafterin? Na, ich kann euch versichern, daß ich es nicht unangenehm fände, in einem Hause zu verkehren, wo die Erzieherin aus solchem Stoff gebacken ist und …«

»Halten Sie ein, meine Herren!« sagte plötzlich eine helle, hochmütige Stimme, bei deren Klang alle sechs Köpfe herumfuhren; »ich denke, Sie werden gleich mir der Ansicht sein, diesen Gegenstand hinlänglich erörtert zu haben, wenn ich Ihnen sage, daß Fräulein von Valvieux jedes Wort Ihrer Unterhaltung mit anhören mußte.«

»Und Sie, wie es scheint, ebenfalls, mein Herr,« gab einer der jungen Männer zurück.

»Gewiß, ich ebenfalls.«

»Und dort hinten vergnügten Sie sich … mit diesem Versteckspiel?«

»Mein Gott, ja, ein jedes in seiner Ecke, wo uns Ihre anmutige Unterhaltung überrascht hat. Als ich aufstehen wollte, um Sie daran zu erinnern, daß man gemeiniglich besser daran thue, ehe man vor einem Gebüsch sein Gewissen erforscht, zu sehen, ob niemand dahinter sitzt, hat Fräulein von Valvieux, die ich heute abend so wenig die Ehre hatte zu begrüßen, wie Sie, Herr von Astier, wenn auch aus andern Gründen – Fräulein von Valvieux also hat soeben erst meine Anwesenheit entdeckt und mich durch einen Wink davon abgehalten, meine Absicht auszuführen …«

»Und Sie haben diesem Wink gehorcht, wenn auch nicht völlig, wie wir sehen, so doch bis …«

»… Bis … wollen Sie gütigst beachten, mein Herr, daß ich mir nur gestatte, Sie zu unterbrechen, um im Flug den Satz wieder aufzugreifen, den Sie mir soeben auseinandergerissen haben – also bis Fräulein von Valvieux die Erfahrung, die sie machen wollte, auch thatsächlich gemacht hatte. Sie wollte, wie ich sicher weiß, nur ihren Mut stählen und all die Niederträchtigkeiten, die hier gesagt wurden, zu Ende hören, weil sie dachte, diese Gelegenheit, im Menschenherzen zu lesen, sei, wenn auch nicht schön, doch immerhin einzig in ihrer Art …«

»Mein Herr! …«

»Und daß sie nicht leicht eine bessere Gelegenheit finden könne, zu erfahren, was Gemeinheit und Geldgier sei.«

»Sind Sie berechtigt, mich im Namen dieses jungen Mädchens zu beleidigen?«

»So wenig, daß, wie ich Ihnen schon gesagt habe, Fräulein von Valvieux mir heute abend noch nicht die Ehre erwiesen hat, mich anzureden … Als ich merkte, welche Richtung Ihr Gespräch nehmen sollte, sah ich ein, daß ich ihr meine Achtung besser bewiese, wenn ich ihr nicht gehorchte und Sie unterbräche. Dann bin ich hervorgetreten und habe – so unglaublich Ihnen das auch scheinen mag – Ihnen lediglich meine eigene Meinung gesagt.«

»Der uneigennützige Ritter des Unglücks! Eine äußerst edle Rolle!«

»Und eine, die ich schon so lange spiele, daß ich sie nicht einmal mehr lächerlich finde. Es ist eine alte Gewohnheit. Wenn ich eine Katze treffe, die einem Vogel den Hals umdrehen will, oder einen großen Kerl, der ein Kind mißhandelt, so setze ich meinen Fuß auf das Tier, und den Menschen lasse ich meine Faust fühlen. Von da zu dem ehrfurchtsvollen Mitgefühl mit einem verlassenen Weib, auf das ein halbes Dutzend Männer loshauen, war, wie Sie begreifen werden, nur noch ein kleiner Schritt.«

»Also treten Sie für alles ein, was Sie heute abend gesagt haben?«

»Sogar für alles, was ich gedacht habe, mein Herr, und das will noch unendlich mehr besagen! … Damit überlasse ich Herrn von Astier dem ländlichen Frieden, den er liebt, indem ich Ihnen zugleich mitteile, daß ich im Augenblick auf der ›Najade‹ zu Hause bin, falls einer von Ihnen Lust verspüren sollte, sich einmal ein Kriegsschiff zu besehen. Im Falle ich gerade abwesend sein sollte, werden Sie stets mehrere meiner Kameraden bereit finden, Sie würdig zu empfangen.«

Damit grüßte er die Gruppe mit einer äußerst hochmütigen Gebärde und entfernte sich einige Schritte, um, an einen großen vergoldeten Pfeilertisch gelehnt, mit der gelassenen Neugierde eines Mannes, der für den Augenblick nichts Besseres anzufangen weiß, das Kommen und Gehen der Menge zu beobachten.

Einen Augenblick blieben die jungen Leute unentschieden stehen; ja, Herr von Astier machte sogar einen Schritt nach dem Hintergrunde des Gemaches, als beabsichtige er, der Schlechtigkeit, die er begangen, noch durch eine abgedroschene Entschuldigung die Krone aufzusetzen.

Doch rasch zog er sich wieder zurück und zuckte die Achseln auf eine Weise, die in allen Sprachen der Welt bedeutet: »Ach was, mir kann's einerlei sein!«

Dann durchschritten sie hocherhobenen Hauptes, als hätten sie es durchaus nicht eilig, sämtliche Salons, grüßten nach rechts und nach links und sprachen bald mit dem, bald mit jenem ein paar Worte, wie Leute, die sich auf französisch empfehlen wollen.

Jean, der so stand, daß er alle Thüren übersehen konnte, folgte ihnen mit den Augen bis ans Ende der Zimmerflucht. Als er den letzten von ihnen hatte verschwinden sehen, ging er nach dem Platz zurück, wo er Fräulein von Valvieux verlassen hatte.

Noch immer saß sie, von Grün umrahmt, auf ihrem niederen Stühlchen und preßte die Hände so heftig vors Gesicht, daß die Finger auf der zarten Stirnhaut rote Flecken zurückließen. Ohne daß sie ihn hatte kommen hören, trat er dicht an sie heran und ließ sich ernst auf ein Knie nieder.

Erst als sie Kerdren in dieser Stellung vor sich sah, fuhr sie auf und stieß einen leichten Schrei aus.

Er aber schwieg noch eine kleine Weile und heftete seinen offenen Blick auf die Augen, die ihn verwundert anblickten; dann aber, als Alice sich gefaßt hatte und zu sprechen anheben wollte, sagte er mit dem ihm eigenen schlichten Ernst: »Gnädiges Fräulein, mein Beruf ist Ihnen bekannt. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, heiße Jean von Kerdren, Graf von Penhoët, und komme, Sie zu fragen, ob Sie mir die Ehre erweisen wollen, mir Ihre Hand zu reichen.«

Ihre Ueberraschung war so groß, daß Fräulein von Valvieux kein Wort der Erwiderung fand, und die sonderbare kleine Gruppe war in tiefes Schweigen gehüllt, das nur ab und zu durch Herrn Champlions laute Stimme unterbrochen wurde:

»… graviert und ciseliert von Benvenuto Cellini, ist gekauft im Jahre 1875 um zehntausend Franken vom Marquis von Gensac. Im Jahre 1880 von Mannheimer in Paris auf einundzwanzigtausend Franken geschätzt.«

Trotz des tiefen Ernstes, den dieser Augenblick für sie hatte, lauschten sie beide mechanisch dieser Aufzählung, als könne keins von ihnen ein Wort reden, ehe sie wüßten, wie hoch Mannheimer den bewußten Gegenstand geschätzt hatte.

Doch das dauerte nur so lange, als das Zucken eines Blitzes, und Alice schüttelte rasch die geistige Betäubung ab, in die sie durch all diese Gemütsbewegungen versetzt worden war.

»Herr von Kerdren,« begann sie anfangs leidenschaftlich und fließend, später etwas stockend, »ich wollte, ich fände Worte, Ihnen das Gefühl unendlicher Dankbarkeit auszudrücken, das ich zeitlebens für Sie bewahren werde! – Sie haben heute abend schon vorher so viel für mich gethan … aber das ist zu viel! … Denn Sie begreifen, daß ich jetzt … ich kann nicht …«

Von dem Pochen ihres Herzens überwältigt, hielt sie inne, und Thränen perlten unter ihren langen Wimpern hervor.

Jean hatte sich wieder erhoben; der Glanz dieser feuchten braunen Augen rührte ihn tief, und er erwiderte in noch weicherem, sanfterem Ton: »Ich verstehe Sie und möchte heute abend mit keinem Wort mehr in Sie dringen, mein gnädiges Fräulein. Morgen, in einigen Tagen, wenn Sie wollen, werde ich kommen, um mir Ihre Antwort zu holen. In der That hoffe ich von Herzen, daß Sie Ihr Leben lang nicht mir dankbar, aber glücklich sein werden, wenn Sie mir gestatten, für Ihr Glück zu sorgen.«

Damit verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen und verließ ohne weiteres das Haus des Bankiers. Champlion schwelgte eben in dem letzten Worte seines Vortrags, den er, dem Stolz, der ihm den Busen schwellte, entsprechend ausgedehnt hatte, und die Pflicht des Erben war erfüllt.

Gleichwohl erregte Kerdrens Fortgehen bei einem großen Teil der Anwesenden das äußerste Mißvergnügen, und die öffentliche Meinung, die im Laufe des Abends noch öfter zum Ausdruck kam, ging dahin, daß der Ruf des Herrn von Kerdren viel besser sei, als er selbst, und daß der Zug seines Charakters, den man bisher für »menschenscheu« erklärt habe, mit Fug und Recht eine ganz andre Bezeichnung verdiene.

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