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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Siebentes Kapitel

Trotz allem, was der Bankier Jean hatte vermuten lassen und was er sich selbst noch dazu gedacht hatte, war Jean doch auf die Entfaltung eines derartigen Luxus nicht gefaßt gewesen.

Die ganze Vorderseite des Hauses entlang lief eine Reihe Gasflammen, die Hauptlinien der Steinfassade hervorhebend: die Bedienten in roter Livree, die sich in dem dichten Gebüsch, womit das Portal geschmückt war, fast verloren, sahen aus, als ob man Pfingstrosen zwischen das steife, glänzende Grün der Sträucher gesteckt hätte. Man sah auf den ersten Blick, daß der Bankier am liebsten die ganze Straße in dieser Weise ausgeschmückt hätte und nur ungern seinen Teppich am äußersten Rande des Bürgersteiges hatte aufhören lassen.

Eine große Menge Neugieriger war versammelt und harrte des Erscheinens der Eingeladenen, und der junge Offizier, der langsam zu Fuß daher kam, hatte Muße genug, sich zu ärgern und Champlion in Gedanken mit allen Schimpfwörtern zu bedenken, die der französischen Sprache für die Eitelkeit zur Verfügung stehen. Einen Augenblick wandelte ihn die Lust an, ruhig an Bord zurückzukehren und die Leute, die sich hier versammelten, sich aus der Affaire ziehen zu lassen, so gut sie konnten.

Aber das hätte, wie er wohl wußte, das ganze Schauspiel nur aufgeschoben, denn der Bankier war im Recht, da der Wortlaut des Testamentes sagte: »In Gegenwart von so viel Zeugen als möglich,« und Champlion war nicht der Mann, auch nur eine Silbe preiszugeben.

Es blieb Jean somit nichts übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen und sich den Händen der schönen roten Lakaien zu überlassen, was er denn auch gottergeben that.

Einer von ihnen bemächtigte sich seines Regenmantels, ein andrer führte ihn durch eine lange Reihe noch leerer Salons, die buchstäblich von Licht und Gold überrieselt waren, und lieferte ihn endlich in dem letzten Gemach ab, wo Champlion, in seinem schwarzen Fracke eingezwängt, mit einer weißen Halsbinde geschmückt und vor Befriedigung bebend, die Rolle des Drachen der Hesperiden aufs natürlichste spielte.

Die kleine Angelika hatte recht gehabt: die ganze Sammlung war hier ausgestellt, wenn auch nicht auf Kissen, so doch auf roten Stoffen, von welchem Hintergrunde sie sich äußerst reich und glänzend abhob.

Die völlige Gleichgültigkeit des jungen Mannes und die Art, wie er seine Mitteilungen anhörte, verblüffte den Bankier sichtlich, und er starrte Jean mit der verdutzten Miene eines Kindes an, dem eine Seifenblase zerplatzt.

Aber schließlich hatte er ja, wie er zu seiner Frau sagte, erreicht, was er wollte, und das übrige war ihm »Wurst«. Als er sah, daß er von dieser Seite auch nicht das mindeste Lob zu gewärtigen habe, überließ er Jean den Ehrenposten, den er bis jetzt innegehabt hatte, und gönnte sich das harmlose Vergnügen, den Weg zurückzulegen, den gleich nachher seine Gäste durchwandern mußten, und für sich allein in den Eindrücken zu schwelgen, die etwas später auf jene hereinstürmen mußten.

Der junge Mann hatte einen Augenblick etwas verdutzt die so reich beladenen Tische um sich herum betrachtet und sich gefragt, was er wohl mit diesem Haufen kunstvoller Gold- und Juwelierarbeiten anfangen solle, als er vernahm, daß nebenan gesprochen wurde.

Er drehte sich um und bemerkte an der leichten Bewegung des Thürvorhanges, daß ihn nur der seidene Stoff vom Nebenzimmer trennte. Sofort näherte er sich der Thür um ein paar Schritte und hustete vernehmlich, aber Frau Champlion erfreute sich eines so schönen Organs, als es ihr Aeußeres vermuten ließ, und Jean sah sich, von diesem gewaltigen Alt überwältigt, gezwungen, folgendes Gespräch mit anzuhören: »Wie gesagt, Fräulein, ich bestehe darauf, daß Sie heute abend hier bleiben. Seien Sie überzeugt, daß ich ebensogut wie Sie weiß, was die Rücksicht auf Ihre tiefe Trauer verlangt, und daß ich nicht die Absicht habe, Ihnen etwas zuzumuten, was ich für unpassend halte. Es handelt sich aber heute nicht um einen Ball, ja nicht einmal um ein Konzert, und Sie können heute so gut hier sein, wie etwa in einem Museum. Angelika legt großen Wert darauf, die Leute zu sehen, die kommen werden, und Sie müssen doch begreifen, daß ich keine Minute übrig habe, um sie zu beaufsichtigen. Folglich müssen Sie an meiner Statt thun, was ja doch eigentlich Ihr Geschäft ist. Als Sie uns empfohlen wurden, sagte man uns, Sie seien in Gesellschaften und überhaupt in der großen Welt zu Hause – dies ist die Gelegenheit, es zu beweisen. Und seien Sie überzeugt, wenn Sie die Geselligkeit so sehr geliebt haben, so fühlen Sie sich nach einer halben Stunde ganz behaglich und sind so vergnügt, wie wir andern.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schlug sie den Vorhang auseinander und trat in den Salon mit einem Geräusch, das an das Rauschen der Blechtafeln erinnerte, womit man auf dem Theater ein nahendes Gewitter verkündet.

Und in der That, ihr Anblick übertraf selbst die kühnsten Erwartungen. Ihr Anzug war das Meisterstück einer keineswegs gewöhnlichen Einbildungskraft und derart zusammengestellt, daß man ungefähr alles darin vereinigt fand, was man sonst auf ein Dutzend Frauen verteilt sieht. Alle drei Reiche der Natur waren an ihrem Putz beteiligt, und wenn je von den sieben Farben des Regenbogens eine fehlte, so trug nur Unwissenheit oder Irrtum, jedenfalls nicht böser Wille die Schuld daran.

Das Gesamtbild machte auf Jean den Eindruck von etwas schon einmal Gesehenem und erinnerte ihn lebhaft an den Empfang an einem Negerhof auf einer Insel im Großen Ocean.

Nur mußte er wegen der Verschiedenheit der Breitegrade hier seine Begrüßung in gutem Französisch vorbringen, was er that, ohne sich den Schatten eines Lächelns zu gestatten. Allein noch ehe Frau Champlion ihrer Liebenswürdigkeit die Zügel schießen lassen konnte, erschien ihr Gatte wieder auf der Bildfläche.

Er hatte einen Wagen vorfahren hören. – Die Gäste kamen und mußten von ihnen beiden im ersten Salon, möglichst nahe an der Thür empfangen werden. Somit führte er seine holde Ehehälfte fort, und der junge Mann blieb aufs neue allein.

Der Thürvorhang bewegte sich noch immer, und er erwartete jeden Augenblick Fräulein von Valvieux in ihrem schwarzen Kleid, mit ihrem bleichen Gesicht und ihrer tiefen Traurigkeit, die ihr die Ausführung des eben erhaltenen Befehls so peinlich machte, eintreten zu sehen.

»An ihrer Stelle würde ich um keinen Preis nachgeben,« dachte er, »der Egoismus dieses Weibes ist wirklich empörend!«

Dann erinnerte er sich der heftigen Erregung, in die das junge Mädchen vor zwei Tagen durch das Zusammentreffen mit ihm versetzt worden war, mit ihm, der doch mit ihrer Vergangenheit nur so lose verknüpft war. Mit innigstem Mitleid stellte er sich vor, wie verlassen sie sich, von ihren herben Erinnerungen bestürmt, in diesen großen, mit lauter Fremden angefüllten Sälen fühlen mußte.

»Armes Ding,« sagte er zu sich selbst, »meine Anwesenheit hier hat ihr nur Kummer verursacht.«

Und er, der sich so jung, so stark, so frei von jeder Fessel fühlte, fragte sich, warum das Schicksal wohl einen derartigen Unterschied zwischen dem Leben des Mannes und dem des Weibes gemacht habe, daß das Unglück des letzteren durch eine beinahe völlige Ohnmacht auf allen Gebieten verdoppelt wird, während der Thatkraft des ersteren ein so unbeschränktes Feld eröffnet ist.

Auf der einen Seite die Unmöglichkeit, sich den Lebensunterhalt anders als in einer dienenden Stellung zu erwerben, auf der andern, ohne eine größere Summe an Verstand oder Entschlossenheit, das Recht nach dem Höchsten, selbst nach dem Ruhm zu ringen und zu streben.

»Weiß Gott, es gibt nichts Unsinnigeres, als die sogenannte Gesellschaft,« sagte er. »Jedesmal, wenn ich den Fuß ans Land setze, wird sie mir noch ein bißchen mehr zuwider. Ich werde mich eines schönen Tages noch entschließen müssen, eine Revolution anzuzetteln, oder gar nicht mehr ans Land zu gehen.«

Unterdessen hatten sich die Säle gefüllt. Der Ehrgeiz Champlions war mehr als befriedigt, denn das war keine Menge mehr, das war ein Gewühl.

Damen in großer Toilette, junge Herren mit der Gardenia im Knopfloch, alles wogte bunt durcheinander.

Man sprach, lachte laut und sah sich, da man ja zum Sehen gekommen war, mit der unverschämtesten Neugierde um. Man hätte einen Eid darauf leisten können, diese Menschen hätten beim Eingang ihren Platz bezahlt und wollten nun auch was haben für ihr Geld.

Doch die Stimme des Herrn Champlion übertönte mit ihrem tiefen Baß den Lärm der Gespräche, das Rauschen der Kleider und das Klappern der Fächer.

Kam er bei seiner Vorlesung an ein Kleinod von besonderem Wert, so schwoll seine Stimme unwillkürlich an, als rissen ihm die großen Zahlen, die er nannte, den Mund auf. Dann schlossen sich seine Lippen wieder über einem schlichten, kleinen Ring, und das Gemurmel der Menge behielt bis auf weiteres die Oberhand. Es war ganz unterhaltend, diese Modulation zu beobachten, und Jean, der in einer Fensternische stand, hatte sich lange damit die Zeit vertrieben.

Da aber der junge Erbe diesen Abend unter die Zahl der Sehenswürdigkeiten gerechnet wurde, fand man es ganz in der Ordnung, ihn auch als solche zu behandeln, so daß er bald der Zielpunkt von etlichen Hundert Augen war, die jede seiner Bewegungen und jedes Wort, das er sprach oder nicht sprach, aufs schärfste beobachteten. Jawohl, die Größe hat auch ihre Unbequemlichkeiten! Da aber Jean keineswegs von hervorragend geduldiger Gemütsart war, wurde er seiner Lage in Bälde überdrüssig und machte ihr ein Ende, indem er sich ihr entzog.

Da er unter dieser Menschenmenge kaum fünf oder sechs bekannte Gesichter gesehen und sich von Anfang an geweigert hatte, einen seiner Kameraden zu dieser Feierlichkeit mitzubringen, suchte er einen einsamen Zufluchtsort, den er denn auch bald hinter einem Kameliengebüsch entdeckte.

Man hatte den Raum neben dem Salon mit den Edelsteinen in eine Art von Wintergarten verwandelt, und ganz im Hintergrund stand ein einsamer Lehnsessel, der dem menschenscheuen jungen Mann verlockend winkte. Dorthin drang das Stimmengewirr nur noch in leisem Brausen, gleich dem Rauschen der See, aber eine Weile lang fuhr die kleine Angelika, gleich einem Irrlicht, oder wie Jean dachte, gleich einem giftigen Insekt, zwischen den Blumen herum, doch entfernte sie sich wieder, und der junge Offizier sah sich mit einem Seufzer der Erleichterung allein in seiner Einsamkeit.

Mit geschlossenen Augen lehnte er in seinem Sessel und suchte seine ihm so unsympathische Umgebung für eine Weile zu vergessen, als er in seiner Nähe ein leises Knistern vernahm.

»Ob der dicke Mann den Realismus wohl so weit getrieben hat, daß er in diesem Gebüsch hat Vögel nisten lassen; oder ob die Pflanzen in dieser überhitzten Luft so schnell treiben, daß man sie wachsen hört?« dachte er.

Dabei blickte er sich um und entdeckte ein paar Schritte von sich entfernt Alice von Valvieux, die sich hinter einer Reihe dichter Gesträuche niedergelassen hatte. Im Vergleich zu den übrigen glänzenden Anzügen sah ihr Trauerkleid in der strahlenden Beleuchtung noch düsterer und trauriger aus, und sie glich einem jener prophetischen Engel, die in den Legenden plötzlich bei einem Freudenfest erscheinen und einem Haufen blinder, gleichgültiger Narren Jammer und Elend künden.

Das unglückliche Mädchen suchte sich auf seinem niedrigen Stühlchen ganz klein zu machen; sie zog ihr dunkles Kleid dicht an sich heran und wagte nur, halb zu atmen; offenbar hegte sie nur den einen Ehrgeiz, ganz unbemerkt zu bleiben.

Es war leicht ersichtlich, daß sie für den Augenblick nichts wünschte, als ein bißchen Ruhe, und Jean sah ein, daß es besser war, erst später mit ihr zu sprechen, wenn sie sich so weit beruhigt haben würde, daß ihr der Klang einer bekannten Stimme wohl that.

Deshalb war auch er auf der Hut, sich vernehmbar zu machen, und achtete sorgfältig darauf, daß sein goldenes Portepee nicht gegen die Scheide seines Degens schlug, den er zwischen den Knieen hielt. Auch er atmete so leise als möglich, und nie hat eine junge Mutter, die an der Wiege ihres Kindes wacht, den Schlummer des geliebten kleinen Wesens sorgsamer behütet, als dieser große, starke Seemann die kurze Ruhepause, deren sich das unglückliche fremde Mädchen zwischen zwei blühenden Gebüschen erfreuen durfte.

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