Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jeanne Schultz >

Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Ja, sie war es unzweifelhaft, noch ebenso schön und schlank, nur etwas magerer geworden, und so bleich, daß ihr Antlitz über dem schwarzen Kreppkragen einer schönen weißen, auf einen Trauerschmuck gelegten Kamelie glich. Ihre Augen waren von tiefen blauen Ringen umrändert, und Jean, der ihre ganze Erscheinung mit einem Blick umfaßt hatte, meinte, noch nie ein schwarzes Kleid gesehen zu haben, das einen so traurigen und düsteren Eindruck machte.

Im ersten Augenblick etwas unentschlossen, trat er im nächsten schnell gefaßt auf sie zu, verbeugte sich tief und flüsterte einige Worte des Beileids.

Fräulein von Valvieux, die ihn nicht hatte kommen hören, blieb plötzlich stehen, sah auf und brach, noch ehe er mit seinem Satz zu Ende war, in Thränen aus, die ihr in großen Tropfen über die Wangen rollten und dem jungen Antlitz einen Ausdruck so tiefer Trostlosigkeit verliehen, daß Jean plötzlich abbrach, weil er keine Worte fand, um seinem Bedauern und seinem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen.

Mit nervöser Hast drückte sie ihre beiden Hände vor die Augen, wie um ihre Thränen zurückzuhalten, aber das war eine viel zu schwache Schranke, und die schweren, glänzenden Perlen rieselten ihr, gleich Sommerregentropfen, zwischen den Fingern durch, ohne daß sie es bemerkte.

Bestürzt und betrübt trat der junge Offizier einen Schritt näher zu ihr heran und sagte mit mitleidvoller Stimme und einem Blick voll wahrer Güte: »Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen weh gethan habe. Ich hätte den noch so frischen Schmerz schonender berühren sollen.«

»An mir ist es, Sie um Entschuldigung zu bitten,« entgegnete sie sehr leise, »denn Sie haben mir im Gegenteil sehr wohl gethan – es ist das erstemal, seit ich hier bin, daß jemand mit mir von meinem Vater spricht.«

Im nämlichen Augenblick wurde die Thür aufgerissen, und ein kleines Mädchen, in dem Jean mit Recht die gewünschte Angelika vermutete, fuhr wie ein Wirbelwind herein. Es war aber auch höchste Zeit; denn die Verwunderung und die Gereiztheit, mit der Herr und Frau Champlion diesen kleinen Auftritt beobachteten, hatte einen Höhegrad erreicht, der es nicht mehr zweifelhaft erscheinen ließ, daß sie sich im nächsten Augenblick auf unangenehme Weise eingemischt hätten.

Da sie nun nicht mehr hinauszugehen brauchte, zog sich Alice in den Hintergrund zurück, um ihrer Bewegung Herr zu werden, während sich das kleine Mädchen mit der ganzen Keckheit eines schlecht erzogenen Kindes Jean näherte, ihn am Aermel seiner Uniform zupfte und sagte: »Ist's wirklich wahr, daß Sie der Erbe all dieser schönen Juwelen sind?«

»Allerdings,« erwiderte der junge Mann etwas ironisch, »vorausgesetzt, daß Sie keinen andern Prätendenten dafür haben.«

Das war für Angelika zu hoch, und da sie mit dem ihr hier zu teil gewordenen Empfang nur halb zufrieden war, ließ sie Jean wieder stehen und warf sich mit solcher Wucht auf ihren Vater, daß das vergoldete Holz seines Sessels knarrte.

»Also ist jetzt bald die große Gesellschaft, von der du immer sprichst, Papa, und wo's Gefrorenes und Blumen gibt, und die Juwelen auf Kissen ausgelegt werden? So sag' doch, Papa!«

Da sich Vater Champlion ärgerlich ihrer zu entledigen suchte und einen ängstlichen Blick auf Jean warf, verneigte sich dieser leicht und sagte, er wolle die Herrschaften ungestört miteinander beraten lassen. Mit diesen Worten entfernte er sich von der Familiengruppe, in der sich sofort eine lebhafte Erörterung entspann.

Sein zweckloses Umherschlendern zwischen Sesseln und Lehnstühlen brachte ihn bald in die Nähe des Fensters, wo Alice mit über den Knieen verschlungenen Händen saß und mit sinnendem Blick den Bewegungen des jungen Mannes folgte. Sie schien ganz ruhig zu sein, und von der vorigen Erregung war nur noch ein feuchter, zitternder Schimmer in den Augen zurückgeblieben.

Im Schatten der schweren Plüschvorhänge und so abgesondert von den drei lebhaft sprechenden Familiengliedern am andern Ende des Zimmers, war sie ein wahres Bild der Verlassenheit, und Jean glaubte in dem auf ihm ruhenden Blick eine stumme Bitte zu lesen.

Allmählich näherte er sich ihr, nicht ohne in den Augen des Mädchens ängstlich nach den etwaigen Vorboten einer neuen Thränenflut zu suchen. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er einen derartigen Verzweiflungsausbruch verursacht, und es war ihm einigermaßen zu Mute wie einem Menschen, der es mit einer ihm unbekannten Maschine zu thun hat, deren Räderwerk er nur zaghaft berührt, aus Angst, er könne an die unrichtige Stelle greifen.

Vielleicht erriet Alice seine Sorge, denn als sie ihn näher kommen sah, erhob sie sich halb und begrüßte ihn mit einem schwachen Lächeln und den Worten: »Es ist schon vorbei, ich bin wieder ganz vernünftig …«

Dann fügte sie nach einer kurzen Pause in einfacher Weise hinzu: »Sie sahen mich eben doppelt ergriffen, Herr von Kerdren, weil die Gesellschaft bei Frau von Sémiane die letzte war, die ich mit meinem armen Papa besucht habe, und damals hätte ich nicht gedacht, hier mit Ihnen zusammenzutreffen.«

»Ist denn Herr Champlion Ihr Vormund?« fragte Jean.

»Mein Vormund?« wiederholte sie, und sah ihn verwundert an. »Ja, haben Sie denn nicht erfahren, daß wir zu Grunde gerichtet worden sind? Ich bin hier als Erzieherin Angelikas.«

»Wohl habe ich von dem Verlust Ihres Vermögens gehört, aber ich habe nicht gedacht, daß er …« Er hielt inne, denn er wußte nicht, was er angesichts dieses doppelten Unglücks sagen solle.

»Ja,« erwiderte sie traurig, »es war das ganze Vermögen. In dem dritten Beileidsbrief, den ich zwei Tage nach meines Vaters Tode erhielt, wurde mir diese Stelle angeboten. Ich muß sagen, es hat mir weh gethan, denn ich hätte gewünscht, man hätte wenigstens gewartet, bis ich mich ausgesprochen … Aber dann habe ich meine Lage in ihrem ganzen Umfang kennen gelernt, und angenommen. Nur bat ich, man möchte mir ein wenig Zeit lassen, und man gewährte mir drei Wochen. – Schließlich war dies lang genug, da ich ja doch einmal anfangen mußte.«

»Aber Ihre Verwandten, Ihre Freunde?«

»Wir haben nur noch ganz entfernte Vettern! Sie und meine Freunde sagten, ich thue recht daran. Was hätten sie denn anders thun sollen? Außerdem versäumt man, sich an andre Menschen anzuschließen, wenn man sich gegenseitig so lieb hat, wie mein Vater und ich. Dazu kommt noch, daß wir ein viel zu nomadenhaftes Leben geführt haben, um mehr als oberflächliche Bekannte um uns zu haben – oder Schmarotzer, die nur um unsres Reichtums willen kamen.«

Jean glaubte, der Ton des jungen Mädchens sei bei den letzten Worten etwas bitter geworden, und unwillkürlich dachte er selbst an das Siebengestirn.

»Nun,« rief in diesem Augenblick der Bankier mit triumphierender Stimme: »Alles ist in Ordnung! Was sagen Sie zu übermorgen? Oder ist Ihnen das vielleicht zu früh?«

Jean war, wie er in kaltem Ton wiederholte, dies alles ganz einerlei, und als er sich vor dem jungen Mädchen tief verbeugte, um sich zu verabschieden, bemerkte der Bankier plump: »So, so! Alte Bekannte! Es ist doch merkwürdig, wie man sich wiedertrifft!«

In einigen kurzen Worten erklärte Jean, »er habe in der That früher die Ehre gehabt, der gnädigen Komtesse vorgestellt worden zu sein.« Dann verbeugte er sich mit gemessener Höflichkeit vor der Hausfrau und empfahl sich. Der Bankier war so verblüfft durch sein Benehmen, daß er im Lauf des Abends noch mehrmals wiederholte: »Schwerenot, ist das eine Kratzbürste! Sticht, wo man ihn anfaßt … Na, ich habe erreicht, was ich wollte, und alles andre kann mir ›Wurst‹ sein!«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.