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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Fünftes Kapitel

Seit einer Woche sprach man nur noch von dem entsetzlichen Krach, der so ganz plötzlich eingetreten war.

Alle Morgen berichteten die Zeitungen von neuen Bankerotten, häufig genug auch von einem neuen Selbstmord.

Es handelte sich nicht um eine der gewöhnlichen Börsenkatastrophen, von denen nur ein bis zu einem gewissen Grade auf solche Ereignisse vorbereiteter Kreis betroffen wird, sondern die Sache lag viel schlimmer. Männer aus der Gesellschaft und aus Kreisen, die im allgemeinen jeder Spekulation fremd sind, sahen sich völlig zu Grunde gerichtet. Ein Versuch, hier zu erklären, was überhaupt nie so recht aufgeklärt worden ist, wäre ein Ding der Unmöglichkeit und würde viel zu weit führen.

So groß die Entfernung zwischen dem festen Lande und den Marineoffizieren auch sein mochte, so gelangten doch von Zeit zu Zeit Nachrichten aus der civilisierten Welt zu ihnen, und das war noch öfter der Fall, wenn sie, wie jetzt gerade, in den französischen Gewässern weilten. Sie erhielten ganze Pakete von Zeitungen, von denen die ältesten allerdings um einige Tage zurückdatierten, aber dafür hatten sie den Vorteil, Anfang und Ende eines Dramas gleichzeitig kennen zu lernen.

Man kann sich die Empörung denken, in die sie durch die Nachricht von der besagten Katastrophe versetzt wurden. Jean besonders geriet ganz außer sich und brach in die schrecklichsten Verwünschungen gegen die Urheber des Unglücks aus, durch das eine Menge angesehener, vornehmer Männer, denen man nur den einen Vorwurf machen konnte, zu vertrauensvoll gewesen zu sein, nicht nur an Geld und Gut, sondern auch an ihrer Ehre geschädigt wurden.

Ueber die Geldfrage ging er mit königlicher Gleichgültigkeit weg, aber der Punkt, der die Ehre so vieler Glieder des Adels berührte, brachte ihn außer sich, und er wünschte, gewisse Persönlichkeiten nur wenigstens eine Stunde lang unter den Händen zu haben, um ihnen eine Behandlung angedeihen zu lassen, die sie ohne Zweifel völlig verdient hatten, die aber stark an die Kerdren des Mittelalters erinnert hätte.

Unter den ihnen bekannten Namen der Opfer hatten alle die jungen Offiziere, die bei Frau von Sémiane zu Gaste gewesen waren, ebenso überrascht als betrübt auch den des Grafen von Valvieux gefunden.

Sein ganzes Vermögen war verloren, und infolge dieses ganz unvorhergesehenen Unglücks war er, wie die Zeitung mitteilte, von einem Schlaganfall betroffen worden, der seinem Leben nach sechs Stunden ein Ende gemacht hatte. Darauf folgte das Lob des Toten und heftige Angriffe gegen die Urheber des Unheils, denen sich die jungen Leute von ganzem Herzen anschlossen.

Der Gegensatz zwischen dem reichen, verwöhnten, so zärtlich geliebten Mädchen, das sie vor kurzem bei der Gräfin Sémiane kennen gelernt hatten, und den Verhältnissen, worin die arme Alice sich heute befinden mußte, war so groß, daß ihr Name in den Gesprächen der Offiziere im Laufe des Tages noch oft wiederkehrte.

Mit immer neuem Genuß erfüllte Jean sein einsamer Dienst in den Stunden der Nacht, und wenn er, vom Wind umtost und bei dem melancholischen Rauschen der Wogen, all der Sorgen und Jämmerlichkeiten gedachte, an denen die Gesellschaft so reich ist, dann war er doppelt froh, daß er den Inhalt und die Freuden seines Lebens außerhalb dieser Verhältnisse gestellt und sich an Bord seines Schiffes als ganz losgelöst von den Sterblichen und ihren häßlichen Ränken betrachten konnte.

Seit diesen Ereignissen war etwa ein Monat vergangen; das Geschwader lag vor Toulon, und dank diesem Umstande sah sich Jean ganz unerwartet in der Lage, ein Geschäft zu ordnen, das ihn in diese Stadt rief. Einem alten Vetter, den er kaum dem Namen nach kannte, und der die letzten dreißig Jahre auch mit den übrigen Verwandten ganz außer Beziehung gestanden hatte, war, als er sein Testament machte, eingefallen, daß er trotz seines hohen Alters doch wahrscheinlich nicht der einzig Ueberlebende der Familie sein werde. Er hatte Erkundigungen eingezogen, und das Ergebnis dieses späten aber nutzbringenden Nachdenkens war, daß er Jean ein schönes Vermögen und eine prachtvolle Sammlung alter Juwelen vermachte, auf die er bedeutende Summen und den größten Teil seines Lebens verwendet hatte.

Das Testament war bei einem Notar in Toulon, das Vermögen und die Sammlung bei einem Bankier in der nämlichen Stadt niedergelegt worden, und diesem lag es ob, die Juwelen dem Erben unter Beobachtung ziemlich sonderbarer Förmlichkeiten persönlich zu übergeben. Der Verstorbene hatte – sei es nun aus einer letzten Sammlereitelkeit, oder aus irgend einem andern Grund – die Anordnung getroffen, daß besagte Sammlung im Salon des Bankiers ausgestellt und Jean von diesem, in Anwesenheit möglichst vieler Zeugen, übergeben werden sollte, nachdem er eine kurze Notiz über jeden einzelnen Gegenstand vorgelesen hatte. Die letzte Maßregel sollte zur Kollationierung der Juwelen dienen und dabei eine allgemeine Vorstellung von deren Wert geben, indem der Ankaufspreis und die letzte Schätzung jedes Stückes beigesetzt war.

Diese Klausel hatte Jean, der darin nur eine dumme Schaustellung und eine Sucht zu glänzen sah, sehr peinlich berührt.

Bei seiner Abneigung gegen alles, was ihn in den Vordergrund drängte, war ihm der Gedanke an eine derartige öffentliche Sitzung so widerwärtig, daß sein erster Gedanke war, lieber auf Vermögen und Juwelen zu verzichten.

Unglücklicherweise war aber diese Möglichkeit vorausgesehen worden, und der Erblasser hatte für den Fall des früheren Todes oder der Weigerung seines Erben sein Vermögen und seine Sammlung dem königlichen Museum in London vermacht: »in Erinnerung der fünfzehn glücklichen Jahre, die er in England verlebt, und der ausgezeichneten Aufnahme, deren er sich dort zu erfreuen gehabt hatte.«

Nun hätte Jean mit dem größten Vergnügen die Armen, ein Spital oder auch ein französisches Museum bereichert, um dadurch der ihm so lästigen Bedingung zu entgehen, aber sobald es sich darum handelte, das Vermächtnis Ausländern zu gute kommen zu lassen, lag die Sache anders, denn der junge Mann war von einem Patriotismus beseelt, der dicht an Chauvinismus grenzte, und hegte gegen keine andre Nation einen so großen Widerwillen, als gegen die Engländer. Natürlich fühlte er auch nicht die mindeste Lust, sich zu berauben, um ein Museum des nebligen Albion dadurch zu verschönern.

Immerhin mußte er einen Entschluß fassen, denn das Geschwader hatte nicht auf ewige Zeiten vor Toulon Anker geworfen: und so wenig angenehm Jean die Sache fand, so lohnte es doch immerhin der Mühe, sie vor der Abfahrt auf die eine oder andre Weise zu erledigen.

So beschloß Jean denn eines schönen Morgens, den mit der Angelegenheit betrauten Bankier aufzusuchen und ihn womöglich zu bestimmen, die Feierlichkeit, die ihm so peinlich war, auf das denkbar kleinste Maß zu beschränken. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, der Bankier werde so wenig als er wünschen, die toulonesische Gesellschaft scharenweise in seinen Salons zu versammeln, und zwei verständigen Männern werde es ein Leichtes sein, ohne eigentliches Zuwiderhandeln, die Absicht eines Narren zu vereiteln, der in seine Schätze so verliebt war, wie Pygmalion in seine Galathea.

Das Haus des Bankiers lag in dem modernsten Teil von Toulon, und Jean, der gegen äußere Eindrücke sehr empfindlich war, runzelte schon auf der dritten Treppenstufe die Brauen.

Die Tapeten, der Teppich, das mit Vergoldungen überladene Geländer, die Livree des ihm voranschreitenden Bedienten – dies alles zeugte so laut von der Geschmacklosigkeit des Besitzers, daß der junge Mann sich angstvoll sagte, er werde es mit einem Emporkömmling der schlimmsten Sorte zu thun haben, und ernstlich daran dachte, wieder umzukehren. Aber der würdevolle Bediente schritt majestätisch die vergoldete Treppe empor, und Jean mußte ihm wohl oder übel folgen. Schließlich wurde er in einen so funkelnagelneuen Salon geführt, daß man hätte meinen können, der Tapezier sei eben erst hier fertig geworden, dann entfernte sich der Zeremonienmeister, um seinem Herrn die Karte des Besuchers zu überbringen, der dadurch Zeit gewann, sich umzusehen.

Nie ist eine Einrichtung mit weniger wohlwollendem Auge betrachtet worden, als diese hier; sie brachte auf Jean denselben Eindruck hervor, wie etwa eine Menge riesiger, funkelnder, kupferner Küchengeräte, und verbreitete so viel Glanz als eine kleine Sonne.

Er sah sich nach allen Seiten um und suchte zu erforschen, woher dieser »leuchtende« Ton eigentlich komme, als der Diener wieder erschien, um ihn ins Arbeitszimmer seines Herrn zu geleiten.

Hier herrschte der nämliche Stil, der nämliche Geschmack, die nämliche Verschwendung. Herr Champlion war ein kleiner, rundlicher Mann mit gutmütigem, rotem Gesicht.

In einem blauen Schurz mit der althergebrachten Mütze auf dem Kopf wäre er der ideale Typus eines vertrauenerweckenden Krämers gewesen, aber eingezwängt in seinen engen Gehrock und mit dem steifgestärkten Hemdkragen, der sich in das fleischige Doppelkinn hineindrückte, fehlte es dem Bankier an allem Nimbus.

»Galvanoplastik,« dachte Jean, während der Bankier sich wieder in seinen Lehnsessel niederließ. »Er hat sich in ein Goldbad gelegt und bildet sich nun ein, er sei was andres geworden, weil er seinen Urstoff mit einer neuen Metallschicht überzogen hat. Na, wenn er sich nur gefügig zeigt!«

Unglücklicherweise lag aber dem Bankier nichts ferner, als die Absicht, sich in diesem Fall gefügig zu zeigen, und zwar aus mehr als einem Grund.

Wie alle plötzlich zu Reichtum gelangten Emporkömmlinge hatte Champlion nur noch den einen Wunsch und den einen Ehrgeiz, Zulaß in der Gesellschaft zu finden, die ihn bisher hatte vollständig beiseite liegen lassen, woran allerdings nicht nur seine niedrige Herkunft, die durch sein großes Vermögen ja vergoldet wurde, sondern auch der Umstand die Schuld trug, daß ihm das Schicksal bis jetzt noch keine Gelegenheit gegeben hatte, sich gesellschaftlich hervorzuthun. Diese Gesellschaft erschien ihm aber als etwas Großartiges, Unerreichbares, weil er sie bis jetzt nur von unten gesehen hatte. Es war nun einmal seine Marotte, seine fixe Idee, seine Narrheit, von ihr zugelassen zu werden, und er hätte ohne Zögern seinen rechten Arm darum gegeben, dies zu erreichen. Hatte er nur erst einmal den Fuß im Bügel, so wollte er schon allein zurechtkommen, dessen war er sicher, und er verlangte auch weiter nichts, als einen Prellstein, einen armseligen kleinen Prellstein, von dem aus er sich aufschwingen konnte.

Und nun bot sich ihm durch die Originalität des Barons von Trélan die so heiß ersehnte Gelegenheit, ohne daß er sich auch nur einen Finger naß zu machen brauchte.

Die seiner Obhut übergebene Sammlung hatte in der Stadt um so mehr Neugierde erregt, als sich kein Mensch rühmen konnte, sie je gesehen zu haben, weil sie von dem Baron zu seinen Lebzeiten gehütet worden war wie eine Sultanin in ihrem Harem.

Sobald daher das Testament bekannt geworden war, herrschte in den müßigen, stets nach Zerstreuung lüsternen Kreisen der eleganten Gesellschaft nur noch ein Gedanke: der Wunsch, bei der Uebergabe der Sammlung anwesend zu sein und sich im voraus eine Einladung zu sichern.

Nun regnete es bei Champlion Briefe, in denen man mit der Unverfrorenheit von Leuten, die gewohnt sind, überall gern empfangen zu werden, um Zulassung bat, und plötzlich stand der glückliche Bankier in brieflicher Verbindung mit der ganzen Stadt. Besonders die Frauen bestürmten ihn, und noch nie hatte er so viel zierliches Gekritzel vor Augen gehabt.

Man behauptete, die Juwelen seien ebenso eigenartig als kostbar, man wußte, daß der Graf von Kerdren jung, schön und etwas menschenscheu war, und man freute sich, diese beiden Dinge bei der nämlichen Gelegenheit begutachten zu können.

Danach läßt sich ermessen, wie der Bankier den Vorschlag Jeans aufnahm, und wie geneigt er war, mit eigenen Händen den Triumphbogen einzureißen, unter dem er sich allnächtlich im Traume durchspazieren sah.

Sofort fing er Feuer und berief sich sehr erregt auf sein gegebenes Wort und seine Ehre als Bankier; sobald er aber sah, daß der junge Mann, der seine äußerst durchsichtigen Beweggründe sofort durchschaute, nicht weiter auf seinem Verlangen bestand, sondern sich darauf beschränkte, ihn trocken nach Tag und Stunde der Zusammenkunft zu fragen, beruhigte er sich sofort wieder. Er bedauerte lebhaft, dem Herrn Grafen in diesem Punkt nicht zu Willen sein zu können, und bat ihn, Tag und Stunde ganz nach Belieben festzusetzen. Dabei verriet er seine Freude in so naiver Weise, daß Jean trotz seines Aergers seinen Spaß daran hatte.

Als letzte Gunst erbat sich der Bankier nur noch, seine Frau zu Rate ziehen und ihr den Herrn Grafen von Kerdren vorstellen zu dürfen. Dagegen war nichts einzuwenden, und Jean folgte ihm in einen zweiten Salon, wo eine Dame in mittleren Jahren, augenscheinlich das ins Weibliche übersetzte Ebenbild ihres Gatten, vor einem Stickrahmen saß und ihre Nadel durch riesige Dahlien zog.

Eilig stand sie auf, so eilig, daß all ihre Wolle auf den Teppich fiel und Jean ihre Begrüßungsworte erwiderte, während er auf der Erde kniete und die Wollsträhne zusammensuchte. Plötzlich sagte die Dame mit lauter Stimme zu jemand, der sich im Hintergrund des Zimmers befinden mußte: »Fräulein, holen Sie doch Angelika her, sie wird sich freuen, den Erben der Sammlung des Herrn von Trélan zu sehen.«

Innerlich wütend darüber, fast als eine Art Sehenswürdigkeit behandelt zu werden, drehte sich der junge Mann um, in der Absicht, diese Persönlichkeit zu begrüßen, die er bei seinem Eintritt nicht bemerkt hatte, weil er sich gleich zur Erde niederlassen mußte, um die Wolle aufzuheben. Mit unsäglichem Staunen sah er sich – Fräulein von Valvieux gegenüber.

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