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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Drittes Kapitel

In den Straßen Nizzas hatte die Erregung ihren Höhepunkt erreicht, und der Tag der Confetti versprach besonders glänzend zu werden.

Es ist ja allgemein bekannt, worin die Lustbarkeit des ersten Karnevalstags besteht und welch unvergleichlichen Anblick die Straßen der Stadt durch die auf ihnen wimmelnden Masken gewinnen.

Vom Aermsten bis zum Reichsten ist alles auf den Beinen, und zwar nicht nur die herzugeströmten Fremden, sondern auch die Einwohner der Stadt.

In Papier oder in Seide – jeder kleidet sich seinen Verhältnissen entsprechend, aber jeder schreit und lacht und beteiligt sich an der Festesfreude, und dadurch entsteht die wunderbare Erregtheit, dieser Feuereifer, wovon unversehens alle angesteckt werden, ohne daß sie wissen wie. Das ist kein im voraus angeordnetes, von oben herunter befohlenes Schauspiel, das sind Leute, die sich auf eigene Faust närrisch belustigen und andern innerhalb zehn Minuten die unüberwindliche Lust einflößen, es ihnen nachzuthun.

Soviel Confetti werfen als möglich und möglichst wenig zurückerhalten – darum dreht sich alles, und jedem, der die Beschaffenheit dieser Gipsgeschosse kennt, die weich genug sind, um auf ihren Opfern in Mehl zu zerstäuben, und doch auch hart genug, um gleich dem Hagel eine unangenehm prickelnde Empfindung zu erregen, wird dieses doppelte Bestreben ganz begreiflich erscheinen.

Diese Geschosse, die von den Wagen aus auf die Fußgänger, von den Altanen auf die ganze Menge herabgeschleudert werden, sind nur den Heuschreckenwolken Aegyptens zu vergleichen; nach Verlauf von zwei Stunden bedecken sie den Boden so dicht, daß die Hufe der Pferde darin versinken und die Wagen aussehen wie Mühlenräder, die unaufhörlich ein gräuliches Mehl zermahlen.

Dazu strahlender Sonnenschein, der diesen blendenden Staub in schimmerndes Gold verwandelt, gute Laune und Humor, lustiges Hin- und Widerreden, Begegnungen aller Art, phantastische, geheimnisvolle, mit dem Reiz des Unbekannten ausgestattete Erscheinungen, und in der Menschenmenge eine Haltung und ein Ton, die die Polizei überflüssig erscheinen lassen.

Das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht.

An einer Straßenecke standen drei als riesige Delphine verkleidete junge Männer und beratschlagten miteinander, während ihnen gegenüber, auf einem eilig errichteten, gebrechlich aussehenden Gerüst, ein großer Domino die Menge fesselte.

An eine Kiste von Confetti gelehnt, die halb so hoch war wie er selbst, in jeder Hand eine Schaufel, kämpfte er unermüdlich, und die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen, die schlagfertigen Antworten, mit denen er die Harlekins heimschickte, die sein Gerüst zu erstürmen versuchten, gestalteten diese Belagerung, der er ganz allein standhielt, zu einer überaus lustigen Scene. Aber alle Vermutungen und alle Zudringlichkeiten waren vergeblich: die Kapuze des Dominos hüllte den Kopf in geheimnisvolles Dunkel, und die buchstäblich durchlöcherten Vorübergehenden zogen den Rücken ein und machten sich davon, während die Delphine, die nun ihrer Sache sicher zu sein schienen, sich zum Angriff rüsteten.

Allein dem Domino, der sie ebenso aufmerksam beobachtete wie sie ihn, war ihre Bewegung nicht entgangen; rasch bewaffnete er sich mit einem großen, ihm zu Füßen stehenden Eimer, füllte ihn bis zum Rand und schleuderte den ganzen Inhalt dieses furchtbaren Gefäßes wenigstens zehnmal auf das Kleeblatt und die verdutzte Menge hinaus. Stürmisches Geschrei und Gelächter erhob sich, und einer der so derb empfangenen jungen Leute sprang in einem Satze auf das Gerüst, griff mit beiden Händen in die Kiste und rief dem Domino zu: »Halbpart, Kerdren, was?«

»Er steht dir ganz allein zur Verfügung, wenn du Lust hast,« erwiderte dieser, indem er die Kapuze zurückschlug und sich Luft zufächelte, »denn ich kann nicht mehr. Seit mehr als einer Stunde bin ich daran, diesen Behälter auszupumpen, ohne daß ich ihm auf den Grund komme. Ich will mich ein wenig ins Gedränge mischen.«

Kaum hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, als er die allgemeine Begehrlichkeit auf sein Gerüst gerichtet sah.

»Steig da hinauf, du Bengel,« rief er einem Kinde zu, das ihn bittend ansah, und hob es am Gürtel hinauf, »Schaufel, Eimer, Confetti – alles gehört dir!«

Ohne den Dank abzuwarten, für den der Kleine keine genügenden Worte finden konnte, schob er seinen Arm durch eine der Flossen, die ihm sein Freund in der Delphinenmaske hinhielt, und raschen Schrittes entfernten sich alle vier.

»Dann war deine Guitarre also nur eine Finte, um uns hinters Licht zu führen?« fragte einer der Offiziere, nachdem sie einige Schritte zurückgelegt hatten.

Als Antwort auf diese Frage schilderte Kerdren in seiner phlegmatischen Art, wie er seinen Morgen verbracht hatte.

Die Guitarre war nur dreisaitig, und als er mit der dritten zu Ende war, und er alle seine Cigarren aufgeraucht hatte, wurde er andern Sinnes und ließ sich ans Land bringen.

Nachdem er sich zu Ehren des Frühlings einen fliederfarbenen Domino ausgesucht hatte, errichtete er sich an einer Straßenkreuzung ein Gerüst, um dort auf vorüberkommende Kameraden zu lauern, mit denen er nun, da er sie gefunden hatte, herumziehen wollte.

Die Bande der jungen Offiziere, die lawinenartig angewachsen war, trieb sich bis zum Abend lustig herum, und Jean war so in Zug gekommen, daß er am nächsten Morgen zu allererst in den Nachen sprang.

Dieser Tag ist der Poesie, der Anmut und der Eleganz geweiht; wohl bekämpft man sich noch, aber diesmal mit höfischen Waffen, und die Geschosse sind Blumensträuße.

Blumen, Blumen und noch einmal Blumen – das ist die Parole des Tages. Blumen in allen Händen, Blumen allüberall, die ganze Stadt scheint sich in ein ungeheures Blumenbeet verwandelt zu haben.

Mimosen, Veilchen, Rosen, Maiblumen – alle die Blüten, die um diese Jahreszeit sich in andern Städten hinter den Scheiben der Gewächshäuser und der Blumenläden verbergen, entfalten hier, in der Heimat, ihre Pracht im Freien, schmücken die Altane und erfüllen die Luft mit balsamischen Wohlgerüchen. Eine solche Verschwendung wird damit getrieben, daß man glauben möchte, der Boden sei noch fruchtbarer, als es in Wirklichkeit der Fall ist, und all diese Kränze und Gewinde seien eben im ersten Morgenstrahl erblüht.

Nur hier sieht man einen Luxus wie den, womit die Equipagen ausgeschmückt sind, und der Anblick, den der Zug der Blumenwagen auf der Promenade des Anglais gewährt, läßt sich mit nichts anderm in der Welt vergleichen.

Selbst die gewöhnlichste Droschke ersetzt ihre Laternen durch große Blumensträuße, bekränzt das Geschirr der Pferde oder verwandelt die Felgen ihrer Räder in duftende Strahlen; von den Privatequipagen aber ist jede einzelne ein Gedicht.

Alles, was fest an einem Wagen ist, wird völlig verdeckt, so daß man erstaunt ein Fliedergebüsch, eine Bütte voll Rosen oder einen Korb voll Hyazinthen an sich vorüberziehen sieht, zwischen denen lichte Frauengestalten emportauchen, die zwischen der Blütenfülle sitzen oder stehen, als ob sie eben erst mit den letzten Knospen erblüht wären.

Man wähnt sich in die gute alte Zeit der Feen und Zauberer zurückversetzt, und all den anmutigen Equipagen fehlt nur noch ein Gespann von Tauben oder weißen Einhörnern, um sie über die mit Blumen bedeckte Erde wegzuführen.

Der Wagen, dem in diesem Jahre der Preis zuerkannt worden war, stellte ein großes, aus Theerosen und weißen Veilchen zusammengestelltes Schiff dar, das auf einem mit großem Schilf bewachsenen Meer von Farnkräutern und Frauenhaar dahinzugleiten schien.

Der Mast, das Tauwerk, das sich anmutig von einem Ende zum andern wand, das Steuer, der Anker, der mit seiner langen Kette aus Veilchen auf dem grünen Meer nachschleppte – das alles war ganz vollkommen, und die dreifarbige Flagge, die über der Gaffel wehte, warf seidenweiche Falten.

Mit offenem Munde staunten die Matrosen des Geschwaders den Wagen an, den sie wohl zum zehntenmal an sich vorüberziehen sahen und jedesmal mit neuer Freude begrüßten.

Obgleich sie als Leute vom Fach Einzelheiten tadelten, die ihnen nicht ganz korrekt vorkamen, so fühlten sie sich doch alle verherrlicht durch das preisgekrönte Schiff, und die Menge schien gleicher Ansicht zu sein, denn bei jedem Zusammentreffen der Matrosen mit dem blühenden Segelschiff brach sie in laute Hochrufe aus und überschüttete die Seeleute mit duftigen Geschossen, was diese erwiderten wie Männer, die an derartige Erfolge gewöhnt sind.

Die Begeisterung war die nämliche für die Mannschaft und Offiziere, und noch nie waren diese so gut beraten gewesen wie an diesem Morgen, als sie beschlossen, sich einfach als Marineoffiziere zu »verkleiden«. Sie waren auch so sehr Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, daß ein Diener in Kniehosen, der sich seit einigen Augenblicken mit ungemeiner Sicherheit durch die Menge bewegte, geradeswegs auf sie zuschritt und sich nach kurzer Erkundigung vor Jean verbeugte und ihm einen Brief überreichte.

Der Briefumschlag war klein und mit einem Tropfen roten Siegellacks verschlossen, was zu allerlei Scherzen Anlaß gab, während der Bediente um einige Schritte zurücktrat und dann mit entblößtem Kopf unbeweglich stehen blieb, wie ein Mensch, der weiß, daß er noch nicht fertig ist.

Entführung, Anerbieten eines Sekundanten, Farbe der Haare und Augen – dies alles hatten seine Kameraden sich zusammenphantasiert, während Jean einen Blick auf die Unterschrift warf und dann lächelnd weiterlas, was die Scherze verdoppelte, bis er sie mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.

 

»Ergeben Sie sich drein, lieber Freund,« begann er laut zu lesen, »hier handelt es sich auch nicht um den Schatten eines Abenteuers, obgleich der Brief von einer Frau kommt; und ich bin völlig überzeugt, daß Sie mich zu allen Teufeln wünschen, wenn Sie sehen, daß es sich nur um mich handelt.

Widersprechen Sie nicht! Es steht fest, daß dies für einen Karnevalstag ein recht mäßiges Glück ist, und ich wünsche – Nein! ich wünsche gar nichts, wenn Sie heute abend daran denken wollen, daß ich dies Jahr eine größere Villa gemietet habe als sonst, und daß mein Speisesaal notorisch groß genug ist, um alle Löwen des Tages aufzunehmen.

Und dies will heißen – falls ich dem Lärm glauben darf, der bis zu meinem Fenster heraufdringt – Sie und so viele Ihrer Kameraden, als Sie bei mir einführen wollen.

Mein Haushofmeister hat sich auf Unvorhergesehenes eingerichtet, und ich verspreche Ihnen, daß wir nicht ganz verhungern werden. Dem habe ich noch hinzuzufügen, daß ich heute abend noch eine Menge hübscher Nizzaer Damen erwarte und glaube, daß mein altes Klavier noch bis zwölf Uhr aushalten wird … ich sage zwölf Uhr, weil diese Stunde heute noch bedeutungsvoller ist als bei Aschenbrödel – der Beginn des Aschermittwochs! …

Entschuldigen Sie mich bei Ihren Freunden, daß ich ihnen keine persönlichere Einladung zukommen lassen kann, und sagen Sie ihnen, daß ich alle Seeleute liebe – bei Ihnen angefangen.

Françoise von Sémiane.«

 

Offenbar waren auch alle anwesenden Seeleute geneigt, die Gräfin von Sémiane zu lieben, denn es ergab sich, daß die ganze um Jean versammelte Gesellschaft ihre Einladung einstimmig annahm, wie ihr Jean in ein paar Worten mitteilte, nachdem er seine Freunde gezählt hatte.

Die seit mehreren Jahren verwitwete Gräfin von Sémiane war die beste Freundin von Jeans Großmutter gewesen.

Sie hatte seine Mutter als Kind, als junges Mädchen und als junge Frau gekannt und interessierte sich deshalb sehr für ihn. Leider war ihr in der Auvergne gelegenes Landgut so weit von der Bretagne entfernt, daß sie den jungen Mann kaum kannte, als er in die polytechnische Schule eintrat.

Während der Winter, die er in Paris verlebte, hatte sie ihn viel bei sich gesehen, und sie liebte ihn auf ihre Weise, ohne ihn je verstehen zu können.

Dieser Charakter, der so ganz aus einem Guß war, machte einen eigenartigen Eindruck auf sie, und sie behauptete, Jean gleiche einer wohlverschlossenen Schachtel, deren Deckel sich unaufhörlich bewege und die man mit Herzklopfen beobachte, weil man nicht wissen könne, ob sie ein reißendes Tier oder eine sanfte Taube enthalte.

Gleichwohl hatte sie ihm vorgeschlagen, seine Verbindung mit irgend einer hübschen Erbin zu vermitteln, weil sie es für ihre Pflicht als alte Witwe hielt, ihm auf diesem Gebiet zu Hilfe zu kommen; da er aber alle Heiratsgedanken weit von sich gewiesen und erklärt hatte, er werde seinen Namen und seinen Titel einem Vetter vererben, damit sie nicht ausstürben, hatte auch sie diesen Gedanken fallen gelassen und sich darauf beschränkt, ihm jederzeit, wo sich ihr die Gelegenheit bot, ihr Haus gastlich zu öffnen.

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