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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Zweites Kapitel

Seit undenklichen Zeiten waren alle Grafen von Kerdren Seeleute gewesen.

Wohlverstanden, so lange es anging, Piraten; als sie aber darauf verzichten mußten, auf eigene Rechnung Krieg zu führen, thaten sie Dienst in der Marine. Uebrigens hatten sie auch diese Fehden zur See mit der ihnen eigenen Thatkraft geführt, und die Zahl der Engländer, die von ihnen beseitigt worden sind, ist nicht zu berechnen, nur hatten sie dies selbstverständlicherweise nicht aus Gehorsam gegen den König gethan, sondern weil es ihnen so beliebte, und sie verlangten, daß die Sache auch so aufgefaßt wurde. Auch als sie später bei Hofe verkehrten, verstanden sie es, ihre Eigenart zu wahren, und brachten ihre Ergebenheit stets als ein freies Geschenk dar, nicht wie einen schuldigen Tribut. Da es selbstverständlich war, daß überall, wo man sich um eine von ihnen gebilligte Sache schlug, ein Kerdren mit dabei war, fehlte es ihren Chronisten nie an heldenmütigen oder ritterlichen Thaten, und wenn ihr Name in den schlimmsten Tagen des Jahres 1793 nicht genannt wird, so kommt dies nur daher, daß der Vater des kleinen Grafen, der damals sorglos auf seinen Gütern heranwuchs, in Amerika gefallen war.

Der gegenwärtige Graf, der junge Marineoffizier, der an Bord seines Schiffes Guitarre spielte, vereinigte mit einigen andern Zügen, die ihm besonderes Gepräge verliehen, alle Eigentümlichkeiten seines Geschlechtes.

Er war körperlich ein Mann, den man wenn nicht lieben, doch jedenfalls achten mußte. Groß, breitschulterig, von elegantem Wuchs und raschem Gang, brachte er schon auf den ersten Blick den Eindruck von Kraft und Entschlossenheit hervor; dies fiel zuerst in die Augen, und erst später bemerkte man sein vollkommen vornehmes Benehmen.

Auch sein Gesicht war interessant, ohne regelmäßig schön zu sein: die Stirne, eine echt bretonische, viereckige Stirne, auf der der Starrsinn geschrieben stand, zeugte von einem Verstande, der keineswegs all seinen Landsleuten in so hohem Grade eigen ist. Ueber den Augen wölbten sich buschige, tadellos schön geschwungene Brauen.

Die kurzen beweglichen Flügel der ziemlich langen Nase zeugten von ständiger Thätigkeit des Geistes, von ständigem Suchen, Forschen und Beobachten.

Dank dem vorschriftsmäßig zugestutzten Backenbart glich der Schnitt des Gesichtes dem der meisten übrigen Marineoffiziere. Der außerordentlich entschlossene Mund war mit prächtigen Zähnen geschmückt und lächelte – falls er überhaupt lächelte – mit einer Anmut, die von dem hochmütigen Hintergrund eigenartig abstach.

Die Augen, die an sich schon hingereicht hätten, ein unschönes Gesicht zu verschönen, glühten in ständigem Feuer; sie waren groß und breit geschlitzt, wie Augen, die sich nicht zu zeigen scheuen, und spiegelten jede wechselnde Empfindung so lebhaft wieder, daß ihre Farbe sich dadurch zu verändern schien und eine ganze Skala vom tiefsten Schwarz bis zu bläulichen Tönen durchlief, je nachdem der Blick milder oder strenger wurde. Diese Augen hatten auch etwas vom Adler und von der Sonne an sich, und wenn man die braune, mit einem goldenen Schimmer überhauchte Gesichtsfarbe des jungen Mannes betrachtete, so fühlte man sich versucht, zu fragen, ob ihn nicht seine eigenen Strahlen verbrannt hätten.

Innerlich war Jean von Kerdren ein merkwürdiges Gemisch von den seinem Geschlecht eigenen Charakterzügen und von modernen Gefühlen.

Der überlieferte Starrsinn und Stolz waren bei ihm im höchsten Grade entwickelt, und der Wahlspruch der Kerdren:

»Mutig voran,
Niemals zurück,
Führt Kerdrens Geschick!«

war ihm ebensosehr aus dem Herzen gesprochen als irgend einem andern seines Geschlechts, nur sein Stolz war etwas andrer Art als der seiner Ahnen, denn er legte seiner Umgebung gegenüber keinerlei Ueberhebung an den Tag.

Seit dem Krieg von 1870, aus dem sein Vater nicht wieder heimgekehrt war, verwaist, hatte Jean seine Jugend in anhaltender, einsamer Arbeit verbracht, so daß er als achtzehnjähriger Jüngling mit einem aus sich selbst herausgebildeten Charakter stolz, zuverlässig, tapfer, aber etwas schweigsam, in die polytechnische Schule eintrat. Den beiden Lebensjahren, die er dort in Gemeinschaft mit andern lustigen, lebhaften jungen Leuten verlebte, verdankte er das, was er an Heiterkeit besaß; bis dahin hatte ihm dieser Sinn völlig gefehlt, und diese so spät erwachte Munterkeit behandelte er auf eigentümliche Weise: er speicherte sie auf wie etwas, das man auf Lager hält. Von Zeit zu Zeit öffnete er die Thür seiner Vorratskammer, und dann war keiner so lustig und so aufgelegt zu Tollheiten aller Art, als er; aber das verging so schnell, als es gekommen war, und angesichts seines plötzlichen Ernstes wagte man kaum, sich des vorhergegangenen Uebermutes zu erinnern.

Obgleich er dabei der verbindlichste Kamerad und der zuverlässigste Freund war, traten doch in seinem Wesen so viel Widersprüche und Eigentümlichkeiten zu Tage, daß sein Ruf als Original ganz begründet erschien.

Mit zwanzig Jahren hatte er die Anstalt verlassen, sich direkt an Bord eines Schiffes begeben und seither beständig um Verwendung zur See nachgesucht, denn nach seiner Vaterlandsliebe und dem Kerdrenschen Stolz kam als dritte Leidenschaft seine Liebe zum Meer; von Kindheit auf hatte es ihn bezaubert und gelockt, war ihm ein vertrauter Freund und der Inbegriff aller Poesie gewesen.

Nur solche, die selbst lange am Meer gelebt haben, verstehen, welche Rolle es im Leben und Denken der Strandbewohner spielt; es ist ihnen alles, nicht bloß weil es ihnen Nahrung spendet, sondern weil sie es lieben.

Und mit welcher Verachtung sprechen sie von den Bewohnern des Binnenlandes, von den »Landratten«, wie sie sagen. Sie dünken sich unendlich erhaben über diese und scheuen sich durchaus nicht, dies auszusprechen. Selbst der stets drohende Tod vermag dies Gefühl nicht zu vermindern; nachdem sie die Opfer von heute aufrichtig betrauert haben, fahren sie morgen vertrauensvoll wieder hinaus: ihr Schiff ist ja so gut und die heilige Jungfrau allmächtig.

Auf einen Geist wie den Jeans mußte dieser Eindruck noch viel kräftiger wirken, und so hatte er denn auch von Kindesbeinen auf dem Meer eine Liebe geweiht, die mit den Jahren nur gewachsen war. Er verstand es in den Ausbrüchen seines Grimmes und bewunderte die Wut, mit der es sich über Felsen und Klippen stürzt.

Dagegen liebte er es etwas weniger, wenn es sich beruhigte; er zürnte ihm, daß es sich, ausgerüstet mit so ungeheurer Kraft, friedlich glättete wie ein kleiner See und schmeichelnd die nämlichen Felsenriffe umspülte, die es kurz zuvor so zornig gepeitscht hatte.

Mit seinen fünfzehn Jahren war er eben noch für beständigen Sturm und Kampf! … Gleichwohl grollte er seiner geliebten See nicht lange, sondern ließ sich, in eine Felsenhöhlung geschmiegt, durch ihr melodisches Rauschen so gut einwiegen, als durch ihr zürnendes Tosen.

Manchmal vertraute er ihr an, was seine Seele bewegte, und niemand in der Welt konnte sich rühmen, aus dem Munde Jeans so viele vertrauliche Mitteilungen empfangen zu haben, als der Ocean, sein einziger, eigenartiger Jugendgespiele.

Seine Vorliebe für stürmisch bewegte Tage war ihm geblieben, und wenn die Wogen um den Kiel seines Schiffes tosten, wie einstens um die Felsenriffe von Kerdren, und wenn er, dank seiner Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit, aus dem Kampf mit den Elementen als Sieger hervorging, da erbebte er vor Freude. Im Grund seines Herzens aber beklagte er seine Freundin, die See, daß sie sich hatte besiegen lassen – es war ihm, als müsse sie sich gedemütigt fühlen, und er hatte nicht übel Lust, wie einstens zu ihr zu sprechen, um sie zu trösten.

Nie fühlte er sich so glücklich, wie wenn er nachts auf Wache war; da fühlte er sich so ganz allein mit den Sternen und der wogenden See. Wenn er auf der Laufbrücke stand und mit seinen Blicken die Nacht zu durchdringen suchte, verglich er sich gar manchmal, wie in seinen Kinderträumen, mit dem Gott des Meeres, und wiederholte gern, wie die Piraten von ehedem:

»Wohin wir wollen, um Felsenriffe
Treibt uns der Sturm, das Segel der Schiffe!«

Daß er bei einer solchen Charakteranlage das Deck seines Schiffes jedem andern Orte vorzog und nur gelegentlich und vorübergehend in der Gesellschaft lebte, läßt sich leicht begreifen. Nicht als ob er sich in der vornehmen Welt unsicher oder linkisch gefühlt hätte – sein Name öffnete ihm alle Thüren und sein Reichtum und sein vornehmes Auftreten sicherten ihm überall den schmeichelhaftesten Empfang – aber es gefiel ihm nicht sehr. Trotzdem kam es vor, daß er in engerem Kreise äußerst lustig war, so lustig, daß ihm niemand widerstehen konnte; dann organisierte er Ausflüge, Theateraufführungen und Verkleidungen aller Art; da er aber immer nur beschränkten Urlaub nahm, kam mitten hinein der Befehl zur Einschiffung, und dem gegenüber hielt nichts stand. Im Handumdrehen war er wieder der ernste, pflichtgetreue Seemann, packte seinen Koffer, reiste eiligst ab und verschwand wiederum auf zwei oder drei Jahre.

Wenn Jean bei diesen flüchtigen Gelegenheiten auch die eine oder andre Leidenschaft erweckt hatte, so schien er selbst doch nichts empfunden zu haben, und der Eifer, mit dem er jedesmal abreiste, zeugte für seine völlige Herzens- und Geistesfreiheit.

Offen und laut hatte er seinen Entschluß verkündet, sich niemals zu verheiraten; er hielt seinen so leidenschaftlich geliebten Beruf für unvereinbar mit dem Familienleben.

»Die erste Bedingung, ein guter Offizier zu werden, besteht darin, daß man sich von jeder Fessel frei hält,« sagte er. »Man muß auf einen Befehl hin sorgenlos und ohne rückwärts zu blicken von einem Ende der Welt ans andre segeln können, und das ist für einen Gatten und Vater ein Ding der Unmöglichkeit. Die Frau ist krank, das Kind bedarf einer Luftveränderung, man sorgt für sie, man liebt sie und wünscht den Dienst, der einen nach Cochinchina jagt, während das Herz in der Heimat zurückbleibt, zu allen Teufeln. Man muß seine Wahl treffen, und ich habe gewählt: ich will ein guter Seemann werden und habe mich, gleich dem Dogen von Venedig, dem Meer vermählt!«

Uebrigens hatte Jean infolge seiner Lebensweise als Kind und als Jüngling nur wenig Frauen aus der Gesellschaft um sich gesehen. Deshalb kannte er sie nur oberflächlich und hielt sie für viel zarter und gebrechlicher, als sie in Wirklichkeit sind. Sie kamen ihm vor wie hübsche Luxusartikel, die unendlich viel Sorgfalt erfordern und ständig in Baumwolle gewickelt werden müssen, und der Beruf eines Packers hatte wenig Verlockendes für ihn.

Uebrigens war er gegen alle Frauen so höflich, wie Ludwig XIV., ihr Geschlecht gab ihnen in seinen Augen ein Recht auf die ritterlichste Höflichkeit, ja sogar auf einen Schutz, der bis zur Selbstaufopferung gehen konnte. Es war dies eine althergebrachte Gewohnheit seines Hauses, und Jean hatte es nicht für nötig gehalten, sich in dieser Beziehung zu modernisieren.

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