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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 28
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Am Tage der Priesterweihe Herrn von Kerdrens war die Kirche von Saint Sulpice zur Hälfte von seinen Kameraden und Freunden gefüllt, und Jean sah sich von allgemeiner Teilnahme umgeben. Treu seinem Wort, hat ihn Yves bis hierher begleitet, soweit es Jeans neues Leben zugelassen hatte. Alle, die wie er die Geschichte dieses gebrochenen Herzens kennen, blicken mit feuchtem Auge auf die weiße Stola des jungen Priesters, auf die goldumränderten silbernen Lilien und hauptsächlich auf die letzte, unvollendet gebliebene, deren etwas geneigter Blütenkelch eine symbolische Bedeutung zu haben scheint.

*

Kerdren liegt stumm und verschlossen wie ein Grab. Die Matrosen von der Jacht berichten an den langen Winterabenden von der traurigen Zeit ihrer Seereise mit der Herrschaft, und die Bauern hören zu und gedenken weinend ihrer gnädigen Frau.

Jean hat es nie über sich vermocht, wieder einen Fuß in das Schloß zu setzen; aber weil er all den wackeren Gutsangehörigen einen guten Herrn geben wollte, so hatte er noch mit seiner Frau beschlossen, Kerdren seinem Vetter Yves als Hochzeitsangebinde zu übermachen. Die Juwelensammlung befindet sich vollständig dort, nur der Verlobungsring Alices fehlt. Jean hatte nicht gestattet, daß man ihn von ihrer erkalteten Hand abzog.

»Es wird keine Frau von Kerdren mehr geben,« sagte er, »ich will, daß sie ihn mitnimmt!«

Der Abbé von Kerdren wurde im Kirchspiel von Notre-Dame des Champs angestellt, worum er gebeten hatte, und man erklärt sich dies leicht, wenn man weiß, daß diese Kirche ganz nahe beim Kirchhof Montparnasse gelegen ist.

Der Schmerz des jungen Priesters ist nicht mehr so herb wie in den ersten Tagen, wo sein entsetzter Vetter ihn an der Pforte des Wahnsinns glaubte, aber noch immer blutet die Wunde in der Tiefe seines Herzens, und an einem schönen Sommerabend, als er durch die Rue de Vaugirard ging, hat man ihn, an das Gitter des Luxembourg gelehnt, weinen sehen.

Ihm gegenüber stand ein Fenster offen und im Innern des Hauses sang eine junge, frische Stimme das »Lebewohl« von Schubert mit so viel Empfindung, daß ihm Ton um Ton zu Herzen ging und eine Erinnerung um die andre in ihm heraufbeschwor.

 

Ende.

 

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