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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 25
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Zwei Monate waren verflossen, und wenn man nicht absichtlich die Augen vor den Thatsachen verschließen wollte, was nicht in Jeans Natur lag, so konnte man unmöglich die schreckliche Veränderung übersehen, die mit Alice vorgegangen war. Während der ersten vierzehn Tage schien ein guter Erfolg den so entschlossen begonnenen Versuch krönen zu wollen, und der junge Offizier war zweimal ans Land gegangen, um glücklich und triumphierend an den Arzt zu telegraphieren.

Die junge Frau hustete kaum mehr, schlief gut und aß viel, und obgleich sie noch nicht zunahm, sah sie, dank ihrer frischen Gesichtsfarbe, aus, wie zu ihrer besten Zeit.

Dann aber war plötzlich, von einem Tag zum andern, eine Veränderung eingetreten und ihre Kräfte hatten sichtlich nachgelassen.

Der rasche Wechsel und die besondere Umgebung, in die sie sich versetzt gesehen, hatten lebhaft auf sie gewirkt, und die frische Seeluft hatte das schwache Blut zu neuer Thätigkeit angeregt und ihm die einstige Frische und Bewegung wiedergegeben.

Nachdem sie sich aber völlig akklimatisiert hatte, verschwand die Wirkung zugleich mit der Neuheit der Ursache, und Alice sank vielleicht nur desto mehr zusammen, weil die Aufregung so mächtig gewesen war.

In den ersten Tagen war der Unterschied noch kaum zu bemerken gewesen, und Jean hatte sich keine Sorge gemacht, weil er es nur für eine vorübergehende Ermüdung hielt; allein nach Verlauf einer Woche begriff er, daß das Schwinden der Kräfte stetig zunahm, daß jeden Tag etwas verloren ging, was nicht wieder kam, und daß der Verlauf der Krankheit weiterging. Von da an verfolgte er Stunde um Stunde, mit der entsetzlichen Pein eines Menschen, der machtlos und unthätig ein furchtbares Verhängnis über sich hereinbrechen sieht, die Fortschritte des Uebels.

Es war eine Marter, der keine andre zu vergleichen ist, und in den Stunden, wo sich Jean allein und vor Ueberraschung ganz sicher wußte, gab er sich den wildesten Ausbrüchen der Verzweiflung hin. Wenn er so Schritt um Schritt das Verhängnis nahen sah, das ihm das Wesen, das er am meisten liebte in der Welt, entreißen wollte, wenn er sich sagte, daß er bald sein Weib verlieren müsse, da empörte sich alles in ihm gegen sein Geschick und das rebellische Blut der Kerdren tobte in seinen Adern.

Zwei Monate lang hatte er die verschiedenen von dem Arzt vorgeschriebenen Behandlungsweisen angewendet: Kreosot, Jod, besondere Ernährung und kleine Schorfe, die er selbst mittelst eines Aetzstiftes bei der jungen Frau erzeugte. Mit bewunderungswürdiger Fügsamkeit ließ sie alles mit sich geschehen, allein es blieb alles wirkungslos, und die Schwäche nahm mit unbarmherziger Regelmäßigkeit langsam zu.

Eines Tages hatte sie plötzlich die Treppe nicht mehr allein hinaufgehen können; es war ihr, als hätte sie Blei in den Füßen, und ihre Beine waren so schwach! Sie hatte ihren Gatten herbeigerufen, und der hatte seinen starken Arm um sie geschlungen und sie beinahe hinaufgetragen. Die Spaziergänge Alices auf Deck wurden immer kürzer, denn sie kam schon ganz außer Atem, wenn sie es nur zweimal durchmessen hatte, und nun lag sie meistens auf dem Ruhebett von gepolstertem Weidengeflecht, das man für sie auf das Vorderschiff gebracht hatte. Ihre Hände waren noch immer thätig, aber eines Abends mußte sie beim Klavierspielen völlig erschöpft plötzlich abbrechen, weil das Stück, das sie spielte, etwas schwierig war. Von da an hielt sie sich an ganz leichte, kurze Sachen, deren Reiz hauptsächlich in dem Gefühl bestand, das sie hineinlegte. Unwillkürlich spielte sie etwas langsamer, wie überhaupt alle ihre Bewegungen sich verlangsamten, und die ruhigen, sanften, etwas traurigen Melodieen schienen sie selbst zu verkörpern, so wie sie jetzt war.

Auch ihr Atem war so kurz und ihre Stimme so schwach geworden, daß sie nicht mehr singen konnte. Eines Abends mußte sie abbrechen, und dann versuchte sie es niemals wieder.

Ihr Schwanengesang war der »Abschied« von Schubert gewesen, das traurige Lied, das vom Sterben spricht. Sie hatte es nicht beachtet, aber Jean hatte es wohl bemerkt, und die Worte gruben sich tief in sein gepeinigtes Herz.

Durch die fast unerhörte Verblendung, die die Vorsehung den Kranken dieser Art als besondere Gnade zu teil werden läßt, war Alice die Einzige an Bord, die ihren Zustand nicht erkannte. Der Verfall ihrer Kräfte kam so allmählich, daß sie seinen Umfang nur durch Aufsuchen von Vergleichspunkten in der Vergangenheit hätte ermessen können, und daran dachte sie gar nicht.

Die Entkräftung, die sich ihrer bemächtigte, schien sich auch auf ihren Geist zu erstrecken und ihr die Erinnerung an frühere Tage so zu trüben, daß sie gar nicht merkte, bis zu welchem Grad sie sich von der Frau, die vor Monaten an Bord der Jacht gekommen war, unterschied.

Jean hatte der Schiffsmannschaft, die Frau von Kerdren verehrte und jeden Morgen angstvoll nach ihrem Antlitz spähte, den Befehl gegeben, gar nicht zu thun, als ob sie krank sei, und sie nie nach ihrem Befinden zu fragen, wenn sie im Vorbeigehen freundlich mit den Leuten spreche.

So lebte die junge Frau in völliger Täuschung. Natürlich fühlte sie sich matt und schwach, allein sie schrieb dies einem Anfall von Blutleere zu und wartete geduldig, bis das Eisen und der alte Wein ihre Wirkung thun würden.

Nur ein einziges Mal machte sie eine Bemerkung über ihr Befinden. Ihr Gatte saß neben ihr und betrachtete die Küste von Tunis, der sie sich näherten.

»Weißt du,« sagte sie plötzlich zu ihm, »wie alt meine Mutter war, als sie starb? …«

Jean schauerte zusammen und zuckte mechanisch die Schultern, da er nicht die Kraft hatte, zu antworten.

»Kaum vierundzwanzig Jahre,« fuhr sie mit großem Ernst fort; »ist es nicht merkwürdig, daß ich beinahe im nämlichen Alter auch eine Krisis dieser Krankheit durchzumachen habe?«

Sie sagte dies so gelassen, daß der junge Mann wohl merkte, wie weit sie davon entfernt war, die Wahrheit zu ahnen; als er beharrlich schwieg, sprach sie ruhig von etwas anderm.

Seit ihrer Abreise hatten sie in Syrakus, Athen, Konstantinopel, in Kleinasien und in Aegypten gelandet. Anfangs war Alice auch ans Land und ein wenig spazieren gegangen, aber jetzt begnügte sie sich mit dem Gesamtbild, das sich ihr vom Schiff aus bot, und in Tunis verbrachte Jean allein einige Stunden am Land.

Wiederum waren zwei Wochen vergangen; jetzt stand die junge Frau nicht mehr von ihrem Ruhebett auf und hatte auch ihre letzten Beschäftigungen aufgeben müssen.

Trotz seines Wunsches, in ihren Gewohnheiten keinerlei Aenderung eintreten zu lassen, mußte ihr Gatte sie jetzt wie ein Kind auf den Armen tragen, und während man ihr morgens die Haare machte, fing sie an, die furchtbare Abmagerung ihres Gesichtes betrübt im Spiegel zu betrachten.

Es war, als würden ihre Augen auf Kosten ihrer Umgebung immer größer; sie leuchteten mit einem beinahe erschreckenden Glanz und Feuer unter den dunklen Wimpern hervor.

Sobald sie sich ein wenig ausstrecken wollte, bekam sie fürchterliche Bangigkeiten, und man mußte sie, mit mehreren Kissen gestützt, in einen Lehnsessel setzen.

Als dies geschah, trat ein fremder Ausdruck auf ihr Gesicht, und traurig blickte sie in die See hinaus, als sollte ihr diese die Lösung des Rätsels, das sie beschäftigte, zurauschen. Eines Tages entdeckte sie Thränen in den Augen eines Matrosen, der sie von weitem betrachtete; und dieser naive Schmerz, den sie sich nicht erklären konnte, erweckte tausenderlei wirre Gedanken in ihrem Kopfe.

Auch das veränderte Gesicht ihres Gatten fiel ihr auf. Die innere Verzweiflung des jungen Mannes blieb nicht ohne Einfluß auf seine Gesundheit, und das entsetzliche Leid, dem er sich während der Nacht und in jedem einsamen Augenblicke hingab, übte eine schreckliche Wirkung auf sein Temperament aus. Am entsetzlichsten waren seine leidenschaftlichen und wilden Ausbrüche, in denen er gegen den Himmel und gegen sein Schicksal lostobte, und schwor, er würde sich das Weib, das er mit so unendlicher Liebe hegte und pflegte, weder vom Himmel noch von der Hölle entreißen lassen. »Die Vorsehung,« sagte er sich, »hat mir diese Frau in den Weg gestellt, ich habe sie nicht gekannt und nicht nach ihr verlangt – mein einsames Leben war mir genug! Mit welchem Recht hat sie mich dem entrissen, um mich nachher in solch namenloses Elend zu stürzen?«

Nachdem er sich mit rührendem Vertrauen an jeden Strohhalm von Hoffnung angeklammert hatte, wagte er es endlich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, und als er dann begriff, daß die Dauer dieses teuren Lebens nur noch nach Tagen zähle, daß ihn der Abgrund trostloser Einsamkeit aus nächster Nähe angrinse, da beschloß der halb wahnsinnige, an Gott und der Vorsehung verzweifelnde Mann, sein Weib nicht zu überleben und seinem Dasein ein Ende zu machen, sobald sich Alices Augen für immer geschlossen hätten.

Sein im ewigen Schlummer ruhendes Weib wollte er im Schutz der Nacht in das kleine Boot tragen, das für seinen persönlichen Gebrauch bestimmt war, und war er erst mit ihr draußen auf hoher See, außer dem Bereich seines Schiffes, dann wollte er den Boden des kleinen Fahrzeuges durchbrechen und mit seiner armen Toten im Arm langsam, langsam hinabsinken in das große Grab der Seeleute, das sie beide empfangen sollte.

Diese Absicht allein schützte ihn vor völliger Verzweiflung, und oft dachte er mit wilder Glut, ja beinahe mit Freude daran.

Mittlerweile hatte sich Alices Leiden derart verschlimmert, daß die ständige Anwesenheit eines Arztes nötig wurde, nicht um sie zu heilen, sondern um ihr Erleichterung zu verschaffen.

Statt ihren Weg nach Marokko fortzusetzen, änderte die Jacht ihren Kurs und steuerte nach der ägyptischen Küste; das Klima dort bekam der jungen Frau besser, und dies erleichterte Jean das Suchen nach einem Arzt. Von seinem Arzt in Paris hatte er sich längst die Adressen mehrerer in den von ihm angelaufenen Hafenstädten ansässigen Aerzte schicken lassen, und es handelte sich nur darum, einen davon zu vermögen, sich auf unbestimmte Zeit auf seine Jacht zu begeben.

Die Sache erledigte sich viel schneller und besser, als er gehofft hatte. Ein junger Spitalarzt aus Paris hatte sich in der Hoffnung, dort schnell eine große Praxis zu bekommen, in Alexandria niedergelassen, wo er seit einem Jahr vom Fieber verzehrt wurde, was ihm die Erreichung seines Zweckes unmöglich machte. Der Gedanke einer Seereise, die ihm wieder zu Kräften verhelfen sollte, und die Hoffnung, in sein Vaterland zurückkehren zu können, im Verein mit den glänzenden Anerbietungen des Grafen, bestimmten ihn, sofort zuzusagen, und schon am nächsten Tag richtete er sich häuslich auf dem »Kerdren« ein.

Alice hatte die Nachricht von seinem Kommen ganz gelassen vernommen; sei es nun, daß sie nachgerade anfing, klarer zu sehen, und mutig genug war, jede Klage zu unterdrücken, sei es, daß sie gar nichts Auffallendes darin sah – sie legte nur eine liebevolle Dankbarkeit an den Tag.

Zugleich mit dem Arzt war noch ein weiterer Gast an Bord der Jacht eingetroffen. Es war dies ein junger Fähnrich, Yves Kernevel, ein entfernter Verwandter Jeans, dem dieser zu seiner größten Verwunderung gleich bei seiner Landung in Alexandria begegnet war.

Mit offenen Armen und ernster, teilnehmender Herzlichkeit war Alices Gatte von seinem jungen Verwandten empfangen und sofort in die Stadt begleitet worden. Sobald Jean sein Abkommen mit dem Arzt getroffen hatte, war er von seinem Vetter in dessen Wohnung geführt worden, und dort hatte dieser mit großer Schlichtheit gesagt: »Seit deinen Briefen, die mir die Mitteilung von deiner Verheiratung und später die von deinem so vollkommenen Glück« – die letzten Worte hatte er zögernd ausgesprochen – »nach den Kanarischen Inseln brachten, bin ich ohne Nachricht von dir geblieben, und sobald ich wieder in Frankreich anlangte, ist es mein Erstes gewesen, mich nach dir zu erkundigen.«

Er hielt einen Augenblick inne, als ob er nach Worten suche; dann ergriff er Jeans Hände und fuhr mit liebevollem Ungestüm fort: »Ich habe einen sechsmonatlichen Urlaub erhalten und bin sofort abgereist, um einen der Häfen zu erreichen, die du berühren mußtest, und nun stehe ich dir zur Verfügung, solange du willst.«

Als darauf der Graf von Kerdren eine hochmütig fragende Bewegung machte, sagte der Fähnrich betrübt: »Ich weiß alles! Laß mich bei dir bleiben, ich bitte dich! Ich werde mich ganz dünn machen und euer Zusammenleben nicht stören, aber vielleicht thäte es dir doch manchmal gut, wenn du dich aussprechen könntest.«

»Ueber was?« fragte Jean herrisch, ohne ihm zu antworten. »… Daß sie stirbt …?«

Yves neigte schweigend das Haupt, und eine Weile standen sie still nebeneinander.

»Ich danke dir,« sagte Jean endlich, »heute abend werde ich dich abholen lassen – ich muß sie erst darauf vorbereiten.«

Der Fähnrich ließ ihn allein fortgehen; allzu gut hatte er die Thränen gesehen, die in die stolzen Augen seines Vetters traten, als daß er ihn auch nur einen Schritt hätte begleiten mögen.

*

Die Anwesenheit der beiden neuen Elemente veränderte das Leben an Bord einigermaßen und hatte eine gewisse Erleichterung im Gefolge.

Vom nämlichen Zartgefühl geleitet, bestanden Yves und der Arzt darauf, ihre Mahlzeiten allein einzunehmen, und hielten sich auf Deck, ohne aufzufallen, aber doch mit äußerster Zurückhaltung von Alices Ecke fern, doch von Zeit zu Zeit riefen Jean oder Alice sie herbei, wodurch etwas mehr Leben in die Unterhaltung kam. Der zurückgedrängte Schmerz des Grafen und die stetig zunehmende Schwäche seiner Frau ließen beide manchmal verstummen, und dann that ihnen die Gesellschaft der beiden, an ihren Leiden nicht unmittelbar beteiligten jungen Leute wohl.

Der Arzt erzählte dann wohl von seinem Unglücksjahr in Alexandrien und den Eigentümlichkeiten dieser Stadt, und der Fähnrich schilderte in seiner humoristischen Weise die beiden Jahre, die er zur See verlebt hatte.

Die junge Frau hatte sich sofort zu diesem liebenswürdigen Jüngling hingezogen gefühlt, unter dessen jugendlichem Wesen sie vorzügliche Eigenschaften des Herzens und des Geistes herausfühlte; er seinerseits hatte die fürsorgliche, zärtliche Liebe eines älteren Bruders für das herrliche Geschöpf, dessen Anmut trotz aller Veränderungen noch immer auf den ersten Blick zu fesseln wußte.

Wie es der Fähnrich vorausgesehen hatte, war es für Jean ein größerer Trost, als er für möglich gehalten hätte, dem furchtbaren Schmerz, der ihm das Herz zusammenschnürte, ab und zu Luft machen und von seinem ebenso kurzen, als innigen, nun schon entschwundenen Glück erzählen zu können.

Schon in den ersten Tagen hatte er das Kommando ganz in die Hände seines Vetters gelegt, und es gewährte ihm einen großen Trost, die Nächte seinem Leid und den Tag seiner heißgeliebten Kranken widmen zu können, der er die zarteste Aufmerksamkeit und eine immer wachsende Liebe und Verehrung widmete.

Die Verordnungen des Arztes hatten Alices Atmungsbeschwerden ungemein erleichtert, so daß sie jetzt viel mehr sprechen konnte, und es gab Stunden, in denen Jean, wenn er neben ihr saß und die Augen schloß, hätte meinen können, sie weilten noch unter Kerdrens schattigen Bäumen und machten Zukunftspläne – eine Täuschung, die anhielt, bis ein Hustenanfall Alice aufs äußerste erschöpfte und ihn aus seinem Traum aufscheuchte.

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