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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Während die Jacht von Havre nach Marseille segelte, wo die Einschiffung vor sich gehen sollte, waren Herr und Frau von Kerdren in kleinen Tagereisen auf der Bahn dorthin gelangt.

Am Abend ihrer Ankunft hatte sich Jean sofort an Bord begeben, während Alice, die sich etwas müde fühlte, im Gasthof zurückblieb. Schon als Jean ihr vorgeschlagen hatte, sie nach Havre zu führen, um ihre Ansicht über die innere Einrichtung der Jacht zu äußern, hatte sie erklärt, sie überlasse alles ihm, denn sie wisse ja, daß er sie viel mehr verwöhnen werde, als sie es jemals selbst thun würde. So wollte sie sich jetzt auch ganz überraschen lassen.

In Marseille hatte das junge Paar mehr bekannte Gesichter gesehen, als es erwartet hatte, und da ihre Seereise nun einmal wohl oder übel das Tagesgespräch bildete und selbst die Gleichgültigsten sich dafür interessierten, so stand zu erwarten, daß ihre Abreise viel Zuschauer haben werde.

An Bord fand Jean alles in Ordnung; die Bemannung war auf ihrem Posten, das Gepäck ausgepackt und eingeräumt, und der Tag der Abreise versprach strahlend schön zu werden. Eine etwas frische Brise kräuselte die Wellen, aber die Sonne war so warm wie im Sommer, und die See leuchtete in jenem dem Mittelmeer eigenen tiefen und doch durchsichtigen Blau.

Um drei Uhr fuhr der Wagen mit Herrn und Frau von Kerdren an, und Alice nahm den Arm ihres Gatten, um den Quai zu betreten. Sie zitterte ein wenig und sah trotz all ihres Mutes sehr bleich aus.

Die Gemütsbewegung des jungen Offiziers äußerte sich nur in einer ablehnenden Haltung und unwillkürlich wichen die Zuschauer, die übrigens größtenteils der guten Gesellschaft angehörten, vor seinem hochmütigen Blick zurück.

Eine schön mit Tuch ausgeschlagene Jolle erwartete die junge Frau. Betäubt und durch die vielen auf sie gerichteten Blicke verlegen gemacht, erhob sie schon den Fuß, um einzusteigen, als ihr Gatte ihre Hand ergriff und sie zwang, sich umzusehen. Eine kleine Gruppe von fünf oder sechs Offizieren in Uniform stand dicht vor ihr.

Es waren Kameraden von Jean, die gekommen waren, ihm in der letzten Stunde noch die Hand zu drücken und seine Frau zu begrüßen. Ihre freundliche Herzlichkeit und die natürliche Art, in der sie mit Alice über ihre Reise sprachen, hatte etwas Tröstliches für die junge Frau, und inmitten der neugierig gaffenden Menge erschienen ihr diese Glückwünsche und dieses herzliche Lächeln doppelt liebenswürdig.

Auch Jeans Gesicht erhellte sich, als er diese wohlbekannten Stimmen hörte, die lustig mit ihm plauderten und das Peinliche der einsamen Abreise milderten.

Als einer der jungen Offiziere erst an seine in der Nähe haltende Jolle und dann auf die Jacht deutete und fragte: »Erlaubst du, daß man vollends mitgeht, Kapitän?« antwortete er eifrig »ja« und dankte seinen Freunden aufs wärmste.

Nun nahmen Herr und Frau von Kerdren in der Jolle der jungen Leute Platz, während die ihre hinterdrein fuhr, und in wenig Augenblicken legte man an.

Jean hätte in seinem gastfreundlichen Feuereifer seine Freunde gerne länger in dem großen Salon zurückgehalten, wohin er sie geführt hatte, und sie auch bewirtet mit allem, was die »Keller« des Schiffes zu bieten vermochten, aber die Offiziere wußten, daß ihr Kamerad vor nacht im Golf sein wollte, und nahmen, nachdem man noch einige Augenblicke munter geplaudert hatte, herzlichen Abschied. Auf Deck stand die ganze Mannschaft im Halbkreis und erwartete die Befehle.

Als Frau von Kerdren den Fuß auf die letzte Sprosse der Fallreepstreppe gesetzt hatte, war die dreifarbige Flagge gehißt worden und alle Häupter hatten sich entblößt. Noch jetzt, während man Abschied nahm, standen alle die Männer mit der Mütze in der Hand unbeweglich und ernsthaft da.

Auf dem Fußboden lag ein ganzer Berg von Blumen, die die Offiziere für die junge Frau mitgebracht und die die Matrosen dort niedergelegt hatten, während die Herrschaften in den Salon hinuntergingen.

Tief gerührt dankte ihnen Alice, und einer um den andern stieg hinab; dann schoß ihr Boot so geschwind davon, daß es bald unter der Menge von Schiffen im Hafen verschwand, und im nämlichen Augenblick erschütterten die ersten Drehungen der Schraube die Jacht.

Eine unaussprechliche Rührung schnürte der jungen Frau das Herz zusammen; mit feuchtem Auge wandte sie sich ihrem Gatten zu und winkte ihn zu sich her an den Schiffsbord, auf den sie sich stützte.

Dann ergriff sie seine beiden Hände und sprach das Gebet der bretonischen Fischer: »Mein Gott, beschütze uns, denn unsre Barke ist klein und das Meer ist groß!«

Eine halbe Stunde später ging sie, von Jean geleitet, hinunter, um das neue Kerdren zu besichtigen, wo sie von nun an leben sollte. In vollster Uebereinstimmung hatten sie beschlossen, der Jacht den Namen der Besitzung zu geben, die ihnen beiden gleich lieb war, und nun stand er in großen goldnen Lettern am Bug des Schiffes zu lesen.

Da Alice daran gewöhnt war, von ihrem Gatten mit dem größten Luxus umgeben zu werden, hatte sie sich, als sie ihm völlig freie Hand ließ, wohl gedacht, er werde ihr ein reizendes Nest schaffen, aber so viel Pracht hatte sie doch nicht erwartet. Man hatte unten eine Anzahl Wände herausgenommen, und dadurch hatten die zur Wohnung des Grafen gehörigen Gemächer im Vorderschiff eine an Bord ganz ungewöhnliche Größe erhalten. Jeans Zimmer war, wie die Bibliothek, wo sie so selige Stunden verlebt hatte, mit großen dunklen Wandteppichen bekleidet, aber statt der hohen steifen Sitze dort, deren Gleichgewicht auf der See allzu oft in Frage gestellt worden wäre, enthielt es niedere, breite Diwans mit Kissen, auf denen es sich herrlich ruhen ließ, und einige Stühle mit solider Grundlage, die um einen befestigten Tisch herumstanden. Das Gemach der jungen Frau wurde durch große Pforten erhellt und war vollständig mit alten japanischen Seidenstoffen austapeziert, auf deren zartrosa Grund sich hier ein Flug silberschimmernder Störche, dort phantastische blaue und goldene Blumen in wundervoller Stickerei abhoben. Alices Lieblingsbilder auf Kerdren waren ebenfalls hierher gebracht worden, und es ließ sich nichts Heitereres und Reizenderes denken, als der Gesamteindruck, den dieses Zimmer machte.

Der ganz viereckige und ziemlich geräumige Salon bot einen höchst eigenartigen Anblick. Der Grund der Wandbehänge und die Sitze bestanden aus wassergrünem, reich schimmerndem Brokat, von dem sich ganz wunderbar abgestimmte Blumen und Wasserpflanzen teils in Applikation, teils in Stickerei abhoben, die vollständig natürlich erschienen.

Aus dichtem Schilf ragten schwanke Wasserschwertel und Teichlilien empor und unten schwammen weiße und gelbe Wasserrosen und rötliche Schachtelhalme. Alle diese Wasserblüten waren von Künstlerhand harmonisch zusammengestellt, gezeichnet und gemalt, und es war, als bewege man sich ständig zwischen zwei grünenden, duftenden Ufern. In den Ecken verbargen sich große japanische und chinesische Porzellangefäße, aus denen eine Fülle lebender Blattpflanzen teilweise bis zur Decke emporragten; in einem Nest von Blumen verborgen stand das Klavier, und alles brachte, von dem eigentümlichen Licht mit seinen Wasserreflexen erhellt, einen eigenartigen, reizenden Eindruck hervor.

»Das ist eine richtige Najadengrotte,« hatte Jean auf den entzückten Ausruf seiner Frau erwidert, »und es freut mich unendlich, daß sie dir gefällt.«

Aus diesen Gemächern und dem auf dem Deck gelegenen Speisezimmer bestand die Wohnung der beiden, und Alice gewöhnte sich so schnell an ihre Umgebung, daß es ihr schien, als habe sie niemals anderswo gelebt. All ihre Befürchtungen schwanden eine um die andre und sie fragte sich selbst, wie sie ein so einfacher Plan habe derart ängstigen können. Die Bewegung der Wogen war ihr ein sanftes Schaukeln, der Himmel blieb ständig klar und hell, und nie hatte sie sich glückseliger gefühlt, als in diesem einsamen, eigenartigen Nest, wo kein fremdes Auge sie beobachten konnte.

Jean seinerseits betrachtete das Antlitz seiner Frau Stunde um Stunde mit der Angst eines Spielers, der seine ganze Zukunft auf eine Karte gesetzt hat, und er glaubte neue Frische darauf erblühen zu sehen. Ihre Haut färbte sich rosiger unter dem herben Kosen des Seewindes; Alice erklärte, sie werde von Tag zu Tag hungriger und sei kaum mehr satt zu bekommen, und behauptete, sie schlafe, von der Bewegung des Schiffes eingelullt, so süß und so fest, wie einst in ihrer Wiege.

Auf dem Deck, wo sie, nach dem Rat des Arztes, die Tage verlebte, hatte sie sich im Auf- und Abgehen den eigenartig schwankenden Gang der Matrosen angewöhnt, und diese griffen bei ihrer Arbeit munterer zu, wenn sie die anmutige Gestalt der jungen Frau kommen und gehen sahen, während der »Kerdren«, dessen Eigenschaften nicht überschätzt worden waren, pfeilschnell dahinflog.

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