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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Was Jean während der nächsten Stunde dachte und fühlte, läßt sich nicht schildern; so sehr er sich auch in der Gewalt hatte, überkamen ihn doch Anwandlungen von Verzweiflung und Mutlosigkeit. Trotzdem hatte sein Gesicht, als er in den Gasthof zurückkehrte, wieder seinen natürlichen Ausdruck angenommen, und die Spuren der Erschütterung, die er durchgemacht hatte, waren wenigstens insoweit verwischt, daß ein Unbefangener sie nicht bemerken konnte. Die junge Frau, die ihn mit seinem langen Ausbleiben neckte, bemerkte kaum, daß er ihr gar nicht erzählte, wie er den Vormittag zugebracht hatte, und bis sie von Tisch aufstanden, war nur von Lappalien die Rede.

»Nicht wahr,« fragte Alice plötzlich, »morgen läuft dein Urlaub ab?«

»Morgen abend um sechs Uhr.«

»Und deine Geschäfte sind erledigt?«

»Ich habe das letzte heute vormittag besorgt,« erwiderte er ernst, »und wenn dir's recht ist, reisen wir mit dem Frühzug, denn ich möchte dich um diese Jahreszeit nicht in der Nacht reisen lassen.«

»O, du weißt doch, daß mir das nichts ausmacht! Ich erkälte mich nie und habe gern, wenn's ein bißchen frisch ist! Du hast ja gesehen, wie der Doktor meine Geschichte mit dem Brand aufgenommen hat – nur deine Zärtlichkeit für mich konnte sich darüber ängstigen. Uebrigens ist mir's einerlei – wir reisen mit dem Zug, der dir am angenehmsten ist.«

Jean nickte schweigend; er vermochte kein Wort hervorzubringen. Diese Heiterkeit und Sorglosigkeit bildete einen allzu grellen Abstand zu der Wirklichkeit, und es war dem jungen Mann, als stoße man ihm ein spitzes Messer ins Herz.

Trotz aller seiner Selbstbeherrschung legte sich im Lauf des Abends ab und zu eine Wolke auf seine Stirn, und er mußte sich oft gewaltsam aufraffen, um mit Alice plaudern zu können wie gewöhnlich.

Seit der grausamen Enthüllung, die ihm der Morgen gebracht hatte, dachte er sich das kommende Unglück wie eine plötzlich hereinbrechende Katastrophe, und wenn er sah, daß sich die junge Frau etwas rasch setzte oder sich mit der Hand auf ein Möbel stützte, machte er unwillkürlich eine Bewegung, als wolle er auf sie zustürzen und sie halten, wie wenn sie jeden Augenblick sterben könnte. Noch kannte er das langsame Dahinsiechen der Lungenkranken, deren immer wiederkehrende Schmerzen die grausamste Marter sind, nicht, und er glaubte, es gehe jetzt schon alles zu Ende, weil man ihm gesagt hatte, er müsse jede Hoffnung schwinden lassen.

Im Laufe des Abends brachte man ihm drei Telegramme, die alle durch ihre ungewöhnliche Länge auffielen. Schweigend las er sie und steckte sie dann mit der kurzen Bemerkung: »Dienstangelegenheiten« in sein Taschenbuch, ohne sie seiner neben ihm sitzenden Frau zu zeigen.

Dies war ihr so ungewohnt, daß sie erstaunt aufsah, nicht als ob sie nach etwas gefragt haben würde, was man ihr nicht sagen wollte, aber diese Geheimnisthuerei beunruhigte sie einigermaßen.

In den Augen ihres Gatten leuchtete ein so eigentümliches Feuer, daß ihr alle Anzeichen von Aufregung, die sie im Laufe des Tages nicht beachtet hatte, plötzlich wieder einfielen und sie etwas Ernstes ahnte.

Da sie aber himmelweit davon entfernt war, die Wahrheit zu vermuten, glaubte sie, ihr Gatte fürchte eine Versetzung oder gar eine Verwendung zur See, die er nicht ablenken könne, von der er aber nicht mit ihr reden wolle, ehe er alles Mögliche gethan hätte, um eine für sie beide gleich schmerzliche Trennung abzuwenden.

Wiederholt dachte sie daran, die Sache selbst zur Sprache zu bringen und ihm zu sagen, daß sie seine Sorge erraten habe und gewiß sich als »echte Seemannsfrau« bewähren wolle, wie sie es ihm als Braut versprochen hatte; allein Jean zeigte sich so zurückhaltend, daß sie es nicht wagte; außerdem wollte sie ihm auch nicht zeigen, daß sie sich nicht der Ruhe erfreue, die er ihr zu erhalten hoffte, und schwieg.

*

Die Heimreise war trübselig, denn diese gegenseitige Zurückhaltung lastete auf den Gatten, und sie begrüßten Kerdren, als könnten keine Sorgen und Kümmernisse seine Schwelle überschreiten. Wie glücklich hatten sie ihr Heim noch vor wenig Tagen verlassen, dachte Jean, und jetzt! …

Von nun an stand er mit Havre in regster Korrespondenz, und durch die Vermittelung einiger Freunde gelang es ihm, eine sehr schöne Jacht zu erwerben, die ein reicher Engländer bestellt hatte, die aber dem Schiffsbauer infolge des plötzlichen Todes des üppigen Lords liegen geblieben war.

Genau zu dem nämlichen Zweck, zu dem sie Graf Kerdren benutzen wollte, bestimmt, entsprach sie in jeder Beziehung seinen Wünschen und war ganz geeignet, den Strapazen nicht nur einer längeren, sondern nötigenfalls auch einer schwierigeren Reise Widerstand zu bieten. Die aus den besten englischen Werkstätten hervorgegangene Maschine war sogar leistungsfähiger, als Jean sie brauchte, weil der Lord sie zugleich zu Entdeckungsreisen im Polarmeer hatte benutzen wollen. Kurzum, das leichte Fahrzeug entsprach Jeans Wünschen völlig, und es gehörte nur noch wenig dazu, um es in jeder Beziehung für seine neue Bestimmung einzurichten.

Jean glaubte, daß es möglich sei, es in etwa zwei Wochen entsprechend behaglich und schön einzurichten, denn er wollte seinem jungen Weib ein wahrhaft fürstliches Nest bereiten.

Anfangs hatte er beabsichtigt, die innere Einrichtung selbst zu überwachen, allein er konnte sich nicht entschließen, abzureisen, und telegraphierte deshalb noch im letzten Augenblick einem berühmten Tapezier, dem zum Künstler nicht viel fehlte, und erteilte diesem den Auftrag, ohne jede Rücksicht auf die Kosten das schwimmende Haus, in dem sie vielleicht monatelang miteinander leben mußten, in aller Eile in einen wahren Palast zu verwandeln.

Schon hatte er die Papiere in Händen, die ihm vom 25. Oktober an einen unbegrenzten Urlaub ohne Gage bewilligten, aber noch immer hatte er nicht den Mut gefunden, seiner Frau auch nur anzudeuten, daß sie im nächsten Monat nicht mehr in Kerdren sein würden.

Er wußte buchstäblich nicht, von welcher Seite er dies ruhige, innige Glück angreifen sollte, denn in dem Panzer von Vertrauen und Freude, der das Herz der glücklichen jungen Frau umgab, fand sich keine einzige schwache Stelle.

Sie hatten ihr gewohntes, etwas einförmiges, für ihre Liebe aber immer neues Leben wieder aufgenommen, und nur der Rahmen, der es umschloß, veränderte sich allmählich.

Der Park und die Wälder fingen an, kahl zu werden, das Eichenlaub färbte sich bräunlich und die Ahornblätter blutrot. Das Wetter war beständig und schön, die Luft so weich und warm, daß die schon trockenen Blätter sich noch an den Zweigen hielten, weil kein Lüftchen ging, das sie heruntergeweht hätte; das Heidekraut wurde gelb und knisterte unter den Hufen der Pferde, aber seine zarten, kleinen Glockenblümchen blieben ganz rosig und verliehen der Ebene einen warmen Ton. Alles war wie von einem einsamen Sonnenstrahl erhellt, der sich nach dem Untergang des leuchtenden Gestirns verspätet hat.

Die junge Frau genoß diese Tage in vollen Zügen.

»Welch herrliche Jahreszeit ist doch der Herbst, und wie schön ist doch stets die Bretagne!« sagte sie manchmal. »Wie köstlich war der Frühling, wie strahlend und herrlich der Sommer und welch poetischer, verschleierter Duft liegt über dem Herbst! Sieh doch nur all diese goldschimmernden Blätter und dies bräunlich glänzende Moos! Ist es nicht, wie wenn ein Licht, das erlöschen will, noch einmal aufflackert und seinen Glanz über alles gießt, obgleich es immer schwächer wird, und obgleich schon sachte die Nacht hereinbricht? Das ist die Dämmerung der Bäume! Ich bin überzeugt, daß der Winter mir wieder neue Ueberraschungen bringt, und daß ich ihn lieben werde, wie alles, was ich in diesem lieben Land gesehen habe. Ach, ich bin so glücklich, so grenzenlos glücklich!«

Angesichts dieser überströmenden Jugend und Freude verlor der Mann allen Mut und verschob seine schwere Aufgabe von einem Tag zum andern. Er versuchte, das Schwert zu vergessen, das über diesem geliebten Haupte schwebte, und glücklich zu sein.

Allein eines Abends traf die Nachricht ein, daß der Tapezier in drei Tagen seine Aufgabe vollendet haben werde und um Besichtigung seiner Arbeit bitte. Von andrer Seite hatte er erfahren, daß seine Freunde einen tüchtigen Maschinisten und einen erfahrenen Piloten gefunden hatten und somit die Mannschaft vollzählig war, denn die übrige Bemannung wollte Jean unter den Seeleuten in Kerdren aussuchen. Er wußte, daß sie alle tüchtig geschult waren und ihm mit strengster Anhänglichkeit dienen würden.

Wohl oder übel mußte er also seiner jungen Frau die so sehr gefürchtete Mitteilung machen, und er entschloß sich dazu am nächsten Abend, wo es etwas kühler geworden war und sie miteinander am ersten Kaminfeuer saßen.

»Wie lustig das Feuer flackert,« sagte Alice und rückte fröstelnd näher. Damit hielt sie ihre kleinen Hände an die Flamme und drehte sie wie ein Kind bald auf die eine, bald auf die andre Seite, um sie zu wärmen. »Das ist mir das Liebste am Winter, und ich sehe mich schon im nächsten Monat, wo ich dich am Kamin erwarte und Scheit auf Scheit lege und dir heißen Thee mache, damit du schnell warm wirst, wenn du heimkommst.«

»Im nächsten Monat!« erwiderte Jean mit erzwungenem Lachen und zitternder Stimme. »Für den nächsten Monat habe ich dir eine ganz andre Ueberraschung vorbereitet, wodurch uns deine Holzscheite und dein heißer Thee überflüssig werden dürften.«

Ohne seiner Frau Zeit zu einem Einwand oder einer Frage zu lassen, fuhr er fort, ihr in lebhaftester Weise seinen Plan zu entwickeln; er suchte ihr die Sache so angenehm und so selbstverständlich als möglich vorzustellen. Dabei sprach er in so ruhigem, einfachem Ton, als sei es das allernatürlichste und üblichste, sich eine Jacht zu kaufen, diese wie ein förmliches Haus einzurichten und sich darin monatelang auf dem Meer herumzutreiben.

Vollständig sprachlos vor Staunen lauschte die junge Frau seinen Worten.

Ob ihr Gatte wohl scherzte, oder ob er nicht recht bei Sinnen war und die Tragweite seiner Worte nicht mehr zu ermessen vermochte? … Nach und nach fühlte Jean sich sicherer und begann seine Erklärungen in ernsthafterer Weise von vorn, um ihr das einleuchtender zu machen, was er erst lachend gesagt hatte; allein er wagte sie dabei nicht ein einziges Mal anzusehen, aus Angst, dadurch eine Unterbrechung zu veranlassen.

Ganz offen sagte er: »Der Arzt hat mir geraten, dich den Winter nicht in der Bretagne verleben zu lassen, nicht nur wegen deines augenblicklichen Hustens, sondern hauptsächlich deshalb, weil du an einen jährlichen Klimawechsel gewöhnt bist, und er es für schädlich hält, mit dieser Gewohnheit plötzlich zu brechen. Außer der Wärme, wünscht er aber in erster Linie Seeluft für dich, weil er diese für sehr stärkend hält. Ich habe ihm einen Winteraufenthalt in Algier vorgeschlagen, weil er nicht sehr für die Riviera ist, und die Sache war, deine Zustimmung vorausgesetzt, schon so gut wie ausgemacht, als mir ein Einfall kam, der dir vielleicht überspannt vorkommt, der aber gleichzeitig unser Zusammenleben zu zweien und die Sorge für dein Wohlsein ermöglicht, und außerdem meiner Leidenschaft für die See Rechnung trägt.«

Dann erinnerte er die junge Frau an ihre schon oft ausgesprochene Sorge, es könne ihm langweilig werden, ständig am Land zu leben, und schloß mit den Worten: »Du weißt wohl, daß dies nicht richtig ist, weil mein ganzes Glück nur im Zusammenleben mit dir besteht, aber als man mir den Rat gab, im Interesse deiner Gesundheit ein warmes Klima und Seeluft aufzusuchen, da dachte ich, es könne nichts Reizenderes geben, als an Bord unsres eigenen Fahrzeuges der Sonne nachzuziehen, die uns flieht, und so die ärztliche Anordnung zu befolgen, ohne unser trauliches Zusammenleben im eigenen Heim aufzugeben; du kannst dir denken, daß es mir lieber ist, dich selbst auf dem Mittelmeer herumzuführen, dir selbst meine alte Freundin, die See, vorzustellen und durch ihren Einfluß die Rosen auf den Wangen meiner neuen kleinen Freundin frisch erblühen zu sehen, als eine Reise um die Welt. Natürlich wird man sagen, wir seien verrückt, aber was liegt daran? Schon seit meinem Eintritt ins Lyceum gelte ich als Original, und dir, meine arme, liebe kleine Frau, wird man nur vorwerfen, daß du dich mit allzugroßer Güte in die Tollheiten deines Gatten schickest!«

Jean redete sich immer mehr in Eifer und glaubte schließlich selbst, was er sagte. Nach und nach klang seine Stimme wieder natürlich, und er lächelte über das grenzenlose Staunen, das sich in Alices Zügen widerspiegelte. Allein sobald diese sich von ihrer ersten Verblüfftheit erholt hatte, brach ein ganzer Strom von Fragen und Einwänden auf ihn herein, die alle den Nagel auf den Kopf trafen, denn er glitt über viele Punkte so schnell weg, daß Frau von Kerdrens Unruhe erregt wurde und der junge Mann sich plötzlich wieder der vollen Schwierigkeit seiner Aufgabe bewußt wurde.

»Also hast du den Arzt noch einmal besucht?« fragte sie in erster Linie.

»Glaubst du denn,« gab er lustig zurück, »daß man derartige Besuche nur mit Lächeln und Verbeugungen bezahlt, wie wir es gethan haben?«

»Und was hat er dir gesagt?« fragte sie angstvoll.

»Was ich dir eben berichtet habe, daß wir unsern Nebeln und Regen entfliehen und Sonne und Wärme suchen sollten.«

»Und was noch? Jean, ich beschwöre dich, sag' mir die Wahrheit!« rief sie, als er den Kopf schüttelte, als habe er alles erzählt. »Jean, ich schwöre dir's, ich bin stark genug, alles zu hören!«

Ihr Antlitz drückte eine so tiefe, qualvolle Angst aus, und sie sprach mit so großer Erregtheit, daß der junge Offizier glaubte, das Herz breche ihm und das arme Ding lese in seinen Zügen die Wahrheit.

Allein er hatte sich auf diese Scene so gut vorbereitet, daß es ihm gelang, sich zu bezwingen, und er versuchen konnte, die junge Frau von den schmerzlichen Gedanken abzulenken, die sich ihrer bemächtigt hatten. Aber allem, was er sagte, setzte Alice den sehr treffenden Einwand entgegen: »Warum hast du mir's nicht gleich gesagt, wenn es nichts Ernstes war?«

Gegen diese Logik ließ sich nicht viel einwenden, und wenn er auch das Suchen der Jacht, das unter Umständen hätte langwierig werden können, und die Freude, sie zu überraschen, vorschützte – sie blieb doch bedrückt und argwöhnisch.

»Armer Liebling,« sagte sie schließlich, indem sie traurig den Kopf an seine Schulter lehnte, »warum hast du mich geheiratet?«

»Warum?« gab Jean zitternd zur Antwort. »Nun, das weißt du gut: um der glücklichste Mann unter der Sonne zu werden!«

»Vielleicht jetzt,« sagte sie mit tiefer Traurigkeit, »aber später?«

Ihr Mann that, als errate er ihren Gedanken nicht und sah sie fragend an; aber er wagte diese Frage nicht in Worte zu kleiden und wartete schweren Herzens, bis sie weiter sprach.

Voll Liebe und Sanftmut sagte sie aber nur noch: »Eine kranke Frau ist eine so große Last!«

»Na, das kann ich nicht finden,« erwiderte er lachend, »wenn sie mir doch den Vorwand zu einem Ausflug auf die See bietet.«

Er machte seine Sache aber doch so gut, daß Alice gegen Ende des Abends wieder ziemlich beruhigt war und diese Veränderung ihrer Lebensweise eher als eine Annehmlichkeit ansah. Der Graf hatte absichtlich die Freude übertrieben, die er sich davon versprach, wieder an Bord eines Schiffes zu leben, ja sogar unter seiner eigenen Flagge zu segeln und ganz seiner Laune folgen zu können, wie ehedem seine seeräuberischen Ahnen.

Der Gedanke an die Befriedigung, die ihr Gatte darüber empfand, trug nicht wenig dazu bei, Frau von Kerdren mit diesem Gedanken auszusöhnen.

Darauf hatte der junge Mann gerechnet, und am andern Tage hatte Alice, wenn auch nicht ihr altes Sicherheitsgefühl, so doch wieder hinlängliches Vertrauen in die Zukunft gewonnen, die ihr, dank der Spannkraft ihres Wesens, noch immer schön und verlockend erschien.

Von diesem Tage an veränderte sich das Aussehen des Schlosses, und die baldige Abreise bildete den einzigen Gesprächsgegenstand. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, fragte die junge Frau unaufhörlich nach Einrichtung und Größe des Schiffes, nach dem, was mitzunehmen war, nach den Ländern, in die sie kommen sollte, und nach tausend andern Dingen. Von Tag zu Tag gelang es Jean besser, ihre Sorge einzuschläfern; die Originalität des Planes übte auch ihren Zauber auf sie aus, und sie fing an, sich auf die Reise zu freuen, worüber er unsäglich glücklich war.

Jean selbst sah sein Unglück schon nicht mehr als ganz unabwendbar an und suchte sich aus den Worten des Arztes doch einige heraus, an die sich die Hoffnung anknüpfen ließ, und wiederholte sich dies so oft, daß er schließlich alles als Wahrscheinlichkeit ansah, was der Arzt als möglich zugegeben hatte.

Er dachte an den belebenden Seewind, an die stärkende Wärme der Sonne, der er bis in den Orient nachgehen wollte, und war überzeugt, daß sie seiner Kranken neue Lebenskraft einflößen würden. Kurz, er glaubte und hoffte wieder, und die letzten Tage, die sie zu Hause verlebten, waren für beide reich an Glück.

Die Nachricht von dem sonderbaren Entschluß Kerdrens hatte sich wie ein Flugfeuer nicht nur in Lorient, sondern auch unter den in Paris und anderwärts stehenden Offizieren verbreitet, und wie Jean es vorausgesehen hatte, scheute man sich durchaus nicht, ihn für einen Narren zu erklären. Der scheinbar ohne dringenden Grund nachgesuchte unbeschränkte Urlaub, der einem Aufgeben seines Berufes beinahe gleichkam, diese Seefahrt mit einer erst einige Monate verheirateten jungen Frau, dazu die Plötzlichkeit des Entschlusses – das alles sah ja auch toll genug aus. Uebrigens hatte das Gerücht, wie gewöhnlich, auch noch übertrieben und dem jungen Mann viel weitergehende Pläne zugeschrieben, als er in Wirklichkeit gemacht hatte.

»Originell ist er ja immer gewesen,« sagte man, »aber jetzt scheint er vollends ganz übergeschnappt zu sein,« und man zollte dem armen Opfer dieser merkwürdigen Launen das allgemeine Mitleid.

Im Dorfe faßte man die Sache ungleich einfacher auf.

Der Herr hatte Lust zu einer Seefahrt und wollte doch seine Frau nicht verlassen, deshalb kaufte er sich ein Schiff und heuerte in Kerdren Matrosen – was konnte es Natürlicheres geben?

Auf die Aufforderung des Grafen hatten sich so viele Leute gemeldet, daß er jeden Posten hätte zehnfach besetzen können und eine Menge Bittender zurückweisen mußte.

Die Kammerjungfer Frau von Kerdrens hatte den Vorschlag, ihre Herrin zu begleiten, mit Begeisterung aufgenommen, und da die Köchin inbrünstig um die nämliche Vergünstigung nachsuchte, beschloß man, sie an Stelle des üblichen Schiffkochs ebenfalls mitzunehmen.

Ihnen machte die Expedition den Eindruck eines phantastischen Märchens, worin sie beide eine Rolle zu spielen hatten, und sie betrieben das Packen mit rasender Eile.

Sie litten so wenig wie Alice an Seekrankheit, und im schlimmsten Falle war für die Bedienung durch das übrige Personal gesorgt.

Die Tage gingen im Fluge vorüber, und man hatte bald nichts mehr zu thun, als abzureisen. Als Alice eines Morgens in die Bibliothek trat, sah sie, daß das Klavier verschwunden war, und fragte ihren Mann danach.

»An Bord findest du es wieder,« sagte er, »ich hatte ursprünglich vor, ein andres kommen zu lassen, aber aus den Saiten dieses Instrumentes tönen so viele Erinnerungen, daß es unersetzlich ist.«

Der Abschiedsbrief, den die jungen Gatten an Frau von Sémiane geschrieben hatten, war dieser in Ungarn zugekommen, und die Antwort war in Form eines von Ausrufungszeichen wimmelnden Telegramms angelangt, das den Telegraphenbeamten sehr verblüfft hatte, obgleich er an die sonderbarsten Dinge gewöhnt war: »Daß Sie sich mit dem großen Ramses in Aegypten unterhalten wollen,« hieß es zum Schluß, »ist weiter nicht erstaunlich, denn seine Sprache haben Sie ja immer gesprochen; daß Sie aber Ihre Frau in so kurzer Zeit in eine die Pyramiden bewundernde Sphinx verwandelt haben, das ist toll! Uebrigens komme ich vielleicht nach Triest hinunter, um euch noch auszuzanken und euch lebewohl zu sagen!«

Für alle Pfleglinge Alices hatte Jean Sorge getragen, und von der Nachbarschaft hatten sie sich beide teils mit Besuchen, teils mit Karten verabschiedet; das Gepäck war schon abgegangen, und Arm in Arm sagte das junge Paar dem teueren Heim lebewohl.

Die Stunde des Abschieds hatte ihre alten Sorgen aufs neue belebt, und auf einmal schien die Zukunft dem jungen Offizier wieder weniger gesichert und der jungen Frau weniger lachend. In Alices Geist erhoben sich die Zweifel aufs neue, und Jean sagte sich, der Arzt habe ihn vielleicht getäuscht, als er ihm diesen schwachen Hoffnungsstrahl gelassen hatte, und er führe sie möglicherweise nur fort, um sie nicht mehr zurückzubringen, und habe dann nicht einmal den traurigen Trost, ihr Leben da erlöschen zu sehen, wo sie einige Monate lang so vollkommen glücklich gewesen waren!

Diese Bitterkeiten waren von dem Augenblick, in dem sie sich ins Ungewisse und Unbekannte hinauswagten, nicht zu trennen.

»Wann werden wir beide wieder hier zusammen sein?« sagte Alice traurig auf ihrem letzten Gang durch den Park.

»Nun, im Juni, natürlich,« erwiderte Jean mit fester Stimme, »auf diese Zeit hat dich ja der Arzt wieder zu sich bestellt.«

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