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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 22
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Einundzwanzigstes Kapitel

Als er am nächsten Tage die Treppe im Hause des Arztes hinaufging, war er ein andrer Mann. Ueber Nacht hatte sich seine erkünstelte Aufregung gelegt und ihm nur noch den peinigenden Zweifel zurückgelassen – einen Zweifel, der so qualvoll war, daß er ihm die schlimmste Gewißheit vorzog.

Im vollen Besitz seiner gewohnten Ruhe und seiner Willenskraft, aber auch mit dem instinktiven Gefühl, daß er einer Katastrophe entgegengehe, betrat er die Wohnung des Arztes. Nachdem er eine Viertelstunde gewartet hatte und im Zimmer auf und ab gerannt war, führte man ihn ins Arbeitszimmer des Gelehrten, dem er in kurzen Worten den Zweck seines nochmaligen Kommens auseinandersetzte und den er um volle Offenheit bat. Während er sprach, betrachtete der Arzt den jungen Offizier mit einem wahren Falkenblick, mit einem Blick, der gewohnt war, die körperliche und moralische Kraft eines Menschen zu erkennen. Eine Uebung von fünfunddreißig Jahren hatte ihm eine ungeheure Sicherheit verliehen.

Diesmal hatte er es mit einem Mann zu thun, mit einem Mann im vollsten Sinne des Wortes – das unterlag keinem Zweifel, und er beschloß, sofort zu sprechen.

»Vor allem möchte ich wissen, Herr Graf,« fragte er in bedächtigem Ton, »ob Ihnen in der näheren oder ferneren Verwandtschaft Ihrer Frau Gemahlin Fälle von Lungenaffektion bekannt sind, die den Tod oder doch wenigstens Krankheiten verursacht haben?«

Es war Jean, wie wenn jemand ihm einen furchtbaren Schlag auf den Kopf versetzt und ihm dadurch einen wahnsinnigen Schmerz verursacht hätte. Er fuhr mit den Händen nach der Stirn, um die plötzlich aufgelaufenen und etwas schwer gewordenen Adern zusammenzupressen. Es brauste ihm in den Ohren, und plötzlich sah er sich in dem Wintergarten des Bankiers Champlion hinter den grünen Sträuchern sitzen und vernahm wieder die spöttische Stimme und das boshafte Lachen des jungen Mannes, der zu Astier sagte: »Wissen Sie denn nicht, daß ›Entkräftung‹ nur eine höfliche Bezeichnung für Schwindsucht ist, deren man sich bei vornehmen Kranken bedient, besonders wenn sie auch noch unversorgte Töchter hinterlassen?«

Wort für Wort glaubte er dies aus den alten Steinen des kleinen Klosterturmes ertönen zu hören, und mechanisch, mit automatischer Steifheit wandte er sich zu dem Arzt, der ruhig auf seine Antwort wartete, und wiederholte diese Worte mit fremdklingender Stimme, ohne eine Silbe daran zu verändern.

»Herr Graf,« rief der Arzt, dem die plötzliche Veränderung in Jeans Zügen nicht entgangen war, und der, als er diese Worte vernahm, glaubte, sein Besucher werde verrückt.

Dies genügte, um Jean zur Besinnung zu bringen; sofort fand er seine Selbstbeherrschung wieder und sagte ruhig: »Entschuldigen Sie, Herr Doktor, ich habe mich unrichtig ausgedrückt. Frau von Valvieux, die Mutter meiner Frau, ist im Alter von vierundzwanzig Jahren, ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter, an der Schwindsucht gestorben.« Damit brach er ab und betrachtete den Arzt mit einem festen, harten, forschenden Blick, wie etwa ein Verbrecher den Richter, vor dem er steht und aus dessen Zügen er ersehen möchte, ob er es wagen werde, ihn auf Grund der von ihm selbst beigebrachten Beweise zu verurteilen.

Allein die Gedanken dieses Arztes waren nicht so leicht zu lesen, dazu war er selbst ein viel zu scharfer Beobachter; deshalb ließ er sich von der Kälte des jungen Mannes ebensowenig aufhalten, als er es durch einen leidenschaftlichen Ausbruch hätte thun lassen; jetzt fragte er aber nach Frau von Kerdrens Kinder- und Jugendzeit.

»Herr Doktor,« erwiderte Jean sehr fest, »ich glaube, wir verstehen uns noch nicht ganz. Sie wollen mich vorbereiten und wägen Ihre Worte ab, während doch mein einziger Wunsch ist, daß Sie sprechen wie vor einem Unbeteiligten; Sie überlegen sich, bis zu welchem Punkte Sie mir die Wahrheit sagen wollen, und ich bin gekommen, sie in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen. Offenbar haben Sie sich Ihre Ansicht über den Zustand meiner Frau gebildet. Sie haben ihr Leiden erkannt und sind sich über dessen Umfang klar – was liegt also daran, ob es aus der Konstitution entspringt, oder durch irgend einen Zufall herbeigeführt worden ist! Ich denke nicht an die verlorenen Jahre, ich denke nur an die Zukunft, und ich bin gekommen, um Sie als Arzt und als Ehrenmann um volle Aufrichtigkeit zu bitten. Gibt es irgend ein Mittel in der Welt, das man möglicherweise anwenden, irgend eine Hilfe, die man mit aufopfernder Liebe oder um Gold erlangen könnte? Ich besitze ein ansehnliches Vermögen und bin, wenn es nötig ist, morgen frei von allen Pflichten meines Berufes; alles, was ich bin und habe, selbst das Blut, das in meinen Adern fließt, gehört meinem Weibe, wenn es ihr nur neue Lebenskraft zuführen kann. Sagen Sie, ob ich sie durch die Gewalt meiner Liebe und meines Willens noch retten kann, oder ob ich sie schon jetzt hoffnungslos verloren geben muß!«

»Herr Graf,« antwortete der Arzt, der sich, gerührt von der Wärme und dem Seelenadel des jungen Offiziers, erhoben hatte, »Herr Graf, abgesehen davon, daß es nicht in der Macht der Wissenschaft liegt, gewisse Rätsel endgültig zu lösen, so spricht sie bei Kranken in Frau von Kerdrens Alter nicht leicht ein Todesurteil aus, und mit Hilfe ihrer Kraft und dessen, was sie noch an Gesundheit besitzt – – Da Sie volle Offenheit verlangen, will ich Ihnen nicht verhehlen, daß ich ihren Zustand äußerst bedenklich finde; sie ist schwindsüchtig, und zwar ist die Krankheit schon sehr weit vorgeschritten. Ihr Aussehen ist nur, dank ihres wundervollen Incarnats und ihrer Haut, die so fein ist, daß schon ganz wenig Blut genügt, ihr Farbe zu geben, ein so blühendes geblieben. Die Augen liegen tief, der Appetit muß abgenommen haben und das Fieber wird sich häufig zeigen. Was den Unfall oder die Erkältung betrifft, von der sie mir gestern gesprochen hat, so hat dies höchstens die Entwickelung von Krankheitskeimen beschleunigt, die meiner Ansicht nach schon längst vorhanden waren. Sie sehen, daß ich offen bin.«

Nun ging der Arzt auf die mögliche Behandlungsweise über und berichtete das Ergebnis einer Konsultation, die er auf Jeans Wunsch noch gestern mit zwei Kollegen gehabt hatte. Nachdem er ihnen den Krankheitsbefund bei Frau von Kerdren mitgeteilt hatte, waren sie alle darin einig gewesen, daß die junge Frau an ihrem bisherigen Wohnort oder selbst an einem der südlicheren Kurorte des Mittelmeeres rasch dahinwelken würde, daß aber andererseits ein Aufenthalt im Engadin aus andern Gründen gefährlich werden könnte.

Diese Gründe nun, der Beruf des Grafen, alles, was er von seinen Vermögensverhältnissen gesagt, und sein Entschluß, selbst die verzweifeltsten Mittel zu versuchen, bestimmten den Arzt, ihm von einer etwas merkwürdigen Kurmethode zu sprechen, die einem seiner gestern beigezogenen Kollegen bei einem jungen Norweger so glänzend gelungen war, daß dieser nun wieder ganz gesund in seiner Heimat lebte. Dieser junge Mann hatte ein ganzes Jahr auf der See, ausschließlich in warmen Regionen, verbracht und sich fast beständig auf Deck aufgehalten.

Natürlich war es unmöglich, zu behaupten, daß das, was dem einen Kranken geholfen hatte, einem andern auch nur bis zu einem gewissen Grade gut thun würde, aber es wäre doch einen Versuch wert, umsomehr, als die junge Dame die Sache unter ungleich günstigeren Verhältnissen unternehmen würde.

Wenn Jean irgend ein Fahrzeug kaufte oder mietete, so wäre er alleiniger Herr an Bord und könnte, da ja sein einziger Zweck nur die Sorge für seine Kranke sein würde, nach Belieben den Kurs ändern und jedem Gewitter oder jedem Rückschlag der Temperatur aus dem Wege gehen, und bald hier, bald dort ein paar Tage Anker werfen, je nachdem es körperliche oder geistige Ermüdung seiner Frau wünschenswert erscheinen ließe; auf diese Weise würde die Kur den Reiz und die Annehmlichkeit einer Vergnügungsreise gewinnen.

Dabei müßten natürlich auch völlige Gemütsruhe, Befriedigung und auch Heiterkeit der Wirkung der reinen Seeluft zu Hilfe kommen. Im übrigen müsse sich Jean stets sagen: »Die Zukunft liegt in Gottes Hand,« denn er selbst hätte damit alles gethan, was menschenmöglich sei.

»Herr Doktor,« erwiderte Jean, der aufstand und dem Arzt die Hand reichte, »ich glaube nicht, daß es mir möglich sein wird, alles Nötige in weniger als vierzehn Tagen zu besorgen, aber dann werde ich auf dem Posten sein, den Sie mir anweisen und voll Vertrauen, nicht nur auf den Schutz des Himmels, sondern auch auf Ihre Wissenschaft, werde ich Ihre Vorschriften aufs genaueste befolgen.«

»Ach, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht von Wissenschaft in einem Fall, wo sie ihre Unmacht so klar erkennt,« entgegnete der Arzt hastig, »und vergessen Sie nicht, da Sie ja doch einmal die Wahrheit wünschen, daß ich tatsächlich wenig Hoffnung habe.«

Nun gab er Jean noch eine Reihe einzelner Vorschriften für das tägliche Leben, die im großen Ganzen eine Wiederholung dessen waren, was er Alice selbst gesagt hatte. Sie kamen überein, daß das junge Paar den Monat Oktober, der in der Bretagne sehr mild war, ohne Sorge noch auf Kerdren verleben könne, wodurch Jean, der mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung und Ruhe dem Arzt zugehört hatte, obgleich eine tödliche Blässe verriet, was er litt, drei Wochen Zeit gewann, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

So sehr der Arzt auch daran gewöhnt war, mit den tiefsten Schmerzen in Berührung zu kommen, so fühlte er sich doch von der entschlossenen Thatkraft dieses schönen jungen Mannes, dem er soeben in dürren Worten gesagt hatte, daß sein Glück für immer vernichtet sei, tief ergriffen; auch mit der liebenswürdigen jungen Frau, deren beglücktes und geliebtes Leben nur noch an einem Faden hing, empfand er das tiefste Mitleid.

Sie beschlossen, miteinander in brieflicher Verbindung zu bleiben; der Arzt erklärte Jean noch, welche Art Beobachtungen er ihm mitteilen solle, und machte es ihm zur Pflicht, seiner Frau jede Gemütsbewegung fern zu halten, soweit dies möglich sei, ohne sich zu verhehlen, daß man in dem Leben einer gescheiten Frau keine derartige Umwälzung bewerkstelligen kann, ohne daß sie sich darüber einigermaßen beunruhigt.

»Aus Wiedersehen, Herr Doktor,« sagte Jean endlich, als er aufstand, um sich zu verabschieden, »seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Teilnahme nie vergessen werde und Ihre Offenheit in ihrem ganzen Wert zu schätzen weiß …«

Er zögerte einen Augenblick und begann dann wieder: »Soll ich meine Frau in einigen Monaten wieder zu Ihnen bringen?«

Ein kaum bemerkbares Zucken huschte über das Gesicht des Arztes; aber so schnell es auch vorüberging – Jean hatte es aufgefangen.

»Ihr Programm für den Winter ist ja gegeben,« erwiderte der Arzt, »Sie dürfen Sonne und Wasser nicht verlassen. Wenn wir erst glücklich im Juni angelangt sind, werden wir ja weiter sehen; vorher dürfen Sie sich nicht wieder in Paris sehen lassen.«

»Und wenn ich Sie bäte, in Toulon oder Marseille mit uns zusammenzutreffen?«

»So stehe ich Ihnen selbstverständlich stets zur Verfügung.«

Auf der Straße angelangt, stieg Jean in seinen Wagen, der seit länger als einer Stunde auf ihn wartete, und gab dem Kutscher eine Adresse an, die indes nicht die seines Gasthofes war, während der Arzt mit einem Achselzucken, das ebensoviel Mitleid als Hoffnungslosigkeit ausdrückte, wieder in sein Arbeitszimmer trat.

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