Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jeanne Schultz >

Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Ein Boot ums andre fuhr am Fuß der fliegenden Treppe vor, wie wohlgeschulte Equipagen an der Auffahrt eines vornehmen Hauses. Leichtfüßig, mit der Lebhaftigkeit von Leuten, die einem Vergnügen entgegengehen, sprangen die Offiziere in die Fahrzeuge und ließen sich auf den mit Teppichen belegten Bänken nieder. Auf ein gegebenes Zeichen senkten sich sämtliche Ruder zumal, und die Jolle schoß pfeilschnell davon.

Von jedem Fahrzeug des Geschwaders stießen in dieser Weise Nachen ab, so daß dieses an eine kleine Stadt erinnerte, die durch ein großes Ereignis in Aufregung versetzt wird.

Das durchsichtig blaue Meer lag so ruhig, daß es nicht einmal die Wiege eines einigermaßen anspruchsvollen Baby zu schaukeln vermocht hätte, und die sorgfältig vorbereiteten Einschiffungen gewährten im hellen Schein der Morgensonne einen reizenden Anblick.

Die Matrosen in Gala bewegten sich im regelmäßigen Takte des Ruderschlags, so daß bald ihre gestreiften Trikots, bald ihre tadellos weißen Kragen sichtbar wurden, und die Offiziere riefen sich, mit der Cigarre im Munde, von einem Boote zum andern lustige Bemerkungen zu.

»Ein mechanisches Spielzeug,« bemerkte plötzlich einer der Herren, der sich umgedreht hatte, um einen Blick auf die Flottille zu werfen.

»Aufgezogene kleine Ruderer, kleine auf den Bänken befestigte Offiziere, ganz wie das Regattaspiel, das ich neulich meinen Brüdern geschenkt habe.«

Lautes Gelächter antwortete auf diese Bemerkungen, und die Scherzreden gingen in nämlichem Tone weiter.

»Wer fehlt denn übrigens von unserm Schiff?« fragte ein andrer.

»… Ah, Kerdren ist's ja! … Er ist doch der größte aller Narren! Will er den Karneval wirklich nicht mitmachen?«

»Kerdren ein Narr!«

»Beruhigen Sie sich, Sie kennen ihn noch nicht,« sagte der Offizier, der zuerst gesprochen hatte.

»Nun, Elbruc,« fuhr er, zu seinem Nachbar zur Rechten gewendet, fort, »gestehe einmal, was du mit Kerdren angefangen hast.«

»Nichts Schlimmes, kann ich dich versichern,« entgegnete der Gefragte gelassen.

»Also?«

»Also er kommt nicht mit – weiter nichts.«

»Ist er krank?«

»Nein.«

»Schlechte Nachrichten?«

»Nein.«

»Arrest?«

»Auch nicht.«

»Na, aber man läßt doch einen solchen Tag nicht ohne triftigen Grund aus!«

»Drum hat er auch einen!«

»Darf man ihn erfahren?«

»Gewiß, ich habe ihn im Schanzenviereck verlassen in Gesellschaft seiner in Algier erworbenen Guitarre und einer eben aus Paris angekommenen Anleitung für Anfänger: ›Uebungsstücke und Melodieen für die Guitarre, von Emanuelo Pincetto‹. Er weiß auch schon, wie man die Hände hält, und kennt den ersten Ton der Tonleiter; als ich ging, übte er eben einen langsamen Walzer in vier Tönen. Er rührt sich nicht von der Stelle, und wenn das Schiff in die Luft fliegt.«

Einstimmiges Gelächter folgte auf diese Erklärung; im nämlichen Augenblick legte der Nachen an, und die Ausschiffung wurde mit derselben mathematischen Genauigkeit bewerkstelligt, wie die Abfahrt. Die Matrosen zogen die Ruder ein, die Offiziere sprangen ans Land, und dann flogen die erleichterten Jollen wieder wie Möwen über das Wasser hin nach ihrem Schiff zurück.

Durch einen äußerst glücklichen Zufall befand sich das Mittelmeergeschwader gerade zu Fastnacht in den Gewässern von Nizza, wo der Karneval bekanntlich seine ganze Bedeutung und Eigenart bewahrt hat, so daß die Leute von weit und breit zugereist kommen, um die drei Fastnachtstage dort zu verleben.

Der Kommandant des Geschwaders, der Contreadmiral von Verviers, war innerlich jung genug geblieben, um den stummen Wünschen seiner Untergebenen entgegenzukommen und Station zu machen, auch ohne daß das dienstliche Interesse es unbedingt erheischt hätte. Selbstverständlich blieben von Offizieren und Matrosen nur die zur Bewachung der Schiffe völlig Unentbehrlichen an Bord zurück, denen sich selten genug hin und wider einer gesellte, den Laune oder irgend ein persönlicher Grund zurückhielt.

Zu diesen gehörte im vorliegenden Falle der Offizier mit der Guitarre, der einen langsamen Walzer einübte. Wie sein Freund gesagt hatte, saß er im Schanzenviereck und war so sehr in seine Uebung vertieft, daß er sich durch die Abschiedsgrüße der Vorübergehenden nicht einen Augenblick hatte ablenken lassen.

Jean von Kerdren, Graf von Penhoët, war der letzte Sprosse eines in der Bretagne hochangesehenen Geschlechtes, dessen Stammvater nach der Behauptung einiger Chronisten zu König Arthurs Tafelrunde gehört hat. Andre weniger begeisterte und aufrichtigere Historiker versichern, die Familie werde erst zu Ende der Regierung Karls des Großen erwähnt, und Johann von Kerdren, Johann der Starke, wie er genannt wurde, habe sich damals inmitten seiner Besitzungen naiverweise mit dem großen Kaiser in seinem fabelhaften Reiche zu vergleichen beliebt.

In Wahrheit ist anzunehmen, daß er mit dem großen Kaiser nicht getauscht hätte, und die Ereignisse gaben ihm recht, denn die Güter der Kerdren überdauerten die Zerstückelung des Kaiserreiches lange, ohne auch nur einen Stein zu verlieren oder eine Scholle Landes einzubüßen.

Dieser Umstand steigerte aber den Stolz Johanns durchaus nicht, schon aus dem einfachen Grund, weil dieser schon längst so groß geworden war, als ein Stolz nur immer kann, und weil er sich auch über das größte Wunder nicht mehr wunderte, wenn es bei ihm sich ereignete.

Dieser Charakterzug des ersten Kerdren sprach sich am deutlichsten in ein paar Worten aus, die ihm so geläufig waren, daß sie sich aus den alten Pergamenten so oft wiederholen, als wären sie sein Wahlspruch gewesen: »Was ich halte, halte ich fest.«

Diese Mischung von Stolz und Starrköpfigkeit hatte sich vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt als ein wesentlicher Bestandteil der Erbschaft, so daß die Kerdren beim Ausbruch der großen Revolution noch alles »hielten«, was sie von ihren Vätern überkommen hatten – hauptsächlich die Gewohnheit, sich überall stets für die ersten zu halten.

Unglücklicherweise vermochte aber, als die Schreckensstunde des Adels geschlagen hatte, auch die schönste Halsstarrigkeit nicht mehr stand zu halten, und gar manche stattlichen Teile wurden von der Herrschaft der Kerdren abgelöst, so daß Johann der Starke, wenn er in seiner Gruft noch hätte sprechen können, wohl zugegeben haben würde, daß nicht nur die großen Reiche zusammenbrechen.

Gleichwohl blieb der Stolz unverletzt. Damals waren die einzigen Repräsentanten der Familie eine junge Witwe und ihr Kind, und von dem alten Besitz der Kerdren blieb noch immer genug übrig, um so kleine Hände zu füllen.

Nach und nach wurde indes durch Erbschaften und reiche Heiraten der alte Glanz wieder hergestellt, und zur Zeit hielt man die Kerdren in der Bretagne für so reich an Ruhm und Ehre, daß man ihr ungeheures Vermögen fast darüber vergaß, und Gott weiß, was es heißen will, wenn im neunzehnten Jahrhundert der Reichtum über irgend etwas vergessen wird.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.