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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Achtzehntes Kapitel

Während er zur Erde sprang, suchte der erste Blick des jungen Mannes seine Frau; er entdeckte sie in einiger Entfernung und seufzte erleichtert auf, während er ihr zulächelte. Dann trat er näher und erkundigte sich nach den Ursachen des Unglücksfalles und nach den getroffenen Anordnungen. In jede Antwort mischte sich der Name der Frau von Kerdren mit Dankbarkeitsergüssen und Lobeserhebungen, was bei Jean ein freudiges Lächeln hervorrief und ihn mit Stolz erfüllte.

Sie hatte die Spritze bringen lassen, sie hatte die Kette gebildet und alles geleitet und angeordnet; wie der Geringste unter ihnen hatte sie überall mit angegriffen und ihr allein verdankten sie es, daß ihre Häuser gerettet wurden.

Während dieser Berichte wurde den Leuten selbst erst klar, was die junge Frau, deren zartes Aeußere ihren Heldenmut nur um so mehr hervortreten ließ, für sie gethan hatte, und sie gerieten förmlich in Begeisterung.

Nichts teilt sich einer ohnehin schon erregten Volksmenge schneller mit, als ein derartiges leidenschaftliches Empfinden.

Plötzlich verließen alle ihre Posten und umringten Alice; sie wollten ihre Hände fassen, ihr Kleid küssen und sie im Triumph bis ins Schloß geleiten.

Gerührt und verlegen ließ die junge Frau sie gewähren; Thränen trübten ihren Blick und wie durch einen Nebel sah sie die rauhen Gesichter sich vor ihr neigen, um ihr beinahe andächtig zu danken, während die Frauen sie küßten und ihre Kinder zu ihr hinschoben.

Als Jean mit heftig pochendem Herzen sich endlich einen Weg zu ihr gebahnt hatte und ihre Hände ergreifen wollte, wich sie vor ihm zurück und rief scherzend: »Bitte, rühr' mich nicht an! Ich habe mich in einen Strom verwandelt!«

Nun bemerkte er erst, in welchem Zustand sie sich befand, und seine Rührung verwandelte sich in Schrecken.

Vom Kopf bis zu den Füßen trug sie die Spuren der verflossenen Stunden an sich; ihre aufgelösten Haare klebten an ihrer Stirne, wie das mit großen nassen Flecken bedeckte, leichte Sommerkleid an Schultern und Brust, und ihre triefenden Füße sanken tief in den gelben Morast, der die Straße bedeckte. Jetzt, da sie sich ruhig hielt, machten sich die Folgen der Anstrengung bemerkbar; sie fing an vor Kälte zu zittern, und ihre Wangen bedeckten sich mit bläulichen Flecken.

Todesangst ergriff den jungen Mann, als er sie sah, und seine Ohnmacht, ihr sofort Erleichterung zu schaffen, brachte ihn ganz außer sich.

Alle Häuser im Dorfe waren verlassen; durch die offenen Thüren waren die Regenbäche in die Stuben gedrungen, so daß die Fußböden, die aus gestampftem Lehm bestanden, so aufgeweicht waren wie die Straßen. Im ganzen Dorf brannte kein Feuer, und Jean konnte nichts Besseres thun, als sie rasch nach einer etwas abseits gelegenen Scheuer zu geleiten, die, dank ihrem vorspringenden niederen Dach, ziemlich trocken geblieben war.

Da der Regen aufs neue herniederströmte, gewährte diese Zufluchtsstätte, so zweifelhaft ihre Bequemlichkeit auch war, der triefend nassen Frau eine große Erleichterung; sie fand ihre Stimme wieder und wollte sprechen, aber Jean hörte gar nicht auf sie.

Voll Sorge und Angst warf er rasch seinen Regenmantel ab und wickelte sie hinein; dann rief er wieder: »Mein Gott, wie hast du dich zugerichtet! Wie hast du nur eine solche Unvorsichtigkeit begehen können? Warum hat aber auch nicht einer dieser Tölpel versucht, dich daran zu hindern?«

Er redete sich immer mehr in Zorn und schleuderte den Dienern, die man von weitem sah, wütende Blicke zu; trotz der Erklärungen und Entschuldigungen der jungen Frau machte er sie alle für das Geschehene verantwortlich.

In Erwartung des Wagens, wonach er sofort einen reitenden Boten abgeschickt hatte, bereitete er seiner Frau einen Sitz aus einigen Bündeln Stroh, kniete neben ihr nieder, um sich in gleicher Höhe mit ihr zu befinden, und beobachtete mit brennendem Blick die Spuren von Erschöpfung, die auf ihrem zarten Antlitz immer deutlicher sichtbar wurden.

Endlich erschien der Wagen, der über und über mit Schmutz bespritzt war, und Jean fühlte eine Zentnerlast von seinem Herzen weichen, denn die letzte halbe Stunde war ihm zu einer Ewigkeit geworden. Ohne eine Minute zu verlieren, nahm er Alice in seine Arme und trug sie bis auf die Polster des Wagens.

Dort fand er einen Berg von Pelzen und Decken, die die Kammerjungfer mitgebracht hatte, und als Alice im Schlosse anlangte, war sie so gut eingepackt, daß man kaum noch ihre Nasenspitze sah.

In ihrem Zimmer flammte ein helles Feuer, das die durch den Platzregen herbeigeeilten Bedienten angemacht hatten, und auch sonst war mit liebevoller Beflissenheit alles für sie hergerichtet worden.

Allein trotz all dieser Fürsorge wurde der Schüttelfrost so heftig, daß ihre Zähne klappernd an die Tasse schlugen, als man ihr, nachdem sie zu Bett gebracht worden war, heißen Thee einflößte.

Nach einer halben Stunde kehrte die Farbe auf Alices Wangen zurück, plötzlich trat an die Stelle der intensiven Kälte eine unerträgliche Hitze und von ihrer Stirne perlte der Schweiß. Nun wollte sie aufstehen und erklärte, sie sei völlig hergestellt, aber Jean widersetzte sich diesem Verlangen aufs entschiedenste, denn die Anzeichen eines heftigen Fiebers waren nicht zu verkennen: die Hände waren trotz der Feuchtigkeit der Stirne brennend heiß und trocken, und ihre Pulse flogen. Davon ganz abgesehen, machte aber schon die furchtbare Anstrengung der letzten Stunden ein längeres Ausruhen zur Pflicht.

Als Jean davon sprach, den Arzt holen zu lassen, lachte sie und rief: »Der würde uns für rechte Kinder halten!«

Trotz seiner sichtlichen Angst hatte Jean nachgegeben, aber alle Augenblicke fragte er, wie es ihr jetzt sei.

»Wie nach einem tüchtigen kalten Bad,« erwiderte sie lustig.

Bekümmert entgegnete er: »Wollte Gott, du hättest zehn kalte Bäder genommen, statt daß du dich in deinem nassen Kleid drei Stunden lang dem heftigen Winde ausgesetzt hast – denn du würdest weniger dafür büßen müssen!«

Gegen acht Uhr wurde Alice ruhiger, der Gedanke, den Arzt zuzuziehen, wurde endgültig aufgegeben, und nun setzte sie es endlich durch, daß ihr Mann sich umzog und auch ein wenig für sich selbst sorgte.

Mittlerweile hatte sich unter den Dorfbewohnern das Gerücht verbreitet, die Gräfin sei krank ins Schloß zurückgekehrt, und deshalb erschienen unten im Hof eine Menge ängstlicher Menschen, die sich nach ihrem Befinden erkundigen wollten.

Der junge Graf war einen Augenblick hinunter gegangen, um mit ihnen über die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu sprechen und um ihnen für ihr Kommen zu danken; er hatte an dieser lediglich durch die Liebe zu seiner Gattin zusammengeführten Versammlung von Männern und Frauen, die mit ihm um sie sorgten, eine solche Freude gehabt, daß es ihm etwas leichter ums Herz wurde.

Am nächsten Morgen befand sich Alice, von einer ganz unbedeutenden, leicht erklärlichen Heiserkeit abgesehen, ganz wohl und bereit, ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen. Ihr Gatte erholte sich weniger schnell und behielt an diesen Tag eine schmerzliche Erinnerung zurück, die sich nur ganz langsam verwischte.

Wenn auch aus andern Gründen, wurde er im Dorf ebensowenig vergessen, und die Liebe, die alle schon vorher für die junge Frau hegten, hatte sich in wahre Vergötterung verwandelt. Die naive Dankbarkeit der Kinder fand ihren Ausdruck in hunderterlei Weise – sie schleppten nach dem Schloß, was ihrer Ansicht nach nur irgend wie geeignet war, Frau von Kerdren Freude zu machen, als da waren ganze Bündel von Feldblumen, Walderdbeeren und ganz frische Haselnüsse mit rosig weißem, festem Fleisch in grüner Schale.

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