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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Siebzehntes Kapitel

Man befand sich in den ersten Tagen des Juli, und die sechs Wochen seit den gegenseitigen Liebeserklärungen waren mit Blitzeseile entschwunden.

Jean hatte sehr recht gehabt: es heißt das Paradies auf Erden haben, wenn man sich liebt und jung ist und allabendlich, wenn die Nacht herniedersinkt, denken kann, daß der morgige Tag die nämliche Fülle des Glücks bringen wird, die man heute genossen hat, und uns bei seinem Entschwinden nichts zurückläßt, als die Erinnerung an einen weiteren glücklichen Tag. So genossen denn auch die jungen Leute ihr Eden in vollen Zügen, durchstreiften es miteinander bis in seine geheimsten Winkel und wurden es nie müde, als den Grund aller Dinge immer nur die zwei Worte zu finden: »Er – sie«.

Mit der Entfaltung ihres Glücks und ihres Vertrauens hatte sich auch ihr ganzes Wesen erschlossen, und sie lernten sich kennen. Jean staunte über all das Zartgefühl und die Feinheit, die ein Frauenherz birgt, über diese Frische der Eindrucksfähigkeit und der Freude, von der er bis dahin gar keinen Begriff gehabt hatte, und auch über die etwas boshaft angehauchte Lustigkeit, die man auf den ersten Blick bei Fräulein von Valvieux gar nicht vermutet hätte.

Zum erstenmal genoß er auch das wohlige Gefühl, jemandes Schutz und Stütze zu sein, und er bewunderte die Art und Weise, in der die junge Frau die Augen zu ihm aufschlug und sagte: »Willst du, Jean?«

Diese drei Worte hätten ihn zu allem vermocht, und er, der geglaubt hatte, seine Liebe habe den höchstmöglichen Grad erreicht, fühlte, wie sie sich doch von Tag zu Tag noch steigerte.

Nun wachte er eifersüchtig darüber, daß Alice an seinem inneren und äußeren Leben ihren vollen Anteil nahm, und begnügte sich nicht mehr damit, daß dies in der Gegenwart und Zukunft der Fall sei, sondern sein Bestreben ging auch dahin, sie in seine Vergangenheit einzuweihen; jetzt berichtete er ihr all die Kindheit- und Jugenderinnerungen, die sie schon so lange gern gehört hätte.

Er schilderte ihr die früher auf Kerdren verlebten Jahre, wo seine lustigen Streiche allein das Schloß belebten, während sich sein Erzieher in die Bibliothek zurückzog und den ihm anvertrauten Knaben nahezu wild aufwachsen ließ, was sich dieser redlich zu nutze machte, um gar oft mit den Fischern auf den Fang hinaus zu fahren, obgleich sie ihn nicht gern mitnahmen, weil sie die Verantwortung scheuten.

Aus jedem seiner Worte aber sprach die leidenschaftlichste Liebe für seine Heimat.

Nun berichtete auch Alice von sich selbst, aber ihre Erzählungen waren kürzer und allzusehr mit der Erinnerung an den verlorenen Vater vermischt, als daß sie nicht traurig gewesen wären, weshalb ihr Gatte sie auch nicht lange dabei verweilen ließ.

Alice und Jean gingen so ganz in ihrem Glück auf, daß sie, wenn das möglich war, noch menschenscheuer wurden, als zu Anfang ihrer Ehe, und lächelnd kam man überein, das beabsichtigte Einladungsschreiben an Frau von Sémiane nicht abzuschicken, wie man es schon vom Sommer bis zum Herbst und vom Frühjahr bis zum Sommer verschoben hatte.

Im Dorf hatte man sich gewöhnt, sie immer zusammen zu sehen, und das junge Paar sah sich von der allgemeinsten Liebe und der freudigsten Teilnahme an seinem Glück umgeben.

Jean rechnete mindestens auf einen Monat Urlaub und entwarf deshalb Reisepläne, die zu ihrer Ausführung ein Jahr und mehr Zeit erfordert hätten, und die häufig wechselten.

»Warum sollen wir denn fortgehen?« sagte manchmal die junge Frau. »Bist du denn Kerdrens schon überdrüssig?«

»Dein Leben hier ist zu eintönig,« erwiderte er, »für mich ist es einerlei, ob ich dich in der Bretagne oder in Schottland liebe – glaubst du nicht, daß das überall gleich wonnig ist?«

*

Eines Nachmittags, während Jean sich in Lorient im Dienst befand, überzog sich der Himmel, der schon seit dem Morgen trüb ausgesehen hatte, mit schwarzen Wolken; die Sonne verschwand ganz und die schon vorher drückende Luft wurde so schwül, daß es nicht möglich war, im Freien zu bleiben. Schon seit einer Woche war ein Gewitter dem andern auf dem Fuße gefolgt, aber das, das jetzt am Himmel stand, drohte ganz besonders heftig zu werden.

Unfähig, sich irgend einer Beschäftigung hinzugeben, wanderte die junge Frau in ihrem Zimmer auf und ab; es war ihr, als sei sie von einer Gefahr bedroht und als habe es das Gewitter ganz besonders auf sie abgesehen. Endlich brach es los und zwar mit solcher Gewalt, daß man in dem wolkenbruchartigen Regen und Sturm kaum mehr zehn Schritte weit sehen konnte: die von den Bäumen gerissenen Blätter und der Regen, der gar nicht bis auf die Erde kommen konnte, drehten sich in tollem Wirbel miteinander in der Luft herum, und man vernahm das Krachen brechender Aeste, die im Sturz die umstehenden Gesträucher zermalmten.

Die Donnerschläge folgten einander unaufhörlich und mit so tiefem, langem Dröhnen, daß sich Alice, die, von dem gewaltigen Schauspiel gefesselt, ans Fenster getreten war, manchmal erschrocken die Ohren zuhielt. Dazwischen klang das Tosen des Meeres, und in der völligen Dunkelheit, die eingetreten war, schienen sich diese beiden furchtbaren Stimmen über die Vernichtung alles Bestehenden ins Vernehmen zu setzen.

Nach und nach wurde es wieder Tag, der Donner verrollte in der Ferne und der Regen rauschte sanfter hernieder, obgleich der Wind noch immer so heftig war, daß Alice kaum das Fenster zu halten vermochte, das sie geöffnet hatte, um etwas frische Luft zu schöpfen.

Noch beugten sich die Bäume vor dem Sturm, aber ihre Blätter leuchteten in frischem Grün und erquickten sich an dieser wohlthätigen Feuchtigkeit. Die Erde dampfte und strömte jenen erquickenden Geruch aus, der auf Gewitterregen zu folgen pflegt und die ganze Atmosphäre mit einem Duft von wohligem Behagen erfüllt.

Fenster und Thüren öffneten sich allmählich; vom nämlichen Bedürfnis getrieben, suchten Menschen und Tiere das Freie und belebten den bis dahin verödeten Hof. Die Gräfin lehnte am Fenster und gab sich dem erfrischenden Reiz dieses Augenblicks hin.

Das Meer mußte jetzt herrlich sein! Kaum war ihr dieser Gedanke gekommen, so sah sie sich auch schon nach einem Umhang um, den sie über die Schultern werfen könnte, denn sie wußte, daß es wegen des Windes nicht möglich sein würde, einen Schirm zu halten. Als sie sich eben anschickte, an den Strand zu gehen, erregte ein ungewohntes Getöse ihre Aufmerksamkeit. Es hatte etwas mit dem Rauschen des Wassers gemein, und doch ließ sich dazwischen das Branden der Wogen deutlich vernehmen. So überrascht wie sie zeigten sich draußen die Bedienten, und Alice merkte, daß sie miteinander berieten und dabei auf das Dorf deuteten. Schon schritten einige nach der großen Allee hin, als plötzlich ein roter Schein am Himmel aufstieg und sich das unbestimmbare Getöse, das der jungen Frau aufgefallen war, in Geschrei verwandelte.

In der Allee erschien ein Junge, der eilends dahergerannt kam und offenbar der Träger böser Kunde war. Im nämlichen Augenblick, wo Alice, die, ohne eine Minute zu verlieren, hinuntergeeilt war, den Fuß auf die oberste Stufe der Freitreppe setzte, stürzte er in den Hof.

Sie winkte ihm, auszuschnaufen, ehe er sprach, und befahl den Bedienten: »Holt die Feuerspritze heraus. Sie, Aves, satteln sofort ein Pferd und melden es dem Herrn; die übrigen eilen zur Hilfe ins Dorf.«

Während ihre Befehle ausgeführt wurden, ließ sie sich von dem Knaben berichten. Der Blitz hatte in eine Scheuer eingeschlagen und sie sofort in Brand gesetzt, und nun stand wegen des heftigen Windes das ganze Dorf in Gefahr, ein Raub der Flammen zu werden.

Es war Alice ganz unmöglich, zu bleiben, wo sie war; sie wollte mit dem Kleinen vorausgehen, und eilte raschen Schrittes weiter, obgleich sie auf den aufgeweichten Wegen alle Augenblicke ausglitt.

In den Alleen hatten sich wahre Seen gebildet, und von allen Seiten ergossen sich Regenbäche, die Erde und Kies mit sich führten.

Der Regen hatte beinahe ganz aufgehört, aber der Wind wehte mit unverminderter Heftigkeit weiter und die von ihm angefachte Feuersbrunst nahm einen furchtbaren Umfang an. Die Flammen flackerten auf, sanken wieder in sich zusammen und züngelten auf die benachbarten Strohdächer hinüber. Gleichwohl wurde von der verzweifelnden, schreienden Menschenmenge nicht der mindeste Versuch gemacht, das Feuer zu löschen; thatlos standen sie alle um die Scheune herum, als die junge Frau mit nassen Haaren in ihrer Mitte erschien.

»Wollt ihr denn das ganze Dorf abbrennen lassen?« rief sie beim Anblick dieser Kopflosigkeit entrüstet. Als sich nun der Besitzer der Scheune zu ihr wandte und sie mit trostlosem Blick mechanisch grüßte, fuhr sie etwas sanfter fort, indem sie ihm ihre kleine Hand reichte: »Mein armer Freund, es ist ein schreckliches Unglück, aber jetzt muß erhalten werden, was noch vorhanden ist, und ich bin gekommen, um Euch dabei zu helfen.«

Er stand neben ihr, war aber so verzagt, daß sie sich gleichzeitig auch an die andern Männer wandte.

Ihnen allen hatte nichts gefehlt, als jemand, der die Leitung in die Hand nahm.

Die junge Frau erteilte ihre Befehle kurz und deutlich, mit einer Entschiedenheit, die an ihren Gatten erinnerte und keinen Widerspruch aufkommen ließ.

In weniger als einer Viertelstunde war von der Brandstätte aus bis zu einem nahen Teich eine doppelte Kette gebildet. Auch einige Fischer, die ihre Nachen vor der hochgehenden Flut geborgen hatten, kamen vom Strand zurück und schlossen sich den Arbeitenden an. Da sie mehr daran gewöhnt waren, kaltblütig bei Gefahren zu bleiben und unbedingten Gehorsam zu leisten, fand Frau von Kerdren eine mächtige Hilfe in ihnen. Dank all dieser Anstrengungen konnte man hoffen, zwar nicht die zunächststehenden, wohl aber die folgenden Häuser, die man beständig überschwemmte, zu erhalten.

Mit einem Mut und einer Entschlossenheit, die wahrhaft bewundernswürdig waren, und die man hinter der sonst so zurückhaltenden, zarten jungen Frau nie vermutet hätte, schien sie an allen Orten zugleich zu sein, überwachte alles und griff überall kräftig ein. Ganz unbekümmert um die Gefahr drang sie manchmal so weit vor, daß der zurückschlagende Rauch sie ganz umhüllte, und daß die Seeleute zu einander sagten: »Ganz wie ein Kapitän im Sturm auf seiner Brücke!«

Nach etwa drei Stunden schien die Aufgabe bewältigt zu sein. Das Feuer hatte das, was man ihm als Beute überlassen mußte, völlig verzehrt, aber die vor seiner Gier geschützte Nachbarschaft schien gerettet. In diesem Augenblick ertönte eiliger Hufschlag und Samory erschien mit verhängtem Zügel an der Biegung des Weges. Mehr als zweihundert Meter zurück folgte der Bediente, dem es unmöglich gewesen war, die Gangart einzuhalten, wozu Jean sein Pferd angespornt hatte; die beiden Pferde waren mit weißem Schaum bedeckt und zitterten vor Ermüdung und Bestürzung.

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