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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Sechzehntes Kapitel

Um dem stürmischen Abschied zu entgehen, der ihnen von den freudig erregten Bauern bevorstand, entfernten sie sich in aller Stille und gebrauchten jede erdenkliche Vorsicht, um ja keine Aufmerksamkeit zu erregen; das machte ihnen viel Spaß, weil es ihrem Auf- und Davongehen den Anstrich einer Flucht verlieh.

Nachdem sie aber den Hohlweg erreicht und unter dem Schatten der Bäume sicher waren, schien ihre Lebhaftigkeit plötzlich zu versiegen, und unwillkürlich verlangsamten beide den Schritt.

Es war hier noch dunkler, als es von ferne ausgesehen hatte, und die Blicke vermochten das grüne Gewölbe, das die Aeste über den Häuptern der Spaziergänger bildeten, nur schwer zu durchdringen. Von Zeit zu Zeit trat durch eine Lücke der Mond hervor und übergoß den Pfad mit seinem silbernen Licht gleich einer elektrischen Kugellampe, aber schon zehn Meter weiter erstarb der Schein und ließ nur noch ein leises Flimmern zurück.

Dieser beständige Wechsel von Licht und Dunkel regte die junge Frau auf, ohne daß sie sich dessen bewußt wurde; es war ihr, als trage man eine riesige Blendlaterne vor ihr her und drehe diese von Zeit zu Zeit um, in der Absicht, in ihren Zügen zu lesen, wenn sie es gerade am wenigsten erwartete. Zu viel Licht brachte sie in Verwirrung, und das Dunkel, das sie gleich darauf wieder umgab, machte sie nur noch befangener, und sie blieb stumm, obgleich sie sich ärgerte, daß sie nichts zu sagen wußte.

Sei es nun, daß die nämlichen Ursachen auf Jean die nämliche Wirkung ausübten, wie auf ihre sehr empfindlichen Nerven, oder daß die ruhige Schönheit dieser herrlichen Nacht seine ganze Aufmerksamkeit fesselte – jedenfalls sprach auch Jean kein Wort.

Der Duft wilder Veilchen und gelber Primeln umwehte sie sanft und lieblich und Leuchtkäfer flimmerten in den Böschungen des Weges. Ringsum war alles friedlich und poetisch, die richtige Umgebung für eine Idylle, deren Helden selbst in dem reizenden Paar zu suchen waren, das durch diese zauberhaft schöne Nacht dahinwandelte.

Indessen dauerte das Schweigen fort, und die junge Frau fühlte sich dadurch so bedrückt, daß sie krampfhaft nach einem Worte suchte, das die Befangenheit bannen sollte, von der sie befallen war, aber sie bebte trotzdem vor dem Gedanken zurück, ihre Stimme könnte sich in dieser Stille hörbar machen.

»Ich will dir ein Märchen erzählen,« flüsterte Jean plötzlich, indem er stehen blieb und ihre beiden Hände ergriff, wie, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben … »Nein!« fuhr er fort, als sie ihre klaren Augen mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens auf ihn richtete, »wir wollen nicht im allgemeinen sprechen, denn du bist ja hier die einzige Fee, wie du allein auch meine Gedanken und Träume erfüllst, wir wollen also nur von dir sprechen.«

Und nun schilderte er ihr mit dem ihm eigenen leidenschaftlichen Feuer, wie er die letzten Wochen durchlebt und was er gefühlt und gedacht hatte; er legte ihr die geheimnisvolle Umwandlung dar, die sich in seinem Herzen vollzogen hatte, und die ihn von der etwas gleichgültigen Sympathie der ersten Zeit bis zu diesem leidenschaftlichen Liebesgeständnis brachte, das jetzt, von Begeisterung glühend, von seinen Lippen strömte.

Bebend vor Rührung lauschte Alice den Worten, die sie hörte und die sie so überraschten, daß sie ihren Sinnen nicht zu trauen wagte. Erst als sie ihren Namen nennen hörte, wagte sie zu glauben, daß nicht von irgend einer Romanheldin die Rede war, sondern von ihr selbst, daß es nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.

Gleichwohl fand sie nicht die Kraft, ein einziges Wort, ein Lächeln hervorzubringen, oder auch nur durch die alltäglichste Bewegung ihre Aufmerksamkeit an den Tag zu legen, und der junge Mann fing schon an, angesichts dieser eisigen Unbeweglichkeit, seine Fassung und seinen Mut zu verlieren. Seine Stimme zitterte, und er beeilte sich, zum Schluß zu kommen, ehe er die Herrschaft über sich vollends ganz verlor.

»Alles, was ich dir sagte,« fuhr er hastiger fort, während er Alice näher an sich zog, »sollte dir nicht nur ausdrücken, daß ich dich anbete, sondern dir auch zeigen, wie sehr ich es zeitlebens beklagen werde, nicht früher eingesehen zu haben, wie anbetungswürdig du bist, und daß ich mir in meinem Leben, von dem ich nicht weiß, wie lange es dauern wird, diese zwei Monate verlorenen Glückes nie verzeihen werde. Diese zwei Monate sind wie nicht gelebt, und ich möchte jede Stunde, jede Minute wieder einholen und sie dazu benutzen, um deine Liebe zu werben! Ich möchte mit dem Tag wieder anfangen, wo ich dich erstmals gesehen habe, und dich überschütten mit der ganzen Macht und Fülle von Glück, die ich heute in mir fühle. Mit dem Schlüssel zum Paradies in der Hand, habe ich versäumt, es mir zu erschließen – das ist mein größter Schmerz, und das hätte ich dir gern ausgedrückt, wie ich es empfinde.«

»Nun,« flüsterte die junge Frau so leise, daß ihr Gatte sie kaum verstehen konnte, »du brauchst nichts zu bereuen, denn wenigstens eins von uns beiden hat diese zwei Monate in deinem Paradies gelebt! …«

»Alice!« rief der junge Offizier.

»Es ist wahr,« erwiderte sie sanft und mit gesenktem Haupt.

Eine Weile später setzten sie ihren Weg fort, noch immer umwehte sie der süße Duft der Veilchen, der nun so ganz im Einklang stand mit ihren Gedanken und sie begleitete als Festesgruß. Trat der Mond hervor, so lächelten sie einander an in seinem Silberschein, und wurde es wieder dunkel um sie her, so flüsterten sie nur leise, wohl um die schlafenden Nymphen des Waldes nicht aufzuwecken.

Als sie an der kleinen Pforte des Parkes anlangten, fing eine Nachtigall an, ihr süßes Wunderlied zu flöten; sie mußte ganz in ihrer Nähe sein, denn es ging ihnen auch nicht der zarteste Triller, nicht der leiseste Flötenton verloren, und die himmlische, auserlesene Zärtlichkeit der Melodie durchdrang ihre Seelen.

Die Nachtigall schien nur für sich selbst zu singen, wie eine Künstlerin, die in ihrem eigenen Heim der Ruhe pflegt und sich mit ihren Lieblingsweisen in Schlummer singt; denn ihr Vortrag war mehr lieblich als glänzend, und man konnte kaum glauben, daß dieser Gesang nicht einer denkenden, beunruhigten Menschenbrust entquoll, so tief und gefühlvoll klangen die Modulationen der kleinen Sängerin.

Von Bewunderung ergriffen, waren Jean und Alice stehen geblieben und wagten kaum den Fuß auf die Erde zu setzen, aus Angst, an irgend einen dürren Zweig zu stoßen, der durch sein Krachen die Anwesenheit zudringlicher Lauscher verraten konnte.

»Hörst du,« sagte Jean nach einer Weile halblaut, »dieser Gesang ist unser Willkommgruß!« Dann drückte er die junge Frau fester an sich und fügte hinzu: »Und im Gegensatz zu Romeo, der klagte, als er das Zwitschern der Lerche vernahm, die ihm das Kommen des Morgens verkündete, können wir, die wir Liebe und Jugend besitzen und ein ganzes Leben vor uns haben, mit Entzücken unsern Sänger begrüßen, denn uns verkündet er nicht die Morgenröte, sondern ein Glück ohne Ende!«

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