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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Vierzehntes Kapitel

»Endlich habe ich gefunden, was ich für dich haben wollte,« begann Jean etwas später; »schon seit vierzehn Tagen erzählte mir Duhamel unaufhörlich von einem wundervollen, an den Damensattel gewöhnten Pferd, das seine Schwester, eine vortreffliche Reiterin, zwei Sommer geritten hat, und das in jeder Beziehung ausgezeichnet sein soll. Ich habe es jetzt gesehen und selbst probiert, und falls du damit einverstanden bist, kann es in zwei Tagen hier sein. Willst du es dir in Lorient ansehen, oder sollen wir es hierher kommen lassen, damit du selbst seine Vorzüge erst erproben kannst?«

»Weder das eine, noch das andre,« erwiderte die junge Frau, »ich verlasse mich darin völlig auf dich und bin überzeugt, daß ich es ganz vollkommen finden werde.«

»Es ist ein kohlschwarzer Rappe,« berichtete Jean, »ich meine, du habest einmal gesagt, du habest eine Vorliebe für Rappen. Im Augenblick kann ich es leicht so einrichten, daß ich nur noch einmal täglich nach Lorient gehe; es ist höchste Zeit, daß die Einförmigkeit deines Lebens etwas unterbrochen wird. Eine Einsiedlerin ist ja die reine Weltdame im Vergleich zu dir!«

»Aber ich langweile mich ganz gewiß nicht!«

»Dann bist du glücklicher beanlagt als ich, denn …« Hier unterbrach er sich und sagte: »Du hast mich übrigens noch gar nicht gefragt, wie ich den gestrigen Abend verlebt habe.« Darauf beantwortete er den fragenden Blick Alices mit einer lebhaften Schilderung seiner überstandenen Leiden und gestand ihr, daß er das Meer langweilig gefunden und beinahe mit einer Uhr Händel angefangen habe, weil sie die neunte Stunde kündete, als er glaubte und behauptete, es sei elf.

Gerade die originelle Seite in dem Charakter ihres Mannes kannte Alice am wenigsten. Wohl war er immer unendlich gut und aufmerksam gegen sie, aber die Fröhlichkeit, von der ihr Frau von Sémiane erzählt hatte, die sprudelnde Lustigkeit, womit er manchmal eine ganze Gesellschaft ansteckte, die mußte er verloren haben oder unterdrücken, denn sie hatte noch keine Spur davon entdeckt. Dieser Umstand trug auch sein Teil dazu bei, daß sie in allem, was Jean that, nur das Bestreben sah, seine Pflicht zu erfüllen. Deshalb begrüßte sie voll Glück diese unverhoffte Lebhaftigkeit und gab sich alle Mühe, mit Anmut auf diesen Ton einzugehen.

Kurze Zeit darauf zog das für die junge Frau bestimmte und von ihr gut und gern angenommene Pferd in die Stallung auf Kerdren ein.

Es war ein prächtiges Vollblut – vielleicht ein wenig feurig, aber vorzüglich abgerichtet; es hatte nicht einen Fehler, nicht eine schlechte Gewohnheit und ging den gleichmäßigsten, tadellosesten Trab. Wie Jean gesagt hatte, war es kohlschwarz und hatte nur auf der Stirn einen weißen Stern; kurz, es war mit seinen feinen Fesseln und seinem Schwanenhals das Ideal eines Damenpferdes.

Das Trauerreitkleid, das sich Frau von Kerdren bestellt hatte, war ebenso pünktlich eingetroffen wie Zaum- und Sattelzeug, und eines schönen Nachmittags wurde der erste Spazierritt unternommen.

»Reitest du gut?« fragte Jean, als er Alice in den Sattel half.

»Aber … nun, wenigstens sitze ich ziemlich fest im Sattel,« erwiderte sie und lachte über die Form seiner Frage.

Jean brauchte nicht lange, um zu sehen, daß seine Frau nicht nur, wie sie sagte, »ziemlich fest«, sondern auch mit vollendeter Anmut und Sicherheit im Sattel saß. Schon nach einer Viertelstunde hatte sie ihr Pferd völlig in der Hand und freute sich, es dem leisesten Drucke gehorchen zu fühlen.

Wie die meisten schlanken Frauen, sah Alice in ihrem Reitkleid sehr vorteilhaft aus; ihre natürliche Anmut und ihre elegante Büste zeigten sich im günstigsten Licht, und dazu hatte sie eine ganz eigentümliche Art, den Kopf hoch und doch nicht steif zu tragen und den Bewegungen des Pferdes unmerklich mit den Schultern zu folgen.

Kurzum, Kleid, Hut und Haltung bildeten ein reizendes Ganzes, und Jean betrachtete sie wieder und immer wieder. Er fragte sich, was in aller Welt denn mit seiner Frau vorgegangen sei, ahnte aber nicht, daß nur er allein jetzt erst ihre Anmut und Schönheit bemerkte, und der Austausch von Lächeln und Bemerkungen, soviel die rasche Gangart der Pferde davon gestattete, gewährte ihm eine ungeahnte Wonne.

Nach ihrer Heimkehr hatte er ihr vortreffliches Reiten in aller Aufrichtigkeit gelobt, aber immerhin den größten Teil dessen, was er dachte und fühlte, für sich behalten, um so mehr, als er sich selbst kaum ganz klar darüber war. Wie gewöhnlich hatte sein Lob auf den Wangen der jungen Frau eine lebhafte Röte hervorgerufen, während in der Erinnerung an ihren Vater, den Lehrer und Leiter ihrer Jugendjahre, Thränen in ihre Augen traten.

Von da an wurden diese Spazierritte ohne Unterbrechung fortgesetzt und gewährten den beiden täglich neue Freude. Ganz unmerklich ließ sich Alice mehr gehen und gab sich freier und ungezwungener. Sie war stolz auf sein Lob, und sein Beifall spornte sie an und ermutigte sie. In Jeans verändertem Wesen sah sie in ihrer Bescheidenheit nur die natürliche Folge eines gemeinschaftlichen Vergnügens, aber da er sich während dieser Stunden mitteilsamer und lebhafter zeigte, als gewöhnlich, so segnete sie diese Ablenkung und dachte nicht weiter darüber nach.

Ihm seinerseits wäre es sehr schwer gefallen, zu erklären, was in ihm vorging, und er war weit davon entfernt, sich darüber klar zu sein, daß er etwas Ungewohntes empfinde, es war ihm nur zu Mute, wie jemand, bei dem sich durch ein allgemeines Unbehagen, das er sich nicht zu erklären vermag, eine schwere Krankheit vorbereitet.

Er schrieb die Ursache seiner Erregung nur dem Reiz des Frühjahrs, den langen Ritten, der Heiterkeit der jungen Frau und den Kindheitserinnerungen zu, die in seiner Heimat massenweise auf ihn einstürmten.

Schon bei Tagesanbruch ritten sie fort, um die frühen Morgenstunden des Mai in ihrer vollen Poesie zu genießen, und nicht selten waren die Hufschläge ihrer Pferde das erste Geräusch auf der Landstraße.

Meistens machte die junge Frau, deren kindliche Freude an Wald und Feld Jean ungemein glücklich machte und die ihm von Tag zu Tag reizender erschien, auf irgend einem Pachthof Halt und trank eine Tasse kuhwarmer Milch, denn vor dem Aufbruch pflegte sie nichts zu sich zu nehmen. Das junge Paar bildete ein wahres Genrebild, wenn es auf diesen ländlichen Höfen hielt und der Herr der Reiterin eine rotgeblümte Tasse voll schaumiger, fetter Milch brachte und dann, die Hand auf dem Zügel des Pferdes, zusah, wie sie trank, während die Kinder mit auf den Rücken gekreuzten Armen sich hinter einen Mauervorsprung drückten, um sehen zu können, ohne gesehen zu werden, und unter ihren zerzausten Haaren neugierig hervorblinzelten.

Aber daran dachten weder Jean noch Alice; sie freute sich in aller Stille seiner Zärtlichkeit, und er wunderte sich, daß es um einen Frühritt in einer wilden Gegend so was Reizendes sei, und daß ein Seemann, wie er, ohne sichtbaren Grund dahin gelangen könne, in einigen Wochen sein Schiff und seine Kameraden zu vergessen.

Eines Morgens hatten sich Alice und Jean völlig verirrt und freuten sich wie Kinder über ihr planloses Umherschweifen, als sie sich plötzlich durch einen zwischen zwei abschüssigen Ufern eingezwängten Bach aufgehalten sahen. Wohl hätte sich zur Not hinübersetzen lassen, denn er war nicht breit, und am jenseitigen Ufer dehnte sich eine weite Ebene hin, aber der durch das Wasser unterhöhlte äußerste Rand des Ufers hätte bei der geringsten Erschütterung nachgegeben, wenn der Sprung nicht so weit genommen wurde, daß man gleich auf festen Grund kam, und dem wollte Jean die junge Frau nicht aussetzen.

Auf einer Furt hinüber zu gelangen, war durch die Tiefe des Bettes und die Höhe des Wasserstandes völlig ausgeschlossen; zur Rechten und Linken breitete sich ein undurchdringliches Dickicht aus, und umkehren hieß immer weiter in der Irre reiten.

Verblüfft blickten sie einander an. Plötzlich rief Jean: »Ach, nun weiß ich, wo ich bin! Vierzig Meter weiter links finden wir einen Steg – es handelt sich nur darum, ihn zu erreichen! Daß ich mich aber auch nicht eher zurecht gefunden habe!«

Allein der Steg war nicht so leicht zu erreichen, und Jean mußte von dem Versuch, einen Durchgang zu bahnen, indem er mit seinem Pferde ins Dickicht eindrang, schnell wieder abstehen, weil Samory, dem die zurückschnellenden Zweige Hals und Brust peitschten, so heftig bäumte, daß Jean froh sein mußte, ohne Unfall wieder heraus zu kommen.

Schnell entschlossen, sprang der junge Offizier ab, band die beiden Pferde an einen Baumstamm, um seine Frau über den Steg ans andre Ufer zu geleiten. War sie erst drüben, so wollte er zurückgehen und mit den beiden Pferden übersetzen, und dann konnten sie auf der Landstraße nach Kerdren zurückreiten.

Wohl machte Alice einige Einwendungen, da sie ihm aber in nichts zu widerstehen vermochte, warf sie die Schleppe ihres Reitkleides über den Arm und schickte sich an, ihm zu folgen.

»Gib mir deine beiden Hände und beuge dich zu mir herüber,« sagte er. Dann drang er, rückwärts gehend, in das Dickicht ein, wo er mit seinen breiten Schultern einen Durchgang bahnte und alles, was sich ihm in den Weg stellte, nach rechts und links zurückdrängte.

In der so gebildeten Lücke konnte die junge Frau verhältnismäßig mühelos weiterschreiten, wobei sie von den starken Händen, in denen die ihren ruhten, kräftig unterstützt wurde, wenn ihr Fuß über eine Baumwurzel strauchelte. Gehorsam schloß sie, wie er es sie geheißen hatte, die Augen und ließ sich, vertrauensvoll wie ein Kind, blindlings von ihm leiten.

Trotz aller Vorsicht geschah es aber doch, daß ihr Hut hängen blieb, doch ging sie weiter, weil sie glaubte, er würde sich dadurch losreißen; statt dessen schnellte aber der Zweig, an dem er hing, wieder in die Höhe und nahm als Siegesbeute Hut und Schleier mit. Sie lachte und wollte ihn wieder haben, ihr Mann aber rief: »Rühre dich nicht, sobald du den Kopf aufrichtest, bleiben deine Haare hängen! Bücke dich tiefer herab – ich will den Hut nachher schon holen!«

Sie gehorchte, und nun kam ihr Kopf, der von dem Hutrand nicht mehr ferngehalten wurde, ganz an die Brust ihres Gatten zu liegen, und so wurde der Marsch fortgesetzt. Aber diesmal bemächtigte sich der jungen Frau ein merkwürdiger Eindruck, sie glaubte, das Herz Jeans laut pochen zu hören. Von Minute zu Minute verstärkten sich die Schläge und drangen wie der deutlichste Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit in ihr Ohr … Mittlerweile war der junge Mann mehr als je die Beute jener unerklärlichen Empfindung: er fühlte sich unendlich beglückt, Alice diesen kleinen Dienst erweisen und dies herrliche Wesen, das sich ganz von ihm leiten ließ, durch das dornige Dickicht führen zu dürfen.

Ihre etwas verwickelten Haare flimmerten vor seinen Augen wie ein goldener Nebel und erschienen ihm so schön und so kostbar, daß es ihn tief geschmerzt hätte, wenn auch nur eines zu Grunde gegangen wäre.

Plötzlich ging ihm ein Licht auf über das, was mit ihm geschah; aber im nämlichen Augenblick war das Dickicht zu Ende, und die junge Frau richtete sich auf und dankte ihm.

Von der Anstrengung dieses ungewohnten Spazierganges erhitzt, stand sie vor ihm und ordnete mechanisch ihre Frisur; Jean machte einen Schritt vorwärts, und seine Lippen bewegten sich, aber er sagte nichts. Nachdem er sie über den Steg geleitet hatte, legte er den nämlichen Weg noch zweimal zurück, um die Pferde zu holen. Als er mit dem zweiten Pferde übergesetzt hatte, händigte er seiner Frau ihren Hut wieder ein, half ihr in den Sattel und ritt, von tausend neuen Gedanken und Gefühlen bestürmt und bewegt, stumm neben ihr nach Kerdren zurück.

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