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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Dreizehntes Kapitel

Eines Abends wurde Jean zu seiner größten Verwunderung etwa hundert Meter vom Hof von einem Bedienten aufgehalten, der respektvoll sagte: »Wollen der Herr Graf nicht hier absteigen? Die gnädige Frau sind eben erst eingeschlafen, und die Kammerjungfer fürchtet, sie könne plötzlich aufgeweckt werden.«

»Eingeschlafen?« wiederholte Jean ganz erstaunt. »Ist der gnädigen Frau denn etwas zugestoßen? Ist sie krank geworden?«

»Ich glaube, Frau Gräfin sind schon seit heute mittag nicht ganz wohl.«

»Was ist es denn? Was soll das heißen? Warum hat man mich nicht holen lassen?« fragte der junge Mann so schnell, daß ihm der Bediente unmöglich darauf antworten konnte.

Rasch sprang er vom Pferde, warf dem Diener die Zügel zu und war schon weit, ehe dieser nur daran gedacht hatte, den ungeduldig die Erde stampfenden Samory auf einem Umweg in den Stall zu führen.

Rasch ging Jean in den ersten Stock hinauf und fand, wie er es erwartet hatte, in dem an das Zimmer seiner Frau anstoßenden Gemach, ihre bretonische Kammerjungfer mit ihrer Arbeit beschäftigt und bereit, auf den ersten Ruf zu ihrer Herrin zu eilen. Er winkte sie auf den Vorplatz heraus, und sobald sie die Thüre hinter sich geschlossen hatte, fragte er schnell: »Was fehlt ihr?«

»Heftiges Kopfweh und Fieber,« erwiderte die Kammerjungfer rasch, denn sie fühlte, daß jetzt keine Zeit für lange Reden war. »Die gnädige Frau ist gegen elf Uhr in den Park gegangen und eine halbe Stunde später mit so heftigem Schwindel zurückgekommen, daß sie sich aufs Treppengeländer stützen mußte und sofort frisches Wasser verlangte. Sie ist ohne Hut draußen gewesen und sprach, während ich ihr kalte Umschläge auf die Stirne legte, von einem Sonnenstich, den sie, wie sie glaubt, draußen bekommen habe.«

»Man hätte mich sofort holen lassen sollen,« unterbrach sie Jean.

»Daran haben wir auch gedacht,« erwiderte die Bretonerin in entschuldigendem Ton, »aber die gnädige Frau hat es verboten und gesagt, die Sache habe gar nichts zu bedeuten. Die Kopfschmerzen haben aber nicht nachgelassen, die gnädige Frau hat nicht gefrühstückt und später ist das Fieber gekommen. Erst seit einer kleinen Weile ist sie eingeschlafen, und deshalb habe ich mir erlaubt, den Herrn Grafen unterwegs anhalten zu lassen.«

»Und hat man den Arzt geholt?«

»Die gnädige Frau hat auch das nicht erlaubt und gesagt, die Ruhe genüge.«

Jean machte eine rasche Bewegung nach der Thür zu, besann sich aber eines Besseren und sagte nur: »Sobald die gnädige Frau aufwacht, geben Sie mir Nachricht.«

Während der nächsten zwei Stunden ging er in seinem Zimmer auf und ab; auf seinen Befehl war das Mittagessen hinausgeschoben worden und ein Wagen nach Lorient abgegangen, um einen Arzt zu holen.

Alice schlief noch immer, und in der tiefen Stille, die im Schloß herrschte, wartete der junge Offizier doppelt ungeduldig. In dieser großen Ruhe schien ihm etwas Gleichgültiges zu liegen, was ihn reizte. Er ärgerte sich über den Arzt, daß er nicht kam, über die Bedienten, die so ruhig blieben, über sich selbst, daß er nichts that, und daneben fragte er sich insgeheim, wie er wohl bei dieser jungen Kranken seinen Platz werde ausfüllen können. Er hatte noch nie eine kranke Frau um sich gehabt und fragte sich angstvoll, was er ihr bei seiner Unerfahrenheit und ihrer furchtbaren Schüchternheit wohl werde helfen können. Der Gedanke, daß seine Frau krank werden könne, war ihm gar nie gekommen, und nun stand er der Thatsache so verblüfft gegenüber, als hätte man ihm einen Kolibri mit zerbrochenem Flügel gebracht und verlangt, er solle ihn wieder einrichten.

Endlich wurde an des Schloßherrn Thüre geklopft und ihm gemeldet, daß Alice erwacht sei.

Ohne ein Wort zu sagen, folgte er der Kammerjungfer, verwundert darüber, daß sein Herz so laut und ängstlich pochte, als sollte seiner ein schrecklicher Anblick harren.

Und doch konnte nichts einfacher sein: eine große rosa verhängte Lampe erhellte die eine Hälfte des Zimmers, während die andre in mildem Halbdunkel lag; die junge Frau ruhte, eine Decke über den Füßen, auf ihrem Sofa.

Als sie ihren Mann eintreten sah, richtete sie sich auf und streckte ihm liebevoll die Hand entgegen.

»Verzeih, daß ich dich gestört und vielleicht gar beunruhigt habe … Aber es ist jetzt ganz vorbei.«

»Du hast mehr gethan, als mich beunruhigt,« erwiderte er lebhaft, »seit zwei Stunden peinigen mich die schwärzesten Vorstellungen! Was hast du denn gehabt und warum hast du nicht erlaubt, daß man mich benachrichtigte?«

»Ich versichere dich, es war ganz überflüssig,« erwiderte sie ausweichend; sie hütete sich wohl, zu gestehen, daß sie gefürchtet hatte, ihn zu belästigen, wenn sie ihn zurückrufen ließe. Dann erzählte sie ihm, daß sie sich mit bloßem Kopf der Mittagssonne ausgesetzt und Schwindel bekommen habe, daß sie aber jetzt durch den Schlaf wieder ganz hergestellt sei.

»Hoffentlich hast du unterdessen gegessen?« fragte sie schließlich, und als Jean dies etwas entrüstet verneinte, schickte sie sich an, aufzustehen, um ihm bei seinem Mahl Gesellschaft zu leisten.

»Du wirst dir doch das nicht einfallen lassen,« rief er beinahe zornig; »deine Hände sind noch glühend heiß! Uebrigens,« fügte er erbittert hinzu, »kommt hier auch der Arzt.«

Dieser war ganz der Ansicht der Frau von Kerdren und schrieb ihre Unpäßlichkeit dem Einfluß der Frühlingssonne zu; er beglückwünschte die junge Frau, daß sie so leichten Kaufes davongekommen sei, weil häufig schon ernste Krankheiten durch die nämliche Ursache entstanden seien; aber das Fieber und die noch immer vorhandene Röte auf der Stirn machten es nötig, daß sie das Bett hüte und absolute Ruhe habe. Dem jungen Mann, der ihn an den Wagen begleitete, empfahl er die äußerste Vorsicht, weil, wie er sagte, aus derartigen Ursachen schon häufig die Rose entstanden sei. »Lassen Sie sie gar nicht reden,« fügte er hinzu, als er den Wagenschlag zumachte, »wenn ich sage Ruhe, so verstehe ich darunter nicht nur das Bett hüten, sondern gänzliches Schweigen.«

An diesem Abend sollte Jean die Erfahrung machen, daß es nichts Verdrießlicheres gibt, als ein aufgewärmtes, sorgenvoll und einsam verzehrtes Mahl.

Abgesehen von der Unruhe, die er noch immer empfand, machte sich die Abwesenheit der jungen Frau so empfindlich fühlbar, daß er sich verwundert fragte, wie es möglich sei, daß ihre Gegenwart den riesigen Speisesaal dermaßen ausfüllte und belebte. Er selbst hatte sich zu sehr an die Aufmerksamkeiten, die er ihr erwies, und an ihr dankbares Lächeln gewöhnt, womit sie ihm seine kleinste Bemühung lohnte.

Am Abend wurde es noch viel schlimmer. Wie gewöhnlich hatte man die Lampen in der Bibliothek angezündet, und Jean begab sich zerstreut hinauf. Dort fand er alles in gewohnter Ordnung, aber Alice fehlte, und nachdem er fünf Minuten lang einen kleinen Marsch auf dem Klavier getrommelt hatte, ging er und trug seine Mißstimmung und seine Sorgen draußen spazieren.

Es war eine wunderschöne Nacht, und als Jean sich durch die Parkmauer auf seinem Weg gehemmt sah, schwang er sich schnell hinüber.

Die Flut hatte ihren Höhepunkt erreicht, das Rauschen der Wogen drang bis zu ihm, und durch den Geruch des feuchten Tangs, den die Wogen auf den Sand spülten, angezogen, begab er sich an den Strand. Die See ging hoch, und zwischen den Klippen und dem Meer blieb nur noch ein zwei Meter breiter Streifen von trockenem Sand, wo man sich hinsetzen konnte, aber Jean brauchte auch nicht mehr und hatte sich im nächsten Augenblicke dort gelagert; bald ruhte sein Blick auf der See, bald richtete er sein vom Sprühregen feuchtes Antlitz nach oben, um die Sterne zu bewundern, und hätte sich nun, wie ehedem, zwischen Wasser und Himmel verloren fühlen können.

Die Umgebung wirkt rasch auf uns, und so stürmten seine Erinnerungen auf ihn ein; er gedachte seiner Kameraden und seines Schiffes, er rechnete aus, an welchem Punkte des Mittelländischen Meeres es sich in diesem Augenblicke wohl befinde, welches Wetter es habe, was sich an Bord ereigne, und suchte sich einzubilden, er sei noch auf seinem Schiff und habe in dieser hellen Nacht die Wache. Gar bald aber zog ihn der Gedanke, der ihn völlig beherrschte, wieder in die Wirklichkeit und nach Kerdren zurück. Kameraden und Schiff waren vergessen, und den bekümmerten Blick fest auf die Wogen gerichtet, sagte er halblaut vor sich hin: »Wenn sie nur schläft! …« Damit sprang er auf, er vermochte nicht länger still zu liegen, und ohne sich durch den Halbmond fesseln zu lassen, schlug er den Rückweg ein.

Da er sich selbst über den raschen Umschwung seines Denkens wunderte, sagte er zu sich: »Es ist ja schließlich ganz natürlich, daß ich um das Kind besorgt bin, für das ich ja doch eigentlich die Verantwortung trage.«

Als er im Schloßhof anlangte, hob eben die Uhr im Speisesaal zum Schlagen an, und er blieb unter dem offenen Fenster stehen und zählte die Schläge. Nach dem neunten Schlage verstummte sie, und der junge Mann zog rasch seine Uhr heraus und legte seinen Finger auf den Drücker, weil er fest glaubte, sich eben getäuscht zu haben; doch das kleine Schlagwerk verkündete ebenfalls die neunte Stunde.

Ungeduldig zuckte Jean die Schultern, indem er seine Uhr wieder einsteckte; es fehlten noch zwei Stunden bis elf Uhr, und er hatte geglaubt, es sei schon um diese Zeit.

Nachdem der Arzt sie verlassen hatte, schlief Alice ruhig, wie Jean von der Kammerjungfer hörte, und es blieb ihm nichts übrig, als sich auf sein Zimmer zu begeben, wo er aus Langeweile einige Briefe schrieb und sich dann müde und mißmutig zu Bett legte.

Am andern Morgen wiederholte der Arzt seine gestrigen Anordnungen, und Jean mußte sich zu einem offiziellen Empfang, bei dem er unmöglich fehlen konnte, nach Lorient begeben mit der angenehmen Aussicht, noch einen Abend wie den gestrigen über sich ergehen lassen zu müssen.

Aber als er heimkehrte und eben Samory am Zügel faßte, um ihn möglichst geräuschlos nach dem Stalle zu führen, sah er Alice, die in einem Lehnsessel lag und sich aus übergroßer Vorsicht mit einem großen Schirm gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne schützte.

Mit einem Ausruf der Freude, der einen rosigen Schein auf den Wangen der jungen Frau hervorrief, kam er auf sie zu, sagte aber sofort in ernstem Ton: »Alice, man hatte dir doch verboten, aufzustehen!«

»Der Arzt hatte im Dorf zu thun und ist auf den guten Einfall gekommen, im Vorübergehen noch einmal vorzusprechen, und hat mich ›auf Wohlverhalten‹ herausgelassen,« erwiderte sie heiter. »Meinst du, ich hätte es nicht thun sollen?«

Dabei sah sie mit der ängstlichen Schüchternheit, die in all ihren Beziehungen zu Jean lag, zu ihm auf.

»Wenn du noch angegriffen bist, gewiß!« erwiderte er immer noch ernst; »ist dies aber nicht der Fall, so kannst du dir wohl denken, wie glücklich ich bin, dich wieder wohl zu sehen.«

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