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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
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Elftes Kapitel

Seit vierzehn Tagen befanden sich Jean und seine Frau in Kerdren.

Nach einer im Süden sehr beliebten Sitte war die Hochzeit um Mitternacht gefeiert worden, doch die dem Kloster zunächst gelegene Kirche war so klein, daß die Feierlichkeit trotz der beschränkten Zahl der Teilnehmer keinen trübseligen Eindruck gemacht hatte.

Der kommandierende Admiral des Geschwaders hatte darauf bestanden, Vaterstelle bei dem jungen Mädchen zu vertreten, und Frau von Sémiane war, dank ihrer geradezu wundersamen Geschwindigkeit, noch rechtzeitig eingetroffen, um die junge Braut aufs Rathaus und in die Kirche geleiten zu können.

Darauf hatte Jean allerdings ein wenig gerechnet, als er ihr die Nachricht von seiner bevorstehenden Heirat telegraphisch mitteilte, und er war ihr in tiefster Seele dankbar, daß sie die peinliche Verlassenheit seiner Braut verminderte.

Die Verwunderung der Gräfin läßt sich denken, und es lag nur am Mangel an Zeit, daß sie ihr nicht gründlicher Ausdruck verlieh.

Durch das Verhör, dem sie Jean unterwarf, war sie kein bißchen klüger geworden, und der junge Mann blieb ihr ein so großes Rätsel wie immer.

Die Kirche funkelte von Lichtern, und alle Kameraden des Bräutigams und eine Menge Matrosen waren anwesend.

Die meisten hatten Fräulein von Valvieux Blumen geschickt, und all diese Sträuße verliehen dem großen Salon der Frau von Sémiane im Gasthofe einen ganz behaglichen Anstrich.

Die Gräfin hatte diese kleine bewaffnete Macht, zwischen der sie und die Braut beinahe die einzigen Damen waren, mit einem vorzüglichen Imbiß bewirtet, und das junge Paar war erst gegen zwei Uhr abgereist.

Alice hatte ihr schwarzes Kleid wieder angelegt und sich bewegten, pochenden Herzens ins Unbekannte hinausgewagt; sie war von der doppelten Furcht ergriffen, ihren Gatten zu sehr zu lieben, und ihm doch nicht all das ersetzen zu können, was er um ihretwillen aufgab.

Jean hatte Extrapost bestellt; er hatte immer einen Widerwillen gegen Hochzeitsreisen mit der Bahn gehabt, und fand das ganze lärmende Getriebe in einem solchen Falle ganz unerträglich.

Deshalb hatte er sich auch geschworen, es anders einzurichten, und um seiner jungen Frau jede Belästigung zu ersparen, dem Postillon einen genauen Plan übergeben, worauf die zum Essen und Uebernachten ausersehenen Punkte genau angegeben waren.

Auf diese Weise war der Weg von Toulon in die Bretagne eigentlich nur eine lange Spazierfahrt gewesen, bei der man ausstieg, um Blumen zu pflücken, um einen Abhang zu Fuß zu erklimmen oder sich unter einer schönen Baumgruppe zu lagern. Heutzutage ist diese Art zu reisen eine poetische Laune, während vor fünfzig Jahren unsre Väter gar nichts andres kannten.

Gegen zwölf Uhr mittags war das junge Paar in Kerdren eingetroffen, und der Empfang, den man der neuen Gräfin bereitet hatte, wurde vom schönsten Wetter begünstigt; die junge Frau war von einem noch nie empfundenen Gefühl ergriffen worden, als in dem Augenblick, wo sie ihren Fuß zur Erde setzte, alle Männer das Haupt entblößten, ihre Hüte oder Barette schwenkten und ein schallendes Hurra ertönen ließen.

Die Leute hatten, wie zu einer Wallfahrt, ihre eigenartigen Trachten angelegt, und so entfaltete die Bretagne vor Frau von Kerdren gleich beim ersten Gruß jenes malerische Bild, dem die Touristen so leidenschaftlich nachjagen, und das man immer seltener zu sehen bekommt.

Die Matrosen in ihren dunkelblauen Blusen und keck aufgesetzten Mützen bewegten sich mit ziemlicher Sicherheit unter den übrigen Gruppen. War doch der Lieutenant einer der ihren, der ihre Ausdrucksweise verstand, und das war ihnen eben behaglich, wie sie ihren Freunden vor Ankunft des Wagens auseinandersetzten. Allein was für Jean galt, galt nicht für die allen gleich unbekannte junge Frau, und daraus folgte, daß sie die Jungen, die Alten und selbst die Matrosen einschüchterte, sobald sie den Fuß auf die Erde setzte.

»Ich glaube wahrhaftig, ihr macht euch gegenseitig Angst,« hatte Jean lachend zu seiner Frau gesagt, als er ihre Ergriffenheit bemerkte und ihr seinen Arm reichte, um sie in die Menge hineinzuführen.

Schnell hatte sie ihr anfängliches Zittern überwunden und mit ihrer gewohnten Anmut alle Welt, Männer und Frauen, im Flug erobert.

Die Schönheit ist ein Zauber, für den selbst die rauhesten Naturen empfänglich sind, und dies entzückende Geschöpf, das einen jeden anlächelte und so freundlich seine kleine Hand ausstreckte, verdrehte allen die Köpfe.

Aus der Masse Sträuße, die ihr dargebracht worden waren, hatte sie einige Zweige Ginster, die symbolische Blume der Bretagne, und Heidekraut gewählt, wie um dadurch anzudeuten, daß sie sich alles zu eigen machen wolle, was aus der Eigenart des Landes entsprieße, das ihr Fuß heute zum erstenmale betrat, und die kleinen goldenen Sterne, die strahlenförmig zwischen dem schwarzen Pelzwerk ihres Mantels emporstrebten, schienen ein poetisches Sinnbild ihrer reizenden, jungen Herrlichkeit zu sein.

Wie gebührlich hatte diese Huldigung ihren Abschluß in einem ländlichen Fest mit Tanz und Gesang gefunden, wobei namentlich viel Apfelwein vertilgt wurde.

Während das Tanzvergnügen weiter fortgesetzt wurde, nahmen die jungen Gatten ihre erste Mahlzeit in dem großen Speisesaal, der bequem sechzig Gäste faßte und in dem ihr Tisch sich ausnahm wie eine weltverlorene – allerdings nicht wüste – kleine Insel im Ocean.

Neben ihrem Platz hatte Alice auf einem silbernen Brett einen riesigen Schlüsselbund gefunden, der Schlüssel jeder Arten und Größe und in allen möglichen Metallen enthielt.

Ihr Gatte erwiderte auf ihren fragenden Blick lächelnd: »Die Insignien deiner Macht! Und zwar ist keiner à la Blaubart darunter – du bist unbeschränkte Herrin und alles ist dein Eigentum. Nur,« hatte er hinzugefügt, um die Rührung wegzuscherzen, die er in den Augen seiner Frau aufsteigen sah, »nur begehre ich nicht, sie alle an deinem Gürtel hängen zu sehen.«

Die ersten Tage waren mit Streifzügen durchs Schloß und in die Umgegend ausgefüllt worden. Jeans Benehmen Alice gegenüber war immer von derselben Höflichkeit, Zuvorkommenheit und Zartheit, aber ihre Vertraulichkeit nahm nicht zu.

Mit der Sorgfalt eines vollendeten Cicerone hatte er ihr alles gezeigt, was sie seiner Meinung nach interessieren konnte, nur war ihm nie der Gedanke gekommen, sie in die Felsenhöhlungen zu führen, wo das Meer zu seinen Jugendträumen gerauscht hatte; die Wallfahrt zu diesen Stätten seiner trautesten Erinnerungen hatte er allein gemacht. Die junge Frau fürchtete so sehr, ihm lästig zu werden, daß sie ihn nie ohne eine ausdrückliche Aufforderung begleitete, und wenn ihr Gatte sich am Strand herumtrieb, so wagte sie keinen Fuß dorthin zu setzen.

Während dieser Zeit durchwanderte Alice dann die Gemächer des riesigen Gebäudes, wo sie sich noch nicht gut auskannte, und suchte die Erinnerung an die Vergangenheit zu erfassen in dem unbestimmten Duft, den die Dinge zurücklassen und von dem derartige, der Mode unzugängliche Orte völlig durchtränkt sind.

Uebrigens waren es nicht gerade antiquarische Forschungsreisen, die Frau von Kerdren unternahm, sie war vollständig zufriedengestellt, wenn das, was sie fand, in den Bereich der letzten zwanzig Jahre fiel.

Später berichtete sie dann ihrem Gatten über das Ergebnis ihrer langen Wanderungen, und er entwarf mit einigen Strichen den Plan des Stockwerkes, worin sie sich verirrt hatte.

Uebrigens war sie nur wenig allein, denn Jean bemühte sich um sie, wie um einen besonders hervorragenden Gast, und obgleich sie der förmlichen Zuvorkommenheit ein größeres Sichgehenlassen vorgezogen hätte, fühlte sie doch eine leidenschaftliche Dankbarkeit für ihren Gatten.

Oft dachte sie sich aus, was sie ihm alles sagen möchte, wenn sie es nur wagte, und das war das Sanfteste und Süßeste, was ein junges Mädchenherz erfüllt, wenn es zum erstenmale liebt.

Sie glich den Goldvögelein der Feenmärchen, die nur in der Einsamkeit singen; sobald sie wieder mit Jean zusammen war, unterlag sie ihrer alten Schüchternheit.

Mit dem lieblichen Ernst der jungen Frauen, die erstmals befehlen lernen, erfüllte sie die Obliegenheiten der Hausfrau, und unter ihren geschickten Händen gewannen die großen Räume des Erdgeschosses bald wieder ein wohnliches Aussehen.

Der Urlaub des jungen Mannes ging zu Ende, und dieser dachte nicht ohne Freude an die Wiederaufnahme einer geregelten Thätigkeit. Die Veränderung in seinem Dasein war so plötzlich eingetreten und der Unterschied zwischen dem thätigen Leben, das er seit seiner Kindheit geführt hatte, und den letzten müßigen Wochen so groß, daß seine Untätigkeit auf ihn drückte, ohne daß er sich darüber klar gewesen wäre.

So poetisch die vollkommene Aufopferung auch sein mag, so besteht sie doch im ganzen in einem beständigen Verzichten auf das, was einem angenehm ist, und auf die Länge werden selbst die besten Naturen dessen gewahr.

So sprang denn Jean auch am ersten Morgen, wo man ihm sein gesatteltes Pferd vor die Thür führte, schleunigst auf und sprengte mit wahrhaft kindlicher Freude davon. Wohl kam das dem Schiff nicht gleich, aber vermittelst eines anhaltenden Galopps brachte er es dahin, daß ihm der Wind das Gesicht peitschte gleich einer kräftigen Brise, und der scharfe Ritt sagte seinem feurigen Temperament wohl zu.

Wenn er nach Hause zurückkehrte, fand er seine junge Frau unabänderlich auf der Freitreppe stehen und wurde von ihr mit einem glücklichen Lächeln begrüßt.

Von ihrem Fenster aus sah sie ihn in die zum Schlosse führende Allee einbiegen, und Jean hatte keine Ahnung davon, mit welcher Ungeduld sie den Weg beobachtete. Er zeigte sich sehr besorgt dafür, wie sie ihre Tage hinbrachte, und selten kam er zurück, ohne ihr ein Buch oder irgend etwas andres mitzubringen, wovon er annahm, es könne sie zerstreuen. Auch hätte er ihr gern einen angenehmen Verkehr verschafft, und hatte deshalb eine Anzahl Besuche in der Nachbarschaft mit ihr gemacht; allein daraus waren noch keine näheren Beziehungen entstanden, und da Alices tiefe Trauer sie abhielt, Einladungen anzunehmen, so war sie beinahe immer allein.

Das war ihr aber nicht im mindesten langweilig; ihr beschaulicher Geist vertiefte sich gern in den zu dieser Jahreszeit reizenden Anblick der Landschaft und ihre Liebe umwob alles, was sie dachte und sah, mit einem leuchtenden Schimmer.

Allein das ließ sich ihrem Gatten nicht erklären, und dieser bekümmerte sich darüber, daß sie zu ihrer Zerstreuung einzig und allein auf ihre Nadel und auf ihren Fingerhut angewiesen war.

Die junge Frau hatte sich ein Zimmer gewählt, worin einstens die Königin Anna geweilt hatte, da sie noch als Herzogin auf dem Schlosse zu Besuch gewesen war; dort hatte sie sich in der tiefen Fensternische ein behagliches Plätzchen eingerichtet; und dort verbrachte sie den größten Teil ihrer Zeit. Dort schrieb, dort arbeitete, dort las und träumte sie bis zu der Stunde, wo sie Handarbeit und Bücher beiseite legte und all ihre Aufmerksamkeit auf die Allee richtete, durch die Jean zurückkommen mußte.

In der Regel mußte sie nicht lange harren, denn sie erriet instinktiv seine Nähe. Sie sah ihn kommen und bewunderte die Anmut und kühne Sicherheit, mit der er während des schwindelerregenden Galopps, der die gewöhnliche Gangart seines Pferdes war, dieses regierte. Sobald er eine bestimmte große Eiche erreicht hatte, ging sie hinunter und bemühte sich, ihm eine gelassene Miene und ein ruhiges Lächeln zu zeigen, wie einstens, wenn sie in das Sprechzimmer des Klosters trat.

Eines schönen Tages aber kam Jean etwas früher an als sonst, und fand niemand zu seinem Empfang vor der Hausthüre vor.

Vielleicht hatte Alice einen Gang durch den Park oder ins Dorf gemacht, um dort die Berge von grauen Kleidungsstücken zu verteilen, die unter ihren Händen so massenhaft hervorgingen, daß ihr Mann einmal gefragt hatte, ob sie vielleicht ein Waisenhaus errichten wolle.

Die eine dieser Möglichkeiten war so wahrscheinlich und natürlich als die andre, aber der junge Mann, der sich an diesen lieblichen Empfang so sehr gewöhnt hatte, drehte wie sein Pferd, das nach dem üblichen Stück Zucker in den weißen Händen der jungen Frau schnubberte, den Kopf traurig nach allen Seiten und fühlte sich sehr unangenehm berührt durch ihr Nichterscheinen.

Es unterlag keinem Zweifel mehr – an diesem Abend waren Roß und Reiter vergessen worden, und während sich das schöne Tier mit sichtlicher Unzufriedenheit nach dem Stall ziehen ließ, trat Jean, von unbestimmter Sorge befallen, ins Haus.

Am Fuße der Treppe glaubte er die Klänge des Klaviers zu vernehmen und sein Erstaunen verdoppelte sich.

Nie hatte seine Frau auch nur die leiseste Andeutung auf eine etwa vorhandene musikalische Begabung gemacht, und er hatte natürlich daraus geschlossen, daß sie auch keine besitze.

Je weiter er hinaufkam, desto deutlicher vernahm er die Musik.

Das Klavier hatte den ältlichen Ton eines lange Zeit unbenützt gebliebenen Instrumentes, aber die Stimme, die es begleitete – denn die junge Frau sang – war frisch, weich und von köstlicher Klangfarbe. Süß und bezaubernd wie Sirenengesang drang die Melodie durch die Thüre, und Jean blieb unbeweglich auf der Schwelle stehen, als lausche er einem scheuen Vögelchen, das beim leisesten Geräusch davonfliegen würde.

Als der letzte Ton verhallte, legte er die Hand auf die Klinke und trat nach leichtem Anklopfen ein.

Bis unter ihre krausen Stirnhaare errötend, sprang die junge Frau auf und rief mit dem Ausdruck des Bedauerns: »Du bist's! Ach, wie leid ist es mir, daß ich nicht unten war!«

»Ich hoffe, daß du dich nicht entschuldigen zu müssen glaubst,« erwiderte Jean etwas zu höflich, »und daß du es dir nicht zur Pflicht machst, Samory zu verwöhnen.«

In seinem Tone lag eine unbewußte Härte, und sein Bestreben, sich selbst ganz aus dem Spiel zu lassen, brachte die junge Frau völlig aus der Fassung.

»Aber im Gegenteil … es macht mir große Freude,« antwortete sie in gezwungenem Ton, »ich liebe die Pferde so sehr!«

Von ihrer unseligen Schüchternheit befallen, schlug sie ein paar Akkorde an, weil ihr absolut nichts einfiel, was sie sagen konnte; sie war böse auf sich selbst, daß sie sich so linkisch anstellte und es nicht über sich vermochte, ihrem Mann einfach zu sagen, daß sie sich den ganzen langen Nachmittag auf seine Rückkehr freue. Er schlug sich im Takt mit der Reitpeitsche auf die Stiefel, und schließlich dauerte das Schweigen so lange, daß es peinlich wurde, und er sich zwang, es zu unterbrechen.

»Ich wußte gar nicht, daß du musikalisch bist,« begann er, »hättest du mir je von deinem Talent gesprochen, so würde ich dir ein Instrument haben kommen lassen. Dies hier ist deiner nicht würdig.«

»Es ist ganz gut, ich versichere dich,« erwiderte sie eifrig, »und wenn du die Güte hast, mir einen Stimmer aus Lorient zu besorgen, so wird es leistungsfähiger sein als ich. Du erfüllst alle meine Wünsche so schnell, daß ich erst versuchen wollte, ob ich nicht alles verlernt habe, ehe ich mit dir von Musik sprach, deshalb habe ich geschwiegen.«

Damit wurde die Sache fallen gelassen, und einen Augenblick später ging der junge Mann hinaus, um sich umzukleiden. In seinem Zimmer war ihm nichts zu Dank gemacht, und ungeduldig stieß er alle Schubladen auf und zu. Er wunderte sich über sich selbst und sagte achselzuckend: »Das kommt davon, wenn man sich an ein allzu regelmäßiges und eintöniges Leben gewöhnt; die geringfügigsten Zwischenfälle regen einen auf und machen nervös.«

Ueber Tisch sprach Jean nur von den Neuigkeiten des Tages, den Vorbereitungen zu einem demnächstigen Stapellauf und von einem Unglücksfall im Hafen. Ueber Klavierspiel oder Gesang fiel kein Wort, und Alice, die immer schüchtern und ängstlich war, wenn ihr Gatte ins Spiel kam, beunruhigte sich und fürchtete, es sei ihm unangenehm, daß sie das Instrument geöffnet habe, auf dem seit dem Tode seiner Mutter nicht mehr gespielt worden war.

In der Regel verbrachte das junge Paar seine Abende in einem kleinen, an den Speisesaal anstoßenden Gemach, wo sie sich weniger verloren als in den großen Empfangsräumen. Alice setzte sich mit ihren Handarbeiten an den Tisch, während ihr Gatte zerstreut auf und ab schlenderte, bald hier, bald dort eine Statuette oder eine Vase in die Hand nahm und, nachdem er sie von allen Seiten gründlich betrachtet, nur wieder wegstellte, um sie ein paar Minuten später wieder zu untersuchen, als ob er sie noch nie gesehen hätte.

Von Zeit zu Zeit schob er sich einen niederen Sitz mit gekreuzten Beinen an den Tisch und spielte mit der Schere oder dem goldenen Fingerhut seiner Frau, schnitt Wollfäden in kleine Stücke, die er sorgfältig aufschichtete und dann, über seine Zerstreutheit lachend, wieder wegschob, um seine Wanderung durchs Zimmer aufs neue zu beginnen.

Alice täuschte sich nicht über diese Symptome – sie sah, daß ihr Mann sich langweilte, und grämte sich darüber, aber sie fühlte sich dem gegenüber machtlos; sie war noch zu wenig in das innerste Wesen ihres Gatten eingedrungen, um richtig mit ihm plaudern zu können, und ihre Gespräche erhoben sich nie über alltägliche, gesellschaftsmäßige Unterhaltungen.

Von seinem Dienst sprach Jean nie, und da seiner Frau die Kameraden, die er in Lorient gefunden hatte, alle fremd waren, erzählte er auch nie von diesen. Daraus ergab sich von selbst, daß ihr Gesprächsstoff nah bei einander war und sie notwendigerweise zu Gemeinplätzen greifen mußten.

Alice suchte ihren Mann zu veranlassen, ihr von seiner Jugend zu erzählen, aber er faßte sich darin so kurz, daß Alice nicht weiter in ihn zu dringen wagte, selbst alle Lust verlor, von ihrer eigenen Kindheit zu reden, und die Erinnerung an diese schöne Zeit ebenso fest in sich verschloß, wie ihre gegenwärtigen Gefühle.

Jean schreinerte und drechselte nicht, er beschäftigte sich auch nicht mit Photographieen und Sammlungen, und enthielt sich in Gesellschaft seiner Frau aufs strengste des Rauchens.

»Meinst du denn, ich rauche den Tag über nicht mehr als genug?« erwiderte er, wenn sie auf diesen Punkt zurückkam.

Das mochte ja richtig sein, aber Alice bedauerte nichtsdestoweniger die Höflichkeit ihres Mannes. Sie sah, wie er im Auf- und Abgehen mechanisch zahllose Cigaretten drehte, um sie alsbald in den Kamin zu werfen, wenn ihm der Gedanke an seine Frau wiederkam.

Manchmal las er ihr auch vor, und das waren der jungen Frau die liebsten Abende, denn da genoß sie das doppelte Vergnügen, ihn beschäftigt zu sehen und seiner schönen, tiefen, klangvollen Stimme lauschen zu dürfen.

Wenn dann aber die Stimme, die ihr selbst bei den gewöhnlichsten Dingen tief zu Herzen ging, neben ihr von Liebe und Zärtlichkeit sprach, so geriet Alice in eine merkwürdige Erregung. Sie vergaß die Blätter, die der Vorleser umdrehte, und wiegte sich in dem Traume, er finde das, was sie höre, in seinem Herzen.

Nicht ungestraft hört eine zwanzigjährige Frau einen reizenden jungen Mann von Dingen lesen, die sich so leicht in Wirklichkeit verwandeln könnten, besonders wenn ihr Herz das Recht hat, dem jungen Manne zu gehören. Gar manchmal ließ Alice die Nadel sinken, suchte ihr Erröten zu verbergen und gab sich ganz diesem Zauber hin; und mehr als einmal hätte Alice gerne mit Francesca da Rimini gesagt: »An jenem Abend lasen wir nicht weiter!«

Aber wahrscheinlich hat Paolos Stimme gebebt, als er die Stelle las, die seine Gefühle der schönen Italienerin so treffend schilderte, während Jeans Stimme, unbeschadet seiner Vortrefflichkeit als Vorleser, immer frisch, weich und völlig gleichmäßig blieb.

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