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Jean von Kerdren

Jeanne Schultz: Jean von Kerdren - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJeanne Schultz
titleJean von Kerdren
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1894
printrunNatalie Rümelin
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181226
projectid1ce29a36
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Zehntes Kapitel

Am nächsten Tag lief ein Schrei des Erstaunens von einem Ende des Geschwaders bis zum andern. Kerdren wollte heiraten! … Kerdren! … Und dazu noch auf diese Art und Weise!

Eines Abends begab er sich, wie er selbst sagte, in Erbschaftsangelegenheiten an Land, wozu übrigens die Stunde sehr merkwürdig gewählt zu sein schien; am andern Morgen hatte er ein Duell wegen einer etwas zu lebhaft erörterten philosophischen Frage, über die er und sein Gegner sich nicht verständigen konnten; dann kehrte er nachmittags, ohne vorher die mindeste Andeutung gemacht zu haben, als Bräutigam an Bord zurück!

Nicht als ob sich der junge Offizier je an Hergebrachtes gebunden hätte – man konnte diejenigen seiner plötzlichen Einfälle, die wie eine Bombe eingeschlagen waren, längst nicht mehr aufzählen, aber diesmal handelte es sich doch um eine ernste Sache. Kurz, wie sich ein Fähnrich zur See ausdrückte, »die ganze Flotte schlug an diesem Tag die Hände über dem Kopf zusammen!«

Mehr konnte sich Jean mit allem, was er bis jetzt gedacht und gesagt hatte, nicht in Widerspruch setzen, als er es durch seine Verlobung that, und seine Kameraden foppten ihn ohne Scheu und ohne Erbarmen, weil er mit seinen Theorieen so kurzen Prozeß gemacht hatte. Die Anspielungen auf seine frühere Geringschätzung der Frauen, die das Absegeln erschweren und die Carrieren verpfuschen, sowie auf seine alten Reden von »dem einzig wahren, dem unabhängigen Seemann mit dem Herzen aus Erz«, wollten kein Ende nehmen und wuchsen zu einem solchen Berg von Reminiscenzen an, daß man Jean stehend hätte unter ihm begraben können.

Er aber hörte das mit der nämlichen Gelassenheit an, mit der Franz I. unter ein Edikt, das, wie er wußte, die Unzufriedenheit des Volkes erregen mußte, sein berühmtes »so ist Unser gnädigster Wille« setzte.

Als man aber hörte, daß seine Verlobte in einem Kloster seiner harrte, und als man merkte, daß er weder von ihrem Alter, noch von ihren Vermögensverhältnissen irgend etwas wußte, fragte man sich doch, ob der junge Lieutenant diesmal nicht doch die Schranken überschritten habe, die denen nun einmal gezogen sind, die man frei herumlaufen läßt …

Für eine bestimmte Gruppe der Offiziere war der Name des Fräulein von Valvieux eine weitere Ueberraschung gewesen.

Wie und wo hatte er das junge Mädchen mit den Blumen wieder getroffen und welche plötzliche Grille bestimmte ihn, sie zu seiner Frau zu machen, – ihn, der noch vor einem Monat der einzige gewesen war, dem sie nicht gefallen hatte? …

Alle diese Fragen blieben eigentlich unbeantwortet, denn ob Jean sie ernsthaft oder mit einem schlechten Witz beantwortete, so blieb sich das in diesem Fall so völlig gleich, daß man Scherz und Ernst gar nicht voneinander zu unterscheiden vermochte.

Nach wenigen Tagen waren seine Angelegenheiten so weit nach Wunsch geordnet, daß er nach Paris abreiste, um sich den Stellentausch mit einem andern Offizier, den er in Lorient vertreten wollte, im Ministerium bestätigen zu lassen. Von da aus wollte er einen kurzen Abstecher nach Kerdren machen, um seiner jungen Frau wenigstens eine verhältnismäßige Behaglichkeit zu sichern.

Sein erster Gedanke war gewesen, Sattler und Tapezierer mitzubringen und ihnen einige Gemächer zur Modernisierung auszuliefern, aber Alice hatte sich diesem Plan aufs lebhafteste widersetzt und ihn dringend gebeten, alles im alten Zustande zu belassen.

Anfangs hatte er ihr gesagt, sie wisse nicht, was sie verlange, und das seit zehn Jahren abgeschlossene Haus müsse jetzt aussehen wie eine Art Begräbnisplatz, allein sie beharrte auf ihrem Willen so fest, als es ihre stets wachsende Schüchternheit dem jungen Mann gegenüber gestattete.

Wenn man ihn hörte, so konnte man glauben, es handle sich um eine Ruine, aus der man erst die Fledermäuse und Fischadler verscheuchen müsse, in Wahrheit war aber das Schloß von Kerdren eine der schönsten Wohnstätten, die man sehen konnte, und eine Menge historischer Erinnerungen waren damit verbunden.

Der Gedanke, an dem historisch Gewordenen auch nur die kleinste Veränderung vorzunehmen, widerstrebte dem jungen Mädchen, und deshalb kam man überein, nichts zu thun, als der Frühlingssonne Fenster und Thüren weit zu öffnen und etwaige Spinnen aus ihren Schlupfwinkeln zu vertreiben.

Man kann sich nichts Sonderbareres denken, als die Beziehungen der beiden Verlobten und ihr tägliches Zusammensein in dem Sprechzimmer des Klosters.

Zu völlig unbestimmten Stunden setzte Jean die große Glocke so energisch in Bewegung, daß die Schwester Pförtnerin sofort wußte, mit wem sie es zu thun hatte, und ihn kaum ansah, ehe sie ihn einließ. Dann führte sie ihn in das bis zu halber Höhe mit Eichenholz getäfelte Sprechzimmer, wo sich Jean auf einen der Strohstühle niederließ, die in regelmäßiger Reihenfolge an der Wand aufgestellt waren. Seine Füße streckte er auf eine der kleinen runden Strohmatten aus, die vor jedem Sitze lagen, und harrte, seine Augen auf eine Nachbildung der Pietà von Michel Angelo gerichtet, des Erscheinens seiner Braut.

Mit dieser trat stets eine Nonne ein, die ihren Rosenkranz in der Hand oder ein dickes schwarzes Buch unter dem Arm trug und während der Unterhaltung der jungen Leute die Perlen des Rosenkranzes zehn- oder zwölfmal durch die Hand gleiten ließ oder die Blätter ihres Buches eins wie das andre umdrehte.

Trotz des Wohlwollens, das in dem Blick der Nonne lag, warf doch der lange weiße Schleier einen düsteren, strengen Schatten auf das junge Paar, und in dieser Umgebung, in der eine Stunde wie die andre verlief, klangen die Gespräche über ihre Zukunftspläne ganz sonderbar.

Von Tag zu Tag trat auch die Schüchternheit des jungen Mädchens mehr in den Vordergrund, denn je zärtlicher und begeisterter ihre Gefühle für Jean wurden, desto größer wurde andrerseits ihre Zurückhaltung.

Sie war sich klar bewußt, daß die ernste Güte und Höflichkeit ihres Verlobten keine Empfindung verdeckte, gleich der, die in ihr lebte, und ihre weibliche Würde ließ sie ihre Liebe, die nicht begehrt wurde, verstecken. Uebrigens war sie weit davon entfernt, sich hierdurch irgendwie verletzt zu fühlen, sondern sie schaute voll reizender Demut zu Jean hinauf, wie etwa die Hirtinnen von ehedem zu den bezauberten Königssöhnen, die ihre ländlichen Hirtenstäbe in zierliche goldene Scepter verwandelten.

Da sie aber ihren Augen, vor denen es zu flimmern anfing, sobald sie das Sprechzimmer betrat, und ihrer Stimme, die immer weicher wurde, je heller ihre Blicke leuchteten, gänzlich mißtraute, nahm sie die Gewohnheit an, halblaut, mit gesenkten Lidern mit ihm zu reden, als hätte sie sich in der Atmosphäre des Klosters schon in diesen wenigen Tagen die ruhige Sanftmut einer kleinen Nonne angeeignet.

So kam es, daß Jean unbewußt immer väterlicher wurde, und in dem Bestreben, sie zutraulicher zu machen, sie immer mehr und mehr verschüchterte.

Im geheimen wunderte er sich, daß Fräulein von Valvieux so wenig Ähnlichkeit mit ihrem Brief verriet und sich so ganz anders gab, als am ersten Tag ihrer Verlobung; aber er hatte es stets als den Beruf eines Ehemannes angesehen, der aufmerksame Beschützer eines mehr oder weniger vernünftigen und eindrucksfähigen kleinen Köpfchens zu sein, und außerdem begriff er auch, daß ihre Lage als Waise viel Peinliches und Schwieriges mit sich brachte.

So vertraute er der Zeit, in deren Verlauf das junge Mädchen sicher seine ruhige Freude und Ungezwungenheit wiederfinden würde.

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