Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
Schließen

Navigation:

Die Spezialin kam jetzt zur Sache, und fast mit einer unweiblichen Offenheit zersprang ihre Samenkapsel voll Nachrichten. Beide Väter, Poshardt und Zeitmann, meiden einander aus gegenseitigem Stolz; jener thronet auf dem Goldklumpen und dieser auf dem Kanzel-Olymp, und jeder würde weniger fodern, wenn er nicht glaubte, der andere fodere darüber. Aber sieh, wie dieses Steppenfeuer des Zorns die Auen der Liebe, auf denen sich Vito und Marietta suchen, absondert oder gar, wie Blitze die Blüten, versengt!

In Grems kann es nun beim Pickenick, das eigentlich als Liebesmahl wirken soll, manche Händel setzen, und ich verspreche mir einen der windigsten Lebenstage. Die Familien werden noch dazu in Naturallieferungen wetteifern, besonders der Sechser mit dem Spezial. – Du sollst alles nächstens lesen. Ich verfiel endlich auf etwas Gescheutes, das ich der Spezialin warm mitteilte – weil ihre Aufrichtigkeit kein verstecktes Erforschen, ihr Sprachrohr kein Hörrohr ist, wie etwan in Paris die Ausrufer in den Gassen oft die Spione derselben sind –; das Gescheute ist das Frohe, daß ich mit Stiefel vorher ein dejeuner dansant geben will, damit die jungen Leute wenigstens etwas haben, nämlich sich.

Ach für die schweigende Benigna möcht' ich Wunderdinge tun. Bedenke eine zarte volle helle Seele erstlich unter den Kuhschnapplerinnen, wovon gleich gutem Blattsalat sich keine zum Kopfe schließet, und unter rauhen Männern, die keinen Äther suchen und kaufen als den aus Weingeist und Vitriol und für welche nichts edel ist als ein Hirsch und nichts ritterlich als eine SauIm Weidmanns-Babel heißet jener ein edles Tier und diese ein ritterliches. – Ach du arme Benigna! – Lebe wohl! Du sollst bald mehr vernehmen. Jetzt schreib' ich an sie.

J. P.


Bittschrift an die deutsche Hut-Union.

Ehrwürdige Bündner!

Gerade diesen Sonnabend vor acht Tagen genoß ich das Glück, der hutersparenden Gesellschaft als ein unwürdiges Glied mit den Rechten eines Grandes und Quäkers einverleibt zu werden. Ich bin noch unsers schönen hutgenossischen Abends eingedenk, wo ich nichts wünschte, als er wäre vorbei und der helle Tag schon angebrochen, an welchem ich Ihnen mit dem Hute begegnen und ihn vor Ihnen aufbehalten könnte. Von dem Kopfe holet ohnehin Winckelmann bei alten Figuren den vornehmsten Beweis ihres Stiles her. Als ich im Gasthofe war und auf die Gassen heraussah, durchlief mich bei dem Gedanken, in ihnen, wenn nicht eine aufgehangene Laterne voll Aufklärung, doch ein Laternenpfahl zu sein und die Aufklärung auch in Kuhschnappel weiterzutragen, eine gelinde Wärme, wobei ich transpirierte. Welch eine Menge von Köpfen aber, viel größer als die 70000 Schädel, woraus Timur einen Turm aufführte, werden in der babylonischen Baute des Leuchtturms der Aufklärung verbauet! Denn der Hut-Verein, welcher, wie Deukalion, mit bedecktem dastehet und seinen Stein, ohne hinzusehen, mit dazu wirft, greift (sagt' ich) auf eine unvermutete Weise mit dem Pariser Freiheits-Mützenverein zusammen.

Ich meinte ganz etwas anders als das, daß diese feste Mütze gleich der offizinellen Pechhaube nie abgezogen werden kann als mit Gewalt. Ich meinte die allgemeine Haarschur daselbst. Überhaupt schon vor einigen Jahren wurd' ich auf das allmähliche Zurückkriechen unsers Zopfes aufmerksam und schloß bald, daß der SterzwurmDie Viehkrankheit, worin ein Gelenke des Schweifes nach dem andern abbricht. nicht viel übrig lassen würde und weniger, als noch von Robespierrens Schweife steht. Jetzt hat sich nun, wie ich richtig vorausgesehen, die große Nation tonsuriert, sogar die WeiberIhr deutschen Weiber, tut nur diese häßlichste Nacktheit, die den Pickelheringen und Baugefangnen gehört, nicht nach, ich bitt' euch! , um die vier Jesuiten-Gelübde zu tun, des Gehorsams, der Armut, der Enthaltung (weil ohnehin mancher nicht so viel Haar mehr aufhatte, als er zu einem Ring für eine Geliebte brauchte) und der Mission. – Man muß mir nicht sagen, daß dieser Haarschnitt tausend Gründe habe – daß man die letzte königliche Krone, die bei den alten fränkischen Königen in einem langen Haar bestand, wegschaffen wolle – daß es ein Zeichen der Requisition sei, weil die Alten ebenso die Menschen den unterirdischen Göttern gewidmet – daß es klinischen Nutzen habe, weil Aretäus und andere Ärzte Tolle beschoren – daß unter einer knappen Freiheitsmütze bloß ein Kahlkopf, dergleichen die Geier tragen, Raum habe – man braucht, sag' ich, das einem Manne nicht zu sagen, der hier zeigt, daß ers weiß.

Aber weiter! Drückt nun in Paris ein Friseur seine Schere zu: so fallen den zehn deutschen Kreisen die Zöpfe ab, und wir können, hoff' ich, nun eine Zeit erleben, wo uns jede Woche zwei Mann zugleich, vorn der Bartscherer, hinten der Haarkräusler, barbieren. Verehrte Bündner! wenn war es nötiger als jetzt, den Filzhut aufzusetzen, diesen Hasenhaar- und Postiche-Fortsatz des weggeschornen, diese crinière de Paris? –

Das waren Sonnabends meine Gedanken im Gasthof. Am Sonntage nach dem Essen war der schöne Tag, wo der ganze schwäbische Bund aus- und herumging und dem ganzen Bunde in den Wurf kam und ich mitten darin und keiner den andern salutierte – wir stießen überall aufeinander, in der Mordgasse, in der Fischergasse, in der Elendengasse, im Hafergäßlein – mit der Ebene meiner Laufbahn durchschnitt ich alle fremden Ebenen und stand einmal auf dem Markte in Opposition und in Konjunktion und im Gedritterschein – wahrlich, herrlich wars, aufgesteift vorüberzurücken mit festem Hut wie Markt-Bauern, die mit zwei aufgesetzten heimgehen. Was mich im Genusse störte, war, daß ich einen grünen lackierten Reisehut aufhatte, dem das Festsitzen wenig helfen konnte; ein äußerst feiner Biberhut wäre da an seinem Ort gewesen.

Montags vormittag macht' ich einige Streifzüge durch die Hauptgassen, um vielleicht zufällig jemand aufzustoßen, den ich nicht zu grüßen brauchte. Ich strich lange umher und zuletzt in Sackgassen; aber ich brauchte den Hut ohne den geringsten Vorteil der Genossenschaft nicht zu rücken, weil ich auf nichts traf. Es war überhaupt ein vitriolsauerer Gang; denn als unweit meines Gasthofes ein Herr vor mir abzog, den ich für einen mich scherzend auf die Probierwaage setzenden Ordensbruder hielt: macht' ich ein leichtes Zeichen mit der Hand und verblieb gehelmt; es war aber Herr Spezial Zeitmann gewesen, für den ich nun ein Grobian bin.

Dienstags war Posttag – ich trug meine Briefe voll Gedanken auf die Post – und als ich schon zu Hause war, fiel mirs ein, daß ich an die Sache hätte denken und an den Fenstern nach den Brüdern herumgehen können.

Mittwochs fing mir die versilberte Pille allmählich auf der Zunge zu zerlaufen an, und ich wurde unlustig; ich begegnete zwar einigen Brüdern, arbeitete aber ohne sonderliches Vergnügen in der Loge. Ich hatte den Kandis von unserer überzognen bittern Mandel meist abgeleckt; und es wurde mir zuletzt peinlich, daß ich immer mit den Augen vorauslaufen und schleunig jeden Fußgänger in seinem rechten Sprengel sortieren mußte, um ihn entweder als einen Kahlschwanz und Einsiedlerkrebs zu behandeln, der ohne feste Schale in einer fremden aus- und eingeht, oder als Flußkrebs, dem sie angewachsen anliegt.

Donnerstags schienen die Furien gassatim zu gehen; denn am csMorgen holt' ich das Begrüßen von Profanen erst nach, wenn sie schon um die Ecke waren; und nachmittags hatten ich und der Logemeister die Fingerspitzen schon an den Hutspitzen, als wir zu uns kamen und die Inful bloß tiefer hereindruckten, so daß wir den Schinken doch mit loser Schwarte servierten. – Und als ich in der fatalen Abendschwüle mich lüftend barhaupt ging: mußt' ich mehrmals, wenn Bündner kamen, den Hut aufsetzen, um ihn aufzubehalten und erst hinter ihnen abzunehmen – welches ja ein umgekehrter Gruß war.

Freitags oder gestern sagt' ich schon im Bette: wollte Gott, es gäbe Händel und der Verein stieße dich aus! Und als ich mich in meine glücklichere, hutverschwendende, chapeaubas Vergangenheit zurücksetzte: wurd' ich ganz wild über die Ketten; ich verglich mich in meinem Kopf-Verlies und Stockhaus mit dem Riesen Og, der seinen Kopf in einem aufgesetzten Berg stecken hatte, an welchem Moses, da Og ihn nicht herausziehen konnte, mit einer Axt hinaufsprang und ihm den Rest gab. »Lieber diese Stuhlkappen setz' ich auf,« schwur ich, »als daß ich länger mein eigner Hutstock und Infulträger bin.«

Und als ich unter dem Kaffeetrinken noch dazu der philosophischen Kälte die leidenschaftliche Wärme zusetzte und mir sagte: »Leider reformieren die Menschen vom Hut nach dem Gehirne zu anstatt umgekehrt; so viele sägen und kratzen an dem Paar Bestandteilen, woraus sie bestehen, früher mit der englischen Justier- und Schattierfeile als mit der dicken Armfeile; aber von dir erwartet man mehr«: da sprang ich genesen auf und ging auf die Gassen und zog vor Ihnen, verehrte Unierten, ohne Bedenken ungemein verbindlich den Hut ab.

Heute hab' ich mich an diese Bittschrift gesetzt, deren Inhalt nichts ist als die Bitte um die Konzession, vor Ihnen den Hut abzunehmen.

Sollt' ich aber einmal so gut werden, daß ich die Armfeile wegwerfen dürfte – ich meine, in einer andern Metapher, hab' ich einmal meine vier Gehirn- und vier Herzenskammern so gleißend ausgescheuert und glatt ausgehobelt wie einen Bienenstock, eh' ihn Honig füllt – oder in einer dritten, hab' ich einmal den Stoßvögeln der Leidenschaften die Schwungfedern oder gar den Kopf abgerissen: so werd' ich von dem ausgekrochnen Seelen-Küchlein, dem noch die Eierschale des Hutes anpicht, auch gern diese abziehen und wieder in die Hut-Genossenschaft eintreten. Bis dahin aber bitt' ich Sie, mir ein höflicheres Zeichen zu lassen, als ich bisher hatte, wenn ich vorbeiging, um Ihnen zu zeigen, mit welcher Hochachtung ich bin

Ihr
Ex-Bruder
J. P.


N. S. Das wäre aber weniger gegen meine Grundsätze, wenn wir gegen eine andere häßliche Salbaderei des Zeremoniells uns zu einer Union formierten, deren Statuten (ich will das Primat annehmen) wären, daß zwei Mitglieder, zum Trotze der Sitte, einander stets zur Rechten gingen und vor Türschwellen jeder vor dem andern voraus.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.