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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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'Alle höflich!' antworten närrisch die Bergleute, wenn man fragt, wie es mit ihnen steht. Diese Antwort kann kein Redakteur über seine 70 Jünger geben. Schon Jugend an und für sich ist grob; aber noch mehr eine humanistische, sogar im Alter; und zwar darum 1) weil der Geist der Alten auf jeden kräftigen Menschen, er sei ein Weltmann oder ein Künstler, tiefer wirkt als auf die Linguisten, die nur den Körper suchen, 2) weil ihr linguistisches Studium ihr kleines Auge noch mehr eingrenzt, 3) weil Leute, die etwas treiben, was wenige können, desto mehr entscheiden und stolzieren, so klein ihr Treiben sei, 4) weil der Mensch sich mehr eines Sprach- als Denkfehlers, mehr eines grammatikalischen als moralischen oder logischen Fehlers, so wie mehr eines körperlichen als geistigen annimmt und schämt, und zwar darum, weil die Fehler der erstern Art unwillkürlich, die der letztern aber willkürlich und also leicht abzulegen scheinen, 5) weil von jeher keine Hähne so erbittert kämpften als die humanistischen, mit FedermessernDie englischen Streithähne werden so bewaffnet. bewaffneten, wenige Neuere wie Scioppius, Burmann, Klotz und die beiden – Skaliger ausgenommen. –

Ich bin schon ein alter Mann; von Ihnen hingegen können die meisten die Unsterblichkeit erleben, die Sie mir, sei es auch nur durch SchweigenIn Deutschland gibt es drei Publikume oder Publika: 1) das breite, fast ungebildete und ungelehrte der Lesebibliotheken – 2) das gelehrte, aus Professoren, Kandidaten, Studenten, Rezensenten bestehend – 3) das gebildete, das sich aus Weltleuten und Weibern von Erziehung, Künstlern und aus den höhern Klassen formt, bei denen wenigstens Umgang und Reisen bilden. (Freilich kommunizieren oft die drei Kollegien.) Der Verf. dieses ist dem dritten Publikum den einzigen Dank schuldig. Inzwischen behandelte ihn doch das zweite immer so wie das erste. Daher er dem zweiten einen Dank abzutragen glaubt, wenn er einmal alle öffentliche laute Urteile über sich samt den Namen der guten stillen Zeitungen sammelt, sie vergleicht und sie der Nachwelt mit Reflexionen überliefert, worin er zu erweisen meint, daß das gelehrte Deutschland noch nicht arm an echten Gelehrten sei., zugewandt; – denn wie der dreitägige Tod Christi einem ewigen gleich galt, so steckt in einer dreitägigen Unsterblichkeit jetziger Autoren die längste. Ich spreche freilich nur von der Unsterblichkeit unter Sterblichen; die längere unter Unsterblichen fängt erst an, wenn die Augen brechen.

Noch ein Wort! Nach diesem Jubeljahr hoff' ich, nicht ohne allen Geschmack zu schreiben. Ich hätt' es früher gekonnt, wenn ich zur Apoplexie mich entschlossen oder wenn ich, wie Ludwig XIII. von Frankreich auf Befehl seines Arztes Bouvard, in einem Jahr zu 215 Purganzen, 212 Lavements und 47 Aderöffnungen gegriffen hätte; ich wäre dann kapabel geworden, so ordentlich und nüchtern zu schreiben wie ein vernünftiger Mann im Reichs-Anzeiger. Inzwischen da das Alter selber eine Krankheit ist, und eine asthenische dazu: so ist noch schöne Hoffnung da und wenig verloren. Und warum soll ich nicht mich mit der Hoffnung trösten, daß ich einmal ebenso glücklich sein kann wie mehrere Köpfe, die, wie andere Vulkane, nach den Flammen und der Lava doch zuletzt Bimssteine auswarfen, welche leicht waren und womit man polieren konnte? –

Was scherz' ich? Nah' am Meer der Ewigkeit will in dasselbe der Mensch, wie andere Flüsse in ihres, mit schiffbaren Armen voll Gaben fallen. Ich habe vor Jahren, da ich diese Jubelrede in ›J. P. Briefen etc.‹ schreiben wollte und vorher die Abhandlung über das Träumen, den heutigen Tag geträumt; – ich sah mich anfangs in einem Glaskasten aus Wien als einen heiligen Leib gebracht, den man bald für den heiligen Paul, bald für die heilige Laurenzia, die Schirmvögtin der Bücher und Kenntnisse, ausgab – dann sah ich (es ist ganz so wild, als ein Traum sein kann) mich in meinen Kupferstich verwandelt, vor dem die Zeit stand und hinter ihrem Rücken ins Dintenfaß tunkte und waagrechte Linien durch die Stirn, d. h. Runzeln zog – Auf einmal stand ein Skelett an einem verhangnen Pfeilerspiegel, dem ein unverhüllter gegenüber hing – Plötzlich fuhr die seidene Hülle auf – und beide Spiegel gaben einander ihre unermeßliche zurückkriechende Gestalten-Kette, und jede Unendlichkeit wiederholte sich und die fremde – und die zwei dunkeln einschwindenden Reihen schienen die Nachwelt und die Vorwelt nachzubilden – – was war es? – Ein Traum! Aber in der kältesten Stunde des Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mißverstandet, kann ich meine Hand aufheben und schwören, daß ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute und Schöne, so weit als meine Lagen und Kräfte mir etwas davon erreichen ließen, und daß ich vielleicht oft geirret, aber selten gesündigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjährigen Schmerz eines verarmten, verhüllten Daseins, eines ganz versagten Beifalls widerstanden, und seid ihr, bekriegt von der Vergessenheit und Hülflosigkeit, so wie ich der Schönheit, die ihr dafür erkanntet, treu geblieben?«

Was geht mich die Jubelrede mehr an? Ich sage das: nur einmal wandert der Mensch über diese fliehende Kugel, und eilig wird er zugehüllt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zurücklassen als seinen Staub oder gar versäetes Giftpulver und Verwundete? – O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgendeine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder den blassen Mond tun dürfte: würd' er da, noch dazu wenn er ferne Seufzer hörte oder vergoßne Tränen fände, sein eiliges Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausgestreueten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er könnte, mit irgendeiner geöffneten Quelle, mit einer zurückgelassenen Blume, oder mit was er zu erfreuen wüßte? – O es sei immer vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach langen, langen Jahren, wenn alles verändert ist und ich auf immer verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und meinem Hügel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein mattes Herz wird daran erstickt und schlägt voll Dank und kennt mich nicht. –

Mein Jubiläum ist aus; – aber jene Hoffnung ist eigentlich das rechte.

*

Ich brach diese Epistel, die mit der Schilderung des Alters schon die Geschwätzigkeit desselben zu verbinden scheint, heute früh ab, um zum letztenmal (weil ich morgen reise) die englischen Anlagen um Leipzig unter der freundlichsten Herbst- und Morgensonne beklommen-selig zu durchgehen. Ich habe dir diese Sommer- und Sonnenseite der Leipziger Landschaft, diese Winter-Villeggiatura der Einwohner und Einwohnerinnen, die in kalten Tagen da stets zum Luftbad als Badgäste zusammentreffen, oft genug gezeichnet; und Leser, die da waren, kennen sie ohnehin. So viel ist gewiß, ich kann nie in diesem so rein-entworfenen Naturgarten voll Gärten, Rasenplätzen, Wäldchen, Lichter und dunkler Stellen herumirren, ohne auf den Schöpfer desselbenBürgermeister Müller. Jubelmünzen zu schlagen, d. h. ohne immer zu sagen: habe recht Dank!

– Aber die Malerei des Stillebens des Alters, wovon ich eben aufgestanden war, setzt' ich im Marschieren sonderbar wieder fort. Ach ich wurde ja von jedem Baume darauf gebracht! Die Sonne ging herbstlich tief – ich stand auf einem künstlichen Berge des Gartens – er war eine Sternwarte für mich, und der ruhige Himmel breitete sich unten auf dem Boden aus – das Getöse und Geläute der Stadt schlug in die Stille herein – ich sah hinunter über die langen Kreuzgänge aus Gipfeln und die glänzende beseelte Ebene und über das holde Wasserstück mit seinen Schwanen und mit den Spiegelbildern der vorbeigehenden Strandbewohner und mit dem nachgemalten tiefern Himmelsblau und über die bunte Brücke (das Zeichen der irdischen Flucht) und über die Trauerweiden mit hängenden Armen – und ich dachte an den Frühling dieses Jahrs, wo ich alles zum erstenmal genoß, und an die Nachtigallen, welche damals auf den Bäumen an der Brücke schlugen; und die Frühlingsmorgen feierten wieder die Maienfeste in meiner Brust: da dacht' ich zwar bewegt: es ist wieder vorbei, und es kommt mir lange vor; aber ich sagte mir auch: »Dein Erinnern nimmt ja jährlich zu; sonst mußte ein Tag ein paar Jahre weit zurückgewichen sein, um sich zu verklären, jetzt gehest du kaum einige Schritte vor einem kalten hellen Tautropfen vorbei, so kannst du dich umsehen, und er glänzet herrlich bunt in seiner Blume nach.« Wie muß erst ein sechzigjähriger Kopf mit Erinnerungen, den Votivgemälden unsers Herzens, vollgehangen sein! – Wenn also die Jahre kommen, wo der graue Mensch an einem schönen Frühlingstag ins Freie geht, bloß um den alten Körper zu wärmen und zu regen, ohne alle vorige Absichten und Aussichten auf eine ins Unabsehliche hinausblühende Zukunft voll Avantüren und Länder; wenn diese kalte, aber ruhige Zeit kommt: so wend' ich meinen Kopf nur rückwärts in dieselbe magische Perspektive, aus der ich noch dazu herkomme, und das alte Herz sonnet sich an der tiefen Wintersonne. Wie an Menschen, die einem frostigen Wind entgegengehen, so sieht an Alten das Gesicht bleich und eingewurzelt aus; kehren aber beide es um, so wird es warm und blühet wieder rot.

Platner sagt: wir haben nur ein Gedächtnis für die Freude, nicht für den Schmerz; ich sage: wir haben für beide dasselbe Gedächtnis – ja wir haben ein stärkeres für das Fehlschlagen der Hoffnungen als der Besorgnisse –, aber nicht dieselbe Phantasie; diese mildert und verklärt, also zieht sie auch um den Schmerz den Regenbogen.

Alle Glieder veralten am Menschen, aber doch nicht das Herz. Mit jedem Jahr werd' ich meines jünger und weicher schreiben. Wenn ich Jünglinge sehe, werden sie mich so gut wie jetzt die Kinder mit ihren Rosenfesten laben, und ich werde ihnen zurufen: »O feiert sie nur recht hinaus, bis der Morgenstern am Himmel steht, aber erhitzt und erkältet euch nicht!« – Und meine guten Jugendfreunde, die mit mir denselben Blumengarten des Lebens gemeinschaftlich bewohnet haben, ach wie können sie mir in der kalten Jahrszeit im Garten, wo schon mancher unter seinem Beete liegt, begegnen, ebenso gebückt von der Zeit wie ich, ohne daß mich diese zurückgebliebnen Frühlinge meines Daseins bis tief ins Herz erleuchten und erwärmen? – Und an Frühlingstagen und an Geburtstagen will ich den Mumienkasten öffnen und die alten Briefe und meine Antworten lesen, und mein ganzes Herz wird sich jugendlich erfüllen, und ich werde mit nassen Augen sagen: hab' ich nicht eine ganze Ewigkeit vor mir zur Liebe?

Und wenn, wie im Haydenschen KonzertAls Esterhazy seine Kapelle entlassen wollte: machte der genialische Hayden eine Symphonie, worin ein Spieler nach dem andern am Notenpult das Licht auslöschte und fortging, bis zuletzt nur der Kontrabassist übrig blieb; ders auch so machte. Dieses rührte den Fürsten so, daß er die Kapelle restituierte. Dazu machte Hayden wieder eine Symphonie, worin in umgekehrter Ordnung einer um den andern ebenso kam. , ein Konzertist um den andern sein Licht auslöscht und mit dem Instrumente hinausgeht und ich etwan der Kontrabassist sein soll, der zuletzt spielt – ach nein, ich werde schon eher mein Licht ausblasen und die Noten einstecken; aber wär's auch: wir kommen doch alle wie im Haydenschen Stücke mit unsern Lichtern wieder. – –

Lebe wohl! Ich danke dir, daß ich dich bis hieher habe zum sanften Begleiter wählen dürfen. Ich packe jetzt auf morgen ein und nehme Abschied von so mancher Seele, die ich liebe. Sonderbar wirret sich jetzt Gegenwart und Zukunft, Reise und Alter durcheinander. – Und doch liegt der Abend draußen so hell-rot um die Welt! – Und nie lieg' er anders um deine, du Geliebter! –

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