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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Hingegen vor der Ehe kann mir Rosinette schwerlich zu ernsthaft sein. Eine lustige Liebe ist für mein Gefühl ein lustiger Gottesdienst, ein miltonsches Paradies voll sternischer Laune. Du weißt, ich hatt' einmal eine Zeit, wo ich, um ein schönes Wesen auf ein Isolatorium zu bringen und es mit Himmels-Äther vollzuladen, vielleicht einen und den andern elektrischen Scherz getrieben hätte, z. B. etwan folgenden elektrischen im eigentlichen Sinn. Ich hätte mich stark gegen die Gewitterfurcht erklärt, und natürlich aus elektrischen Gründen, und endlich mich erboten, mich auf der Stelle selber in ein freilich kompendiöses Gewitter in Stubenformat umzusetzen, besonders da jetzt das Wetter so kalt und trocken sei. Man hätte die große Elektrisiermaschine gebracht und den Pechkuchen zu meinem Gestell. Ich hätte den Kuchen bestiegen mit der Ladekette in der Hand, und ich hoffe, du hättest mich mit laden helfen. Ich hätte jetzt die Gesellschaft gebeten, alle Lichter wegzutragen, damit sie mich wie einen heiligen Johannes oder heiligen Paulus mit dem Kopfe in einer Heiligenglorie brennen sähe, welches die Bosische Beatifikation heißet. Es kann hier nicht berechnet werden, wie weit diese Heiligsprechung der Seligsprechung vorgearbeitet hätte; aber wär' ich nun weitergegangen in meinem Zwerg-Donnerwetter und hätte die ungemein aufmerksame, aber sehr zaghafte Rosinette vorläufig ersucht, von weitem, aber doch in einiger Nähe auf meiner goldgestickten Weste – denn diese gehört zum elektrischen Apparat – umherzufahren, z. B. etwan in einem quadrierten Zirkel um mein Herz; und wenn natürlich der ausstrahlende seinsollende Kreis mehr ein hinter der Weste abbrennendes Herz vorgebildet hätte: so wäre das doch schon etwas gewesen. Aber weiter! Wenn ich nun bei so wichtigen Zeichen ihres gestärkten Mutes, womit sie sich näher unter den Schimmer meines Heiligenscheins herangemacht, jetzt des Kühnsten kapabel gewesen und auf einem Funkenziehen aus meiner Oberlippe bestanden wäre, welches sie am Ende (oder es wäre verdächtig) hätte tun müssen, obwohl (säh' ich anders im Widerschein des Heiligenscheines richtig) ein wenig errötend und nur mit einem eiligen Atalantas-Bestreifen; und wenn dann meine Lippe mit einem langen Blitze, versetzt mit einem der flüchtigsten Küsse, in ihren kleinen Finger eingeschlagen hätte und ich mit der doppelsinnigen Anmerkung gekommen wäre, wie in diesem Feuer Nehmer und Geber kaum zu unterscheiden wären, nicht einmal in ihren Schmerzen dabei – –: was glaubst du wohl, wenn wieder Licht gekommen und die Wangen der herrlichen Seele mit dem Mattgold der überraschenden Nachempfindung und meine eignen mit dem Glanzgold der doppelten Feuerladung, sowohl von Rosinetten als von dir, erschienen wären, was glaubst du wohl, daß ich an jenem Abende in der Bekehrung und Missionsanstalt, die schon durch das Teilen desselben Märtyrtums begonnen war, mit meiner feurigen Pfingstapostelzunge und Lippe noch hätte nachzuarbeiten gehabt? – –

Aber warum sollst du darauf antworten, da ich jetzt eher alles machen würde als ein solches elektrisches Kunststück? Nein, edle Rosinette Hermine, befahre keines – denn die Epistel kommt doch einmal vor dich –, ein höherer Blitz und Heiligenschein, als der Dunstkreis gebiert, muß die Flamme schlagen, die zwei Menschen verschmitzt und magnetisch macht. Vertrauen auf gegenseitiges Vertrauen – Milde gegen alle Wesen – unvergängliche Wärme für die nächsten – ein offnes Auge für den Zauberpalast des Lebens und der Natur und ein erhobenes zu dem gestirnten Himmel, der über den Gräbern steht – ein Zweck, ein Glück, ein Herz, ein Gott, das allein hat unsere wärmeren Voreltern verknüpft und soll ihre ähnlichern Kinder binden. – Nein, ich kann mir schönere Altäre eines ewigen Bündnisses denken. Eine Urne in einem englischen Garten – von einem liebenden Herzen einem geliebten untergesunknen errichtet – neben einem stillen, rein nachmalenden Wasser – weich-errötend in dem Rosenschein der tiefen Abendsonne, der gleichsam auf den Blumen unter den Trauerbirken hinzukriecht – – eine solche Stelle und Stunde wäre schöner gewählt, wenn zwei gleichgesinnte Wesen sich den Bruderkuß der Verwandtschaft geben sollen – sie lesen nebeneinander die Klagen der Liebe, die Wünsche des Herzens, die Seufzer über das Leben, womit die Urne von unbekannten Händen umschrieben ist – in der sanften Stimmung vergeben sie die Irrtümer des Geschmacks und verbergen unter die fremde Rührung die eigne und lesen das, was sie sich sagen möchten – und hier vor der Sonne, vor dem Tode und der Liebe enthüllet vielleicht die Bewegung und Begeisterung an der weiblichen Seele die Gefühle, welche die Ruhe verbirgt, wie Abendschmetterlinge nur im Fluge die Fühlhörner ausdehnen, die sie in der Ruhe auf die Brust zurücklegen. Dann schweigt der selige Mensch, und über die ganze Seele breitet sich die Stille aus, welche die Säestunde der unaufhörlichen Liebe ist, wie man Anemonensamen nur an stillen Abenden streuet.

Da aber noch nichts davon geschehen ist: so fühl' ich eine unbeschreibliche Begierde, hier – nach Art des Klopstockschen Gedichts an eine künftige Geliebte – einen Brief an sie in deinen einzuschlagen. – – Wahrhaftig ich tu' es. Aber in der künftigen dritten Epistel gelob' ich dir ernstlich chronologische Reiseroute und Taktik an, die bei den vorigen ganz fehlt. Ich muß das Schreiben der Ordnung wegen unter der Fiktion eines Postskripts einführen.

R.
 

N. S. Du liebe, liebe Rosinette! So red' ich dich aus Liebe gegen dich und meine teuere Mutter an, die Rosina hieß. Auch in der Ehe, besonders in Briefen, wirst du häufig Rosinette und Hermine benannt, du magst mich immerhin fragen, ob ichs denn vergessen hätte, daß du dich Luise nach Voß oder Charlotte nach Werther oder Dorothea nach Hermann oder Idoine schriebest, welches letztere ein schöner Name aus dem Titan wäre. – Künftig wirst du dich darauf besinnen müssen, was du gerade heute am Michaelistage jetzt unter der Nachmittagskirche vorgenommen, wo mich das nachbarliche Singen und Orgeln der Nikolaikirche sekundiert und wo ich in mir nur Friedenslieder und das Angelika-Register des Herzens höre und so sanft bewegt dir schreibe. Ein nur wenig wahrscheinlicher, aber herrlicher Zufall wär' es, wenn du jetzt am Fenster säßest und läsest, und zwar gerade in den Palingenesien die Briefe an Hermina. Das bist du ja selbst, Gute, jede Zeile, jede Szene darin ist dir geheiligt; nur wirds dein stilles Herz nicht innen, sondern lächelt, wie ein Kind seine freundliche Spiegelgestalt als eine Gespielin an. O wie wohnen wir alle hinter hohen Felsen und liegen, durch dicke Erde geschieden, arbeitend nahe und unbekannt nebeneinander in unsern Schachten! Welche kleine Zufälle müssen ihre Leuchten vorübertragen, damit wir Nachtboten und Nachtpilger einander ins Gesicht sehen und uns grüßen können, wenn nicht gar ein noch kälteres Schicksal eine weiche holde Gestalt auf immer in eine ewige eiserne Maske einschmiedet! –

Ach vielleicht hab' ich dich schon gesehen, und ich weiß es nur nicht gewiß. Mich kennst du freilich in jedem Fall als Kupferstich; man muß dir aber sagen, daß die drei Gesichter, die von mir an Nägeln oder an Titelblättern hängen, den Stoff noch nicht so erschöpfst haben, daß nicht ein neues viertes zu geben wäre, falls man das fünfte, das ich selber aufhabe und behalte, bloß abkopieren wollte. –

Der Michaelistag ist himmlischblau, und ich glaube leichter, daß du draußen bist und zuschauest, wie die müde Natur, einem guten Kinde gleich, so willig zu Bette geht. Wie still bricht sie die Blätterzelte ihrer Sänger ab! Wie leise legt sie ihren Blumenschmuck und ihren Prunkanzug auf die Erde nieder! Und wie fern vom ungehorsamen Murren der Menschen zieht sich das Pygmäenreich der Insekten in die Winterkerker und unter die Erde, und die fliegende Völkerwanderung über uns eilt in Frieden und zu keinem Blutvergießen durch den Himmel in ein warmes Land! –

O sei nur du auch so still! Das Wehen und Glänzen des dahinfliegenden Sommers bringe dir keine trüben Vergleichungen! Wirst du den Seufzer bezwingen, wenn das kranke Laub jugendlich glüht wie junge Blumenbeete? Wirst du nicht beklommen gleichsam den fernen Frühling nachklingen hören, wenn seine Wecker, die Frösche, wieder wie aus den herrlichen Mainächten herüberlärmen? – Ach wenn es wäre und du weinen müßtest, du liebes Wesen, über irgendeine verlorne Hoffnung, über abgeschlagene Wünsche – wie gern nähm' ich deinen Schleier weg und trocknete dein liebes Auge, und wie wehe tut es mir, daß ichs nicht kann!

Ich würde dir, wenn ich bei dir wäre, es klar auseinandersetzen – fast schon dadurch, daß ich ein Buch mit goldnem Schnitt aufblätterte –, warum im Buche unsers Lebens nur an den durchgegangnen Blättern und an den restierenden etwas Gold zu kleben scheint, nie aber am Blatte, das man gerade in den Fingern hat... Ich werde überhaupt vor deinen Augen das Beet – wie man bei Hyazinthen tut – etwas fest zusammentreten, woraus die Blumenzwiebeln der Freude aufgehen sollen

Aber habe du nur deine Träume! An den Festtagen der Seele – denn von deinen Geburtstagen will ich gar nicht reden, ob ich wohl wünschte, heute fiele einer davon – oder wenn wir miteinander den Nacht-Himmel oder die Abendsonne oder den Frühling ansehen, da will ich dich über deine dichterische Vergangenheit ausfragen und über deine vorigen Hoffnungen; – ach warum kann ich dich mit keiner lauen Sommernacht des Lebens voll Mondlicht und Violenluft umziehen, worin man ebenso bezaubert ist, wenn man wacht, als wenn man träumt? – Ich will dann auch sagen, wie sonst meine Seele war und wie lange du schon bei ihr bist; – wenn die Tonkunst mit der Engelszunge sprach, so redete sie leise von dir – wenn der Frühling seinen weiten Blüten-Garten wiederbrachte, so sucht' ich dich darin – und hinter dem blaßroten Gebirge aus Dunst, das in der Frühlingsmitternacht am Himmel zwischen dem weißen Abend und Morgen blüht, standest du neben der Sonne wie eine Luna, und ihr milder Schein verklärte dich – und wenn mich das Leben wie eine hohle Leiche aus Wachs mit hölzernen Augen ansah und nicht atmete, so kam mir deine Gestalt entgegen in Frühlings-Wärme, und sie hob den Schleier zurück, und ich sah die Hoffnung – und o kam nicht in der Begeisterung, wo ich höhere Frühlingsmonate der Liebe malte, als ich hatte, und wo das Herz neben offnen glückseligen Inseln der Dichtkunst sein sehnsüchtiges Darben zu sehr empfand, deine Stimme lieblich aus der Ferne her und tröstete mich und sagte: sei still und vertraue, wir werden uns finden! – Kalt schneidet jetzt ein Gedanke durch mich – ich schwebe ja hier neben den Inseln der Dichtkunst, und die ferne Stimme, die mich trösten will, kommt nur aus meiner Brust – – Nein, wer sie hineingeschaffen, der kann sie nicht lügen lassen. – –

Bis dahin, Unsichtbare, fliege dir leicht das geteilte Leben dahin, und das Geschick spiele deine Stunden weder auf Sturm- noch auf Stummen-, sondern auf Harmonika-Glocken ab! – Und wenn ich dir einmal die in den folgenden Briefen kommende Schöpfungsgeschichte vorlese, möge deine Seele zu mir sagen müssen: du hast dich nicht geirrt!

Fr. R.

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