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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Die meisten Auflösungen der menschlichen Natur – die so sind, daß, wenn diese wieder zusammengesetzt würde, nie die vorige zum Vorschein käme – sind dem geschickten Taschenspieler abgesehen, der einen lebendigen Vogel im Mörser zu Brei analysiert und darauf doch den Vogel wieder lebendig produziert, indem er bloß einen nicht analysierten aus dem zweiten Boden des Mörsers freigibt. Überhaupt ist für Philosophen, Taschenspieler und Goldmacher der doppelte Boden der eigentliche goldne Boden des Handwerks.

Schlimm würdest du es haben, Paul, wenn du die ausgekernten hohlen Wörter der jetzigen Philosophie als Samen zu Taten brauchen wolltest; es würde nichts Lebendiges aufgehen. Und gegen die vollblütigen Triebe, gegen die eindringenden Versuchungen würdest du an ihnen ungefähr eine Mauer haben, wie die im Shakespeare ist – nämlich ein wenig Mörtel und ein Stein, von Peter Schnauz gehalten.

Aber weiter! Kann der negative Kopf eine Sache nicht zu einem Wort verdünnen: so verdickt er wenigstens ein Wort zu einer Sache; und da hebt sein eigentliches Leben erst recht an. Die Taufe irgendeiner Schwierigkeit gilt stets für die Erklärung derselben. Z. B. durch das Simultaneum der übersinnlichen Welt, worin der Mensch frei handelt, und der empirischen, worin er notwendig agiert, ist die schwierige Frage nur anders benannt, aber nicht anders beantwortet als vorher; indes setzet der Haufe auf diese Gebäude wieder neue; und das oft gebrauchte Wort wird endlich eine feste Sache und das dunkle durch Wiederholung ein klares. So ist die Raum-Anschauung a priori ein Wort wie Dichtigkeits- oder Farben-Anschauung a priori, weil du keinen Körper ohne Ort, aber auch keinen ohne Dichtigkeit, ohne Farbe denken kannst.

Allgemeine abstrakte Termen sind, eben weil sie unbestimmter und weiter sind und also unter den geräumigen Hut leichter viele Köpfe bringen, der Menge faßlicher als bestimmte Anschauungen des Positiven, die nur immer in eigner Erfahrung gegeben werden können. Daher ergriffen die vorigen Scholastiker, die gleichsam nur Worte in geräumigere Worte zerlegten, ihr Jahrhundert so sehr als die jetzigen das jetzige. Beiläufig! die kritischen Scholastiker sind den theologischen nicht nur in diesem Destillieren der Destilliergefäße, der Worte, sondern noch in der Sitte, das in der Philosophie falsch zu befinden, was nachher in der Theologie als richtig gilt, auffallend ähnlich; denn so hatten die neuern vorher alles in der theoretischen Vernunft erlogen befunden, was ihnen nachher in der praktischen für wahr gegolten.

Wenn der größte Scharfsinn nichts hilft ohne einen innern reichen Genius, der ihm die Gegenstände dazu schafft und zeigt; und wenn man mit jenem ohne diesen ein herrliches Spiegelteleskop ohne Finder ist und ins Blaue sieht: so muß dichs frappieren, daß meine kritischen Magistranden nicht bloß die innere Welt, die ohnehin nur der Genius reicht, sondern auch die äußere, nämlich die gelehrte zu entraten wissen. Ohne etwas im Kopfe zu haben als das geistige Wesen darin, setzen sie sich hin und befruchten sich, wie Seehasen, selber und geben dann das Lexikon ihres Innern der Welt; gleich Glaskugeln, die sich, leicht gerieben, mit einem schönen innern Licht anfüllen, wenn sie luftleer sind. Sie nehmen gern von ihrem heiligen Vater in Königsberg reine Vernunft und alles an, aber nicht seine Gelehrsamkeit; sie glauben vielmehr eben durch ihre Reinheit von allen fremden Systemen die Arche des kritischen leichter oben zu erhalten, wie nach Franklins Rat ausgetrunkne Bouteillen, wohl zugestopft, ein Schiff im Sinken heben würden.

Wenn du den folgenden Fallhut genommen, geb' ich dir nur noch einen. Da die Prozession und Wesenkette hinter einem metaphysischen System endlich müde wird, es bloß abzusingen, oder unvermögend, es in seinen kleinen Ramifikationen ferner zu beschneiden oder zu vergrößern: so schwärzen sie es wider seine Natur in ganz fremde Wissenschaften ein; und dann gibt es wieder Lust. So haben sie das kritische in die Theologie, Physik, Metrik, Kameralwissenschaft und Ästhetik gezogen. Aber alle diese Anwendungen sogar der wahrsten Metaphysik müssen so leer und verwirrend sein, als wenn einer nach der Farbentheorie Eulers und mit ihren Worten ein Färberbuch oder Regeln für das Kolorit verfassen wollte. Diese scholastische Verunreinigung fand Bakon in der Physik. Sogar dein Vater soll nach einer solchen Ästhetik seine Sachen modeln, z. B. diesen Brief an dich: was denkst du dazu, Hans?

Inzwischen kann dafür der Alte in Königsberg so wenig als die Gracchen, wenn der Senat einen und den andern Tribun zu einer erweiterten Ausdehnung ihrer Vorschläge vermochte, bloß um auf jene Haß zu laden. –

Hier hast du den letzten Fallhut, den ich stets auf dem Wege zur hohen Loge des Lichts aufhabe. In der Philosophie wird nicht wie in der Dichtkunst der Pegasus-Schaum durch den Wurf des Pinsels gemacht, sondern durch dessen fleißigen Zug. Ein Mann, der uns ein Buch voll Wahrheiten gegeben, kann uns in der Vorrede, die er wegen der Messe viel zu schnell wegschrieb, lauter Irrtümer vorsetzen; denn das philosophische Genie erlangt nicht im Fang der Wahrheiten zuletzt eine Fertigkeit wie das dichterische im Fang der Schönheiten, sondern die Wahrheit wird zwar von dem Schalttage erfunden, aber doch erst vom Schaltjahre geprüft. (Bücher werden umgekehrt vom trägen Saturn geschaffen und von der leichten Hore taxiert.) In einem System gibts keine Ferien, und den Nebenpartien gehört dieselbe Anstrengung und Zeit wie den Hauptfiguren. Irrtum aber rührt oft von bloßer Ermüdung her. Mache dir also aus dem größten Philosophen nichts, sondern lies immer mit der Voraussetzung, hier brauch' er deinen Rat, und traue keinem weiter, als du siehst.

Dein Vater ist hierin, scheint es, kecker als einer. Vor einigen Tagen ertappte er einen großen Philosophen von zweischneidigem Scharfsinn, dessen fester, gleich den alten Deutschen mit Ketten aneinandergeschlossener Phalanx demosthenisch daherdringt, dennoch über folgendem Fehler, den Fichte schärfer ahnden würde, hätt' ihn nicht – Fichte begangen. Er nimmt (aber mit andern Worten) nach Maßgabe der drei Tonsysteme drei wunderbare Harmonien an ohne einen Harmonisten, der sie gestiftet: die der weiten sinnlichen Welt – die der moralischen – und eine dritte prästabilierte zwischen beiden vorigen, zufolge welcher z. B. eine Lüge nie in der sinnlichen schaden kann. Ich rede aber hier nicht von der in seinem Systeme konsequenten Annahme dreier musikalischer Kompositionen ohne den Komponisten: sondern von seinem Beweise der dritten. »Das moralische Sollen«, sagt er, »setzt durchaus das Können voraus.« Jawohl, aber bloß das moralische Können, d. h. die Freiheit; und diese haben wir alle, z. B. nicht zu lügen und stürzte darüber die Welt ein; aber in jenem Sollen liegt ja keine empirische Assekuranz, daß sie nicht einstürze. Die Erfahrung führ' ich gar nicht an, die ihm zwar nicht durch die Regel, aber doch durch die Ausnahme widerspricht. – –

Nun genug! Nach so vielen Helmen von Mambrin brauchst du Helme von Minerva, statt der Fallmützen Merkurs-Kopfschwingen und Hebezeug. – Hier nimm! Jede Wissenschaft, jeder Stand, jedes Alter, jedes Jahrhundert machen einseitig und verrücken das Altarblatt des Universum zu einem Vexierbild; also lerne und versuche und erlebe, so gut du kannst, alles, wenigstens allerlei! – Beschütze gegen die Despotie jedes Systems deine höhere poetische Freiheit durch das Studium aller Systeme und unähnlicher Wissenschaften. Lerne philosophisches Maß an den Alten und am britischen Koloß, Bakon, der wie der modische mit seiner Leuchte den Schiffen, die unter seinem Leib durchstreichen, lange nachleuchtet. Lerne sokratische Freiheit und Form an Plato, Wieland, Lessing und Bayle. Lerne Stoff aus Hemsterhuis, Jakobi, Leibniz und Bakon. Und gehe besonders nie unter Philosophen, ohne eine Kronwache von Physikern, Geschichtsschreibern und Dichtern um dich zu haben.

Zumal von Letztern. Alle Wissenschaften und Zustände nehmen auf ihrem höchsten Tabor die poetische Verklärung an, wie alle Götter nach Makrobius nur Verkleidungen des Apollo sind. Die Dichter hängen den Kopf wieder mit dem Herzen zusammen; und ohne sie wird deine Philosophie, die mehr die Freuden als Leiden wegzudisputieren versteht, bloß zu einem hellen Mittag, wo kein Regenbogen möglich ist, und doch die schwersten Gewitter. –

Vorzüglich handle! O in Taten liegen mehr hohe Wahrheiten als in Büchern! Taten nähren den ganzen Menschen von innen, Bücher und Meinungen sind nur ein warmer nahrhafter Umschlag um den Magen. Statt daß die jetzigen matten liebelosen Philosophen, gleichsam zerbröckelnde, von der Sonne kalzinierte Lichtmagnete, nichts mehr lieben als ein – Auditorium und, gleich den Kindern im Scharlachfieber, nur heiße Stirnen, aber kalte Hände (zum Handeln) haben, wird dann bei dir der Baum der Erkenntnis, mit dem Baum des Lebens ablaktiert, herrlich treiben und tragen. – Und dann wird dir ein Gott den Glauben zeigen, dessen Wurzeln mit dir geboren wurden und den die Winde des Lebens nicht umreißen und unter dessen Zweigen du Schatten und Düfte und Früchte findest. – –

Ich will mein Sendschreiben ausmachen, Paul; aber es war vielleicht kaum nötig, es anzufangen. Denn du wirst einmal einen Genius lesen, den du zwar in deiner Jugend vor Entzücken zu verstehen vergessen wirst, der aber später mit Gliedern, die wie an jener prophetischen Gestalt sämtlich Flügel sind, dich über die papiernen Weltgloben der Verbal-Weisheit tragen wird. – O Paul, wenn du einmal die hohe Welt dieses Genius ersteigst, der keinen Gedanken und keine Kenntnis einsam hat, sondern jeden Wellenring zur Planisphäre macht – der nicht den Obstbrecher an einzelne Zweige des Baumes der Erkenntnis legt, sondern wie das Erdbeben den Baum durch den Boden erschüttert, worauf er steht – wenn du, sag' ich, seine Welt ersteigst: so wirst du auf einem Gebirge sein, die Völker unten werden näherAuf Bergen rückt die reinere Luft alles Ferne näher. und verbunden um dich liegen, und eine höhere Duldung, als das Jahrhundert kennt, wird dieser Völker- und Zeiten-Maler deinem Herzen geben – auf seiner Alpe wird dir die Seele höher werden, und die reine dünne Bergluft wird dir den Himmel und die Erde nähern und den Glanz der heißen Gestirne und das Gepolter des Lebens mildem – die Phantasie wird ihre morganischen Feen malen und ihren Regenbogen als Kreis aufhängen – und Melodien werden dich umwehen, wenn er einen Altar erbauet, weil auf allen seinen Bausteinen Apollos LeierDer Stein, worauf Apollo unter seinem Bau die Leier ablegte, nahm von ihr die Gabe zu ertönen an. Paus. Att. 42. lag – – Dann, guter Sohn, wenn du durch ihn so glücklich wirst, denke daran, wie sehr es auch dein Vater durch ihn ward, und gib dann, wie ich, dem Menschen, den du am innigsten liebst und ehrst, nie einen andern Namen als – Herder! –

J. P.

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