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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Brief über die Philosophie

An meinen erstgebornen Sohn Hans Paul, den er auf der Universität zu lesen hat

Guter Hans Paul! Ich muß dir schon im 18ten Jahrhundert schreiben, weil ich ja nicht weiß, ob ich das neunzehnte oder deine akademische Majorennität erlebe oder nur deine Geburt. Soll ich dich ungewarnet und unbewehrt in die philosophische Judengasse laufen lassen, gleichgültig, ob sie dich für den Portikus oder für das Lyzeum oder die Akademie oder für Epikurs Gärten wegpressen? – Denn leider ist für einen jungen Menschen das erste System, das wenigstens etwas auf so viele dunkle Fragen seiner Brust antwortet, immer despotisch; er müßte ein zweites bei sich führen, um das erste abzuwehren. Aber wenn auch der Philosoph wie ein junger Kaufmann mit Speditions-Handel anfängt: am Ende legen sich doch beide auf eigne Waren.

Ich gebe dir, ehe du dich in den Luftballon der Philosophie einschiffst, folgende Fallschirme oder Le Roux-Mützen mit.

Hier nimm den ersten Fallschirm, aber faß ihn recht an, Hans! Der logische Zusammenhang eines Systems und die Leichtigkeit, womit es recht viele Erscheinungen beantwortet, sei dir kein Zeichen seiner Richtigkeit, weil falsche oft dasselbe führen. Lies – ich sage nicht einmal die verschiedenen Hypothesen der Geologen, deren jede mit tausend Faktis zusammentrifft – oder das konsequente System der Katholiken oder das der Orthodoxen – oder jene Beweise, daß Homer nur eine Allegorie sei – oder die alten, daß die Göttergeschichte nur eine versteckte biblische – oder die neuern, daß sie eine verhüllte Sternkunde sei – ich sage, lies nicht einmal das, sondern lies die spaßhaften Aufsätze, die du von deinem Vater geerbt und worin der Mann für tolle Lügen die Stützen aus allen Wissenschaften zu seinem eignen Erstaunen zusammentreibtEs fehlt oft, z. B. meinem gedruckten Beweise, »daß die Bettler die deutschen Barden sind«, oder andern, ungedruckten, z. B. dem, »daß ein Dieb ein katholischer Heiliger ist«, weiter nichts zum Werte eines ernsthaften Erweises, als daß ich sie selber dafür halte. Man hätte z. B. die Hieroastronomie aus Scherz machen können, und dann wäre sie witzig gewesen; aber jetzt ist sie es nicht, weil sie ernsthaft ist und der Verfasser sie selber glaubt. ; und dann wag es einmal, aus der bloßen Harmonie und Analogie eines Systems sogleich dessen vorherbestimmte Harmonie mit der Wahrheit zu schließen! Das dreifache Weltall – das physische, das historische und das geistige – ist so voll Linien und Umrisse, daß jeder seine Lettern darin zu lesen glauben muß, so voll verschlungner gebürgiger Formen, daß sie jeder, wie der Pilger die Tropfsteine der Baumannshöhle oder der Grieche seine Berge, zu den Geschöpfen seiner Phantasie gestalten kann. Und wenn schon die Bibel und Homer zwei Wolken sind, aus denen jedes malerische Auge andere Formen buk: so muß ja wohl das unabsehliche Gewölke des Universums noch mehreren optischen Personifikationen durch die Vielheit und Ferne seiner Windungen Stoff und Raum darbieten. – Hier ist gar kein Skeptizismus; denn jede Gestalt, die wir irrig wiederfinden, war früher wirklich gegeben, wie das Wachen früher war als sein Anagramma, der Traum. Allein, wirst du fragen, woran halt' ich mich denn sonach?

Du bringst mich auf die zweite Fallmütze, die ich dir aufsetzen will. Du hältst dich, will ich, gleichwohl an die oben von mir verworfene Harmonie mit sich und mit außen, nur aber an die größere.

Ich muß mich erklären. Es gibt zwei sehr verschiedene philosophische Köpfe, die ich, da Kant gern die negativen und positiven Größen in die Philosophie herein hätte, mit Vergnügen in beide zerfälle. Der positive Kopf – gewöhnlich der Baumeister einer langen philosophischen Schulbank – wird wie der Dichter der Vater einer, mit der äußern erzeugten, innern Welt und stellet wie dieser einen metamorphotischen Spiegel auf, vor welchem die verrenkten verwickelten Glieder der Wirklichkeit in eine leichte runde Welt zusammengehen – die Hypothese des Idealismus, der Monaden, der vorherbestimmten Harmonie, des Spinozismus sind Geburten eines genialischen Augenblicks, nicht hölzerne Schnitzwerke der logischen Mühe. Nur verwechsle nicht die schulgerechte Erziehung dieser Kinder mit der poetischen Erzeugung derselben. Köpfe also wie Leibniz, Plato, Herder, Jakobi etc. kann ich positive heißen, weil sie das Positive suchen und geben und weil ihre innere Welt, die sich höher aus dem Wasser gehoben als bei andern, ihnen und dadurch uns eine größere Fülle von Inseln und Ländern aufdeckt.

Ein negativer Kopf, mein Hans, hat mehr Scharfsinn als wir beide, und damit findet er statt der positiven Wahrheiten die negativen anderer Leute, wie Kant die Irrtümer benennt. Ein solcher – z. B. der größte, Bayle – taxiert fremden Fund und ist der Kritiker des philosophischen Genies und der Richter des Stoffs weniger als der Form. Er gibt uns statt der vorigen dunkeln Ideen klare, aber keine neuen; weil nur das ins Klare zu setzen ist, was eben schon dasaß im Dunkeln. Denn das merkwürdige Gefühl einer daliegenden Wahrheit oder Lüge läuft vor jedem Beweise voraus, der sie hervorziehet; wie das Gefühl der feinsten ästhetischen Mängel und Reize vor der kritischen Entwicklung derselben; daher lass' ich mich bei der Lektüre gemeiner Autoren in keinen syllogistischen Rechtsgang ein, sondern durch jenes Summarissimum der Logik, durch jene fides implicita tu' ich sie schnell ab.Z. B. die Sentenzen werden sämtlich von diesem Gefühl auf der Stelle gerichtet und entweder verdammt oder angenommen.
 

Mit diesen negativen Köpfen kannst du nun, lieber Sohn, dich keine Minute einlassen, ohne deine zweite Fallmütze auf dem deinigen zu haben. Ich rede freilich von denen meiner Zeit, von den kritischen; ich sollte aber vermuten, daß du in der philosophischen Geschichte, die ich dich in Jena hören lassen, etwas von ihnen erfahren hast, wenn nicht die Namen, doch die Zahl. Sogar eine kleine Devalvationstabelle wäre nicht zu viel von einem Professor der philosophischen Geschichte gefodert gewesen, da die Sekte kaum eingeschmolzen ist, ja zur Zeit dieses Briefes noch kursierte. Aber das macht mich eben so perplex, daß solche Kunstwerke, die in meinen Augen so unsterblich sind wie die eines Garricks, Preville und anderer Komödianten, gerade wie diese theatralischen nur so lange dauern, als sie entstehen; indessen ists nicht so arg bestellt, daß nicht immer einige Meisterstücke bleiben sollten, welche – fester als die garrickschen, die nicht länger leben wie die Eintagsfliege nach der Entpuppung, nämlich einen Abend – sich leicht so lange halten wie diese Fliege vor der Entpuppung, nämlich ein paar Jahre.

Daß eine ganze Flottille von negativen Weisen hinter Kanten nachschwamm, wie Speckhauer hinter dem Walfisch, ist ein Reichtum, der nie die Gabe der Geburt, d. h. des Zufalls sein, kann: sondern diese Weisen schufen bei dieser Gelegenheit sich selber, aber auch weiter nichts anders. Oft in gemeinen Seelen kann ein gewisser Scharfsinn haften; dieser kann noch unendlich erhöht (sogar ersetzt) werden durch langes hartnäckiges Blicken auf einen Punkt; und wie Pholaden oder Bohrwürmer arbeiten sie sich ohne alles Brechzeug, bloß durch stetes Netzen in den Stein. Bei Lebzeiten deines Vaters brachten diese Leute noch durch das coro und im Korrelationssaal etwas zustande, indes sie einzeln, jahrzehendeweit auseinandergesäet, wenig abgeworfen hätten; welches Buffon ebenso an den Bibern fand, die in ihren nordamerikanischen Cincinnatusgesellschaften schönen architektonischen Kunstfleiß zeigen, indes sie in Frankreich, isoliert, als Tiere ohne bedeutenden Kunstverstand privatisieren.

Begleite mich aber in die nähern Kautelen und wende die, die ich von den jetzigen Sekten abziehe, auf die künftigen Parteien an, die zu deiner Zeit ihre freien Religionsexerzitien treiben – Denn alle negative Köpfe jeder Zeit – wie ich sie so ungemein glücklich genannt, weil ich damit leicht an die elektrischen Körper erinnere, wovon die positiven den Funken geben, die negativen aber empfangen – stehen in der Hauptsache für einen Mann, im Abscheu vor allem Positiven, das sie auf der Stelle in den papinianischen Topf werfen. Trieb, Gefühl, Instinkt, alles Unerklärliche leiden sie nicht öfter als einmal, nämlich oben am System als Haken, woran sie die Schlußketten festmachen. Ein Gegenstand ist ihnen wie den norwegischen Feldmäusen ein Greuel, weil er sie und die Mäuse im geraden Wege aufhält. Sie machen es daher so: sie ersinnen ein geräumiges, hinten und vornen offnes Wort, in das alles geht, und darein stecken sie alles. Z. B. wär' ich ein Wolffianer: so würd' ich die ganze volle Seele, so wie man Raupen zum Konservieren auspresset, etwan zur Vorstellkraft plattieren und breitdrücken und sie so durchsichtig vorzeigen. Wollen, würd' ich sagen, ist auch Vorstellen, nur freilich ein stärkeres, innigeresHume hingegen gibt gerade den Wolffianischen Unterschied des Wollens vom Vorstellen für den Unterschied der Überzeugung von der bloßen Vorstellung aus; aber mich dünkt, ebenso irrig. Erstlich die Lebhaftigkeit und Innigkeit wechselt an der Überzeugung so gut wie an der Vorstellung ab und kann also beide nicht unterscheiden. Zweitens scheint er die wachsende Lebhaftigkeit, wodurch innere Bilder endlich, wie im Fieber, zu äußern arten und mithin zu geglaubten wirklichen, auf Ideen übergetragen zu haben. Drittens wie nach Kant kein Ding durch das Dasein mehr Prädikate bekommt, als es vorher in der Möglichkeit und Vorstellung hatte: ebenso gehet mein Glaube an die Vorstellung – d. h. an die Existenz ihres Stoffs außer mir – nicht die Vorstellung an, sondern mich und mein Verhältnis zu ihr. – Begierden sind wieder nur ein innigeres, bestimmteres Wollen – und Empfinden ist nur ein verworrenes Vorstellen – und alle unsere Freuden und Bestrebungen und Schmerzen setz' ich bloß, wie Sulzer, in Ideen, und dann lass' ich die sämtliche Geisterwelt laufen. – Auf eine ähnliche Weise, aus derselben philosophischen fuga pleni – zu der man jetzt einen ästhetischen horror pleni fügt – mazerierte und verwandelte der selige Finanzpachter Helvez die Ehrliebe – die ich weder in den moralischen noch in den eigennützigen Trieb auflöse, sondern für sich feststelle – und die Sittlichkeit und alles in das Fünfer-Direktorat der Sinne. Ebenso zersetzten sonst die Physiker alle Erscheinungen in Bewegung – weil diese wie die Vorstellkraft überall zu haben ist –, also Licht in Bewegung des Äthers, Farbe in schwache der Körper, Hitze in stärkere.Eben les' ich des vortrefflichen Darwins Zoonomie, der mich auf jedem Blatte mit ähnlichen Mazerationen peinigt; er erklärt z. B. das Nestermachen, die jährlichen Züge, den Gesang etc. der Vögel für Fortschritte der Tradition; er lässet alles lernen, entweder im Mutterleibe, z. B. Saugen, Schwimmen, oder außer demselben, z. B. Weinen, Lachen, Schaudern. Diese Leute quälet der Instinkt so, wie die biblischen Wunderwerke den Theologen, dem es wohl wird, wenn er nur wieder eines oder ein paar durch Exegese weggebracht; obgleich ein übrigbleibendes so gut ist als 10 000.

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