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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Sechzehntes Kapitel

Wär's kein Schreiben an dich, Viktor, sondern an die Welt: so könnten bei einem solchen Durcheinanderspringen von Rollen und Charakteren an allen Wasserwerken des Witzes die Hähne aufgedreht und ein paar Bogen vollgespritzt werden; dir aber muß ich bloß erzählen.

Noch ehe die Weiber kamen, wurde das medizinische Psephisma oder das Kreisdirektorialkonklusum abgefasset – der Erkältung wegen –, daß man etwas trinken müsse; und dieses erklärt das bekannte Faktum, daß hernach Bouteillen abgezogen wurden auf Weingläser: »Auf Bühnen,« sagt' ich, »wozu nun auch die Herrenstube gehört, ist Trinken stets reell.« Der Teufel mit seinem unschuldigen Drachenschwänzchen war unser Mephistopheles, verschrieb aber selber sich unsern Seelen aus Höflichkeit. –

Betrachte nun die Zauber-Bäuerinnen, wie sie hereintreten – erstlich Mademoiselle Schnorhämel! Ihre geborgte Halbtrauer (denn die Hemd-Ärmel waren weiß) stand als ein schöner Halbschatten um ihr blasses Gesicht, vom Ängstigen und Umkleiden leicht koloriert; und sie selber ist durch die neue Lage eine wenigstens nicht mehr nach dem Drahte, sondern nach dem elektrischen Funken tanzende Puppe. Anfangs wehrte sie sich verschämt gegen die Hemdärmel, weil diese nur bis an den Ellenbogen reichen, ihre abgezognen Handschuh aber bis ans – Achselbein. Betrachte meine mir zugehörige Benigna, von der ich als fallender Adam lieber einen verbotenen Holzapfel empfinge als von meiner ledernen Hälfte und Heva, Fisch, den besten Hesperiden-Stettiner; die Emballage lieh und stahl ihr nichts; sie schien jedem Stande gefügig und keinem gehörig. – Freilich blieb Marietta unter allen, von ihrer Schwiegermutter an bis zur ersten Mutter Fisch herab, die Cypris. Leg ihr doch um das seelenvolle Angesicht, worauf ein paar rote Perlen Aurorens zerflossen sind, zwar die weiße Bürgershaube und darunter das weiße Halstuch – denn sie ist im geistlichen Nachtmahls-Ornat der Bäuerin –, aber breite doch besonders die schwarze königliche Kopfbinde mit dem langen Spitzensaum über den Schnee der Stirn und schaue dann das anredende blickende Blumenstück unter dem schwarzen Rahmen feurig an. O warum erleb' ich nicht die Mode kohlschwarzer Stirnbandagen, welche die Stirn so griechisch-lieblich schmälern und besänftigen? An Fischen freilich wäre dergleichen nur ein schwarzes Stockband von Leder.

Der Weise aus Morgenland, Voit, mit dem Stern der übrigen Weisen lief erstaunt, entsühnt, erweicht und warmherzig gegen diese rührende bescheidnere Braut Christi los, voll guter Anspielungen auf das Anbeten der drei Könige: als ein anderer Weise aus Morgenland, der weise Salomon aus Norden, sein eigner Herr Vater, der König, dasselbe tat und, weil er zugleich die Wirkung des Direktorialkonklusums und des Stirn-Trauerrandes verspürte, lustig fragte: »Sehen Sie mich wohl für den weisen Salomo an, Mademoiselle?« – »Und für den reichen?« sagte die Spezialin. Ich präsentierte die biblischen Personagen: »Wir beide als erste Eltern, gleich dem heiligen BartholomäusEr wird bei den Katholiken oft dargestellt, wie er seine skalpierte Haut in der Hand trägt und doch seine anhat. im Besitz einer doppelten Haut, präsentieren Ihnen hier unsere sündigen Nachkommen – hier den umgeschlagnen Ham, den Stammvater der Schwarzen – hier die beiden Söhne des Psalmisten Davids, wovon Sie den Absalom am langen Haar (Stiefel trug ein kurzes Perückchen) erkennen, den andern an der größern Liebe für den königlichen Herrn Vater. – Der Hohepriester kann nicht verwechselt werden, weil er nach den jüdischen Gesetzen ohne alles Fehl sein und elf Merkmale am Kopfe, neunzehn an den Augen und so weiter haben muß. – Der Geschwänzte ist der Seibeiuns und gehöret nicht zur Familie, er säet bloß Unkraut und verbotene Äpfel aus und verführt erste Eltern und letzte Enkel nicht mehr zum Essen, sondern zum – Trinken.« –

Menschen, die aus demselben Abgrund und Pfuhl heraufkrochen, werden einander unter dem Heraufkriechen gut; die Weiber hatten, wie Falken, durch das Mausern das Gedächtnis (z. B. der Kartoffeln) verloren und vielen Verstand bekommen; und der Friedensengel ging unsichtbar mit einem breiten Ölzweige umher und fächelte von den weiblichen Herzen jede fliegende Hitze und Bremse weg.

Solche Verkleidungen machen, als kleinere Redouten und Saturnalien, die Menschen frei und friedlich. Ich beschloß, dem Friedensengel zu helfen, nämlich den Hammer hervorzunehmen und die Eisenstäbe, so lange als sie noch warm waren, zu schmieden und zu löten. Ich ging zum Forstmeister und sagte: »Herr Hedasch, Sie sind ein gerader fester heller Mann – der Sechser und der Spezial stehen sich heute näher, als sie jemals stehen werden – man muß sie gar aneinanderdrücken – helfen Sie mit.« – »Das ist meine Christenpflicht so!« sagt' er und ging mit mir zum Vor- und Nachfahrer-Paar, zum David und Salomo.

»Friede gemacht, ihr Könige!« rief Hedasch. »Wir kriegen gar nicht«, sagte Zeitmann. – »Und beim Himmel!« (lenkt' ich ein) »ein Paar solche Männer, die schon am Morgen des Lebens miteinander ausgereiset und am Mittage eingekehret sind, können sich in der Vesper desselben nicht scheiden; schon die Spiele der Schule und des Dramas haben Sie unter schönen römischen Namen verknüpft, und Sie, Herr Poshardt, haben Ihre Brutus-Rolle mit einem so freundlichen Herzen gespielt – Die heutige Verkleidung muß sie an jene alte erinnern; und durch den größten Zufall von der Welt spielen Sie wieder Vater und Sohn.« – »Ich will verdammt sein,« (sagte Poshardt und erzählte nach Art des Volks die Historie zum zweitenmal) »wenn ich hätte zustechen können, denn sie sagten das Stichwort etc.« – »Ich berge garnicht,« sagte Zeitmann, »daß mich der Trait stets gerührt, wenn ich als Rektor Welthistorie lehrte und innerlich an unsern Vorfall dachte.« – »Das beweist,« (sagte der Sechser warm) »daß Sie einen alten redlichen Schulkameraden nicht ganz vergaßen.« – »Wer Teufel, Herr,« (sagte Hedasch) »wird das?« – »Man sagt nur Schul- und Jugendfreunde,« (setzt' ich dazu) »nie aber Kollegien- und Alters-Freunde; und eben darum muß man früh gewonnene Herzen festhalten, weil man nachher auf den spitzigen Stoppeln des Alters nichts Sonderliches mehr findet.« – »Nun so gebt einander« (sagte mein Hedasch, die Trauungsformel parodierend, und tat selber die Sache) »die rechte Hand und sagt Ja!« – »Ist das Ihr Ernst, Herr Spezial,« (sagte Poshardt) »und meinen Sie es so mit mir wie ich mit Ihnen?« – – »Herr Sechser,« (fing Zeitmann an, der den Schein der Kälte fallen ließ, den er bisher der moralischen und der priesterlichen Würde und sogar dem Argwohn schuldig war, er achte auf Geld oder auf seine Tochter) »ich bin ein Christ, ein Priester und bin Ihr alter Freund: und überhaupt in diesem Nebelleben und Lebens-Nebel wie können Sie mich so fragen?« – Und hier fing sein Auge an feucht zu zittern, wahrlich nicht heuchlerisch, sondern weil sein poetischer oratorischer Stand leicht in eigne schnelle Rührung setzt. – »Alter Schul-Kamerad, alter Fritz,« (so hieß Zeitmann) »alte Liebe rostet nicht, da ist meine Hand«, sagte Poshardt mit zwei großen Tränen der Natur. – »O mein guter Vater!« sagte Marietta mit liebevollen gerührten Blicken, die anfangs aus einem Mißverständnis unserer Lebhaftigkeit näher gekommen war. »Es ist gut, Liebe!« sagt' er, Fein-Fein-Fein-sein-wollend, aber freundlich und lustig, »geh nur wieder!« Er wußte gar nicht, daß er gerührt war.

Sie stellte sich ans Fenster und schauete weich in die blühende, von Tropfen zitternde Natur, die unter Sonnenblicken wie betauet funkelte. Und als Vito blöde zu ihr trat, sah sie ihn recht vollherzig ins Auge und legte ihre Hand auf seine und sagte, ohne die weibliche Stufenfolge der Versöhnung, mit dem fliegenden Sprung einer Dichterin: »Wir wollen wieder gut sein, Veit!« – Und dieser König mit dem Abendstern der Liebe auf und in der Brust wurde nicht nur gut, sondern entzückt, entrückt, verrückt.

Sieh, Viktor, so find' ich die Menschen immer menschlich und gut; und wenn man sich nur die Mühe nicht verdrießen lässet, von ihnen wie von der nux vomica einige giftige Häute, oder doch die klein- oder großstädtischen oder standesmäßigen Hülsen abzuschälen: so hast du einen Kern vor dir, der sich essen lässet. Der Hauptfehler des Menschen ist, daß er so viel kleine hat; und der Nebenfehler ist, daß wir das ganze Jahr die Wahrheit, wie sehr jeder endlichen Person durchaus einige Mängel zuzutrauen und nachzusehen wären, uns und andern vorpredigen und gleichwohl bei jeder einzelnen nichts weniger erwarten als einen Defekt, sondern ganz außer uns darüber kommen vor Staunen und Grimm, besonders gerade über den gegenwärtigen Defekt; denn jeden andern, sagen wir, hätten wir ja von Herzen gern vergeben.

So wollte sich z. B. mein Herz schon wieder schief setzen, als der Sechser bei unserem Ratschlagen über die Rekompense der Komödianten sich mit einigen merkantilischen Moderationen von weiten zeigte; bis ich mir satirisch vorwarf: »Bloß um den Sechser recht zu lieben, hast du ein Ideal daraus geformt, und stutzest nun über den Handelsflor in seiner Seele.« – Auf diese Art, mein Lieber, erhalt' ich die Wege und Brücken zu meiner innern Freistadt, wie die Juden zu andern Freistädten, immer sehr gut, und man kann sie schwer verfehlen. –

Aber zu Ende! Der einzige schwarze Ham hatte von der vorigen und kommenden Lust schlechten Genieß. Sein Lust-Sitz war eigentlich allemal da, wo das Band der Ehe oder Liebe lose und locker war, wie du Ohrwürmer immer unter dem lockern Bast der Nelken hervorziehen kannst; da aber jetzt alle Bänder der Liebe knapp anschlossen, so mußt' er mit Mademoiselle Schnorhämel ausreichen. Er hätte gern recht treffend und witzig und oft auf seine schwarze Rolle angespielt oder auf unsere; aber er wußte nicht, wer Ham gewesen; und diese unüberwindliche Unwissenheit der Bibel präsumiere jetzt bei den meisten jungen Franzosen und Deutschen, doch weniger bei jungen Theologen.

Jetzt wurd' es immer schöner, auch am Himmel; 6 Uhr kam näher und der Mond, und ich erinnerte die Gesellschaft an meine Weissagung unter den Kirschbäumen, daß sich um 6 Uhr das Wetter ändern würde, das nun, da es zum Glück böses war, natürlich in nichts umschlagen konnte als in gutes. Nahe vor der Erfüllung werd' ich – wie die letzten Propheten, z. B. Zacharias, immer deutlicher weissagten – immer klärer und bestimmter, ob ich gleich recht gut weiß, daß man in wenig Minuten mich mit dem Wetter konfrontiert.

Wohin du jetzt nur blickst, auf welches Gesicht du willst, du ertappest Lust darauf. Die Weiber kamen ins Sprechen und sagten von den zu Hause gebliebenen, ohne sie zu hassen, das nötige Schlimme – Benigna und die Spezialin waren über den Frieden ihrer Männer und Kinder entzückt und schlossen ihren fester – Hedasch setzte seinen Kuckuck wieder an und führte das Tierreich redend ein – mein Kerl mußte wieder auf den Sessel und sein kaltes Feuerwerk vorschnappen und stand ganz mit Lorbeern bedeckt wieder auf, viel anders als am Morgen – die Männer (ich meine die meisten) setzten sich aus Regenmessern in Visierstäbe und Danaidengefäße der Weine um – und der weite Himmel wurde ein glänzendes Blau, wie ich aber vorausgesehen – die jungen Leute sonnten sich draußen neben perlenden Bäumen und unter den frohlockenden Lerchen auf diesem Morgen der Natur. –

Was das Brautpaar anlangt, Viktor, so ists ein Jammer, daß das hier ein Brief ist und kein Roman, wo ich malte und löge nach Gefallen. So viele Paradiese und Schäferwelten mit einigen Philanthropistenwäldchen ich nur für die gute Marietta auftreiben und aneinander schieben könnte, so viele nähm' ich und setzte das Kind mitten hinein; denn nach einigen Jahren Leben im Komptoir-Schacht vererzet und übersintert sich der junge Poshardt doch so gut wie der alte und wird metallisch und hart und sieht sich gern (ach das wird Benigna oft bei dem Eden der Liebe des Paars einfallen!) einer Liebe enthoben, die kein Ende nehmen will, so wie in Paris Drahtperücken bloß darum verboten wurden, weil sie immer hielten. Inzwischen wird ihr der junge Handelsmann schon, wie der Hamster den Vögeln, die poetischen Flügel entzweibeißen.

Ich bin aus der Erzählung heraus und mag auch nicht wieder hinein. Kurz, als die Sonne unten am Himmel glühte und schmolz, brachen wir alle, wieder in unbiblische Charaktere umgestülpt, versöhnet auf und kamen, wiewohl wir, gleich der braunschweigischen Mumme, unter der heutigen Fahrt etliche Male sauer geworden waren, doch wie diese süß zu Hause an; und die Männer faßten, eben weil sie Kleinstädter waren, einander mit wärmern festern Händen. – Und nun gehab dich wohl! – Aus Nürnberg oder Erlangen schreib' ich wieder.

Das beilegende philosophische Schreiben an meinen Sohn Hans Paul gib, wenn du durch Jena reitest, für das Niethammersche philosophische Journal ab, worein man es, sollt' ich denken, nicht ungern aufnehmen wird.

Das Bewußte besorge gescheut, aber ohne Klotilden ein Wort zu sagen; schneide ja, ehe du ihr den Brief gibst, diese Ecke weg. Addio!

J.P.

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