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Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Zehntes Kapitel

Die weiblichen Magenfieber vom Pickenick waren anfangs noch gelinde Schauer. Mit Vergnügen sah ich, wie schon gesagt, daß man Stiefels Kerbelsuppe und meine Bergsuppe ohne Neid aufnahm – Hedasch schlug sich mit seinen Hechtwürsten samt Hopfen von armen Rittern wohlbehalten durch – die dressierte Rinds-Pastete der Spezialin war schon schwerer zu verfechten – aber jetzt trat der farschierte Puter des Sechsers mit seinen Kartoffeln auf. Die Männer nicht, aber die Weiber spreizten und spannten alles, was sie von Puterfittichen und Schwanzrädern am innern Menschen hatten, jetzt auseinander und klappten auf und zu und wetzten und rauschten! – Gar aber nicht des farschierten Hahnes wegen, sondern weil Kartoffeln kamen.

Diese wurden allgemein für Epigrammen und Parodien der übrigen Naturallieferungen gehalten; wenige waren der reichen, eingezognen, lesenden Benigna gut. »Was soll das, Frau?« fragte hinglotzend der alte Poshardt. »Herr J. P.«, sagte sie, »hat mich darum ersucht, bloß für sich.« Zum Unglück bot ich, in meiner blinden Abstumpfung neben dem Markzieher, die Plinzen herum und sagte: »ob sie gleich ein Überrest aus dem Paradiese wären, aus Quito: so genöss' ich sie doch nur darum gern, weil man sie einmal auf das Tischtuch des französischen Königs aufgesetzet, eines Mannes, der seine 448 Menschen in der Küche hatte, wobei ich 161 garçons de la Maison-bouche gar nicht rechnete.« Poshardts Frage, unser Einverständnis, das Präsentieren, das Plaisantieren gab noch mehr den Kartoffeln den Schein satirischer Gift- und Pechkugeln. Ich gutmütiger armer Teufel, dessen Galle unter Leuten wie die eines Fötus süß ist, soll über Kochkunst, über welche Weiber noch weniger als über ihre Kleidung Scherz verstehen, einen getrieben haben? Rede du für mich! In der Tat sollte man nur öfter, wie man gepülverte Spießglasspitzen in Pelze säet, die Würmer zu spießen, sich den Pelz mit ähnlichen Spitzen gegen geselliges Ungeziefer bewaffnen!

So viel ist nun klar, daß die jetzt lebende Generation in Kuhschnappel kein Pickenick gibt – die künftige kann vielleicht diese eucharistischen oder sakramentarischen Streitigkeiten vergessen. –

Inzwischen erfuhr ich alles erst später von Benignen; in kleinen Städten ist man scheuer und stummer als an Höfen – man spricht und geht so piano, als wenn man unten vor Lauwinen vorbeireiset, um sie nicht auf den Kopf zu bekommen; – so saßen wir unter der peine forte et dure, aber bloß um zu schweigen, durcheinander. Da Unzer behauptet, daß die beschwerlichen gekünstelten Attitüden in Gesellschaft der Gesundheit durch die Muskel-Übung frommen: so ließ es sich zu einem allgemeinen Genesen durch stille Motion recht gut an.

Noch betrübter sah es mit den jungen Leuten aus. Der Statthalter hatte Augen und Ohren, glücklicher als wir, nur bei Marietten und hielt ihre fest. – Veit war der rachsüchtigen Rolle bei Zephyrinen satt, und unter der Serviette zerfloß ihm das Herz, und er guckte endlich, da die prüde Schnorhämel nicht repartierte, gerade vor sich hin auf mich und sah aus wie einer, der niesen will oder weinen. Diese Schnorhämel mochte etwan gehört haben, daß reiche weiche Prinzessinnen und Gräfinnen bei Tische selten anbeißen und bloß einige kandierte Stengel Sonnenstrahlen käuen und ein Spitzglas voll Himmelsluft dazu nippen; daher wollte sie, bei so viel Geld, so gut ihr Karenz-Leben haben wie eine und ließ mit niedergeschlagnem Augenlid und kaltschüttelndem Köpfchen Hecht und Puterfarsch vorüberlaufen – die Kerbel- sowohl als die Bergsuppe wurde vom Mutze aus Verachtung nicht einmal beleckt.

Eilftes Kapitel

Im Leben ists wie am Himmel: eben dadurch, daß Sternbilder auf der einen Seite untersinken, müssen neue auf der andern herauf. Der Spezial erzählte dem Pickenick, er habe schon 40 Prüfungen zu geistlichen, 6 zu Schulstellen, 17 Predigerkonferenzen, 47 Ordinationen und 11 Synoden gehalten; »aber unser Leben«, setzt' er hinzu, »ist, wenn es vorbei ist, ein Nebel gewesen – buchstabieren Sie Leben rückwärts, so kommt Nebel heraus.« Diese Retour-Fracht des Worts setzte den alten Sechser ins größte Erstaunen – »Ich möchte nur wissen, wie man auf so was fallen kann«, sagt' er und brummte. Leben Nebel, Nebel Leben. »Ja lieset man«, setzt' ich dazu, »Nebel rückwärts, so kommt wieder Leben heraus.« – »Ganz natürlich«, sagte Zeitmann.

Poshardt konnte sich – ob er gleich wie indische Kaufleute dem andern die Hand nur drückte, um zu handeln, und nur durch das wach blieb, wodurch Leibniz sich einschläferte, durch Zählen – einer religiösen Achtung für Wissenschaft in Ämtern und für Geistlichkeit schwer entschlagen; und da Zeitmann, so wie im Stifte zu Tübingen ein Stipendiat ins Essen hineinpredigt, etwas Ähnliches tat: so wurde Poshardt von der Würde übermannt und erhob dessen Scibile. Vielleicht wurd' er durch Vitos Absonderung von Marietten zahmer.

Zeitmann, aufgemuntert, fragte, da er so viel von Hamburg ziehe, ob er wohl wisse, woher Altona den Namen habe, und fuhr fort: »Von Allzunah an Hamburg.« Die Gesellschaft sann zweifelnd; »to«, sagt' ich, »heißet im Englischen zu.« – »Altona!« fuhr der Sechser gegen den Forstmeister, der ein lustiger Kopf war. »Oho, bin ich dem Herrn Hamburg Allzunah?« – »Eher ein Halberstadt könnte Herr Forstmeister Hedasch heißen; denn Halberstadt führt den Namen, weil es nur halb ausgebauet wurde«, versetzte der Spezial mit dem gehaltenen leichten Predigerlächeln. Wir lachten alle sehr, weil der dünne Hedasch gerade der halbe Sektor vom dicken Sechser ist.

So flog Witz und Gelehrsamkeit verkuppelt wie ein Paar Krammetsvögel über die Tafel hin und her.

Nur von mir versieh dich keiner Saillien und Repartien, wenns nicht eine einfältige Sprachanmerkung über das to ist. Ich saß in meinem Pfeffer und Salz hasenhaft da und hatte meine vis cogitatrix-aestimatrix-conformatrix-concoctrix-appetiva-motiva (zwar scholastische Namen, aber alte) bei mir ohne den geringsten Nutzen. Lasse mich immerhin den längsten sich um den Ellenbogen schlagenden Aal vorstellen – mir hilfts nichts, Fisch legt sich als altes Eisen auf mich, das den stärksten Aal erschöpft und ausmergelt. Er arbeitet an einem gelehrten Kuhschnappel und wünscht sich Notizen von Siebenkäsens Leben. – Er meldete mir, daß er mühsam schon dreizehn Jahre an einem gelehrten Deutschland von anonymen Autoren sammle und schwitze; daß ers aber gar nicht zum Edieren zu bringen vermöge, weil immer, wenn er den Band zu einer gewissen Größe hinaufgebracht, sich 10, 20 anonyme Autoren auf einmal in einer Messe nennten, und so werd' ihm leider stets vornen so viel abgängig, als er hinten ansetze. –

Da ihm nicht am Genusse oder Werte, sondern nur am Dasein eines Werks gelegen ist: so fragt' er mich, womit ich wieder die gelehrte Welt beschenkte. »Mit einem rediviven Kreuzträger Hiob«, versetzt' ich Fischen.

Aber weiter, weiter!

Zwölftes Kapitel

Der Landschreiber Börstel trat gebogen vor den aufgebäumten aufgetriebnen Großweibel und stotterte. »Ein Haufe Komödianten seien draußen und wollen die Gnade haben und in der Stadt ihren Hokus-Pokus machen, wenns Ew. Gnaden ihnen gnädigst permittieren; sie wollen alle darum anhalten.« – »Sag' Er dem Gesindel, Schreiber, ich würd' es ihnen wahrscheinlich rund abschlagen – sie sollen aber warten, ich wollte erst ihre Testimonien und Legitimationen genau durchgucken – jetzt äße Sein Herr Prinzipal.« – »Das soll ihnen ausgerichtet werden, gnädiger Herr«, versetzte Börstel und trug das Publikandum fortgebückt hinaus, kam aber schleunig wieder und sagte kopfschüttelnd. »Sie bitten und betteln draußen ganz spektakulös – sie sagen alle, ich sollte nur so lieb sein und sagen, sie hätten nichts Weltliches, sondern lauter geistliche biblische Historien, in dergleichen wären sie ganz perfekt.« – »Hab' ich Ihm nicht gesagt, daß ich jetzt speise?« wandte sich Schnorhämel um. »Das Volk«, sagte der Schreiber, »kann warten, es soll mir niemand mehr kommen.« – Börstel trug seinen angebornen Bückling weg, der den des Pisaturms, wenn man von ihm wie von diesem ein Senkblei fallen ließe, vielleicht erreichen würde; denn die Spitze des Turms fand man 12 Fuß über die Basis hinausgebückt. Er und viele Beamten von Kuhschnappel genießen mehr als andere Deutsche das Privilegium, das der elfte ParagraphSchmauß. corp. jur. publ. der Münzordnung von 1559 erteilt, daß man in Zahlungen niemals über 26 fl. kleine Münze solle anzunehmen gehalten sein; denn sie haben überhaupt nie so viel einzustreichen.

Jetzt wurde das Gespräch dramaturgisch. Der Forstmeister – der vernünftigste, freieste, natürlichste Mann am ganzen Tisch – gab dem Großweibel gegen die Windgeschwulst ein abtreibendes Pulver ein und erzählte, Schnorhämel habe als Gymnasiast in dem Schuldrama von Elisa und den gefressenen Kindern wegen seiner Länge allezeit den Zeiselbär allein gemacht, da sonst zu den Vorder- und zu den Hintertatzen zwei Tertianer nötig gewesen wären: und davon hab' ers Brummen noch. Der ausgebälgte Bär kontrastierte gegen den vollen ohne Fell, der den Erdglobus für das Throngerüste des Großweibels nahm und dessen Ich in der Sömmeringischen Gehirnfeuchtigkeit täglich wie ein Ersoffner, oder wie der fette gebratene Schwamm im Magen einer saugenden Ratte, stärker schwoll.

Poshardt hingegen erzählte, er und der Spezial hätten in Augsburg als Gymnasiasten in den römischen Geschichten mitgespielt, und zwar er den Brutus und Zeitmann den Cäsar. »Ich und Herr Spezial«, fuhr er fort, »waren damals Schulkameraden und sehr kordat, von quinta bis tertia waren wir ja zusammen fortgerutscht. Aber das Drama! – Wissen Sie, Herr Spezial, Sie fuhren mit Ihrem Stichwort heraus: ›Auch du, mein Sohn!‹ eh ich noch zugestochen hatte. – Bei meiner Seele! ich forchte mich auf einmal, ich möchte Ihnen einen Stich geben, wenn ich Sie erstäche – Und schön sah er auch aus, Madame! – Und ich war damals ein weichherziger guter Teufel – kurz ich ließ meinen Sarras fallen und wurde nachher vom Präzeptor tüchtig ausgehunzt. – Ich denke noch heute daran.« –

»Ich entsinne mich«, versetzte Zeitmann, »dessen ganz gut; und auch einer ähnlichen GeschichteDer Sänger Senesino sollte als Tyrann den unglücklichen Helden Farinelli anfallen, statt ihn zu umarmen. zwischen zwei welschen Sängern, wovon der eine den andern wegen des schönen Gesanges umarmte; ich glaub', er sollt' ihn umbringen. – Ich muß aber sagen: zieh' ich jetzt das Verhalten unsers Präzeptors vor den pädagogischen Richterstuhl: so kann ichs nicht ganz lossprechen – ich würde an seiner Stelle mehr die gute moralische Gesinnung erwogen haben, die Sie dabei zu erkennen gaben.«

Betrachte hier die feste Hand, womit der Spezial mit dem englischen Schlüssel Petri, wenn er ihn hätte, manchem königlichen Gebiß Hunds- und Weisheitszähne ausbrechen könnte; betrachte seine Würde, die der Wärme wie dem Reichtum trotzt (denn er wie seine Diözesani haben, da Christus den Jüngern zwei Röcke verbot, mithin als deren kleinere Nachfolger nicht so viel an, als jenen verstattet war) – betrachte den Sechser, dessen froher sympathetischer Humor nur vom Handel, dieser Quickmühle des Teufels, die Legierung erhalten – betrachte die schön gefärbte Morgenröte einer möglichen Aussöhnung und lies dann das

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