Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Jean Paul Richter: Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleJean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
pages925-1074
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Tanz haben wir endlich, Viktor, aber der böse Feind schwenkt sich darunter umher und verzettelt bei jedem Pas sein Unkraut. Der Terrorist oder AngstmannAngstmann wird in einigen Orten Deutschlands sehr gut der Henker genannt; und so wag' ich Terrorist zu übersetzen, um so mehr da in Spanien der Henker alle Gesetze promulgiert. Alessandro gibt dem armen höflichen Vito die poetische Huldin nicht wieder, erstlich weil sie feuriger und kühner als andere Kuhschnapplerinnen spricht – denn eine besingende Schönheit wagt noch mehr als eine besungne – zweitens weil er aus Mangel an Eifersucht diese gern austeilt – drittens weil er ein Filou ist von Haus aus und dem Laster gleicht, das eine schillernde fließende Schönheitslinie auf dem Schlangentücken trägt, Giftzähne aber in den Kinnbacken führt, einer jener weiblichen Lockenräuber, die vorher zwanzig Mädchen die Ehre nehmen und dann erst eines zur Ehe, wie die kleinen Feldmäuse dadurch am meisten schaden, daß sie zehn Ähren abbeißen und prüfen, eh sie eine in ihr Loch eintragen.

Veit behalf sich mit des Großweibels Tochter, Zephyrine getauft, ein prüdes stummes weißes niederguckendes gekräuseltes Ding, wie gefrorne Milch aussehend. Ich weiß, Veit wollte anfangs mit diesem Eiweiß ohne Dotter nichts machen als einen Hopstanz; aber höre weiter!

Das vom Vortänzer und Säemann Satanas dem Tanzboden anvertrauete Unkraut schoß bei diesem warmen Wetter bald zu einem verwickelnden Gestrippe heraus. Ich konnte in ihrem Vorüberfahren hören, daß der Statthalter Mariette kühn und pikant anklagte und tadelte, um sie in ein Feuer zu setzen, woran er wenigstens die Hände wärmen konnte. Du hast wohl, Doktor, in deinen Rennwochen auch oft getadelt, um zu loben. Kurz die Dichterin – die als solche zwei Göttinnen in ihren zwei Herzkammern mit Räuchern zu ernähren hat, in der einen die Schönheitsgöttin, in der andern die Muse – ließ sich in ein Treffen mit diesem von Frankreich ausgerüsteten Kaper ein – er hatte viel Goldstangen geladen – er hatte einen feinen Geschmack für Verse und Reize – Mädchen glauben, ihr Herz habe wenigstens die Kruggerechtigkeit, zu schenken, wenn auch nicht zu logieren – es sind tolle Wesen, die sich, wie die alten Götter, ebensowohl die Tiere (uns) opfern lassen, die ihnen verhaßt, als die, so ihnen lieb sind – sie schielte nach Veiten – sie glaubte Ursachen zu haben, Vitos Hopstänze mit Zephyrinen genauer zu prüfen und zu strafen – kurz sie engagierte sich dem Angstmann zum vierten Tanz und zwang den sanften Veit, Rache zu schnauben und zum Föderativsystem mit Mademoiselle Schnorhämel zu greifen.

Veiten muß ich dir vorher als einen ganz andern Menschen malen wie den Angstmann – es ist ein lebendiger Schnörkel, kein Kampf –, sondern ein Perlhahn aus Leipzig, wo er mores gelernt, und zwar die geschmeidigsten, womit ein parfümierter lebendiger Damenhandschuh nur anliegen kann – etwas marklos oft und von Gartenscheren ausgeästet bis auf die Zunge, aber gutmeinend, zuvorkommend und schonend – er würde den Galgen aus Lakrizienholz auszimmern und in der Hölle, wenn er der Teufel wäre, Ofenschirme herumgeben – nur geldstolz gegen den reichsten Gelehrten, nicht gegen das ärmste Mädchen – ein Mensch, der gelesen hat in Lesebibliotheken, und ein passionierter Blumist und Florist des weiblichen Blumenzwiebelnflors, ihn schirmend, ihn wartend, ihn begießend und versetzend – Freund, er trüge den nachfahrenden Schatten der vorgespannten Dame nach, könnt' er seiner habhaft werden. – –

Von zwei eifersüchtigen Liebenden, deren jedes seine Sünde nur für die Strafe der fremden hält, bekommt man die alte Frage wieder: hat das Herz die Adern oder diese jenes gemacht? oder die ähnliche. wie war die erste Zange möglich, da eine Zange nur durch eine zu schmieden ist, daher sie die Rabbinen erschaffen lassen? Vito suchte demnach Zephyrinen in jene nur in Leipzig noch aus den französischen cours d'amour restierende Lusttreffen und Schimpfturniere zu verwickeln, worin man über jede Kleinigkeit mit schönen Gestalten scherzend und stundenlang und gewandt und oft fade ficht. Ich tanzt' oft in diesem Waffen- und Fackeltanz mit meiner Fackel dahin wie andere, ja ich war häufig eine legio fulminatrix im kleinen.

Schlimm wars, daß Mademoiselle Schnorhämel in die witzigen Viertels- und halben Schwenkungen und in die Taktik der Leipzigerinnen wenig eingeschossen war; nur so viel kam ihr in diesem Sukzessionskriege vor, Veiten sei sie nicht gleichgültig; eine Ahnung, welche Mädchen, die oft sonst nichts ahnen, selten abgeht, gleich den Zähnen, die weder Gestalt noch Solidität der Körper zu fühlen taugen, und doch deren Wärme und Kälte spüren. – So stehen die Sachen in diesem Kapitel, mein Freund!

Achtes Kapitel

Gegenwärtiges Kapitel wird, wenn ich anders etwas dabei zu sagen habe, bloß mit dem Beschauen des vorigen zugebracht, besonders da erst im neunten das Schmausen angeht.

So viel sieht man beim ersten Blick, daß Not und Wirrwarr mit der Sonne steigen. Vom Wetter sag' ich dir gar nichts, weil du lachst; genug, durch das vertiefte Himmelsblau fuhr wie nach einem Regen der Sonnenstrahl scharf geschliffen ohne Abstumpfen, und ich wußte aus vieljährigen Wetterbeobachtungen, was ich davon zu halten hatte, nämlich wenig Gutes. Ich hätt' es der Gesellschaft vielleicht eröffnet, gleichsam die vierteljährige Aufkündigung des Sonnenscheins, wenn ich nicht den Grundsatz hätte, stets auf der ersten Prophezeiung zu beharren, weil ich mit einer zweiten, vielleicht richtigern entgegengesetzten immer einmal verliere, es mag eintreffen, welche da will.

Die doppeltverletzte Benigna konnte sich an dieser eigensinnigen Flucht und desertio malitiosa eines allein geliebten Sohnes und ihrer und seiner Freundin nicht erbauen. Ja sie erriet leicht, daß die überall voreilige Spezialin die Erdferne des Liebhabers auf die zurücklenkende Hand der Mutter schieben werde. Und wenns gar der alte Sechser sah, so war diese reiche Zephyrine gerade ein herrliches Wasser auf die Ölmühle, wovon er schon ein Modell im väterlichen Kopfe herumtrug. Zum Glück aber hatt' er und die beweibte Mannschaft sich eine Motion im Forste der gemeinen Stadt Kuhschnappel gemacht. Bloß der überflüssige Korrespondent Fisch mit seinem planierten abgegriffenen Gesicht, als wär' es ein Jahr als Hemmschuh an ein erzgebürgisches Postrad untergeschnallt gewesen, war dageblieben, um sich zu mir zu halten und mit mir als Handwerksgenossen in ein lehrreiches literarisches Gespräch zu geraten.

Ich spann aber mit der wunden Benigna ein kulinarisches zu ihrer Zerstreuung an und drang ihr, da sie beim Pickenick den Braten lieferte, das Versprechen ab, für mich einige Kartoffeln dazuzugeben, diese Kastanien aus der niederländischen Schule: »Ich bin dem Totenkopfvogel«, sagt' ich, »nicht bloß in seiner Seltenheit ähnlich und in seinen Erinnerungen ans Sterben, sondern auch in seiner Liebe für dieses Gewächs.«

Marietta benutzte endlich die Ferien des Rangierens zu einem zärtlichen Abstecher an Benignens Mutterhand und schmiegte sich recht liebend an und schien bewegter als sonst. Benigna blieb die alte Freundin; sie war es gewohnt, die Wunden, wie die gallischen Tragiker die Ermordungen, nie den Zuschauern darzustellen. Und dann ging Mariette wieder, wiewohl langsamer, zu den Tanzfingerschuhen Alessandros.

Allmählich kamen auf der Nordseite die beweibten Herren und Mägen, und von der Südseite die ägyptischen Fleischtöpfe und Proviant-Schaluppen dahergezogen und darhinter endlich auch die beiden stieflischen und paulinischen Suppen, ohne welche als die Ontologie und Wissenschaftslehre des Mahls das Essen gar nicht anfangen konnte. Ich wüßte nicht, warum ich dieses Kapitel nicht schließen sollte.

Neuntes Kapitel

In einem bureau d'esprit kann nicht so viel männlicher Neid haushalten als in einem Pickenick weiblicher; es ist eine Nachtmahlsvergiftung für weibliche Seelen und Leiber dazu, da sie oft monatelang gerade an den Preis- und Akzessit-Speisen ihrer Nebenbuhlerinnen verdauen; elende schlagen als verdaulicher ihrem Magen zu. Nicht ohne Angst, Neid zu entzünden, sah ich, wie ich gern bekenne, unser Suppen-Paar auftragen; der Hospitalprediger reichte eine Kerbelsuppe, ich hingegen als ein ziemlich berühmter Schriftsteller glaubte nicht zu viel zu tun, wenn ich mit einer Bergsuppe erschiene. Sie muß dir erinnerlich sein durch den Kegel von schwarzem Brot, mit Zimt und Zucker beschneiet, wovon sie den Namen führt. Die Weiber waren (vielleicht vom Geschlecht bestochen) nachsichtiger gegen uns, und unsere Suppen entkamen dem Neid; aber was half das mir? Denn höre!

An einer guten Tafel ist eigentlich das Beste – Sitz und Stimme. Hebe mich aus Rahm und Fassung rechts und links: so zerfall' ich und danke für alles. Ich hatte mich daher absichtlich schon im voraus wie einen Juwel zwischen Marietten und Benignen gefasset und verzog nach dem Tischgebet – unter welchem der Statthalter bloß das Zahnstocher-Etui geöffnet und gebraucht hatte – bloß verbindlich-nachbleibend ein wenig mit dem Einsitzen, als der grobe Angstmann sich früher nieder- und hineinsetzte als irgendein Herr. Ich würd' ihn frech nennen, wenn nicht eine neue – der Londner humane-society entgegengesetzte – inhumane-society das Wort jetzt ästhetisch so veredelt zu brauchen suchte, daß es kaum auf diesen Inhumanisten mehr passet; aber wahrhaftig grob ist er.

Auch das wird ebenso gemein. Viktor, wär's kein Brief an dich: wahrlich ich wagte hier ein Extrablatt über den Inzivismus der neuesten Humanisten und Philosophen, der das Musen- Philadelphia zu einem Misadelphia versäuert. Wenig verfangen dagegen die Beispiele der moralischen Schonung, die Fichte, Schelling, Voß, Jakob, Wolf und beide Schlegel geben, und sie sind, wie es scheint, entweder gegen den Troß zu unkräftig, oder zu selten, als daß sie die jetzigen prosaischen posthumi der Xenien bekehren könnten. Ja gerade jene exemplarischen Männer sind vielleicht noch öfter als ich und du zum Lesen solcher Werke genötigt, wo der Kantische Endzweck, der Mensch, wegen eines elenden Mittels nicht einmal mehr so sanft wie ein Mittel behandelt wird – wo man wie Swift und Bonaparte zuerst die Leute anfährt Probierens wegen – wo man als Humanist ungefähr ebenso diesen Namen verdient wie die Butter-Blume ihren, vor der allein als der Lokusta der Butter das Vieh vorübergeht, und wo man über den langen trojanischen Krieg einen längern moralischen führt – oder wo man als Philosoph die Philosophie, diese alte sokratische Herrin der Leidenschaften, zu einer stillen Magd derselben verdingt und den Stern der Weisen zum blassen kritischen asteriscus macht, wie das kabbalistische Sechseck von Holz, sonst ein Amulett gegen Feuer, jetzt als ein Bierzeichen heraushängt. – Unsere Philosophen reißen die Steine aus dem Pflaster der Wahrheit, weniger weil man Bomben darauf wirft, als weil sie selber einem und dem andern Kopf und Fenster einzuwerfen haben.

Gegen den Angstmann hier viel zu sagen, würde von wenig Nutzen und beinahe parteiisch scheinen, da er allein mich auf mein römisches Folterpferd gesetzt; es ist genug, wenn ich wegen historischer Treue nachhole, daß er dortsaß – den Hut auf – die Rechte am Herzen oder in der Weste – weder Teller noch Wein anbietend – ich meine keinem Mädchen, er ein Mensch, der nie geheiratet und der mithin noch keine mit einer zweiten übersponnene Saite ist, die gröber klingt – – Inzwischen ist er mir, ich weiß nicht warum, zu gleichgültig, um nur noch einmal seinetwegen einzutunken.

Wär' ich venezianisches Glas: so hätte mich dasmal Fensterblei gefasset, der Spezial Zeitmann und der Korrespondent Fisch. Der Spezial geht noch hin, es ist bloß ein feiner rotwangiger politischer Mann, der, wenn die Türken unter den 99 Namen Gottes den des Stolzen haben, auch als dessen Diener nach diesem Namen schnappt; hingegen Fisch! – Du weißt, es gibt für dich und mich gewisse uns das Rückgrat und das ganze Knochenskelett ausleerende Markzieher von platten Leuten, die uns jeden Arm des innern Menschen dergestalt lähmen, daß er keinen Schmetterling mehr lieben kann – mit Witz, Feuer, himmlischen Gedanken ist es dann ohnehin vorbei – für das ganze angebotene linke Rheinufer brächt' ich kein Epigramm, z. B. aufs rechte, zustande – und so fall' ich von Stunde zu Stunde matter und falber aus, bis ich unter einen solchen Markzieher selber sinke, ders weniger durch Plattheit des Kopfes als des Herzens ist, das man mit nichts erhitzen und erheben kann.

Fisch war dergleichen, mein antizipierter Marasmus. Zum Unglück saß er in der Hoffnung neben mir, etwas Vernünftiges oder eigentlich Literarisches von mir aufzuschnappen; und selber der kluge Spezial war so einfältig, daß er auf die klügsten Remarquen zählte.... Eine der verdammtesten Erwartungen, die mir überall nachsetzt! – Verhenkert! Ich weiß es, leben soll der Autor, wie er schreibt – ja noch besser fast, und nach einem schönen Gleichnis, das ich hier machen kann, soll er in die weiten Tage seines Lebens die moralischen Kleinodien allmählich wahrhaft einwürken, die er seinen Traum-Gestalten in reichen Zusammensetzungen auf einmal umhängt, wie im Dresdner grünen Gewölbe alle die großen Juwelen, wovon anfangs die unechten Nachbilder in der sächsischen Krone aufgefädelt gewiesen werden, dann echt auf Kissen umherstehen – ich sage also, er soll so leben, wie er schreibt, aber doch beim Himmel nicht so sprechen. Wie, Viktor, alle lebendige Modelle in Malerakademien hätten wenigstens an Festtagen die Konzession, die Gestelle zu räumen und einen Tag lang kein Muster zu sein; und wir arme Ritter- und andere Bücher-Macher sollten nicht einen Festtag gewinnen, wo wir keine Umstände zu machen brauchen, sondern nur dummes Zeug? Wie, ewig sollten ich und Lavater und Meusels gelehrtes Deutschland uns zusammennehmen und mit beiden Händen die göttlichsten Bilder, Sentiments und Raffinements rechts und links auswerfen? Und unser Lohn halbjähriger Anspannungen bestände bloß in noch größern augenblicklichen? – Da sei der Teufel klassischer Autor! – Es ist mehr als genug, wenn man für seine Nachbarn und Verwandten ein Schaf ist und erst für Ausland und Nachwelt ein voranschreitender Leithammel und ein goldnes Kalb oder Simultan-Ohrengehenk.Das goldne Kalb wurde bekanntlich aus Ohrringen gegossen.  – –

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.