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Jean de France oder Hans Franzen

Ludvig Holberg: Jean de France oder Hans Franzen - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1722
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleJean de France oder Hans Franzen
pages79
created20090908
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt.

Erste Scene.

Antonius. Elsbeth. Marthe. Espen.

Antonius. Ach, meine allerschönste Jungfrau, das Herz will mir brechen bei dieser unglückseligen Nachricht, daß mein Rival' so unvermuthet zurückgekommen.

Elsbeth. Wie meint Ihr denn wol, daß es mir ums Herz ist, die ich auf ewig an diesen widerwärtigsten aller Menschen gefesselt werden soll? Ich hatte einen Abscheu vor seiner Person, schon bevor er reiste: denn ich sah ja, wie eitel und abgeschmackt er war, und konnte leicht voraussehen, daß er, wenn er erst in fremde Länder käme, den Verstand vollends verlieren würde.

Antonius. Und an solche Person, meine allertheuerste Jungfrau, wollt Ihr Euch binden?

Elsbeth. Gutwillig nicht, mein theurer Antonius. Aber Ihr wißt, daß ich einen Vater habe, hart wie Stein; was er einmal haben will, das muß geschehen, und wenn es der Untergang seines eigenen Hauses wäre.

Antonius. So lange ich lebe, soll es dennoch nicht geschehen.

Elsbeth. Womit wollt Ihr es hindern?

Antonius. So lange ich lebe, sag' ich; meine Augen sollen das nicht sehen, lieber bring' ich mich selbst um.

Elsbeth. Und das sag' ich Euch, Ihr unbesonnener Mensch: nehmt Ihr Euch das Leben, so endige ich mit demselben Schwert auch meine Tage. Hört daher auf mit solchen Reden und denkt 100 lieber auf Mittel, das drohende Unglück abzuwehren, und seid versichert, daß weder der Wille der Eltern, noch sonst irgend etwas in der Welt das Band zerreißen kann, das unsere Herzen verbunden hält.

Antonius. Ach, nun bin ich zufrieden!

Marthe. Hört doch, Ihr verliebten Thoren: statt solch ein unnützes Aufheben zu machen, wäre es besser, Ihr bätet mich und Espen, ein bischen die Köpfe zusammenzustecken. Ihr wißt ja, wenn wir zwei unsern Witz gebrauchen wollen, so ist uns kein Ding unmöglich; gebt uns nur Zeit, ein bischen herumzuspeculiren, und geht so lange bei Seite. (Sie gehen hinein).

Zweite Scene.

Marthe. Espen.

Marthe. Espen, Du bist ein alter Schelm, nun laß sehen, wozu Du gut bist?

Espen. Dich abgerechnet, glaub' ich nicht, daß ich meinen Meister habe.

Marthe. Spintisire nur etwas aus, es thut nichts, wenn Du auch dafür gehängt wirst. Denn wenn Du nicht dafür gehängt wirst, wirst Du doch gewiß für was anders gehängt, und zwar nächstens.

Espen. Nein wahrhaftig, so rasch geht's mit dem Gehängtwerden nicht, wenn anders das wahr ist, was die Wahrsagerfrau mir vorgestern aus der Hand las.

Marthe. Und was prophezeite sie Dir?

Espen. Sie prophezeite mir, daß ich nicht eher gehängt würde, als bis Du ausgepeitscht wärst und drei Jahre im Spinnhaus gesessen hättest.

Marthe. Ei, Redensarten! die alten Propheten sind todt, und die neuen taugen nichts.

Espen. Nein meiner Treu, das Weib war alt genug, sie hatte keinen Zahn mehr im Munde und konnte nicht mehr sprechen vor Alter. 101

Marthe. Wie konnte sie denn sagen, ich sollte ins Spinnhaus kommen? Wer lügen will, muß ein gutes Gedächtniß haben.

Espen. Sie erklärte mir Alles durch Geberden.

Marthe. Was das für dummes Zeug ist! Frisch an die Arbeit, so lang wir allein sind, die edle Zeit vergeht.

Espen. Ich bin jetzt wahrhaftig nicht in der Laune, die Cour zu machen, Mamsell.

Marthe. Ei pfui, Du Schlingel, da kannst Du lange warten, bis ich mich in Dich verliebe. Wollt' ich auf den Weg, so ging' ich wol zu andern Leuten, als Du bist; zehn Kutschwagen kann ich kriegen, wenn ich zu so etwas Lust hätte, mit vornehmen Bedienten hinten drauf so viel ich will. Die Arbeit, die ich jetzt meinte, war, eine Intrigue herauszuspeculiren.

Espen. Ja, nun verstehe ich erst Deine Meinung.

(Sie gehen, Jedes für sich, auf und ab.)

Marthe. Nu Espen, bist Du mit Deiner Lection bald fertig?

Espen. Ja, ich habe da eine Invention, wie wir den alten Jeronimus um einen Haufen Geld prellen können.

Marthe. Ei Du Dummkopf, das ist aus der Mode, das hast Du aus einer alten Komödie gestohlen. Nein, ich hab' ein anderes Mittel, das besser ist, laß uns unsere verliebten Leutchen hereinrufen und ihre Meinung darüber hören. He, kommt wieder herein, Paris und Helena, und hört das Urtheil.

Dritte Scene.

Elsbeth. Marthe. Espen. Antonius.

Elsbeth. Hier sind wir, laß uns denn hören, was Ihr Euch ausgedacht habt.

Marthe. Wir Rathsherrn haben mit Stimmenmehrheit für gut befunden, daß, sintemalen es eine große Sünde, sich dem Willen seiner Eltern zu widersetzen, es das Beste ist, daß Jungfer Elsbeth sich diese zweite Liebschaft aus dem Sinne schlägt und sich mit dem verbindet, dem ihr Vater sie versprochen hat. 102

Elsbeth. Ach, Du treibst nur Deinen Scherz mit mir!

Marthe. Gewiß ist es nur Scherz; in solchen Sachen darf man sich meiner Ansicht nach keineswegs nach den Capricen der Eltern richten. Die haben dabei blos das Interesse, sich mit gewissen Leuten zu verschwägern, von denen sie Nutzen zu ziehen hoffen, und diesem Interesse opfern sie dann nicht selten ihrer Kinder Wohlfahrt. Junge Leute dagegen denken an so etwas weniger, vielmehr wählen sie sich solche Personen zur Ehe, mit denen sie glücklich zu werden hoffen, und lieben nur, um zu lieben. Ist das nicht auch Seine Meinung, Herr Collega?

Espen. Vollständig.

Marthe. Wär' ich Assessor in einem Collegium mit Dir, so würd' es mir gehen wie den gescheidten Richtern, die einen Dummkopf zur Seite haben; ich hätte immer über zwei Stimmen zu verfügen.

Espen. Verstehst Du Latein, Marthe?

Marthe. Gerade so viel wie Du.

Espen. Weißt Du, was das heißt: mulier taceat in ecclesia?

Marthe. Nein, das weiß ich nicht.

Espen. Das heißt auf Dänisch so viel, daß eine solche Sau, wie Du bist, Rocken und Spule wahrnehmen und nicht daran denken soll, sich in Sachen zu mengen, zu denen die Natur mich und andere Mannspersonen geschaffen hat.

Marthe. So was solltest Du nicht sagen, Espen, die Zeit wird noch kommen, wo man mehr auf den Verstand als auf das Geschlecht, mehr auf das Talent als auf den Namen sieht. Wenn unser Beider Verstand auf die Wagschaale gelegt wird, und ich dann zum Oberrichter ernannt werde, so kannst Du es nicht höher bringen als zum Apfelhöcker.

Antonius. Ach bitte, laßt uns zur Sache kommen und nicht die Zeit mit solchem Geschwätz versäumen.

Marthe. Laß doch nur den Espen reden, der hat ja einen herrlichen Anschlag ausgeheckt.

Espen. Ei Marthe, quäle uns doch nicht so lange, sondern sag', was für ein Mittel Du ausgefunden hast, diesen lieben Kindern zu helfen. 103

Marthe. Willst Du auch bekennen, daß Du ein Dummkopf bist?

Espen. Ein Schelm, der das thut.

Elsbeth. Ach Herzens-Espen, kannst Du denn nicht um meinetwillen sacht sagen, daß Du ein Dummkopf bist?

Espen. Ja, ich bin ein Dummkopf; ist's so recht?

Marthe. Ob Du's glaubst oder nicht, wahr ist es doch. Da ging er und speculirte eine halbe Stunde, wie auf eine Predigt, und endlich kam er mit einer alten verschimmelten Intrigue, von der schon alle Komödien voll sind. Meine Invention dagegen besteht in Folgendem. Wie Ihr gehört habt, ist Hans Franzen so eingenommen von allem, was Französisch heißt, daß, wenn es gut Parisisch wäre, bei lichtem Tage auf der Straße ohne Hosen zu gehen, so thät' er das auch. Nun wißt Ihr, daß ich drei Jahre bei einem französischen Koch in der Weidenstraße gedient und in der Zeit so viel Französisch gelernt habe, wie mir zum täglichen Gebrauch vonnöthen. Ich will mich für eine französische Dame ausgeben, die soeben von Paris gekommen und in Haus Franzen verliebt ist. Wie sich die Sache weiter entwickelt, wird die Zeit lehren; laßt mich nur machen. Espen soll mein Kammerdiener sein.

Elsbeth. So müssen wir eilen, Euch auszurüsten.

Antonius. Ihr, meine theuerste Jungfer, gebt Marthen Kleider, ich werde Espen versehen.

Espen. Espen müßt Ihr nun nicht mehr sagen, sondern Herr Kammerdiener.

Antonius. Nun so packt Euch, Herr Kammerdiener.

(Espen und Marthe ab.)

Vierte Scene.

Arv. Antonius. Elsbeth.

Arv. Ha ha ha! Hi hi hi!

Antonius. Ist das nicht Franz Hansens Hausknecht?

Arv. Ha ha ha! Hol der Teufel die Narrheit! 104

Antonius. Worüber lachst Du denn so herzlich, Arv?

Arv. Ah seid Ihr's, Monsieur Antonius? Ich bin im Begriff vor Lachen zu platzen!

Antonius. Wo bist Du gewesen, daß Du so lachst?

Arv. Ich komme von einem Assemblix, da hättet Ihr einen artigen Tanz mit ansehen können.

Antonius. Von wem denn?

Arv. Unsere Madame tanzte Schottisch mit Hans Franzen, und der Herr sang dazu.

Antonius. Ei Possen!

Arv. Nein wahrhaftig, es ist so. Die Madame sollte sich schämen, ich hätte nicht gedacht, daß sie so schön tanzen könnte; seht, so ging sie und wackelte mit dem Hintern. Hätte ich nur einen Rothstift, so wollte ich Euch das ganze Assemblix abmalen, ich habe zeichnen gelernt; und jedesmal, wenn er tanzte, schrie er seinen Vater an: Kater Hansen! Kater Hansen! Was das bedeuten sollte, mag der Henker wissen. Aus freien Stücken, das sah ich wol, sang der arme Mann nicht; denn er sang, weinte und drohte, Alles auf einmal.

Antonius. Aber wenn er nicht singen wollte, wer konnte ihn zwingen?

Arv. Alles im Hause muß nach Hans Franzens Pfeife tanzen; er regiert die Madame, und die Madame regiert den Herrn.

Antonius. Der Kerl muß ja rein toll sein.

Arv. Ich glaub' in der That, er hat in Frankreich Schaden im Kopf genommen; mir giebt er einen Hundenamen, er nennt mich Garsong. Wenn er mich noch einmal Garsong ruft, antwort' ich ihm meiner Seel: ja Sultan. Denn ich bin Arv Andersen getauft; das kann ich aus dem Kirchenbuch beweisen. Aber freilich, was will ich machen, wenn seine Mutter leidet, daß er sie Mähre nennt, und das thut er wirklich. Wenn Jeronimus erfährt, wie er seine Tochter nennt, ich glaube, er bläut ihm den Rücken durch.

Antonius. Wie nennt er sie denn?

Arv. Ich fürchte nur, Ihr sagt es weiter. 105

Antonius. Nein, ganz gewiß nicht.

Arv. Er nennt sie eine Matratze. Nun ist das zwar richtig, daß die Frauen gewissermaßen Unterbetten sind; aber sie sein Unterbett oder Matratze zu nennen, das ist doch gar zu verächtlich, und überdies sind sie ja noch gar nicht verheirathet. Aber ich muß laufen. (Ab.)

Fünfte Scene.

Elsbeth. Antonius.

Elsbeth. Das ist doch was Schreckliches mit Eltern, die sich von thörichten Kindern regieren lassen.

Antonius. Meine allertheuerste Jungfer, je verrückter er wird, desto besser für uns; seine Besserung wäre die unglücklichste Zeitung, die ich kriegen könnte.

Elsbeth. Ach, mein liebster Antonius, unser ganzes Glück liegt nun in Espens und Marthens Händen. Das ist eine Art übertriebener Ehrenhaftigkeit bei meinem Vater: denn obwol er mein Unglück vor Augen sieht, will er doch nicht sein Wort brechen. Er sagt, es sei nicht der Person, sondern der Familie wegen.

Antonius. Wenn nun aber Marthens und Espens Anschlag nicht glückt, und Jeronimus läßt sich nicht bewegen, von seinem Vorsatz abzustehen, was wird die Jungfer dann thun?

Elsbeth. Ei, liebster Antonius, plag' mich doch nicht mit solchen Fragen, ich habe mich ja ein für allemal dahin erklärt, daß ich lieber . . . . Aber da kommt mein Vater; fort, so rasch Ihr könnt! (Antonius ab.)

Sechste Scene.

Jeronimus. Elsbeth.

Jeronimus. Ei so Pimpernille, hast Du nichts Andres zu thun, als vor der Thüre zu stehen und zu gucken und nach den jungen Kerlen zu sehen, die vorbeispazieren? Ich heiße 106 Jeronimus, ich, und nicht Franz Hansen. Denk' nicht etwa, daß Du dieselbe Freiheit hast wie dessen Kinder; hätt' ich solchen Sohn wie Hans Franzen, ich drehte ihm auf der Stelle den Hals um.

Elsbeth. Aber mein Herzensvater, wenn er so nichtsnutzig ist, warum wollt Ihr mich denn da an ihn fesseln?

Jeronimus. Willst Du auch noch raisonniren? Willst Du auch fragen, warum ich das thue und jenes nicht? Ich will es: das muß Dir genug sein. Wir kommen dadurch wenigstens in eine hübsche Familie, es ist eine Verwandtschaft, die nicht zu verachten; Franz Hansen ist nicht allein ein ehrlicher, sondern auch ein wohlhabender Mann. Obenein aber hab' ich ihm mein Wort gegeben, und das mag ich nicht brechen.

Elsbeth. Mein Herzenspapa –

Jeronimus. Papa, Papa! . . . . . Willst Du auch französisch sprechen? Kommst Du mir noch einmal mit Deinem Papa, so soll Dir das Mangelholz was vermelden . . . . . Uebrigens was hast Du sonst noch zu sagen?

Elsbeth. Ich wollte nur dies sagen, daß Hans Franzen allerdings ein vortrefflicher Mann ist, aber ich soll nicht mit ihm verheirathet werden, sondern mit seinem Sohn, welcher durchaus kein vortrefflicher Mann ist und von dem ich, seit er zurück ist, schon eine ganze Menge toller Geschichten gehört habe.

Jeronimus. Nun seh' Einer, nun legt sie sich auch schon auf Neuigkeiten. Fort, an Deinen Stickrahmen, das ist besser. Ich habe schon eine ganze Menge Geschichten gehört – sieh mal an, sollst Du Dich schon damit abgeben, Geschichten zu wissen? Ich lasse Dich hiemit wissen, Elsbeth, daß Du kommende Woche Hochzeit haben wirst; ich bin noch der Mann dazu, Euch Beide im Zaum zu halten, sowol Dich, wie Hans Franzen. Willst Du gleich hinein! 107

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