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Jean de France oder Hans Franzen

Ludvig Holberg: Jean de France oder Hans Franzen - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1722
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleJean de France oder Hans Franzen
pages79
created20090908
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt.

Erste Scene.

Jeronimus. Franz.

Jeronimus. Guten Morgen, Nachbar, wo kommt Ihr so früh her?

Franz. Ich hatte ein Geschäft auf dem alten Markt»Gammel Torv«, ein Platz in der Nähe des Westernthors in Kopenhagen, der noch jetzt diesen Namen führt. A.d.Ü..

Jeronimus. Was gutes Neues da?

Franz. Nichts, als daß man eben Einen in Prison brachte.

Jeronimus. Das ist nichts Neues; aber warum brachte man ihn dahin?

Franz. Schulden halber, hört' ich.

Jeronimus. Das ist erst recht nichts Neues.

Franz. Der Mann ist lange im Ausland gewesen und hat viel Geld dabei zugesetzt.

Jeronimus. Das ist erst recht nichts Neues. Hört mal, lieber Nachbar, spiegelt Euch an dergleichen Exempeln. Ihr habt einen Sohn . . . . mehr will ich nicht sagen, gebe Gott, daß es nicht kommt, wie ich prophezeie! Die Sache geht mich so nahe an wie Euch; ich habe ja meine Tochter Elsbeth mit ihm verlobt. Aber Ihr wolltet meinem Rath nicht folgen, er mußte ja seinen Willen haben, er wollte reifen, er mußte reifen, obwol er erst ein Kind von neunzehn Jahren ist.

Franz. Bitt' um Entschuldigung, Nachbar: vergangenen Januar wurde er zwanzig.

Jeronimus. Ich weiß recht gut, wann er geboren ist; es war um dieselbe Zeit, da meine selige Brigitte starb. Aber das 86 ist nun einerlei; gesetzt auch, er ist zwanzig Jahre, bleibt das darum nicht doch ein gefährliches Ding, ihn so außer Landes reisen zu lassen?

Franz. Ich will nicht weiter streiten, ob das gefährlich ist oder nicht; aber das weiß ich, die Meisten hier zu Lande reisen in dem Alter.

Jeronimus. Dafür geht's denn auch den Meisten, wie dem Kerl, dem Ihr heute auf dem alten Markt begegnet seid. In so weit, lieber Nachbar, habt Ihr Recht: die Meisten kommen so arm zurück, daß sie reif sind zum Hängen, warum soll Euer Sohn sich nicht so gut hängen wie ein Anderer?

Franz. Ei das hat keine Noth; noch beim Abschied hat er mich versichert, er würde sich schon gut aufführen.

Jeronimus. Das thun sie alle. Ich weiß nicht, wie seine Lebensweise in Paris gewesen; aber das kann ich sagen, seine Briefe stehen mir gar nicht an; meine Tochter Elsbeth nennt er Isabelle, sich selber nennt er Jean, und ich heiße Jerome. Sich selbst kann er nennen, wie er Lust hat, er mag sich FairfaxDamals ein sehr beliebter Hundename in Dänemark; er stammt ohne Zweifel aus Cromwells Zeiten, wo Thomas Fairfax (geb. 1611, gest. 1671) als General der Parlamentstruppen und nächster Vorgänger Cromwells im Oberbefehl (1650) eine auch auswärts sehr bekannte Persönlichkeit war. A.d.Ü. oder Sultan schreiben, wenn er will: nur soll er mir und meiner Tochter unsere ehrlichen christlichen Taufnamen lassen.

Franz. Ei lieber Nachbar, das ist nun die Mode; junge Leute thun so was, um zu zeigen, daß sie fremde Sprachen gelernt haben.

Jeronimus. Ob das Mode oder nicht, darüber streite ich nicht, aber ist das eine vernünftige Mode? Gesetzt, ein Franzose käme zu uns und verdrehte seinen Namen Jean und ließe sich Hans nennen; wenn der nun wieder nach Hause käme, würden seine Landsleute nicht denken, er wäre verrückt geworden? Fremde Sprechen lernen ist ganz hübsch, aber erst müssen wir unsere eigne können. Auch Reisen außer Landes zu machen, ist ganz hübsch, wenn man zuvor zu Jahren und Verstand gekommen ist, wenn man Vermögen genug hat, von seinen Zinsen zu leben, wenn man auf eine Profession reist, die man zu Hause nicht lernen kann. Hier aber ist's wie ein Gesetz geworden für arme Bürgerssöhne, mit solchen ausländischen Reisen durch die Bank ihre Familien zu ruiniren, um dafür eine Sprache zu lernen, 87 die sie für ein halb Mandel Thaler, mehr oder weniger, zu Hause beim Sprachmeister hätten auch lernen können. Die Meisten verderben dabei und lernen nichts als thörichte Moden und Wollüste, womit sie nachher das Land anfüllen. und vergessen das Gute, das sie in der Schule gelernt haben. Ich kann Euch da über eine Mandel nette Kerle herzählen, die auf der Schule auf den Pastor studirt und Predigten gemacht haben, die sehr gefallen haben, selbst in unserer Frauen- und Rundkirche, wo doch die gelehrten Gemeinden sindDie Kopenhagener Frauenkirche ist noch jetzt eines der bekanntesten Gebäude der Stadt, die Metropolitan- und Krönungskirche des Reichs. Doch ist das jetzige Gebäude, dem die darin befindlichen Marmorwerke Thorwaldsens einen Weltruf verschafft haben, nicht mehr das alte, von dem Holberg hier spricht, vielmehr wurde dieses bei der englischen Belagerung im Jahre 1807 in Trümmer geschossen. Die »Rundkirche« heißt eigentlich Trinitatiskirche; den erstern Namen führt sie von dem dabei befindlichen sogenannten runden Thurm. Derselbe dient gegenwärtig als Sternwarte und wird wegen des schönen Panorama's, das er auf Kopenhagen und die Umgegend bietet, von Einheimischen und Fremden häufig besucht; auch schon zu Holbergs Zeiten stand der Zutritt gegen ein geringes Trinkgeld jederzeit offen. Beide, sowol die Frauen- als die Trinitatis- oder Rundkirche, gehörten damals zur Universität, es waren die eigentlichen Universitätskirchen, darum nennt der Dichter auch die dazu gehörigen Gemeinden die »gelehrten Gemeinden«, nach derselben scherzhaften Logik, mit der er die Bauern auf den der Universität gehörigen Gütern »gelehrte Bauern« nennt; vergl. die Anmerkung zu Erasmus Montanus in Bd. II. unserer Auswahl. A.d.Ü.. Dieselben Leute sind dann später der Mode gemäß außer Landes gereist, und da haben sie dann der Mode gemäß ihr ganzes Christenthum vergessen, bis auf den Katechismus, haben ihre Mittel zugesetzt, eine Menge politischer Narrheiten mitgebracht, und nachher sind sie dann mit ihrem Bonjour oder Comment-vous-portez-vous umhergegangen und haben den Teufel im Leibe gehabt, bis sie der Melancholie oder dem Branntwein verfallen und crepirt sind. Und damit haben dann die Eltern ihre Kinder ruinirt und sich selbst im Elend gesehen. Ja, Ihr lacht darüber, lieber Nachbar, und doch ist dies wahrlich so; säht Ihr nur einmal das viele Geld, das die jungen Leute das Jahr über unnütz im Auslande verthun, in einer Summe auf einem Fleck, Ihr würdet Euch nicht länger darüber wundern, daß wir so arm und mittellos sind. Euer Sohn hat nun in Frankreich bereits funfzehnhundert Thaler verzehrt. Ihr sagt, er hat Französisch dafür gelernt; aber Ihr sagt nicht, wie viel Latein er dabei vergessen hat. Narrenspossen und Unsinn, das ist, wie ich merke, das Erste, was er gelernt hat, das kann ich aus jedem Briefe sehen, den er mir schreibt. Was Henker soll ich mit den französischen Briefen, von denen ich kein Wort verstehe? Erst kosten Sie mich das Postgeld und nachher noch eine Flasche Wein an Jean BaptisteDieser Jean Baptiste soll ein damals lebender Kopenhagener Sprachmeister gewesen sein, der aber vom Dänischen herzlich wenig verstand; darum läßt sich Jeronimus den Brief seines Sohnes auch ins Deutsche übertragen, weil Jean Baptiste zwar Deutsch nur schlecht, aber Dänisch gar nicht versteht. A.d.Ü., daß er sie mir in ein Deutsch übersetzt, das ich auch noch nicht einmal verstehen kann.

Franz. Das nutzt nun weiter nichts, Nachbar, daß wir darüber sprechen, geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Ich bin nicht Schuld daran, meine Frau wollte das so haben.

Jeronimus. Pfui, pfui, schiebt doch nicht die Schuld auf 88 Eure Frau! Indem Ihr Eurer Frau die Schuld von so etwas beimeßt, beschuldigt Ihr Euch ja selbst; das ist ja eine Schmach für einen Mann, zu sagen: ich bin ruiuirt, aber es ist nicht meine Schuld, meine Frau hat es so haben wollen.

Franz. Mein Herzensnachbar, Ihr seid auch gar zu knurrig, ich bin, Gott Lob, noch nicht ruinirt. Geduldet Euch nur noch ein wenig, mein Sohn kommt jetzt zurück, schon vor vier Wochen ist er von Paris abgereist, und dann ist die Geschichte zu Ende.

Jeronimus. Zu Ende? Ha, ha, zu Ende? Ihr werdet's noch erfahren, Nachbar, Ihr werdet's noch erfahren! Unsere dänische Jugend macht das nicht, wie die Jugend in Holland. Mynheer Kalfs Sohn in SaardamDieselbe Geschichte mit demselben Manne hat auch Voltaire in seiner bekannten »Histoire de Pierre le Grand«, T. II, ch. 7. Doch erschien das Voltaire'sche Werk erst 1759, nach Holbergs Tod, so daß also von einem Plagiat von Seiten des letzteren keine Rede sein kann. Ebenso wenig indessen hat Voltaire die Holbergsche Stelle gekannt; es war eben ein damals im Publikum verbreiteter Schwank, der gleichmäßig von Holberg wie von Voltaire benutzt ward. A.d.Ü. reiste auch vor einigen Jahren außer Landes, hielt sich wie ein Prinz, tractirte die Minister an den Höfen: aber sowie er wieder nach Hause kam, verkaufte er Pferde, Wagen, Kutsche, Lakaien, die ganze Bagage, und zog seinen Saardamschen Bauernkittel wieder an. Aber unsere Cavaliere, unsere Herumtreiber, thun die wol dasselbe? Ja richtig, versucht es nur und gebt Eurem Sohn eine Biersuppe mit Brod zum Frühstück, wie früher, Ihr werdet schon sehen, ob er nicht antworten wird: In Holland habe ich mich an Chocolade gewöhnt. Versucht es nur und setzt ihm eine gute dänische Mehlgrütze oder Gerstenbrei vor und seht, wie er dazu greinen wird, und wird den nächsten Abend beim französischen Koch soupiren. Wollten sie nur wenigstens Eines Volkes Narrheiten mitbringen, so möchte es ja noch angehen. Aber da kommen sie nach Hause, zusammengeflickt aus allen Tollheiten, die sich in England, Deutschland, Frankreich und Italien finden. Ich will nicht aufschneiden, Nachbar, aber das ist so ungefähr die Lebensweise unserer jungen Cavaliere, wenn sie nach Hause kommen: Morgens müssen sie ihren Thee oder ihre Chocolade haben, sie sagen, das wäre so auf Holländisch; Nachmittags ihren Kaffe, das ist so auf Englisch; Abends spielen sie l'hombre bei einer Maitresse, das ist so auf Französisch; haben sie einen Gang in der Stadt, muß ihnen ein Lakai nachtreten, das ist so auf Leipzigisch oder Berlinisch; wollen sie in die Kirche gehen, so fragen sie erst, ob da auch Musik ist, das ist auf Italienisch. 89 Alles, was ausländisch ist, dünkt ihnen schön und vornehm, selbst wenn sie Schulden halber ins Loch geschmissen werden.

Franz. Nun, nun, Nachbar, es wird schon besser gehen, als Ihr denkt. Aber ist das schon lange her, seit Euch mein Sohn geschrieben?

Jeronimus. Ungefähr vier Wochen.

Franz. Vor vier Wochen ist er von Paris abgereist.

Jeronimus. Das kann schon sein; sein letzter Brief war datirt, mit Permission zu sagen, ans Dünnkäcker oder Dünnkacke. Giebt's denn nur in Frankreich eine Stadt, die so heißt?

Franz. Das muß Dünkirchen sein, das schreibt der Franzose Dünnkacke. Er geht nämlich zu Wasser.

Jeronimus. Das ist ein garstiger Name. Aber da kommt Arv, der Hausknecht, ganz außer Athem; was will denn der?

Zweite Scene.

Arv. Jeronimus. Franz.

Arv. Nun geb' ich noch einen Thaler zu, wenn der Herr zu Hause wäre. Hans Franzen ist nach Hause gekommen, und Niemand kann ein Wort verstehen, was er sagt. Zuerst, wie er in die Thür kam, fragte er: Wo ist Mosjö Mobeer? Ich war ganz erschrocken über die Frage; denn wer Henker soll ihm Moosbeeren verschaffen im Maimonat? Ich antwortete ihm, das wäre hier zu Lande nicht die Zeit dazu. Darüber verwunderte er sich nun wieder sehr, als ob er nie zuvor in einem hiesigen Garten gewesen wäre, und darauf fragte er nach seiner trä schär Mähr. Ich antwortete ihm darauf, wie es die Wahrheit ist, die könnte er auf dem Ulfeldschen Platz und auf dem Holländer Berg finden, da fände er träge Mähren genug. Mir gab er einen Hundenamen: er nannte mich Garsong und noch was, was ich mich wieder zu sagen schäme.

Franz. Nun Arv, was hast du Neues?

Arv. Einen ganzen Sack voll.

Franz. Bös oder gut? 90

Arv. Halb bös, halb gut: Hans Franzen ist wiedergekommen von Westindien, aber . . .

Franz. Von Westindien?

Arv. Nun, ich denke doch von Westindien, weil er ja den Sonnenstich hat. Entweder ist er verrückt, oder er ist guter Hoffnung; denn das Erste, wonach er verlangte, waren Moosbeeren.

Franz. Wie sieht er aus? Was hat er an?

Arv. Er sieht wunderlich aus. Ich weiß nicht, ob der Herr den Treffbuben kennt; just so sieht er aus, wahrhaftig! Er trägt einen rothen Schlafrock und hat einen Hut auf, sechsmal so breit, wie der meine; er ist just so breit, wie der, den der Hanswurst hatte, als der Herr neulich beim starken MannMan braucht nicht gerade an den unter dem Namen des starken Mannes berühmten Herrn von Eckenberg zu denken, der allerdings um dieselbe Zeit in Kopenhagen war und hier als Komödiant, Seiltänzer, Luftspringer, Puppenspieler König Friedrich IV. dermaßen entzückte, daß er ihn, den ehemaligen Bernburger Sattlergesellen, in den Adelstand erhob; vielmehr führten diesen Namen des starken Mannes damals alle derartigen Künstler, ja in manchen Gegenden Deutschlands ist ihnen derselbe bekanntlich bis auf diese Stunde geblieben. A.d.Ü. war. Er hätte nicht nöthig, vor der Zeit zu spaßen, er kann noch zeitig genug Hahnrei werdenMit niedergeschlagenen Krämpen oder auch nur mit breitkrämpigem Hut zu gehen, galt zu Holbergs Zeit als das sichere Merkmal eines Ehemannes, der »Hörner« zu verstecken hatte; vgl. namentlich »Die Wochenstube« in Bd. I. dieser Sammlung. A.d.Ü.. Aber ich muß laufen und den Brief bestellen, den er mir gegeben hat.

Franz. An wen ist der Brief?

Arv. Der ist an einen Mann mit Namen Moons.

Franz. Laß mich den Brief sehen: »A Mons. Monsieur de Pedersen, Auditeur de la première Classe in Copenhague.« Das muß an Monsieur Petersen sein, Hülfslehrer an der untersten Klasse, mit dem er gut Freund ist. Da kannst Du lange laufen und nach Herrn Moons fragen. Wo ist mein Sohn?

Arv. Er wird gleich kommen, er steht in der grünen Stube und wickelt sich seine Perücke vorm Spiegel. Ich muß laufen. (Ab.)

Dritte Scene.

Jean. Jeronimus. Franz.

Jean. La la la la la! Nun kann ich nicht wieder auf den bougre de pagrad kommen, den ich zuletzt bei Monsieur BlondisBlondis war der berühmteste Tänzer der Pariser Oper zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Der »bougre de pagrad« ist vermuthlich verdorben aus pas grave, einer Erfindung des damaligen französischen Balletmeisters Marcell, durch den auch die Menuet in Aufnahme kam. Die gleich darauf erwähnte Christenbernikovstraße ist in Kopenhagen noch jetzt unter diesem Namen bekannt. A.d.Ü. gelernt habe. Pardi! das ist ein grand malheur. Mais voilà mon père et mon Schwieger-père! Bon matin, Messieurs, comment vive ma chère Isabelle? 91

Jeronimus. Hört, mein guter Hans Franzen! Ich bin in der Christenbernikovstraße geboren, mein Vater ebenso. Eine Isabelle oder Fidelle ist nie in unserm Hause gewesen; ich heiße Jeronimus Christophersen und meine Tochter Elsbeth, mit Gott und Ehren.

Jean. Das ist Alles dasselbe, mon cher Schwiegerpapa! Elsbeth, Isabelle oder blos Belle, das Letzte ist das Vornehmste.

Jeronimus. Wenn der meine Tochter Belle nennt, so kriegt er's mit mir zu thun, denn das ist ja ein Hundename. Wollt Ihr uns nicht mit unsern christlichen Namen nennen, so könnt Ihr Euch nur nach einem andern Schwiegervater umsehen; ich bin ein ehrlicher Bürger von altem Schlag, ich leide solche neue Alamoden nicht, und ebenso wenig verstehe ich mich auf solche hochtrabende Parlirung.

Jean. Pardonnez-moi, mon cher Schwiegerpapa, man sagt nicht Alamoden; ce n'est pas bon Parisish, c'est bas breton, pardi.... La la la la! Das ist die neueste Menuet, composé par le Sieur Blondis, pardi. Das ist ein habile homme, le plus grand Tanz-Maître en Europe. Heißt nicht Tanz-Maître auf Dänisch auch Tanz-Maître? Ich habe mein Dänisch ganz oubliirt dans Paris.

Jeronimus. Schade, daß Ihr es nicht ganz und gar vergessen habt. Denn jetzt versteht Ihr weder Dänisch, noch Französisch; wärt Ihr noch vierzehn Tage länger in Paris geblieben, hättet Ihr wol auch noch Euren Namen vergessen.

Jean Non, ma foi, das vergesse ich so leicht nicht, daß ich heiße Jean de France, non, pardi non!

Franz. Jean de France, nong paradis nong – heißt das Hans Franzen auf Dänisch? Nachbar, die Sprache muß reicher sein als unsere.

Jeronimus. Es wäre besser, statt mich zu fragen, Ihr gäbt Eurem Sohn ein paar Ohrfeigen gegen seinen Hirnschädel.

Jean. Messieurs, je demande pardon, ich muß gehen; wir Parisiens können nicht lange auf einem Fleck bleiben . . . . La la la la! Ich muß hin und mich ein bischen umsehen à la Grève! Adieu si long! (Geht ab.)92

Vierte Scene.

Jeronimus. Franz.

Jeronimus. Lebt wohl, Nachbar, ich bitte um Verzeihung, daß ich so dreist gewesen bin, mit Euch zu sprechen; Euer Sohn, wie ich höre, ist ja gräflich geworden, und also sind ich und meine Tochter zu gering, mit Euch umzugehen.

Franz. Ach, mein Herzensnachbar, seid doch nicht so rasch, habt nur vierzehn Tage Geduld, unterdessen, hoff' ich, sollen ihm die Grillen vergehen. Ihr wißt ja, mit Hermann Franzens Sohn war es ebenso, der machte auch mit seinem Parlemefransö alle Menschen todt, der war ja so eingenommen davon, daß er bei keinem Mädchen mehr liegen wollte, außer auf Französisch; er aß lieber 'ne Suppe, aus 'ner alten Schuhsohle gekocht, wenn sie nur von einem französischen Koch zurecht gemacht war, als die beste Kalbfleischsuppe auf Dänisch. Die höchsten Beamten, mit denen er sprach, redete er mit MosjöDiese Anrede war zwar in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Dänemark allgemein üblich, in Gesprächen wie in Briefen, wurde aber doch immer nur zwischen Gleichstehenden, nie gegen Höherstehende angewendet. A.d.Ü. an, blos weil das so sein Parlemefranzösisch war, unbekümmert, daß er sich viele Feinde dadurch machte. Ja, zu guter Letzt wollte er in keine Kirche mehr gehen, sondern hielt sich zur französischen Gemeinde in Aabenraa. Und nachher, wie er ausgerast hatte, wurde derselbe Mann so vernünftig, daß er nun alle französischen Bücher verbrennt bis auf die Bibeln, wo er sie zu packen kriegt, und sich mit den Leuten auf der Straße herumzankt, blos weil sie parlemefranzösische Gesichter haben, obwol es eingeborne Christenmenschen sind. Ich hoffe, mit meinem Sohn wird das in Kürze ebenso gehen; er muß nur was zu thun kriegen. Ich werde ihn beim RentamtEine unter Friedrich IV. neuorganisirte Behörde, die aber in Wahrheit so wenig zu thun hatte, daß die meist jungen Beamten auf allerhand Thorheiten und lockere Streiche verfielen, was im Jahre 1728 sogar eine eigene Verordnung zur Folge hatte. A.d.Ü. unterbringen, da wird er meiner Treu schon Anderes zu thun kriegen, als zu singen La la la la! und Fiol de Spanie zu tanzen am lichten Tage.

Jeronimus. Nun, nun, Nachbar, damit Ihr nicht sagen sollt, daß ich zu knurrig bin, wolan, so will ich vierzehn Tage Geduld haben. Bessert er sich in der Zeit, so sähe ich am liebsten, er hielte sofort Hochzeit mit meiner Tochter und legte sich auf eine bürgerliche Handtierung; denn ihn so mit den Jungen 93 vom Rentamt 'rumlaufen zu lassen, das thut's auch nicht, Nachbar, das thut's auch nicht!

Franz. Wie Ihr es gut findet, so soll es geschehen. Lebt wohl so lange!

Jeronimus. Lebt wohl! (Ab.)

Fünfte Scene.

Magdelone. Franz.

Magdelone. Ach, mein Herzensmann, hast Du Hans Franzen gesehen?

Franz. Mehr als mir lieb ist; Gott besser's!

Magdelone. Du hast immer mit mir gezankt, wir hielten zuviel von dem Sohne.

Franz. Freilich.

Magdelone. Aber, haben wir nun nicht unsere Freude an ihm?

Franz. Ja, das ist richtig; man kann über ihn lachen, so oft man ihn sieht.

Magdelone. Ach, das ist ein allerliebster Junge.

Franz. Ja wol.

Magdelone. Denk nur einmal an, wie er in der französischen Sprache zugenommen hat in so kurzer Zeit.

Franz. Zum Erschrecken.

Magdelone. Ich kannte ihn gar nicht wieder, wie ich ihn sah.

Franz. Ich auch nicht.

Magdelone. So lebendig ist er geworden.

Franz. Ja wol.

Magdelone. Und so zierlich.

Franz. Zum Erschrecken.

Magdelone. Frankreich erzieht doch Menschen.

Franz. Teufelsmäßig.

Magdelone. Er nannte mich Mardam.

Franz. That er das? 94

Magdelone. Ja, er sagte, Mutter wäre so gemein.

Franz. Kann wol sein.

Magdelone. Aber seine Braut nannte er Maitresse; das., dächt' ich, war doch wunderlich.

Franz. Warum denn?

Magdelone. Es ist vielleicht so gebräuchlich in Frankreich.

Franz. Vermuthlich.

Magdelone. Gott sei Lob, daß er doch seine alten Eltern noch kannte.

Franz. Ja wol.

Magdelone. Aber, warum weinst Du, Herzensmann? Gewiß vor Freude. (Leise) Der arme Mann hält doch mehr auf seine Kinder, als er sich merken läßt. (Laut) Ich hab' auch geweint vor Freuden.

Franz. Und ich vor Kummer.

Magdelone. Vor Kummer?

Franz. Ja, vor Kummer. Oder soll ein ehrlicher Vater nicht weinen, wenn er seinen Sohn so umgewandelt sieht zu einem Phantasten, einem Gecken, einem Narren?!

Magdelone. Was sprichst Du da für grobe Worte? Mein Sohn ein Narr?

Franz. Ja, ein wahrer Narrenhauptmann.

Magdelone. Ach, ich armes Weib, da muß ich nun solchen Tölpel zum Mann haben, der nichts zu schätzen weiß, was gut ist! Die einzige Freude, die ich in der Welt habe, ist das liebe Kind, und das kann dieser schlimme Mann nicht leiden. Selbst die unvernünftigen Bestien sieht man ja doch für ihre Kinder Sorge tragen, ja selbst Türken und Heiden sorgen für ihre Brut; blos Du hassest Deine eigenen Kinder, die fremde Leute wegen ihrer Artigkeit lieben. Ich will nichts rühmen, was mir gehört: aber das glaub' ich doch nicht, daß es im ganzen Lande einen artigeren Menschen giebt als Hans Franzen; hättest Du nur ein bischen gewöhnlichen Menschenverstand, so müßtest Du das ja einsehen.

Franz. Worin besteht denn seine Artigkeit?

Magdelone. Nun eben darin, daß er artig ist. 95

Franz. Ich sehe keine Artigkeit darin, in so kurzer Zeit funfzehnhundert Thaler zu verbrauchen.

Magdelone. Du sprichst nur von dem, was er verbraucht hat, aber nicht von dem, was er gelernt hat.

Franz. Ich sehe es wol, er hat gelernt ein Fiol de SpangSoll heißen Folie d'Espagne, ein damals sehr beliebter künstlicher Tanz. A.d.Ü. zu tanzen, eine Menge verliebter Lieder zu singen und seine Muttersprache zu verderben; ich glaube, er kann jetzt weder Dänisch, noch Französisch.

Magdelone. Mit solchem verdrießlichen Menschen mag ich gar nicht mehr sprechen; aber ich schwöre Dir, ich komme mein Lebtag nicht mehr zu Dir ins Bett.

Franz. Halt still, Herzensweib, ich will Dir was sagen . . .

Magdelone. Nicht ein Wort mehr.

Franz. Gott bewahre, wie kannst Du nur gleich so böse werden.

Magdelone. Laß mich gehen, sag ich.

Franz. Ei, Magdelonchen, ich habe das ja nicht so bös gemeint.

Magdelone. Keine Possen, ich gehe.

Franz. Warte, mein Hühnchen, Du sollst was kriegen, Du weißt schon –

Magdelone. Bagatell!

Franz. Mein Zuckerdöschen!

Magdelone. Geschwätz!

Franz. Mein Snutchen!

Magdelone. Laß mich los!

Franz. Mein Syrupsfäßchen!

Magdelone. Fort!

Franz. Meine Butterblume!

Magdelone. Papperlapap!

Franz. Mein Märzveilchen!

Magdelone. Nichts!

Franz. Meine Herzensfreude!

Magdelone. Hol Dich der Henker!

Franz. Mein Riechfläschchen!

Magdelone. Geh zum Blocksberg! 96

Franz. Ach, mein allerliebstes Weib, sei doch nicht böse auf Dein kleines Männchen!

Magdelone. Keine Faxen!

Franz. Auf Deinen lieben kleinen Franz!

Magdelone. Fort, falscher Schlingel!

Franz. Ich will wahrhaftig nie wieder solchen Spaß treiben; denkst Du denn, daß es mein Ernst war?

Magdelone. War es also nicht Dein Ernst?

Franz. Ei was, mein Ernst! Denkst Du denn, ich merke die Liebenswürdigkeit meines Sohnes nicht so gut wie Du? Ich redete nur so, um Dich wie bisher zu necken; es war wahrhaftig blos vor Freude, daß ich weinte. (Leise) Ach Gott schütze den armen Mann, der, um nur Frieden im Hause zu haben, seiner Kinder Wohlfahrt aufopfern muß!

Magdelone. Hast Du das wirklich nur im Scherz gesagt, mein Herzensmann, so ist Alles wieder gut. Aber da kommt er.

Sechste Scene.

Die Vorigen. Jean. Nachher Arv unsichtbar.

Magdelone. Gieb nur einmal Acht auf seine Manieren und sieh, ob wir nicht Ursache haben, solch einen Sohn zu lieben.

Franz. Du hast Recht, Frau.

Magdelone. Mein Herzenssohn, Du mußt Deine Mutter nicht so lange allein lassen, ich kann keinen Augenblick ohne Dich sein.

Jean Was meint Madame zu dem Contretemps, den ich ganz kürzlich gelernt habe, bevor ich von Paris abreiste? Ich glaube pardi nicht, daß den Einer hier zu Lande schon kann. Ich kann ihn auf zwanzig Façons machen, zum Exempel erst so . . . und dann wieder so . . .

Magdelone. War das nicht eine prächtige Capriole, Mann?

Jean Das war keine Capriole, Madame, sondern ein Contretemps.

Magdelone. Ich versteh' das nicht, mein Herzenssohn, Du 97 mußt mich entschuldigen; eine schlechte und rechte Menuet habe ich vor diesem allenfalls tanzen können, aber weiter nichts.

Jean. Kann Madame die Tour davon noch?

Magdelone. Ja, vielleicht.

Jean. Wolan, laß uns ein Menuet mit einander tanzen, damit Ihr seht, was ich für Pas mache.

Magdelone. Das wird ein wunderlicher Tanz werden, fürcht' ich, ich bin doch wol ein bischen zu alt zum Tanzen.

Jean. Hat nichts zu sagen. La tour seulement!

Magdelone. Nein, mein allerliebster Sohn, ich bitte mich zu entschuldigen.

Jean. Ah pardi, je m'en mocque! La tour seulement!

Franz (leise). Das ist mir so lieb, als wenn mir Einer zehn Thaler gäbe; ich wär' es zufrieden, wenn er mit ihr mitten auf dem Schloßplatz tanzte, das wär' ihr ganz recht, weil sie ihn selbst so verdorben hat.

Magdelone. Ach, mein Herzenssohn, thu mir doch nicht den Schimpf an!

Jean Ei sans façon! Das ist gar nicht hübsch, sich so lange nöthigen zu lassen. La tour seulement!

Franz (leise). Na, das geht schön.

Magdelone. Meine Füße sind schon zu steif dazu.

Jean. Pardi! Mardi! Peste! Diantre! Tête-bleu! Nun werd' ich böse, das Vergnügen könntet Ihr mir doch wol sacht machen! La tour seulement!

Magdelone. Ehe mein Sohn böse wird, will ich es ja gerne thun, so gut ich kann.

Franz (leise). Ha, ha, ha!

Jean. Papa muß uns ein Menuet singen!

Franz. Kann ich denn singen?

Jean Aber gebt wol Acht, daß Ihr uns die Mesure haltet beim Singen!

Franz. Sauer genug wird's mir werden, mein Sohn; es ist wol das Beste, Ihr singt selbst.

Jean. Ei pardi, c'est impossible! Wie kann ich denn singen und tanzen dans le même temps? 98

Magdelone. Kann ich unserm Sohn den Willen thun und mit ihm tanzen, so kannst Du auch wol mit ihm singen.

Franz. Ich hoffe. Frau, das ist nicht Dein Ernst; zum Narren mach' ich mich nun einmal nicht, dazu bin ich zu alt.

Jean Tête-bleu! J'enrage!

Magdelone. Ach, mein Herzenssohn, werde nur nicht böse, er soll singen auf mein Wort und wenn er toll wird.

Jean. Ah pardi, chantez donc!

Magdelone. Du bist doch der verdrießlichste Mann, den es je auf Erden gegeben hat.

Jean. Diable m'emporte, di.....

Franz (fängt an die Melodie zu singen, die die Nachtwächter haben, und weint dazwischen. Die beiden Andern fangen an zu tanzen).

Jean. Ei das ist ja kein Menuet, kann Papa kein Menuet?

Franz. Ich kann blos das.

Magdelone. Na, denn mach' nur zu, es ist ja einerlei, ob es auch ein bischen altmodisch ist.

(Er singt, aber sowie sie sich umdrehen, droht er ihnen. Sie tanzen beide sehr schlecht, Arv guckt ungesehen zur Thür hinein. Von Zeit zu Zeit ruft Jean: La cadence, mon père! la cadence! Wenn der Tanz aus ist, gehen sie ab.)

Franz (leise). Ach, ich elender Mann, daß ich solchen Sohn in die Welt gesetzt habe! Da muß ich bei Zeiten Rath schaffen, sonst wird mein Haus zum Stadtgespräch. 99

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