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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Achtes Kapitel

Wir nehmen einen Mietswagen, aber der Kutscher ist nicht mit einem Lohn zufrieden und macht uns einen garstigen Strich durch die Rechnung. Wir ändern unsere Reiseroute, indem wir das langsame und sichere System erwählen. Begegnung mit einem großen Gelehrten.

————

Ich glaube, es wird eine ganz allgemeine Gewohnheit sein, wenn man auf eine Reise geht, seine Mittel zu berechnen, das heißt, das Geld zählen, das man in der Tasche hat. Wenigstens war dies bei Timothy und mir der Fall; das Ergebnis lautete, daß mein Vermögen sich auf zweiundzwanzig Pfund und achtzehn Shillinge belief, wozu auf seiten Timothys die fünf Guineen von Herrn Kophagus nebst drei in einer Ecke seiner Westentasche befindlichen Halbpennys kamen, eine sehr hübsche Summe, wie wir uns einbildeten, zum Antritt unserer Wanderschaft, und, wie ich zu Tim bemerkte, auf geraume Zeit hinreichend, wenn wir sorgsam damit hauszuhalten wußten.

»Ja«, sagte er, »aber mit unsern Beinen müssen wir auch haushalten, Japhet, oder wir werden bald müde sein und sehr bald unsere Schuhe abgenutzt haben. Ich beantrage, wir nehmen eine Mietskutsche.«

»Eine Mietskutsche, Tim! daran dürfen wir nicht denken, einen solchen Luxus können wir nicht erschwingen. Und müde kannst Du nicht schon sein; wir sind ja kaum über Hydepark-Corner hinausgesegelt.«

»Bei alledem halt' ich's für besser, eine Kutsche zu nehmen, Japhet, und da kommt eben eine. Ich habe das immer gethan beim Arzneiaustragen, um die Zeit hereinzubringen, die ich beim Gaffen nach den Läden und überm Pflock- und Ringspiel verlor.«

Nun verstand ich, was Timothy meinte, nämlich hinten aufzusitzen und umsonst mitzufahren. Ich stimmte diesem Vorschlag bei, und wir setzten uns hinten auf eine Kutsche, welche innen bereits besetzt war. »Der einzige Unterschied zwischen dem inwendigen und dem auswendigen Passagier einer Mietskutsche ist der, daß der eine zahlt und der andere nicht«, sagte ich zu Timothy, während wir mit der Geschwindigkeit von vier Meilen in der Stunde dahinrollten.

»Das kommt auf die Umstände an«, versetzte Timothy, »wenn man uns ertappt, so werden wir allem Vermuten nach nicht bloß unsere Fahrt gehabt haben, sondern auch noch obendrein bezahlt werden.«

»Mit des Kutschers Peitsche vermutlich?«

»Ganz bestimmt.« – Und Tim hatte kaum Zeit, das letzte Wort über die Lippen zu bringen, als klatsch! klatsch! die Peitsche uns um die Ohren geflogen kam; ein kleiner neidischer Knirps, dem das Hemd aus den Hosen hing, hatte geschrieen: »Haut nach hinten!«

»Da wir seine weiteren Hiebe, weder im Gesicht, noch auf der entgegengesetzten Seite zu bekommen wünschten, so sprangen wir eilig herab und gewannen den Fußweg, nachdem wir ungefähr drei Meilen als blinde Passagiere zurückgelegt hatten.

»Das war kein übles Plätzchen, Japhet, und aus der Peitsche mach' ich mir nicht so viel. Jetzt will ich Dir aber was sagen, Japhet: wir müssen uns an einen Frachtwagen machen, wenn wir einen aus der Straße finden, sobald's dunkel wird.«

»Aber das wird Geld kosten, Tim.«

»Es heißt sparen, sag' ich Dir! Um einen Shilling, wenn Du handelst, kannst Du die ganze Nacht fahren, und wenn wir in einem Wirtshaus bleiben, müssen wir Schlafgeld bezahlen und außerdem etwas zu essen bestellen, das dann teurer ist, als wenn wir's in einer Garküche kaufen.«

»Es ist nicht ohne, was Du sagst, Tim; wir wollen uns nach einem solchen Wagen umsehen.«

»O, jetzt ist's noch nicht nötig! Die gleichen den schwarzen Nachtkäfern, nicht bloß in Gestalt, sondern auch in der Lebensart: sie reisen nur bei Nacht, wenigstens die meisten. Jetzt kommen wir in das lange, schmutzige Brentford, und ich weiß nicht, wie's bei Dir aussieht, Japhet, ich aber merke, daß das Wandern den Appetit wundervoll vermehrt. Das ist schon wieder ein Grund, warum man nicht gehen sollte, wenn man fahren kann, das heißt umsonst.«

»Ja, ja, ich bin auch hungrig, ach! und sieh nur, wie prächtig das Stück Schweinsbraten da in dem Fenster aussieht.«

»Ich stimme Dir bei. Laß uns hineingehen und etwas kaufen.«

Wir kauften eine schöne Portion für einen Shilling. Nachdem wir uns noch Senf ausgestochen hatten, mehr als die Frau uns geben wollte, auch etwas Salz dazu genommen, wickelten wirs in ein Stück Papier und setzten unsern Weg fort, bis wir zu einem Bäckerladen kamen, wo wir uns das Brot dazu kauften. Alsdann setzten wir uns auf eine Bank vor einem Wirtshause, forderten einen Krug Bier, nahmen unsern Proviant vor und hielten eine herrliche, ja, – was sie noch fröhlicher machte – eine unabhängige Mahlzeit. Nachdem wir mit unserem Schweinefleisch und Brot fertig und gehörig ausgeruht waren, sprangen wir auf und wanderten weiter, bis es völlig finster wurde, worauf wir uns aber auch so müde fühlten, daß wir uns auf unsere Reisebündel zu setzen beschlossen, um den ersten besten Wagen zu erwarten. Bald hörten wir einen klingeln, und nicht lange, so trat sein ungeheurer, turmartiger Rumpf zwischen uns und den Himmel. Wir traten zu dem Fuhrmann, der auf einem kleinen Ponny nebenher ritt, mit der Frage, ob zwei arme Jungen einen Platz haben könnten, und was er für die Fahrt verlangen würde.

»Wie viel könnt Ihr aufbringen, Meesters?« fragte er, »denn es giebt noch mehr Leute, die so arm sind, als Ihr.«

Wir erwiderten, wir könnten einen Shilling geben.

»Nun ja, so sitzt in Gott's Namen auf und fahrt, so lang' Ihr mögt. Steigt hinten auf.«

»Sind schon viele Leute drin?« fragte ich, während ich hinaufkletterte und Timothy mir unsere Bündel reichte.

»Nee«, antwortete der Fuhrmann, »Niemand als 'n mächtig geschickter Bodeeker oder Dokter, ich weiß selber nicht, aber er trägt 'n absonderlich närr'schm Hut und schwätzt alles mögliche Dokterszeugs und hat sein' großen und kleinen Hanswurst bei sich; das ist alles, und Platz hat's g'nug und sauberes Stroh auch.«

Nach dieser Mitteilung kletterten wir hinauf und bekamen unsern Platz im Hintergrunde des Wagens. Wie der Fuhrmann gesagt, war Platz genug vorhanden; so nisteten wir denn im Stroh, ohne mit den andern Reisenden in Berührung zu kommen. Da wir keine Lust zum Schlafen hatten, so knüpften wir ein halblautes Gespräch miteinander an. Dies hatten wir wohl länger als eine halbe Stunde fortgesetzt, in der Meinung, die andern Insassen des Wagens, von denen sich keiner rührte, seien eingeschlafen, als uns eine Stimme, laut und hell wie eine Glocke, unterbrach.

»Es scheint, Ihr seid Reisende, Ihr jungen Leute, und reist, ohne zu wissen wohin. Die Vögel suchen ihr Nest, wenn die Nacht hereinbricht; die Tiere eilen ihrem Lager zu, der Mensch schließt seine Thür: Propria quae maribus, wie Herodot sagt, was in der Übersetzung bedeutet: so ist des Menschen Art. Tribuuntur mascula dicas, sagt mir, was Euch tribuliert, wie Homer sich ausdrückt.«

Ich erstaunte sehr über diese Anrede. Ich hatte so viel Sprachkenntnis, um augenblicklich zu merken, daß er aus der lateinischen Grammatik citiere, und daß seine Gelehrsamkeit nichts als blauer Dunst sei; aber es lag etwas Neues in seiner Art zu reden, was mich ergötzte, und mich zur Mutmaßung veranlasste, der Redende sei kein gewöhnlicher Mensch.

Ich stieß Timothy an und erwiderte: »Sie haben recht geraten, höchstgelehrter Herr; wir sind, wie Sie sagen, Wanderer, die ihr Glück suchen und es auch zu finden hoffen. Bei alledem haben wir eine mühsame Reise vor uns. Haustus hora somni sumendus, wie es bei Aristoteles heißt – ich brauche das einem so gelehrten Manne nicht zu übersetzen.«

»Nein, gewiß, das ist nicht vonnöten, aber es freut mich, mit jemandem zusammenzutreffen, der so viel Schulbildung hat«, versetzte der andere. »Haben Sie auch Kenntnisse im Griechischen?«

»Nein, dessen kann ich mich nicht rühmen.«

»Schade, daß Du es nicht verstehst! Es würde Dich entzücken, mit den Alten zu verkehren. Aeskulap hat diese Worte: Lendenion – Hammelion – Kapavnion – Pasteto-wildi-pretion, – was ich für Dich übersetzen will: Oft finden wir, was wir suchen, wenn wir's eben am wenigsten erwarten. – Möge es Ihnen also gehen, mein Freund! Wo sind Sie erzogen worden, und was ist Ihr Fach?«

Ich dachte, es sei wenig Gefahr dabei, es ihm zu sagen, und erwiderte, ich sei zum Chirurgen und Apotheker gebildet und in einer Stiftungsschule erzogen worden.

»Das ist schön«, versetzte er; »so haben Sie denn Ihre Studien in einem glorreichen Fache begonnen! Doch, Sie haben noch viel zu lernen! Jahrelange Anstrengung unter einem großen Meister kann Sie allein fähig machen, der Menschheit wohlthätig zu werden, wie ich es gewesen bin, und jahrelange Mühseligkeiten und Gefahren müssen hinzukommen, bis Sie die nötigen Mittel errungen haben. Es giebt verborgene Geheimnisse: ut sunt Divorum Mars, Bacchus, Apollo, Virorum, – manche Weltteile sind zu durchwandern: ut Cato, Virgilius, fluviorum ut Tibris, Orontes. Alle diese hab' ich besucht und noch einige andere dazu. Eben jetzt bin ich auf der Reise, um noch mehr von meiner unschätzbaren Arznei zu erlangen, welche auf den höchsten Anden gesammelt wird, wenn der Mond in seinem Perigäum ist. Dort werde ich mondenlang unter den Wolken weilen und auf die große Ebene von Mexiko herniederschauen, die nicht größer erscheint, als ein Nadelkopf, und wo keines Menschen Stimme gehört wird: vocito vocitas vocitavi, – mondenlang mich zur Erde neigend: as in presenti, – mit dem Froste kämpfend: frico quod fricui dat, wie Eusebius sagt. Bald werde ich von den heulenden Winden hinweggeführt werden zur neuen Welt, und dort hole ich noch mehr von der wunderbaren Arznei, die mein Vertrauen noch niemals getäuscht hat, und die ich mir aus reiner Liebe gegen das menschliche Geschlecht mit solcher Mühsal und Gefahr einsammele.«

»Wahrhaftig, Sir«, erwiderte ich, ergötzt von seinen Lügen, – »ich möchte Sie wohl gerne begleiten, denn, wie Josephus äußerst treffend sagt, capiat pillulae duae post prandium. Reisen ist in der That eine höchst angenehme Beschäftigung, und ich möchte gerne die ganze Welt durchstreifen.«

»Da wäre ich auch dabei«, fiel Timothy ein. »Ich vermute, wir sind bereits auf unserer großen Tour begriffen: drei Meilen hinten auf einer Mietskutsche, zehn zu Fuß, und zwei, denke ich, in diesem Wagen. Allein, wie Kophagus sagt: cochlearija grassmane sumendus, das heißt, es geht bergauf und bergab in dieser Welt.«

»Aha!« rief unser Reisegenosse, »der hat auch seine Rudimente?«

»O nein! mit den Rudimenten hoff' ich fertig zu sein«, versetzte Tim.

»Haben Sie ihn in Ihrem Gefolge?« fragte der Mann.

»Das kommt ganz darauf an, wer von uns vorausgeht«, versetzte Tim; »aber so viel ist gewiß, daß wir eine Koppel sind.«

»Ich verstehe, Ihr seid Genossen. Concordat cum nominativo numero et persona. Sagt mir, könnt Ihr mit Mörser und Stößel umgehen, den Spatel handhaben und Ingredienzien mischen?«

Ich erwiderte, daß ich natürlich mein Fach verstehe.

»Wohlan, da wir noch einige Stunden vor uns haben, so wollen wir jetzt ein wenig der Ruhe pflegen. Morgen früh, wenn die Sonne uns einander vorgestellt hat, werde ich aus Euren Physiognomien beurteilen können, ob es geraten ist, daß wir näher miteinander bekannt werden. Die Nacht ist die Zeit der Ruhe, wie Quintus Curtius sagt: custos, bos, fur atque sacerdos. Der Schlaf ist für alle; gute Nacht, meine Freunde.«

*

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