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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Siebentes Kapitel

Wer nach andern Thüren sieht, thäte oft besser, vor seiner eigenen zu kehren. Der Verlust einer Wage zieht für Timothy und mich den Verlust unseres Platzes nach sich, da wir, in fremder Wage gewogen, zu leicht befunden werden. Wir schnüren unsere Bündel und wandern.

————

Es begab sich an einem Markttage, daß ein mißhandeltes, wütendes Stück Vieh eine schlimme Verwirrung anrichtete. Haufen von Leuten rannten alle in einer Richtung an unserer Apotheke vorüber; das Geschrei: »Ein toller Stier!« widerhallte von allen Ecken. Herr Kophagus, der sich eben in der Apotheke befand, und dem, wie ich bereits gesagt, ein toller Stier eine wahre Goldgrube war, blickte natürlich hinaus, um zu sehen, ob das Tier in der Nähe sei. In den meisten Ländern suchen die Leute, wenn sie von einer Gefahr hören, derselben gemeiniglich durch Vergrößerung des Zwischenraumes zu entgehen; in England aber ist es nur zu oft der Fall, daß sie sich von ihrer Neugier hinreißen lassen, der Gefahr in den Rachen zu laufen. Herr Kophagus, der alles nach einer Seite rennen sah und keine Ahnung von der Nähe der Bestie hatte, setzte natürlich voraus, die Leute liefen so, um zu sehen, was es gebe. Er wandte seine Augen nach derselben Richtung und ging auf die Straße, um eine bessere Aussicht zu haben. Eben murmelte er: »Weiß nicht – muß fürchten – mmh – der Schurke Pleggit – gerade dorthin – kriegt alle Kunden – Wunden – Quetschungen – und–« da kam die Bestie plötzlich um die Ecke von hinten auf ihn los, faßte ihn, ehe er entkommen konnte, und schleuderte ihn durch seine eigenen Fenster auf den Tisch herein. Nicht zufrieden damit, folgte ihm das Vieh in die Apotheke. Timothy und ich zogen ihn zu uns herüber; er fiel hinter den Tisch, wo wir, halb von Sinnen, vor Schrecken, uns bei ihm niederduckten. Zu unserer Verzweiflung machte der Stier einen oder zwei Versuche, über den Tisch zu springen; als ihm dies jedoch mißlang, und die Hunde und Fleischerjungen ihm zusetzten, ging er durch die Thür auf sie los, nahm unsere beste Wage auf seinen Hörnern fort, und galoppierte mit dieser Trophäe seinen Verfolgern entgegen. Sobald Geschrei und Tumult sich ein wenig entfernt hatten, hoben wir beide die Köpfe auf und sahen uns um. Da wir jetzt alles sicher fanden, kamen wir Herrn Kophagus zu Hilfe, der blutend und bewußtlos auf dem Boden lag. Wir trugen ihn ins Hinterzimmer, wo wir ihn auf das Sofa legten. Ich hieß Timothy so schnell als möglich nach wundärztlicher Hilfe eilen, und schlug inzwischen eine Ader. Nach wenigen Minuten kam er mit unserem Widersacher, Herrn Ebenezer Pleggit, zurück. Wir entkleideten Herrn Kophagus und untersuchten ihn. »Schlimmer Fall das – sehr schlimmer Fall – in der That, Mr. Newland – Verrenkung des os humeri – ernstliche Kontusion des os frontis – und ich fürchte sehr, daß eine interkostale Verletzung stattgefunden hat. Sehr bedauerlich, wahrhaftig, sehr bedauerlich für meinen Kollegen Kophagus!« – Aber Mr. Pleggit schien kein großes Bedauern zu fühlen, vielmehr übte er seine chirurgischen Pflichten mit der größten Heiterkeit aus.

Wir richteten die Verrenkung ein, worauf wir Herrn Kophagus in sein Bett hinaufbrachten. Nach einer Stunde kam er wieder zur Besinnung; Mr. Pleggit verabschiedete sich, nachdem er ihm die Hand gedrückt und zu seiner wunderbaren Rettung Glück gewünscht hatte.

»Schlimme Geschichte, Japhet«, sagte Mr. Kophagus zu mir.

»Ganz gewiß, Sir, aber es hätte noch schlimmer gehen können.«

»Schlimmer – mmh – nein, schlimmer nicht – nicht möglich!«

»Wie, Sir? Sie hätten ja ums Leben kommen können.«

»Pah, nicht das – meine den Pleggit – der Schuft – mmh – geht mir ans Leben, wenn er kann – soll aber nicht – will ihn bald los sein und so«

»Sie werden seines ferneren Beistandes nicht bedürfen, da Ihre Schulter jetzt eingerichtet ist. Ich kann ganz wohl Ihr Wärter sein.«

»Freilich, Japhet – aber bleibt nicht weg, der – werden schon sehen – verdammter Schurke – ganz vergnügt – ich sah's – funkelnde Augen – Lächeln unterdrückt – und so.«

An demselben Abend machte Mr. Pleggit einen Besuch, wie Mr. Kophagus vorausgesagt hatte. Dieser benahm sich auch sehr verdrießlich; aber Mr. Pleggit wiederholte seine Besuche öfter und öfter, und ich bemerkte, daß Mr. Kophagus bald nichts mehr einzuwenden hatte; im Gegenteil schien er ihn immer mit großer Unruhe zu erwarten, am meisten aber, als er schon wieder in der Genesung war und an seinem Tische sitzen konnte. Das Geheimnis war bald heraus. Mr. Kophagus, so vergnügt er war, wenn andere Leute Ungelegenheiten von tollen Stieren hatten und in ihrer Not zu ihm kommen mußten, schien die Sache nun doch in einem anderen Lichte zu betrachten, seit ein Stier es für gut befunden, ihn selbst zu stoßen. Da er sich überdies ein hübsches Vermögen erworben hatte, so beschloß er, sein Geschäft aufzugeben, und sich aus einer so gefahrvollen Gegend zu entfernen. Eine derartige Andeutung entschlüpfte ihm, als ihn Mr. Pleggit am dritten Tage nach seinem Unfall besuchte. Der letztere, welcher den Wert des Lokals wohl kannte, gab alsbald seinerseits zu verstehen, daß, wenn Mr. Kophagus geneigt sei, seine Absicht auszuführen, er sich sehr glücklich schätzen würde, ein Übereinkommen mit ihm zu treffen. Eigennutz kann in dieser spitzbübischen Welt nicht nur Freundschaft in Feindschaft, sondern auch diese in jene verwandeln. Alles was die beiden Herren einander zu Leide gethan, und wie sie einander schlecht gemacht hatten, war gegenseitig vergeben und vergessen, ja, in weniger als zehn Minuten hieß es: »mein teurer Mr. Pleggit und so« und »mein liebster Kollege Kophagus«!

In drei Wochen war alles zwischen ihnen ins Reine gebracht: Apotheke, Niet- und Nagelfestes, Warenvorrat und guter Wille, d. h. Kundschaft, alles war das Eigentum unseres vormaligen Widersachers. Aber obgleich Mr. Pleggit und Mr. Kophagus über alles Niet- und Nagelfeste und über den guten Willen sich die Hände geben konnten, so waren doch Tim und ich nicht unter dem guten Willen begriffen, auch waren wir nicht zu den wand-, band-, niet- und nagelfesten Gegenständen gerechnet. Herr Kophagus konnte sich daher nicht in Herr Pleggits Privateinrichtungen mischen. Er that zwar im Wege der Empfehlung, was er nur vermochte, aber Mr. Pleggit hatte meine gelegentlichen Impertinenzen so wenig als die Flaschenschlacht vergessen. Ich glaube vielmehr, daß sein übler Wille gegen Timothy ein Hauptgrund gewesen war, sich mit Herrn Kophagus über dessen guten Willen abzufinden, und so wurden wir äußerst höflich von Mr. Pleggit benachrichtigt, daß er unserer Dienste nicht bedürfen werde.

Mr. Kophagus erbot sich mir, möglichst bald für einen andern Platz zu sorgen, wobei er mir zugleich zwanzig Guineen als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit und Wertschätzung meines Betragens verehrte. Aber eben diese Summe entschied über mich: ich dankte ihm und sagte, ich hätte für jetzt andere Aussichten, hoffte aber, er würde mich benachrichtigen, wo ich ihn später finden könnte, da ich mich sehr freuen würde, ihn wiederzusehen. Er versprach, seine Adresse für mich im Findelhause zurückzulassen, und wir schieden mit einem herzlichem Händedrucke. Hierauf ward Timothy gerufen, Herr Kophagus gab ihm fünf Guineen und wünschte ihm Glück.

»Und nun, Japhet, was willst Du thun?« sagte Tim, als er in die Apotheke herunterkam.

»Was ich thun will?« erwiderte ich: »Dich verlassen und das ist das einzige, was mir nahe geht. Ich ziehe aus, Timothy, meinen Vater zu suchen.«

»Ja«, sagte Timothy, »es ist mir wie Dir, Japhet, scheiden wird weh thun. Und dann liegt mir noch was auf dem Herzen, und zwar« – indem er auf den eisernen Mörser und Stößel deutete – »daß der tolle Stier nicht die Rudimente in Stücke gestoßen hat. Hätt' er nur halb meinen Haß dagegen geteilt, er hätt' auch nicht Daumensgroß daran gelassen. Ich hab' große Lust, mich ein wenig d'ran zu erlustigen, eh' ich gehe.«

»Damit wirst Du nur Herrn Kophagus in Schaden bringen, denn der Mörser wird dann eben nicht bezahlt werden.«

»Ja so; und weil er mir da fünf Guineen gegeben hat, so will ich meinen gerechten Unwillen unterdrücken. Aber jetzt, Japhet, laß ein Wort mit Dir reden. Ich weiß nicht, wie Dir's ist, aber mir kommt's vor, als ob ich nicht von Dir lassen könnte. Es ist mir just nicht besonders darum zu thun, nach meinem Vater auszuziehen. Es heißt: ein weiser Sohn kennet seinen Vater; da jedoch über die andere Hälfte der Eltern nicht wohl ein Zweifel obwalten kann, so hab' ich einen starken Trieb, meine Mutter zu suchen, wenn ich sie irgend ausfindig zu machen vermag. Wenn Dir also meine Gesellschaft gefällt, so will ich mit Dir gehen, und dabei« – fügte er hinzu – »will ich immer eingedenk sein, mein lieber Japhet, daß ein großer Unterschied ist zwischen einem Herrn, der Doktorhonorare bekommen hat, und einem Jungen, der nichts als seine Arzneien austragen kann.«

»Soll das im Ernste heißen, Tim, daß Du mit mir gehen willst?«

»Ja, und bis ans End' der Welt, Japhet, als Dein Begleiter, Dein Freund, Dein Diener, wenn Du's verlangst. Ich hab' Dich lieb, Japhet, und will Dir treulich dienen.«

»Mein guter Tim, ich bin entzückt; jetzt bin ich ganz glücklich! Wir wollen Börse und Glück teilen: wenn mir's gut geht, sollst Du es zu genießen haben.«

»Und hast Du Mißgeschick, so will ich's auch mit Dir teilen. Das wär' also abgemacht – und da hier Mr. Pleggits Gehilfen mit ihrem einzigen paar Augen angezogen kommen, so wollen wir je eher je lieber aufpacken.«

In einer halben Stunde war alles fertig; Tim trug ein Bündel und seine Garderobe darin. Wir stiegen von unserer Kammer herab, schritten stolz durch die Apotheke, ohne einen Laut von uns zu geben oder unsere Nachfolger zu beachten, – außer daß Tim sich umkehrte und eine Faust gegen seine alten Feinde, Mörser und Stößel, machte. Da standen wir, die weite Welt vor uns, auf der Straße, völlig unschlüssig, welchen Weg wir einschlagen sollten.

»Ost, West, Nord oder Süd, Japhet?« sagte Tim.

»Die Weisen kamen von Osten«, erwiderte ich.

»Dann müssen sie gen Westen gezogen sein«, versetzte Tim; »wir wollen in unserer Weisheit dasselbe thun.«

»Einverstanden.«

In einem kleinen Laden, an dem wir vorüberkamen, kauften wir zwei tüchtige Stöcke, sowohl zur Verteidigung, als um unsere Bündel daran zu hängen – und marsch! traten wir unsere Pilgerschaft an.

*

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