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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Achtundsiebzigstes Kapitel

Der bengalische Tiger im Netze, – was meinen eigenen Banden einen glücklichen Erfolg verspricht. Ich gestatte in meiner Gutherzigkeit meinem Vater, mich zu der Heirat, an der meine Seele hängt, zu nötigen.

————

Mein Vater, der nun völlig von seinem Unfalle genesen war, ging bei meiner Zurückkunft in düstern Gedanken auf und ab. Er sprach nichts mit mir, bis nach Tische, wo er das Gespräch mit Fragen nach Cäcilie De Clare eröffnete. Ich erwiderte, ich gedächte, wenn er den Wagen entbehren könnte, morgen mit Mr. Harcourt einen Besuch bei ihr zu machen.

»Ist sie sehr hübsch?« fragte er.

»Ausnehmend, Sir; ich glaube nicht, daß ich je ein schöneres junges Mädchen sah – doch ja, ich erinnere mich einer.«

»Wer war diese?«

»Eine junge Dame, mit der ich einigermaßen bekannt war, so lange ich auf dem Lande lebte.«

»Ich habe daran gedacht, mein lieber Junge, daß es in Deinen jetzigen Umständen passend wäre, Dich zeitig zu verheiraten: Du würdest Deinen Vater dadurch verbinden, der vor seinem Tode noch Enkel zu sehen wünscht. Ich erfreue mich keiner ganz guten Gesundheit.«

Ich konnte nicht umhin, über diesen pathetischen Zug des alten Gouverneurs zu lächeln, der, wenn man nach dem Aussehen urteilen durfte, kräftig wie ein Löwe war, und dem man wohl ein ebenso langes Leben zutrauen konnte, wie seinem gehorsamen Sohne. Sein Appetit war riesenhaft; dazu trank er unfehlbar jeden Tag seine Flasche. Deshalb fühlte ich nicht die mindeste Unruhe über seine bedenkliche Äußerung. »Der Ehestand«, erwiderte ich, »ist eine Sache, an die ich nicht gedacht habe«, – oho, ein De Benyon sagt nie eine Unwahrheit! – »ich bin noch sehr jung und fühle mich allzu glücklich, bei Ihnen bleiben zu dürfen.«

»Aber, mein lieber Junge, ich will Dir ja eben den Vorschlag machen, daß Du bei mir bleiben sollst. Die ganze Familie soll zusammenleben. Ich bin nicht der Meinung, daß wir uns trennen sollen. In der That, Japhet, ich wünsche, Du möchtest ernstlich darauf bedacht sein.«

»Mein teurer Vater, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß ich für den Augenblick nicht in der Lage bin, eine Frau erhalten zu können, und daß es mir leid thun würde, Ihnen in Ihrem Alter zur Last zu fallen. Sie bedürfen mancher Bequemlichkeiten und Luxusartikel, und werden, denke ich, gerade Ihr Einkommen aufbrauchen.«

»Da irrst Du Dich gewaltig, mein guter Bursche! Ich kann hunderttausend Pfund am Tage Deiner Hochzeit mit einer Frau, die mir genehm ist, für Dich niederlegen, ohne damit auch nur die Hälfte meiner noch übrigen Einkünfte wegzugeben.«

»Das hebt allerdings eine meiner Bedenklichkeiten«, erwiderte ich, »und beweist zugleich, mit welch einem großmütigen und freundlich gesinnten Vater ich gesegnet bin. Aber, Sir, mit einem solchen Vermögen habe ich das Recht, zu erwarten, daß die Dame mir einen hübschen Zuschuß bringt. Miß De Clare ist, wie ich glaube, an Mr. Harcourt vergeben, sonst hätte ich einen ernstlichen Sturm auf sie versucht.«

»Etwas muß sie haben, mein lieber Junge. Aber heut zu Tage ist ein mäßiges Vermögen alles, was wir von den Frauen erwarten, und die besten Frauen sind doch immer die, welche nicht allzu reich geboren wurden. Etwas, ja, sollte sie haben. Übrigens sag' mir, Japhet, wer ist die junge Dame, die Dir schöner vorkam, als Miß De Clare?«

»Eine Miß Temple.«

»Temple – ein sehr guter Name. Ich bin der Meinung, daß Mädchen, die auf dem Lande erzogen sind, die besten Frauen geben.«

»Ganz gewiß, Sir, das meine ich ebenfalls; sie sind häuslicher und machen, daß auch ihre Männer sich zufriedener und glücklicher zu Hause fühlen.«

»Nun gut, mein lieber Junge, ich habe den Gegenstand zur Sprache gebracht und wünsche, daß Du Dich daran erinnern möchtest. Du würdest mir einen großen Gefallen thun.«

»Mein lieber Vater, es wird mich sehr glücklich machen, Ihnen in jeder andern Hinsicht zu gehorchen, aber in einer so ernsthaften Sache, wie eine Verbindung für das Leben, sollten Sie, meine ich, einem Sohne doch auch eine Stimme einräumen. Ich kann nur so viel sagen: zeigen Sie mir ein junges Mädchen, daß Ihnen annehmbar dünkt, und wenn ich sie alsdann lieben kann, so will ich nicht anstehen, Ihren Wünschen zu gehorchen.«

»Gut, Sir, thun Sie, was Ihnen gefällt!« entgegnete mein Vater zornig; »aber ich denke, Sir, wenn ich Ihnen zumute, daß Sie sich verlieben, so ist es Ihre Pflicht, zu gehorchen.«

»Angenommen, ich verliebte mich in ein Mädchen, das Ihnen nicht gefiele, würden Sie mir erlauben, sie zu heiraten?«

»Nein, ganz gewiß nicht, Sir.«

»Ist es dann wohl vernünftig, von mir zu erwarten, daß ich heiraten solle, ohne zu lieben?«

»Ich habe auch nicht aus Liebe geheiratet, Sir.«

»Nein«, erwiderte ich, mich ein wenig vergessend, »haben sich aber auch eine schöne Suppe eingebrockt.«

»Das that ich«, rief mein Vater ganz wütend, »indem ich einen pflichtvergessenen, nichtsnutzigen, gottlosen, unverschämten, undankbaren Sohn erzeugte.«

»Mein teurer Vater, ich wußte nicht, daß ich einen Bruder habe.

»Dich mein' ich, Bursche!«

»Um Ihnen zu beweisen, Sir, wie ungerecht Sie sind, und wie wenig ich diese Ehrentitel verdiene, verspreche ich Ihnen, zu heiraten, sobald Sie es haben wollen.«

»Danke Dir, mein Knabe; das ist freundlich von Dir. Nun will ich aber auch sagen, daß Du mein Trost und mein Kleinod bist, daß ich den Tag segne, der Dich in meine Arme brachte. Nun denn, so sieh' Dich um.«

»Nein, Sir, ich will Ihnen alles überlassen. Treffen Sie die Wahl, ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen.«

»Mein lieber Junge! Wohlan denn, ich will die Sache morgen mit Mr. Masterton besprechen«; – und mein Vater schüttelte mir die Hand mit großer Wärme.

Am andern Tage holte ich Freund Harcourt ab und führte ihn nach Parkstreet. Ein Schreiben von ihm hatte den Damen unser Vorhaben angekündigt, weshalb sie sich gegen alle andern Besuche verleugnen ließen. »Es hat sich alles ausgeglichen, Cäcilie«, sagte ich nach der ersten Begrüßung, »ich habe sehr unrecht und albern gehandelt.«

»Und hast mich recht elend gemacht. Ich hätte nie geglaubt, daß Du, Japhet, mir so viele Thränen verursachen würdest; aber ich verzeihe Dir, wie ich Dir tausendmal ärgere Kränkungen verzeihen würde. Nun setze Dich, und erzähle uns alles, was Dir seit jenem Abschied widerfahren ist.«

»Noch nicht, liebe Cäcilie: wir beide sind dem armen Harcourt, den Du, wie mich dünkt, etwas grausam behandelt hast, Genugthuung schuldig. Du warst eben im Begriff, ihm eine Lebensfrage zu beantworten, als ich Euch unterbrach, und seither hast Du ihn, länger als drei Wochen, in qualvoller Ungewißheit gehalten, indem Du Dich weigertest, ihm, bis er mich zu Dir brächte, jene Antwort zu geben. Eine Stunde, in solcher Ungewißheit zugebracht, muß fürchterlich sein. Ehe wir uns setzen, wünsche ich jedermann zufrieden und glücklich zu sehen.«

»Nicht bloß, um ihn anzuspornen, daß er Dich zurückbringe, Japhet, habe ich Mr. Harcourt die Antwort auf seine Frage zu geben verweigert, sondern gerade Deine Wiederkunft schien es mir nötig zu machen, diese Antwort zu verschieben, bis ich Dich gesehen hätte. Ich habe es nicht vergessen, Japhet, werde es auch nie vergessen, was ich war, als Du mich errettetest, und wenn ich bedenke, was ohne Deine Hilfe aus mir hätte werden können, so macht mich der bloße Gedanke schaudern. Weder ich, noch meine Mutter haben vergessen, wie Du in Irland um meinetwillen Dein Leben gewagt und beinahe verloren hast. Wir sind Dir unser ganzes gegenwärtiges Glück schuldig, und ich bin Dir in alle Ewigkeit dafür verpflichtet, daß Du mich der Unwissenheit, der Armut und vielleicht dem Laster entrissen hast. Du warst mir weit mehr als ein Vater, mehr, viel mehr als ein Bruder. Ich bin ein Geschöpf Deiner Hand und habe Verbindlichkeiten gegen Dich, die ich niemals abtragen kann. Als Du nun so unerwartet zurückkehrtest, Japhet, da fühlte ich, daß Dir das erste Recht zustehe, über mich zu verfügen, und ich war froh, Mr. Harcourt noch nicht geantwortet zu haben, weil ich mir erst Deinen Beifall und Deine Genehmigung wünschte. Ich weiß alles, was zwischen Euch vorgegangen ist, aber Deine eigentlichen Gesinnungen gegen Mr. Harcourt kenne ich nicht. Er gesteht, Dich nicht rühmlich behandelt zu haben, und seine aufrichtige Reue über diesen Fehler, das Lob, das er Dir zollte, das war es eben, was ihm meine Gunst gewann. Und nun, Japhet, wenn Du immer noch einen Groll gegen Mr. Harcourt hast, wenn Du –«

»Halt, meine liebe Flita, ich will alle Deine Fragen mit einemmal beantworten.« Ich nahm Harcourts Hand und legte sie in die ihrige. »Gott segne euch beide, mögt ihr glücklich sein.«

Cäcilie schlang ihre Arme um mich und weinte; ich glaube, es gab niemanden, der nicht ihrem Beispiel folgte. Ein Glück für Harcourt war es, daß ich Susanna liebte. Sobald Cäcilie sich ein wenig erholt hatte, übergab ich sie ihrem Bräutigam, der sie zum Sofa führte. Lady De Clare und ich verließen hierauf in hochwichtigen Angelegenheiten das Zimmer und kehrten erst nach einer Viertelstunde zurück. Als wir eintraten, eilte Cäcilie ihrer Mutter entgegen und umarmte sie, während Harcourt schweigend meine Hand ergriff. Hierauf setzten wir uns zusammen, und ich gab ihnen einen Abriß von den Abenteuern meinet zweiten Fahrt, von dem hochnotpeinlichen Halsgerichte – von meinem Wahnsinn – meiner Quäkerschaft – meinem Apothekertum – Begebenheiten, welche, wie mir alle bezeugten, mit den früheren zusammen eine sehr abenteuerliche Geschichte bildeten.

»Japhet«, sagte Harcourt, »wenn es erlaubt ist, zu fragen, war das Miß Temple, die Du gestern in die Kirche führtest?«

»Sie war es.«

»Dann, Cäcilie, wenn sie einmal mit Ihnen in demselben Cirkel erscheint, wird Ihre Schönheit in jedem Auge, das meinige ausgenommen, Gefahr laufen, verfinstert zu werden.«

»Wie können Sie Ihre Augen ausnehmen wollen, Mr. Harcourt?« erwiderte Cäcilie, »diese Bemerkung beweist ja schon, daß ich, was auch mein Schicksal bei den andern sein mag, in Ihren Augen bereits verfinstert bin. Nun habe ich große Lust, Sie zur verdienten Strafe so lange fortzuschicken, bis Sie mir Susanna bringen, damit ich selbst zu urteilen vermag.«

»Wenn ich wieder verbannt werde«, entgegnete Harcourt, »so werde ich mich zum zweitenmal an De Benyon wenden müssen, um mit seinem Beistande zurückzukommen. Er kann sie herführen, ich zweifle nicht daran.«

»Vielleicht wird es auch dieser Tage geschehen, Cäcilie.«

»O thue das, Japhet! ich will sie wie eine Schwester lieben.«

»Du mußt erst noch ein wenig warten – ich bin noch nicht so weit, wie Du und Harcourt, ich habe noch nicht das Jawort aller Beteiligten, wie Ihr es heute habt. Aber nun muß ich Dich verlassen, Harcourt. Du wirst vermutlich hier speisen; ich speise bei meinem Gouverneur.«

Bei meiner Zurückkunft fand ich die Tafel für drei Personen gedeckt, da der General, was ich für ein gutes Zeichen ansah, Herrn Masterton zu Tische gebeten hatte. Masterton konnte nicht mit mir reden, als er kam, aber er gab mir lächelnd einen Wink, und ich war zufrieden. »Japhet«, sagte mein Vater, »ich hoffe, Du bist für morgen nicht in Anspruch genommen; denn ich werde einen Geschäftsbesuch bei Mr. Masterton machen und wünsche, daß Du mich begleitest.«

Ich erwiderte, es werde mir großes Vergnügen machen, und die Unterhaltung wurde allgemein.

Am folgenden Tage begleitete ich meinen Vater nach Lincolns Inn, wo wir Herrn Masterton am Tische, Herrn Kophagus aber und Miß Susanna seitwärts am Fenster sitzen sahen. »Der Knoten schlingt sich fest«, dachte ich. Dies war eigentlich, wie ich nachher von Herrn Masterton erfuhr, folgendermaßen zugegangen: Er hatte Kophagus vermocht, Geschäfte vorzuschützen und Susanna mitzubringen, indem er sie auf eine Viertelstunde vor der uns festgesetzten Zeit beorderte Seine Absicht hierbei war, Miß Temple dem General wie durch Zufall zu zeigen, wobei ich von ihrer Anwesenheit in London, wie mein geehrter Vater vermutete, nicht unterrichtet, durch die Begegnung überrascht werden sollte. Wie viel Betrug ist doch in dieser Welt! Nichts als Minen und Gegenminen!

Ich drückte Herrn Kophagus die Hand, der, wie ich bemerkte, dem Gebote seiner Frau zuwider, seine blauen, gestrickten Pantalons nebst den Halbstiefeln angezogen hatte, und so eng in beiden steckte, daß er sich kaum zu bewegen vermochte. So weit ich beurteilen konnte, hatten seine Beine, seit ich ihn zuletzt in seiner Leibtracht sah, auf keine Weise zugenommen.

»Mr. De Benyon, ich glaube, Sie kennen Miß Temple bereits«, sagte Herr Masterton, mir zuwinkend: »nicht wahr, von Berkshire her? Miß Temple, erlauben Sie mir, Ihnen General De Benyon vorzustellen.«

Ich trat auf Susanna zu, welche beim Anblick meines Vaters errötete und zitterte, und drückte ihr die Hoffnung aus, daß sie sich seit unserer letzten Begegnung wohl befunden haben werde. Sie merkte, daß hier etwas abgekartet sein müsse, und war so verwirrt, daß sie nicht zu antworten vermochte. Nun redete mein Vater sie an, nahm nach kurzer Zeit einen Stuhl und rückte ganz nahe zu ihr. Niemals hatte sie sich so liebenswürdig gezeigt. Er fragte sie nach ihrer Wohnung, und als er vernahm, bei wem sie lebe, sagte er, er müsse das Vergnügen haben, Mr. Kophagus zu besuchen und ihm für seine freundlichen Mitteilungen in betreff meiner zu danken. Bald darauf nahm Herr Kophagus Abschied, und Susanna erhob sich, um ihn zu begleiten; als jedoch mein Vater hörte, daß sie zu Fuße gekommen seien, bestand er darauf, Miß Temple in seinen Wagen zu nehmen. So hatte denn Herr Kophagus den einen Weg zu gehen und ich den andern.

*

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