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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechsundsiebzigstes Kapitel

Ich erneuere alte Freundschaftsbande und knüpfe neue Bande der Liebe. Mein Vater wird noch einmal abgekanzelt, nimmt aber seine Lektion mit besonderer Folgsamkeit entgegen.

————

Am andern Tage fuhr ich in meines Vaters Wagen zu Lord Windermear. Er war zu Hause; ich ließ mich durch den Bedienten als Mr. De Benyon melden. Es war das erste Mal, daß ich Gebrauch von meinem eigenen Namen machte. Der Lord war allein. Er verbeugte sich, ohne mich zu erkennen, und beutete auf einen Stuhl.

»Mein Lord, ich habe meinen wahren Namen genannt, und nun behandeln Sie mich förmlich wie einen Fremden. Ich will Ihnen meinen früheren Namen sagen; vielleicht erweisen Sie mir die Ehre, mich wieder zu erkennen. Ich war einst Japhet Newland.«

»Mein lieber Mr. Newland, Sie müssen mich entschuldigen, aber wir waren so lange auseinander, und ich hoffte nicht, Sie wieder zu sehen.«

»Ich glaubte, mein Lord, Mr. Masterton werde Sie von meinen neuesten Schicksalen unterrichtet haben.«

»Nein, ich komme eben von einem Besuche bei meinen Schwestern in Westmoreland und habe keine Briefe von ihm erhalten.«

»Ich bin, mein Lord, endlich so glücklich gewesen, den Gegenstand meines unsinnigen Suchens, wie Sie es ganz richtig zu nennen beliebten, in dem ehrenwerten General De Benyon zu finden, welcher kürzlich aus Ostindien gekommen ist.«

»Wo seine Dienste anerkannt werden«, ergänzte Seine Herrlichkeit. »Mr. De Benyon, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück. Als Sie meinen Beistand ablehnten und uns auf diese tolle Weise verließen, da zweifelte ich freilich, Sie jemals wieder zu sehen. Ich freue mich, daß Sie unter so glücklichen Auspizien zurückkehren. Hat ihr Vater noch mehr Kinder?«

»Nein, mein Lord, keine außer mir; meine Mutter starb in Ostindien.«

»Dann kann ich nach dem, was ich auf dem indischen Kontroll-Bureau erfahren habe, vermuten, daß man Sie jetzt mit gutem Gewissen als einen jungen Gentleman von großem Vermögen einführen darf. Erlauben Sie mir wenigstens, Ihrem Vater bei Ihrer Rehabilitation in der Gesellschaft beizustehen. Wo ist er?«

»Für den Augenblick, mein Lord, wohnt er im Adelphi-Hotel und ist durch einen Unfall genötigt, das Zimmer zu hüten. Ich hoffe jedoch, er wird in wenigen Tagen wieder ausgehen können.«

»Wollen Sie ihm meine Glückwünsche ausdrücken und ihm sagen, daß ich, wenn er mir's erlaubt, ihm meine Hochachtung bezeigen werde? Darf ich Sie am nächsten Montag zu Tische einladen?«

Ich dankte, nahm die Einladung an und beurlaubte mich, wobei Seine Herrlichkeit unter freundlichem Händedrücken sagte: »Sie haben keine Vorstellung, wie glücklich diese Neuigkeit mich macht. Ich hoffe, Ihr Vater und ich werden gute Freunde werden.«

Als ich zu dem Wagen zurückkehrte, dessen ich mich nach meines Vaters Geheiß zu einer Spazierfahrt bedienen sollte, fiel es mir ein, es wäre nicht übel, Gesellschaft zu haben, und ich ließ deshalb zu Herrn Kophagus Wohnung lenken. Dort traf ich Susanna und ihre Schwester im Zimmer.

»Susanna«, sagte ich, »da Du nicht gern ausgehst, so dachte ich, Du würdest vielleicht nichts gegen eine kleine Spazierfahrt einzuwenden haben. Mein Vater hat mir seinen Wagen geliehen. Willst Du kommen? es wird Dir gut thun.«

»Es ist sehr freundlich von Dir, Japhet, an mich zu denken, aber –«

»Was aber?« fiel Frau Kophagus ein, »hoffentlich wirst Du es nicht abschlagen, Susanna; das würde sehr undankbar aussehen.«

»Undankbar will ich nicht sein«, erwiderte Susanna, verließ das Zimmer und kam bald nachher in einem Livorner Hütchen und einem Shawl zurück. »Beweise ich mich nicht dankbar, Japhet«, sagte sie lächelnd, »da ich, um Deinem Wagen Ehre zu machen, von meinen Glaubensregeln abgehe?«

»Ich bin von Deiner Freundlichkeit durchdrungen, Susanna, und erkenne das Opfer, das Du mir bringst; aber laß uns keine Zeit verlieren.«

Ich führte sie in den Wagen und fuhr nach dem Park. Es war ein schöner Tag; wir fanden den Park mit Fußgängern und Equipagen gefüllt. Susanna war ebenso erstaunt, als vergnügt. »Sieh'«, sagte ich, »wenn Du dies einen Eitelkeitsmarkt nennen wolltest, so würdest Du nicht sonderlich unrecht haben; doch mußt Du bedenken, daß auch diese Eitelkeit manches Gute erzeugt. Stelle Dir vor, wie viele fleißige Leute durch das Bauen, Malen und Verzieren dieser bunten Fuhrwerke Beschäftigung und Nahrung für ihre Familien finden, wie viele mit dem Weberschiffchen und der Nadel beschäftigt sind, um die farbigen Anzüge zu verfertigen. Diese Eitelkeit ist die Ursache, daß die Reichtümer nicht angehäuft werden, sondern ihren Weg durch tausend Kanäle machen und unter tausend Menschen Wohlstand und Behaglichkeit verbreiten.«

»Deine Bemerkungen sind richtig, Japhet; aber Du hast in der Welt gelebt und vieles gesehen. Ich bin, als hätte ich eben erst die Eierschale durchbrochen, lauter Staunen. Ich lebte immer in einer kleinen Welt, hatte nur meinen eigenen Horizont, den ein Dunstkreis von Unwissenheit umgab, und da ich nicht weiter hinaussehen konnte, so hielt ich mich für weise, ohne es zu sein.«

»Meine teure Susanna, dies ist eine bunte Welt, aber sie ist nicht so ganz und gar schlecht; sie hat viel Gutes und auch viel Böses. Die Gemeinde, der Du angehörst, wendet sich von ihr ab, kennt sie nicht und ist ungerecht gegen sie. Während der Zeit meines Aufenthaltes in Reading – ich muß Dir das aufrichtig gestehen – traf ich manchen, der sich zu Eurem Glauben zählte und doch des Namens ganz unwürdig war, weil er das, woran er es im Verhalten gegen seinen Nebenmenschen fehlen ließ, durch äußeren Schein und Heuchelei zu ersetzen suchte. Glaube mir, Susanna, unter diesen vielen, die sich hier im bunten Gewimmel vor Deinen Augen zeigen, sind fromme, gute, mildthätige, menschliche, gewissenhafte und strengrechtliche Leute; aber der gesellige Zustand verlangt es, daß die Reichen ihr Geld für überflüssige Dinge weggeben, damit es den Armen zu gute kommt. Laß Dich darum in Zukunft nicht mehr durch äußere Gewande, welche keine Bedeutung haben, täuschen.«

»Du hast meiner Meinung schon einen großen Stoß beigebracht, Japhet, wie auch Dein launiger Freund, Mr. Masterton, der uns zweimal, seit wir in London sind, besuchte; – aber ist es nicht Zeit zur Rückkehr?«

»Wahrhaftig, es ist später, als ich dachte«, erwiderte ich, nach der Uhr sehend; »mein Vater, fürchte ich, wird mich mit Ungeduld erwarten. Ich will sogleich umkehren lassen.«

Während wir dahinfuhren und uns im Wagen zurücklehnten, berührte ich zufällig Susannas Hand, welche neben mir auf dem Polster lag. Ich konnte mich nicht enthalten, sie in die meinige zu schließen, und sie wurde mir nicht entzogen. Meine Gedanken kann man sich vorstellen; was Susanna dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber in dieser Lage verharrten wir schweigend, bis der Wagen vor der Thüre hielt. Ich hob Susanna heraus und begleitete sie für einen Augenblick die Treppe hinauf. Herr Kophagus und seine Gattin waren ausgegangen.

»Susanna«, sagte ich, »dies war sehr freundlich von Dir; empfange dafür meinen Dank. Ich habe mich in meinem Leben nicht so glücklich gefühlt, als da ich mit Dir im Wagen saß.«

»Vielleicht sollte ich Dir danken, Japhet, denn ich habe beides, Vergnügen und Belehrung, genossen. Weißt Du, was mir durch den Kopf gegangen ist?«

»Nein, sage mir's.«

»Als Du zu uns kamst und ich Dich zuerst kennen lernte, da war ich, so zu sagen, Deine Führerin, und vielleicht eine recht anmaßende; Du aber hörtest auf mich. Jetzt ist es umgekehrt; seit wir uns in der Welt befinden, bist Du mein Führer, und ich bin es, die auf Dich hört und Dir gehorcht.«

»Das hat seine Gründe, Susanna: als wir uns kennen lernten, war ich in schwerem Irrtum befangen und hatte nur zu wenig an ernste Dinge gedacht; deshalb paßtest Du zu meiner Führerin. Jetzt aber mischen wir uns unter die Welt, und mit dieser bin ich besser bekannt, als Du. Damals berichtigtest Du mich, wenn ich unrecht hatte; jetzt zeige ich Dir, wo Du nicht vollkommen unterrichtet bist. Aber was Du von mir lernst, ist nichts im Vergleich zu den köstlichen Unterweisungen, die ich Deinen Lippen ablauschte und die, wie ich hoffe, keine Berührung mit der Welt mich je vergesse« machen wird.«

»O, ich liebe es, Dich so reden zu hören! Ich fürchtete, die Welt möchte Dich verderben, Japhet; aber nicht wahr, das wird sie nicht?«

»Nein, so lange ich Dich um mich habe, gewiß nicht! Wenn ich mich aber wieder in die Welt stürzen muß, sage mir, Susanna, willst Du mich da verwerfen, willst Du mich verlassen, willst Du, während ich so preisgegeben bleibe, zu Deinen Glaubensgenossen zurückkehren? Susanna, teures Herz, Du mußt wissen, wie lange, wie heiß ich Dich liebe – Du weißt auch, daß, wenn ich nicht abgerufen worden und der Sendung zu gehorchen verpflichtet gewesen wäre, ich zufrieden bis in den Tod mit Dir gelebt hätte. Willst Du mich jetzt nicht anhören, oder verwirfst Du mich?«

Ich schlang meinen Arm um sie; ihr Haupt sank auf meine Schulter, und sie brach in Thränen aus. »Sprich, Teure«, fuhr ich fort: »diese Ungewißheit martert mich.«

»Ich liebe Dich, Japhet«, erwiderte sie endlich und blickte mich durch ihre Thränen zärtlich an: »aber ich weiß nicht, ob diese irdische Neigung nicht meine Liebe zum Himmel geschwächt hat. Wenn das ist, so möge Gott mir verzeihen, denn ich kann nicht anders.«

Nach diesem Bekenntnis lagen wir uns einige Zeit, die mir nur wie ein Augenblick dünkte, in den Armen, bis sich Susanna mir entwand. »Teurer Japhet«, sagte sie, »Dein Vater wird sehr unzufrieden sein.«

»Ich kann es nicht ändern«, erwiderte ich, »ich muß mich seinem Mißfallen unterwerfen.«

»Nein, Japhet! Warum Deines Vaters Zorn herausfordern?«

»Wohlan denn«, erwiderte ich und suchte ihre Lippen zu erreichen, »ich will ja gehen.«

»Nein, nein, höre, Japhet, Du verlangst zu viel, das schickt sich nicht.«

»Dann werd' ich auch nicht gehen.«

»Denk' an Deinen Vater.«

»Du bist es, die mich zurückhält, Susanna.«

»Ich darf Dir nicht bei Deinem Vater schaden, Japhet – das wäre kein Beweis meiner Liebe – aber wahrhaftig, Du bist sehr eigensinnig.«

»Gott segne Dich, Susanna!« rief ich, als ich diesen Streit gewonnen hatte, und eilte zu dem Wagen.

Mein Vater war bei meiner Zurückkunft ein wenig verstimmt und fragte mich ziemlich scharf, wo ich gewesen sei. Ich begütigte ihn halb und halb durch Lord Windermears freundlichen Gruß; aber er setzte das Verhör fort, und obgleich ich ihm die Weisung gegeben hatte, daß ein De Benyon sich nimmermehr einer Unwahrheit schuldig machen dürfe, so fürchte ich doch, daß ich ihm bei dieser Gelegenheit deren wohl ein halbes Dutzend auftischte. Ich tröstete mich jedoch mit dem Gedanken, daß ein fashionabler Mann durch seine Ehrengesetze, sobald eine Dame ins Spiel kommt, sogar eine Lüge zu sagen verbunden ist. Ich sagte ihm demgemäß, ich sei durch die Straßen gefahren, habe nach den Häusern gesehen, auch zweimal angehalten, um hineinzugehen und mich drinnen umzusehen. Mein Vater meinte, ich habe mich nach einer Wohnung für ihn erkundigt, und war zufrieden. Glücklicherweise waren es Mietspferde gewesen, denn sonst würde ich in eine üble Klemme geraten sein. Pferde sind der einzige Teil des Haushaltes, gegen welchen die Herren einige Rücksicht, die Damen aber keine Barmherzigkeit beobachten.

Ich hatte Herrn Masterton versprochen, am folgenden Tage bei ihm zu speisen. Mein Vater hatte von Anfang an großen Widerwillen gegen diesen alten Herrn gefaßt; ich muß ihm aber die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sich sein Herz zu ihm neigte, seit er mit meiner Lebensgeschichte, worin der alte Anwalt eine so bedeutende und freundliche Rolle spielte, bekannt geworden war.

»Mein teurer Vater«, sagte ich, »ich habe heute auswärts zu speisen versprochen.«

»Bei wem, Japhet?«

»Nun ja, Sir, die Wahrheit zu gestehen, bei jenem alten Dieb von Advokaten.«

»Ich bin ganz empört, Japhet, Dich in solchen Ausdrücken von einem Manne reden zu hören, der Dir eine so aufrichtige Freundschaft bewiesen hat! Du wirst mich verbinden, junger Herr, wenn Du in meiner Gegenwart nicht mehr in diesem Tone von ihm sprichst.«

»Ich muß Sie wahrhaftig um Verzeihung bitten, General«, erwiderte ich, »aber ich glaubte, Ihnen nach dem Munde zu reden.«

»Mir nach dem Munde? Was hältst Du von mir? Mir nach dem Munde reden, Sir, mit solchen Ausdrücken der Undankbarkeit? Ich schäme mich Deiner, Bursche!«

»Mein lieber Vater, ich habe den Ausdruck von Ihnen entlehnt. Sie hießen Mr. Masterton einen alten Dieb von Advokaten; Sie sagten ihm das sogar ins Gesicht, und er beklagte sich über diese Sprache gegen mich, noch ehe ich das Glück hatte, Sie zu sehen. Was mich betrifft, so fühle ich die höchste Achtung, Liebe und Dankbarkeit gegen ihn. Habe ich Ihre Erlaubnis hinzugehen?«

»Ja«, erwiderte mein Vater und sah sehr ernsthaft aus; »thu' mir aber den Gefallen, mich bei Mr. Masterton zu entschuldigen, daß ich in meiner unglücklichen Hitze einen solchen Ausdruck brauchte. Ich schäme mich über mich selbst.«

»Mein teuerster Vater, man braucht sich nicht zu schämen, wenn man so gerne bereit ist, eine ehrenhafte Genugthuung zu geben; wir kommen alle mitunter ein wenig außer Fassung.«

»Du bist mir ein liebreicher Freund geworden, Japhet, nicht nur ein guter Sohn«, erwiderte mein Vater mit Rührung. »Auf keinen Fall vergiß mir die Entschuldigung! Ich bin nicht glücklich, bis es ausgerichtet ist.«

*

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