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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Fünfundsiebzigstes Kapitel

Mein Vater hält sich recht degenmäßig zu Hause, während ich mit Susanna bis zum Spalten des Strohhalms über Strohhüte disputiere. Der Rest des Kapitels – Damenunterhaltung.

————

Es verging einige Zeit, bis wir uns hinlänglich gefaßt hatten, um miteinander sprechen zu können. Nun versuchte ich aber auch mein Äußerstes, um ihm zu gefallen. Natürlich blieb immer noch eine gegenseitige Spannung zurück, aber ich bemühte mich, ihm meine Aufmerksamkeit auf eine so eingehende, hingebende Art zu beweisen und jede Verletzung so sorgfältig zu vermeiden, daß er, als er sich endlich über Müdigkeit beklagte, darauf bestand, ich müsse am andern Tag bei ihm zum Frühstück sein.

Ich eilte, obgleich es schon spät war, zu Herrn Masterton und teilte ihm die ganze Scene mit. Er hörte mir mit großer Teilnahme zu. »Japhet«, sagte er, »das hat sich glücklich gefügt: dies ist der stolzeste Tag Ihres Lebens. Sie haben ihn völlig überwunden, der bengalische Königstiger ist gezähmt. Ich wünsche Ihnen Glück, mein lieber Junge, und hoffe, daß nun alles gut gehen wird. Aber seien Sie sein vernünftig, lassen Sie diesen Triumph in Reading nicht bekannt werben. Dort mögen sie bei dem Glauben bleiben, daß Ihr Vater so leidenschaftlich sei, wie immer, was er auch, beiläufig gesagt, gegen jedermann bleiben wird. Sie haben nichts zu thun, als Ihren Sieg zu verfolgen und das übrige mir zu überlassen.«

Ich kehrte voll Dankes gegen den Himmel in die Piazza zurück, wo ich bald einschlief und von Susanna Temple träumte. Am andern Morgen erschien ich zeitig im Adelphi-Hotel. Mein Vater war noch nicht aufgestanden, aber die indischen Diener, welche aus- und eingingen, sich übrigens sorgfältig in gemessener Entfernung von mir hielten, meldeten ihm, daß »Burra Saibs Sohn« gekommen sei, worauf er mich rufen ließ. Sein Bein schmerzte ihn sehr und war in üblem Zustande; der Wundarzt hatte sich noch nicht blicken lassen. Ich behandelte es wie gestern. Dann kleidete er sich an und kam zum Frühstück. Vor den Dienern hatte ich mich schweigend verhalten; sobald er aber bequem auf dem Sofa lag, nahm ich seine Hand, küßte sie und sagte: »Guten Morgen, mein teurer Vater, ich hoffe, daß Sie Ihre gestrige Freundlichkeit nicht bereuen.«

»Nein, nein, Gott segne Dich, mein Junge! ich habe die ganze Nacht an Dich denken müssen.«

»Das geht gut«, dachte ich, »und ich hoffe imstande zu sein, die Angelegenheiten auf diesem Fuße zu erhalten.«

Ich will über vierzehn Tage hinweggehen, während welcher Zeit ich beständig um meinen Vater war. Zuweilen brach er in große Heftigkeit aus; ich aber behielt unwandelbar meine Fassung bei, und wenn der Anfall nachgelassen hatte, pflegte ich ihn auszulachen, indem ich alles, was er im Paroxismus gesagt und gethan, wiederholte, ja sogar mimisch darstellte. Anfangs war dies ein gefährliches Spiel; allmählich aber gewöhnte er sich daran, und es wirkte als wunderbares Beruhigungsmittel auf ihn, obgleich er es lange Zeit für übertrieben hielt, wenn ich ihm in seinen ruhigen Stunden ein solches Gemälde vor die Augen führte. Mein Vater war von Natur kein böser Mensch, da er aber einen großen Teil seines Lebens unter einem sklavischen Volke und in einer hohen Befehlshaberstelle zugebracht hatte, so war er nach und nach an ein gebieterisches Benehmen und eine seinen Umgebungen unerträgliche Ungeduld über jeden Widerspruch gewohnt worden. Hochgesinnte und empfindliche Menschen vermieden ihn; die Knechtischen und Niederträchtigen hielten, obgleich beständig vor seinem Zorne zitternd, aus Eigennutz bei ihm aus.

Während dieser Zeit hatte ich meinem Vater meine ganze Lebensgeschichte erzählt und, mit Freuden darf ich es sagen, durch Aufmerksamkeit und Liebe, verbunden mit Festigkeit und ruhiger Fassung, mir eine Herrschaft über ihn erworben. Ich hatte auf sein Begehren dasselbe Hotel bezogen und lebte mit ihm zusammen. Sein Bein besserte sich zusehends und er sprach bereits davon, sich ein Haus in London einzurichten. Herrn Masterton hatte ich in dieser Zeit selten gesehen, da mich die Pflege meines Vaters im Zimmer hielt. Einmal hatte ich Herrn Kophagus geschrieben und ihm erzählt, womit ich beschäftigt sei, ohne jedoch etwas von der Aussöhnung zu verraten. Da besuchte uns eines Morgens Herr Masterton, um mir nach einem kurzen Gespräche mit dem General zu berichten, daß er Herrn Kophagus und seine Frau überredet habe, Reading zu verlassen und nach London zu kommen; »auch Susanna Temple«, sagte er, »werde mit ihnen sein.«

»Zu einem Besuche?« fragte ich.

»Nein, nicht zu einem Besuche. Ich habe Kophagus gesehen; er ist entschlossen, mit den Quäkern zu brechen und wieder ganz in London zu wohnen.«

»Was? Hat er im Sinn, zu der Pracht und Eitelkeit dieser gottlosen Welt zurückzukehren?«

»Ja, ich glaube so, und seine Frau ist dabei. Sie hat nichts dagegen, ihre hübsche Person herauszuputzen.«

»Das hab' ich ihr immer zugetraut. Aber Susanna Temple –«

»Wenn Susanna von ihren Freunden entfernt ist, wenn sie ihre Schwester und ihren Schwager anders gekleidet sieht, wenn sie beständig in ihrer Gesellschaft lebt – und vergessen Sie zu allem diesem den Eindruck meiner Vorhaltungen nicht – so wird sie es bald den andern nachthun, oder sie wäre ja kein Weib. Dies ist ganz meine Sache; überlassen Sie das mir und spielen Sie nur Ihre Rolle, welche darin besteht, daß Sie sie recht fleißig besuchen.«

»Darüber können Sie ganz ruhig sein«, erwiderte ich.

»Weiß Ihr Vater etwas von dem Verhältnis?« fragte Herr Masterton.

»Nein, ich ging darüber weg, ohne ihren Namen zu nennen. Es ist noch zu früh, um von meiner Heirat mit ihm zu reden. Eigentlich muß der Vorschlag wo möglich von ihm selbst kommen. Könnten Sie das nicht zuwege bringen?«

»Wenn ich es irgend vermag. Aber, wie Sie sagten, wir müssen doch ein wenig zusehen. Hier ist die Adresse Ihrer Freunde; Sie müssen sie wo möglich morgen besuchen. Glauben Sie, am Donnerstag bei mir speisen zu können?«

»Ja, wenn der General in seiner Genesung fortfährt; wo nicht, so will ich Ihnen Nachricht geben.«

Am nächsten Morgen beklagte ich mich über Kopfweh und sagte, ich wolle bis zur Essenszeit spazieren gehen. Nun eilte ich nach der von Herrn Masterton angegebenen Wohnung, wo ich, da Freund Kophagus und seine Frau ausgegangen waren, Susanna allein zu Hause antraf. Nach den ersten Begrüßungen fragte ich sie, wie ihr London gefalle.

»Ich habe kaum den Mut, es auszusprechen, namentlich gegen Dich, Japhet – Du würdest mich nur auslachen.«

»Nein, Susanna, ich lache nie, wenn ich weiß, daß die Leute aufrichtig sind.«

»Nun ja, es kommt mir vor wie ein Markt der Eitelkeit.«

»Daß es«, erwiderte ich, »in London mehr Eitelkeit giebt, als in irgend einer andern Stadt, muß ich zugeben; aber man darf auch nicht vergessen, daß die Bevölkerung und der Reichtum größer ist. Ich glaube nicht, daß es hier verhältnismäßig mehr Eitelkeit giebt, als in andern Städten Englands; auch mußt Du Dich erinnern, Susanna, daß zugleich mehr Fleiß, mehr Talent und, wie ich hoffen darf, eine größere Anzahl guter und ehrlicher Leute unter diesen Volksmassen zu finden ist. Leider ist dann freilich auch das Elend und Verbrechen in größerem Maße vertreten.«

»Ich glaube, Du hast recht, Japhet. Weißt Du, daß mein Schwager seine einfache Kleidung abgelegt hat?«

»Wenn es Dir wehe thut, Susanna, so schmerzt es mich ebenfalls; aber ich vermute, daß er es für angemessen hält, nicht so auffallend zu erscheinen.«

» Ihn könnte ich noch einigermaßen entschuldigen, aber was wirst Du dazu sagen, Japhet, daß meine eigene, in unseren Satzungen geborene und erzogene Schwester sich ebenfalls große Abweichungen von der weiblichen Tracht unserer Gemeinde erlaubt?«

»Worin hat sie eine Änderung vorgenommen?«

»Sie trägt einen Strohhut mit Bändern.«

»Von welcher Farbe sind die Bänder?«

»Nun von derselben, wie ihr Kleid – sie sind grau.«

»Dein Hut, Susanna, ist von grauer Seide: nun sehe ich keine Eitelkeit darin, wenn man zum Stroh herunter steigt, was doch eine viel einfachere Ware ist. Aber was hat sie für eilten Grund angegeben?«

»Sie sagt, ihr Gatte wolle es so, da er nicht gerne mit ihr in ihrer Quäkerkleidung ausgehe.«

»Ist es nicht ihre Pflicht, ihrem Gatten zu gehorchen. sowie ich meinem Vater gehorche? Ich schäme mich übrigens nicht, mit Dir in Deiner Kleidung auszugehen; wenn Du also nichts dagegen hast, so zeige ich Dir einen großen Teil dieser Weltstadt.«

Susanna willigte ein, denn wir waren in Reading oft zusammen ausgegangen. Offenbar hatten ihr meine Worte gefallen. Ich begleitete sie nach Oxfordstreet, sodann Bondstreet hinab und durch die belebtesten Teile der Residenz. Natürlich zog ihre Kleidung die Blicke der Vorübergehenden auf sich, aber ihre ausnehmende Schönheit verwandelte solche Blicke in feuriges Anschauen, und lange vor Beendigung unserer Promenadenzeit bat sie mich, den Heimweg einzuschlagen. Sie war nicht bloß verdrießlich, sondern fast ganz aus der Fassung über die beständigen wiederholten Späherblicke, denen sie begegnen mußte und die sie ihrer Kleidung, statt ihren Reizen zuschrieb. Sobald wir zu Hause waren, setzte ich mich zu ihr nieder. »Wie ich höre«, sagte ich, »hat Mr. Kophagus im Sinne, sich ganz in London niederzulassen.«

»Ich habe nichts davon gehört; ich verstand, daß es Geschäfte seien, welche ihn auf ein paar Wochen hierher riefen. Ich hoffe nicht, daß es anders ist, denn ich würde hier sehr unglücklich sein.«

»Darf ich fragen, warum?«

Die Leute sind ungesittet; es ist nicht angenehm, auszugehen.«

»Bedenke, liebe Susanna, daß die Quäker in London nicht so häufig sind, wie anderswo, und wenn Du eine besondere Kleidung trägst, so mußt Du erwarten, die allgemeine Neugier auf Dich zu ziehen. Du kannst niemanden tadeln; Du selbst bist es, die sich bemerklich macht und den Leuten gewissermaßen mit dieser Kleidung zuruft: ›Kommt und seht mich an‹! Ich habe über die Worte nachgedacht, die Dir Mr. Masterton zu Reading sagte, und ich weiß kaum, ob er nicht recht hatte, wenn er diese Kleidung ein Gewand des Stolzes, statt der Demut, nannte.«

»Wenn ich das dächte, Japhet«, erwiderte Susanna, »dann würde auch ich diese Kleidung abwerfen.«

»Es ist freilich nicht angenehm, von den Leuten angegafft zu werden, als wäre man in dieser Absicht ausgegangen; aber die Welt ist nun einmal übelwollend, und niemand wird eine andere Ursache bei Dir suchen. Ich sollte doch denken, es wäre möglich, sich ebenso einfach und sauber zu tragen, auch bunte Farben zu vermeiden, und dennoch so gekleidet zu sein, daß man seine Aufmerksamkeit damit erregt.«

»Ich weiß kaum, was ich dazu sagen soll, aber ihr scheint alle gegen mich zu sein, und manchmal kommt es mir selbst anmaßend vor, so für mich allein urteilen zu wollen.«

»Ich bin nicht gegen Dich, Susanna. Ich weiß, Du thust nur, was Du für recht hältst, und ich achte Dich darum, selbst wenn ich Dir nicht beistimmen kann. Das muß ich aber sagen: wenn meine Frau sich auf eine solche Weise kleidete, daß sie aller Augen auf sich zöge, so würde ich mich viel zu eifersüchtig fühlen, um es zu billigen. Deshalb kann ich Mr. Kophagus nicht tadeln, daß er seine hübsche Frau zu einigen Änderungen in ihrem Anzuge vermocht hat; auch sie kann ich nicht schelten, vielmehr lobe ich sie, daß sie den Wünschen ihres Gatten gehorcht. Ihre Schönheit gehört ihm und ist kein allgemeines Gut.«

Susanna gab keine Antwort; sie sah sehr nachdenklich aus.

»Du stimmst mir nicht bei, Susanna«, sagte ich nach einer Weile: »es ist mir leid, wenn unsere Ansichten auseinandergehen.«

»Ich weiß es selbst nicht recht, Japhet. Ich habe heute eine Lehre empfangen: in Zukunft muß ich demütiger von mir selbst denken und mich mehr von den Meinungen und Ansichten anderer leiten lassen.«

Herr und Frau Kophagus kamen heim. Kophagus war wieder zu seiner Amtstracht, zu dem schwarzen Rock und der schwarzen Weste, jedoch nicht zu den Pantalons und Halbstiefeln zurückgekehrt; seine Frau, die hierin viel Geschmack besaß, hatte letzteres nicht zugegeben. Sie trug ihr langes, grauseidenes Kleid, aber einen großen, schönen Shawl darüber, der es bis auf den Saum bedeckte; auf dem Kopfe hatte sie ein Livorner Hütchen, was ihr äußerst hübsch stand. Sie war wie immer voll guter Laune und Heiterkeit. Ich erzählte ihnen, wir seien ausgegangen, Susanna habe sich aber sehr über die neugierigen Blicke der Leute geärgert.

»Immer so bei den Mädchen« – sagte Kophagus – »thut nichts – lieben das – fühlen sich geschmeichelt und so.«

»Du thust mir sehr Unrecht, Bruder Kophagus«, erwiderte Susanna: »es quälte mich ausnehmend.«

»Sagt nur so – weiß es besser – schlaues Kätzchen – absonderlich kleiden – Leute sagen ›hübsche Quäkerin‹ und so.«

Auf diesen Angriff ging Susanna hastig aus dem Zimmer, und nun erzählte ich meinen Freunden, was vorgefallen war.

»Mrs. Kophagus«, sagte ich, »bestellen Sie einen ähnlichen Hut und Shawl für sie, ohne ihr etwas davon zu sagen; vielleicht läßt sie sich überreden.«

Frau Kophagus fand den Gedanken vortrefflich und versprach mir, beides zu besorgen. Da Susanna unsichtbar blieb, so beurlaubte ich mich, und kam zu guter Zeit in das Hotel zurück.

»Japhet«, sagte mein Vater bei Tische, »Du hast oft von Lord Windermear gesprochen: warst Du dieser Tage bei ihm?«

»Nein, Sir, es sind mehr als zwei Jahre, daß ich ihn nicht gesehen habe. Als ich zu Ihnen in die Stadt gerufen wurde, war ich zu aufgeregt, um an etwas anderes denken zu können, und seitdem habe ich viel zu großes Vergnügen an Ihrer Gesellschaft gefunden.«

»Vielmehr, mein guter Junge, hast Du mich so sorglich gepflegt, daß Du darüber Deine Freunde und Deine Gesundheit vernachlässigt hast. Nimm morgen meinen Wagen und besuche den Lord. Nachher thätest Du wohl, ein wenig umherzufahren, denn Du hast diese letzten Tage bleich ausgesehen. Ich selbst hoffe, in kurzer Zeit mich wieder hinauswagen zu können. Alsdann wird unsere häusliche Einrichtung uns hinreichend beschäftigen und unterhalten.«

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