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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Vierundsiebzigstes Kapitel

Hitzige Erörterungen zwischen meinem Vater und mir. Um ihm meine kindliche Liebe zu zeigen, muß ich ihm eine kleine Lektion geben, die er zuletzt ganz herzlich nimmt und sich recht väterlich einen alten Narren heißt.

————

Ich blieb mitten im Zimmer stehen; die Herren gingen ab, und die beiden indischen Diener pflanzten sich wieder zu beiden Seiten des Sofas auf. Ich fühlte mich gedemütigt und unwillig, verhielt mich aber still. Endlich begann mein geehrter Vater, nachdem er die Augen eine Zeit lang auf mich geheftet:

»Wenn Ihr glaubt, junger Mensch, meine Gunst durch Euer hübsches Aussehen zu gewinnen, so seid Ihr sehr im Irrtume; Ihr seht viel zu sehr Eurer Mutter gleich, deren Andenken mir nichts weniger als erfreulich ist.«

Diese grausame Bemerkung trieb mir das Blut bis in die Stirn. Ich kreuzte die Arme und blickte meinem Vater, ohne eine Erwiderung zu geben, fest ins Angesicht. Nun begann der Ärger bereits in ihm zu arbeiten.

»Es scheint, ich habe einen sehr pflichtgetreuen Sohn gefunden.«

Ich war im Begriffe, eine spitzige Antwort zu geben, faßte mich aber und erwiderte höflich: »Mein edler General, verlassen Sie sich darauf, daß Ihr Sohn jederzeit bereit sein wird, sich pflichtschuldig zu erweisen, wo er Pflichten hat; aber Sie entschuldigen mich – in der Aufregung dieses Augenblicks vergessen Sie die kleinen Gesetze der Höflichkeit. Mit Ihrer Erlaubnis nehme ich mir einen Stuhl, und nun können wir uns gemächlicher unterhalten.«

Ich sagte dies mit der sanftesten Stimme und der studiertesten Artigkeit, zog einen Stuhl zum Tische und setzte mich, ein Benehmen, das, wie zu erwarten war, meinen geehrten Vater in eine gräßliche Wut versetzte.

»Ist dies eine Probe, Sir, von Eurer Pflicht und Achtung, Sir, so hoffe ich mit weiteren Beweisen derselben verschont zu bleiben. Wo Ihr Pflichten habt, Sir? Gegen wen habt Ihr denn Pflichten, Bursche, wenn nicht gegen den Urheber Eures Daseins?« rief der General, mit seiner gewaltigen Faust auf den Tisch schlagend, daß die Tinte einige Zoll in die Höhe sprang und die umliegenden Papiere bespritzte.

»Sie haben völlig recht, mein teurer Vater; allerdings hat man Pflichten gegen den Urheber seines Daseins. Wenn ich mich recht erinnere, so heißt das Gebot: ›Du sollst Vater und Mutter ehren!‹ Darf ich mir aber noch eine Bemerkung erlauben? Finden hier nicht gegenseitige Pflichten statt? Hat ein Vater nicht noch höhere Verbindlichkeiten, als bloß die Zeugung eines Sohnes?«

»Was sollen diese unverschämten Bemerkungen, Bursche?« unterbrach mich mein Vater.

»Entschuldigen Sie mich, bester Vater, wenn ich vielleicht unrecht habe. Gern will ich mich Ihrem überlegenen Urteil unterwerfen, aber wenn man ein Kind in einem Korbe mit einer Banknote von fünfzig Pfund zum Behufe seiner Erziehung und seines Unterhaltes bis zum vierundzwanzigsten Jahre an der Thüre des Findelhauses aufgehängt, so scheinen mir damit nicht alle die Pflichten, welche einem Vater zukommen, erfüllt zu sein. Wenn auch Sie das glauben sollten, so fürchte ich doch, die Welt werde so gut, wie ich selbst, entgegengesetzter Meinung sein. Nicht daß ich mich irgend zu beklagen gedächte, denn ich bin überzeugt, daß Sie nun, durch die Umstände begünstigt, die Absicht haben werden, mich für so viele Jahre, wo ich verlassen und ganz auf meine eigenen Hilfsmittel angewiesen war, zu entschädigen.«

»So, meint Ihr, Sir? Recht, ich will Euch gleich meinen Entschluß wissen lassen: Da ist die Thüre, – hinaus und laßt Euch nicht wieder vor meinem Angesicht erblicken.«

»Mein lieber Vater, ich bin überzeugt, daß dies nur ein kleiner Scherz von Ihnen ist, oder daß Sie mich vielleicht auf die Probe setzen wollen, ob ich den Geist und die Entschlossenheit eines De Benyon besitze. Deshalb werde ich Ihnen natürlich den Gefallen thun, Ihrem humoristischen Begehren nicht zu entsprechen.«

»Dann, bei Gott!« brüllte mein Vater und wandte sich mit ein paar indischen Worten zu seinen Dienern. Sie gingen augenblicklich nach der Thüre, die sie weit aufmachten, und kamen dann zu mir, um mich bei den Armen zu fassen. Ich fühlte mein Blut kochen, aber ich erinnerte mich, wie notwendig es sei, meine Fassung zu behalten. Ich erhob mich von meinem Sitze, näherte mich dem Sofa und sagte: »Lieber Vater, da ich sehe, daß Sie Ihrer Krücken im Augenblicke nicht bedürfen, so werden Sie vielleicht nichts dagegen haben, wenn ich eine davon nehme. Diese fremden Schurken sollen sich nicht herausnehmen, Sie in der Person Ihres einzigen Kindes zu insultieren.«

»Werft ihn hinaus!« brüllte mein Vater.

Die Indier gingen auf mich los, aber ich wirbelte die Krücke um den Kopf, und im Nu lagen beide am Boden. Sobald sie wieder auf den Beinen waren, griff ich sie von neuem an, bis sie aus dem Zimmer entflohen; dann schloß ich die Thüre und drehte den Schlüssel um.

»Danke Ihnen, mein teurer Sir«, sagte ich, die Krücke wieder an ihre alte Stelle legend: »tausend Dank für Ihre Erlaubnis, die Unverschämtheit dieser schwarzen Schufte zu züchtigen, welche Sie natürlich auf der Stelle entlassen werden.« – Und wiederum setzte ich mich auf den Stuhl, mit dem ich etwas näher rückte.

Die Wut des Generals überstieg jetzt alle Grenzen: der weiße Schaum gischte ihm aus dem Munde, während er sich vergebens Worte zu finden bemühte. Endlich fuhr er sogar vom Sofa empor, um sich mit eigenen Händen Gehorsam zu verschaffen; aber diese Anstrengung war seinem kranken Beine sehr nachteilig, er warf sich hilflos unter großen Schmerzen auf sein Lager zurück.

»Mein teurer Vater, ich fürchte, in Ihrer Begierde, mir zu helfen, haben Sie Ihr Bein wieder beschädigt«, sagte ich mit begütigendem Tone.

»Bursche, Bursche!« rief er, »wenn Du meinst, daß es auf diese Weise gehe, so bist Du sehr im Irrtume. Du kennst mich nicht. Du magst ein paar schurkische Schwarze hinauswerfen, aber Du sollst sehen, daß ich nicht mit mir spielen lasse. Ich verstoße Dich für immer, ich enterbe Dich, ich versage Dir die Anerkennung. Du hast die Wahl, entweder dieses Zimmer zu verlassen, oder in die Hände der Polizei zu fallen.«

»Der Polizei, mein lieber Sir! Was kann die Polizei ausrichten? Ich kann die Polizei herbeirufen und Ihre Diener wegen des Angriffs, dessen sie sich schuldig gemacht haben, nach Bowstreet führen lassen; Sie aber können keine Angriffsklage gegen mich aufbringen.«

»Und dennoch will ich's, bei Gott, es mag wahr sein, oder nicht!«

»Das werden Sie gewiß nicht thun, mein lieber Vater; ein De Benyon wird sich nie mit einer Lüge beladen. Wenn Sie übrigens die Polizei rufen lassen wollen, so erlauben Sie mir zuvor, diesen Punkt mit kaltem Blute zu erörtern, denn ich schreibe den kleinen Anfall von übler Laune bloß Ihren Schmerzen zu. Angenommen also, mein lieber Vater, daß Sie mich mit einer Angriffsklage verfolgen, so bin ich eben dadurch genötigt, Sie meinerseits gleichfalls anzuklagen, und dann müssen wir beide zusammen nach Bowstreet wandern. Waren Sie jemals in Bowstreet, General?«

Er gab keine Antwort.

»Überdies, mein teurer Sir«, fuhr ich fort »stellen Sie sich nur vor, wie unangenehm es sein würde, wenn der Richter Ihnen einen Eid abnähme und Sie aufforderte, Ihre Klage vorzubringen. Was würden Sie dann für Erklärungen machen müssen? Daß Sie in Ihrer Jugend geheiratet und Ihre Frau, weil Sie sie ohne Vermögen fanden, am zweiten Tage nach der Trauung verlassen haben; daß Sie, ein Offizier in der Armee, der ehrenwerte Hauptmann De Benyon, Ihr Kind am Thore des Findelhauses aufhängten; daß Sie Ihre Frau, an einen andern verheiratet, wiedersahen, durch Verheimlichung der Bigamie ihr Mitschuldiger wurden, und, obgleich sie einem andern gehörte, Zusammenkünfte mit ihr hatten; Zusammenkünfte, sage ich, denn Sie kamen wirklich mit ihr zusammen, um Aufträge in betreff meiner von ihr zu erhalten. Ich bin wohlwollend und argwöhne nichts Böses, aber andere werden nicht so sein. Dann kehren Sie nach ihrem Tode zurück und forschen nach Ihrem Sohne. Seine Identität ist erwiesen, und was nun? Nicht einmal die Hand geben Sie ihm, was doch die allgemeinste Höflichkeit erfordert haben würde – nein, Ihr erstes ist, daß Sie ihn aus dem Hause zu werfen und der Polizei zu übergeben suchen, wobei Sie in die Verlegenheit kommen, Ihre Gründe für ein solches Betragen zu nennen. Vielleicht haben Sie die Güte, mir diese Frage zu beantworten, denn ich vermag es wahrhaftig nicht.«

Meines geehrten Vaters Wut hatte inzwischen bis zu einem gewissen Grade nachgelassen. Er hörte alles, was ich ihm sagte, an und fühlte, wie höchst lächerlich er sich durch sein beabsichtigtes Verfahren gemacht haben würde. Während aber seine Wut sich legte, nahmen seine Schmerzen zu; er hatte ein Bein heftig beschädigt, es schwoll rasch, die Binden schnitten ein, und er litt die empfindlichsten Schmerzen. »O, o!« ächzte er.

»Mein teurer Vater, kann ich Ihnen helfen?«

»Zieh' die Glocke!«

»Es ist nicht nötig, fremden Beistand zu rufen, so lange ich zugegen bin, mein teurer General. Ich kann Sie wundärztlich behandeln und will, wenn Sie mir's gestatten, in kurzem Ihre Schmerzen lindern. Ihr Bein ist von der Anstrengung geschwollen, und die Binden müssen gelockert werden.«

Er gab keine Antwort, aber sein Gesicht war durch die entsetzlichen Schmerzen ganz verzogen. Ich löste ihm die Binden, was ihm beträchtliche Erleichterung gab. Hierauf legte ich sie kunstgemäß und mit großer Zartheit wieder an, nahm vom Seitentische die Lotion und befeuchtete die Binden damit. Nach wenigen Minuten fühlte er sich schon ganz erträglich. »Vielleicht, Sir«, sagte ich, »wäre es besser, wenn Sie ein wenig zu schlafen versuchten. Ich will ein Buch nehmen; es gewährt mir das größte Vergnügen, an Ihrer Seite zu wachen.«

Der General, erschöpft vom Schmerz und der Erregung, gab keine Antwort; er sank auf das Sofa zurück, und in kurzer Zeit begann er höchst behaglich zu schnarchen. Ich habe Dich überwunden, dachte ich, den Schlummernden beobachtend, und wenn es noch nicht geschehen ist, so will ich's vollenden; das ist mein fester Entschluß. Ich ging leise nach der Thüre, riegelte sie auf, ohne ihn zu wecken, befahl etwas Fleischbrühe, auf welche ich außen warten wollte, brachte das kleine Manöver glücklich zustande, und schloß die Thüre geräuschlos wieder zu. Dann stellte ich die Fleischbrühe auf den Rost, um sie warm zu halten, setzte mich auf den Stuhl und griff wieder nach dem Buche. Nach einer Stunde erwachte er und sah sich um.

»Haben Sie irgend ein Bedürfnis, mein teuerster Vater?« fragte ich.

Der General war unentschlossen, ob er die Feindseligkeiten wieder beginnen solle; endlich sagte er: »Ich wünsche den Beistand meiner Diener, Sir.«

»Der Beistand eines Dieners kann sich nicht mit den Leistungen Ihres eigenen Sohnes vergleichen, General«, erwiderte ich, ging ans Feuer und nahm den Teller mit der Fleischbrühe, den ich ihm nebst Zubehör und Serviette auf dem Brett präsentierte. »Ich erwartete, Sie würden Ihre Fleischbrühe begehren, und habe sie bereit gehalten.«

»Das wollte ich auch, ich muß es gestehen«, erwiderte mein Vater, und nahm die Brühe ohne weitere Bemerkung zu sich.

Ich trug das Brett wieder weg, holte die Lotion und befeuchtete die Binden noch einmal. »Kann ich irgend etwas Weiteres für Sie thun, Sir?« fragte ich.

»Nichts, ich befinde mich ganz wohl.«

»Dann, Sir«, erwiderte ich, »will ich mich beurlauben. Sie haben mir befohlen, auf immer aus Ihrem Angesichte zu gehen; Sie haben sogar Gewalt versucht. Gegen diese leistete ich Widerstand, weil ich Ihnen die peinliche Erinnerung ersparen wollte, einen Menschen, der große Ansprüche auf Sie geltend machen konnte und Ihnen nichts zuleide gethan hatte, insultiert zu haben. Auch ahndete ich es, weil ich Ihnen zeigen wollte, daß ich ein De Benyon sei, dessen Charakter keinen Schimpf erdulde. Wenn Sie aber glauben, General, ich sei in der Absicht, mich Ihnen aufzudrängen, hierher gekommen, so irren Sie sich sehr. Dazu bin ich zu stolz; auch machen mich glücklicherweise meine Fähigkeiten unabhängig, so daß ich Ihrer Hilfe nicht bedarf. Hätten Sie mich freundlich empfangen, glauben Sie mir, Sie würden ein dankbares, zärtliches, Ihre Freundlichkeit erwiderndes Herz gefunden haben. Sie würden einen Sohn gefunden haben, dessen einziger Lebenszweck es war, seinen ersehnten Vater zu entdecken, einen Sohn, der sich glücklich gefühlt hätte, Ihren Bedürfnissen entgegenzukommen, sich Ihren Wünschen zu fügen, Ihre Schmerzen zu lindern, in Ihrer Krankheit bei Ihnen zu wachen. Ein verlassener Findling, wie ich es so manche Jahre lang gewesen bin, hoffe ich, Ihnen doch keine Schande gemacht zu haben, General De Benyon; und wenn ich jemals etwas Unrechtes that, so geschah es aus Sehnsucht, Sie zu erforschen. Ich kann mich für die Wahrheit dieser Behauptung auf Lord Windermear berufen. Es ist, erlauben Sie mir, das zu sagen, eine sehr harte Prüfung – eine Feuerprobe, durch welche wenige mit heilen Gliedern gehen würden – wenn man in die Welt geworfen wird, wie ich, ohne Freund, ohne Eltern und Verwandte, ohne einen Menschen, von dem man Rat oder Hilfe erwarten konnte – wenn man gegen die Möglichkeit einer nicht anerkannten, vielleicht gar einer schimpflichen Herkunft kämpfen muß. Aber noch härter ist es, im Augenblicke, wo ich meine heißesten Wünsche erfüllt zu finden hoffe, mich, aus keinem andern Grunde, als daß ich meiner Mutter gleiche, verstoßen zu sehen. Um eines bitte ich, General De Benyon, und ich hoffe, es wird mir nicht abgeschlagen werden: ich bitte um die Erlaubnis, den Namen, zu dem ich berechtigt bin, führen zu dürfen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn nie beschimpfen werde. Und nun, Sir, ohne etwas Weiteres zu bitten oder zu erwarten, nehme ich Abschied mit der Versicherung, daß weder Armut, noch Entbehrung, noch Bekümmernis irgend einer Art mich je wieder dazu vermögen sollen, Ihnen beschwerlich zu fallen. General De Benyon, leben Sie wohl auf immer.« – Ich machte meinem Vater eine tiefe Verbeugung und ging.

»Halt, Sir!« rief der General. »Halt einen Augenblick, wenn's beliebt.«

Ich gehorchte.

»Warum hast Du mich aus der Fassung gebracht? Antworte mir!«

»Erlauben Sie mir zu bemerken, Sir, daß ich Sie nicht aus der Fassung gebracht, und was noch mehr, daß ich meine eigene Fassung über diese unverdiente, unerwartete, schimpfliche Beleidigung nicht einen Augenblick verloren habe.«

»Gerade das hat mich noch mehr aus der Fassung gebracht, Sir.«

»Das ist gar wohl möglich, aber deshalb bin ich nicht zu tadeln. Die stärkste Probe für einen vollkommenen Gentleman ist, daß er seine Leidenschaften zu beherrschen vermag, und ich wollte Sie überzeugen, daß ich nicht ganz ohne solche Ansprüche bin.«

»Das heißt so viel, als daß Dein Vater kein Gentleman sei – klingt ganz wie ein Beweis Deiner kindlichen Ehrfurcht!« rief der General mit Wärme.

»Weit entfernt, Sir; es giebt unglücklicherweise manche Gentlemen, welche nicht Meister über ihre Leidenschaften sind und deshalb mehr Mitleid als Tadel verdienen. Aber, Sir, wenn Ihnen etwas der Art widerfährt, so machen Sie unweigerlich ihren Fehler wieder gut, und zwar in vollem Maße, indem sie ihr Bedauern und ihre Entschuldigung ausdrücken.«

»Das heißt wohl so viel, als daß Du erwartest, ich soll Dich um Verzeihung bitten?«

»Erlauben Sie mir die Frage, Sir, ob Sie je einen De Benyon kannten, der sich eine Beleidigung gefallen ließ?«

»Nein, Sir, ich glaube nicht.«

»Nun denn, Sir, Menschen, denen ihr Stolz nicht gestattet, eine Beleidigung zu ertragen, sollten auch andern keine zufügen. Wenn Sie dies aber in der Hitze des Augenblickes gethan haben, so sollte derselbe Stolz Sie auf der Stelle zu einer Entschuldigung treiben, welche Sie nicht allein dem Beleidigten, sondern ihrem eigenen Charakter schuldig sind. Es liegt keine Schande in einer solchen Entschuldigung, wenn man einen Fehler begangen hat; aber eine große Schande ist es, einen solchen Akt der Gerechtigkeit und Genugtuung zu verweigern.«

»Aus alledem werde ich nun folgern müssen, daß Du eine Entschuldigung von mir erwartest?«

»General De Benyon, so weit es mich betrifft, ist das jetzt von geringer Bedeutung; wir scheiden und werden uns wahrscheinlich nie wieder sehen. Wenn Sie übrigens glauben, es könnte Ihnen eine Erleichterung gewähren, so bin ich bereit, es anzunehmen.«

»Aus dieser Bemerkung muß ich vermuten, daß Du es bestimmt erwartest und sonst nicht bleiben willst?«

»Ich dachte gar nicht ans Dableiben, General. Sie haben mir gesagt, daß ich auf immer enterbt und verstoßen sei. Keiner, der wie ein Mann empfindet, wird nach einer solchen Erklärung ans Dableiben denken.«

»Unter welchen Bedingungen darf ich denn annehmen, daß Du Dich dazu verstehen wirst, bei mir zu bleiben und diese ganze Scene zu vergessen?«

»Meine Bedingungen sind einfach, General. Sie müssen ausdrücklich sagen, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen und sehr bedauern, mich beleidigt zu haben.«

»Und wenn ich das unterlasse, so willst Du nicht wieder herkommen?«

»Ganz bestimmt nicht, Sir. Ich werde Ihnen allezeit das beste Wohlergehen wünschen, werde für Ihr Glück beten, Ihren Tod betrauern und, obwohl enterbt, Ihre Leiche als erster Leidtragender begleiten. Das ist meine Pflicht, weil ich Ihren Namen führe und Sie mich als Ihren Sohn anerkannt haben. Aber bei Ihnen zu leben, ja auch nur Sie gelegentlich zu besuchen, dazu werde ich mich nach dem, was heute vorgefallen ist, ohne eine Entschuldigung von Ihrer Seite nicht verstehen.«

»Ich wußte nicht, daß ein Vater seinen Sohn um Verzeihung bitten muß.«

»Sie entschuldigen sich, wenn Sie einen Fremden beleidigen; wie viel mehr sind Sie das einem nahen Verwandten schuldig?«

»Aber ein Vater hat Rechte auf seinen Sohn, junger Mensch, wogegen dieser nur Pflichten in die Wage legen darf.«

»Ich gebe zu, daß das im gewöhnlichen Lauf der Dinge der Fall ist; aber, General De Benyon, welche Rechte haben Sie als Vater an mich? Ein Sohn ist in den meisten Fällen seinen Eltern für die Pflege und Sorgfalt, die sie seiner Kindheit gewidmet haben, für Erziehung, religiösen Unterricht, für Berufswahl und Fortkommen im Leben verpflichtet; an alles dieses haben sie ihre Bemühungen, ihre Teilnahme verwendet, und wenn sie abgerufen werden, so hat er gegründete Erwartung, daß sie ihm einen Teil ihres Vermögens hinterlassen. Solche Kinder tragen eine schwere Schuld der Dankbarkeit für das, was sie empfangen haben, und werden außerdem von der Hoffnung auf das beherrscht, was sie noch erwarten dürfen. Bis zu diesem Tage, Sir, ist mir von ersterem nichts geworden, und an demselben Tage erfahre ich, daß ich von letzterem nichts zu hoffen habe. Erlauben Sie mir zu fragen, General De Benyon, auf welchen Grund hin Sie Ansprüche auf meine Kindespflichten machen? Gewiß weder für empfangene, noch für bevorstehende Wohlthaten. Aber ich fühle, daß ich ungelegen bin, und deshalb, Sir, mit tausend Wünschen für Ihr Wohlergehen sage ich Ihnen wiederholt Lebewohl.«

Ich ging hinaus und hatte schon halb die Thür hinter mir zugemacht, als der General mir nachrief: » Halt – geh' nicht – Japhet – mein Sohn – ich war im Zorn – ich bitte Dich um Verzeihung – bekümmere Dich nicht um meine Reden – ich bin ein leidenschaftlicher alter Narr –«

Wie er diese gebrochenen Worte hervorstieß, kehrte ich zu ihm zurück. Er streckte mir die Hand entgegen: »Vergieb mir, Knabe, vergieb Deinem Vater!« Ich kniete nieder und küßte seine Hand; er zog mich zu sich und ich weinte an seiner Brust.

*

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