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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
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Dreiundsiebzigstes Kapitel

Eine höchst gelehrte Disputation über breitrandige Hüte und graue Kleider, welche sehr zu meinem Vorteile ausfällt. Ich erreiche den großen Zweck meines Daseins. Zusammenkunft mit meinem Vater: kalter Empfang, ein Vorzeichen von heftiger Schwüle.

————

Wir kamen zu guter Zeit in Reading an, bestellten, sobald wir im Wirtshause abgestiegen waren, das Essen und gingen dann zur Apotheke, wo wir Freund Tim mit Pulvereinmachen und Signaturenschreiben sehr beschäftigt fanden. Er war entzückt, Herrn Masterton zu sehen, und als er bemerkte, daß ich meine Quäkerkleidung abgelegt hatte, trug er kein Bedenken, sich seinem Mutwillen zu überlassen, ein langes Gesicht zu machen und den alten Herrn auf die abgeschmackteste Weise von der Welt zu duzen. Wir schickten ihn zu Herrn Kophagus mit dem Auftrage, mich nebst Herrn Masterton zum Thee anzusagen und uns die Antwort ins Wirtshaus zu bringen. Dann gingen wir zu Tische.

»Ob sie jemals einen Quäker aus Ihnen machen können, Japhet«, sagte Herr Masterton unterwegs, »das ist mir zweifelhaft; aber mit diesem Burschen, dem Tim da, mögen sie zusehen.«

»Er spottet über alles«, gab ich zur Antwort, »und sieht alles im Lichte des Komischen. In keinem Falle werden sie ihn ernsthaft machen können.«

Am Abend verfügten wir uns zu Herrn Kophagus, der uns hatte begrüßen und einladen lassen. Ich ging zuerst in das Zimmer. Susanna kam, um mich zu begrüßen, trat aber mit tiefem Erröten zurück, als sie die Umwandlung in meinem Anzuge sah. Ich eilte an ihr vorüber, drückte Herrn Kophagus und seiner Frau die Hände und stellte dann Herrn Masterton vor.

»Wir konnten Dich kaum erkennen, Japhet«, bemerkte Frau Kophagus sanft.

»Ich hätte nicht geglaubt«, war meine Antwort, »daß solche Äußerlichkeiten, wie Kleider, mich meinen Freunden entfremden könnten; aber es scheint so, denn Susanna hat mich noch nicht einmal willkommen geheißen.«

»Ich grüße Dich, Japhet Newland, in aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit meines Herzens«, sagte Susanna, mir die Hand reichend, »doch hätte ich mir nicht eingebildet, daß Du in so kurzer Zeit schon das Zeichen unseres Glaubens ablegen würdest, – auch finde ich es nicht geziemend.«

»Miß Temple«, unterbrach sie Herr Masterton, »wenn Mr. Newland seine Kleidung abgelegt hat, so geschah es wohlmeinenden Freunden zu Gefallen. Ich hadere mit keinem Glauben. Jedem gebührt das Recht, sich den seinigen zu wählen, und Mr. Newland hat vielleicht keine schlimme Wahl getroffen, als er sich zu Ihren Satzungen bekannte. Möge er beständig darin verharren! Aber, meine schöne junge Dame, es giebt keine vollkommene Konfession: selbst in der Ihrigen finden wir Mängel. Unser Glaube predigt die Demut, und deshalb geben wir nicht zu, daß unser Freund das Gewand des Stolzes trage.«

»Des Stolzes, sprichst Du? Hat er nicht vielmehr dem Gewande der Demut entsagt und erscheint jetzt in der Kleidung des Stolzes?«

»Nein, meine junge Dame. Wenn wir uns kleiden wie alle Welt, so tragen wir nicht das Gewand des Stolzes; wenn wir aber eine Tracht anlegen, die uns von andern Leuten unterscheidet, dann zeigen wir unsern Stolz, und der schlimmste ist der heuchlerische Stolz, der die Maske der Demut trägt. Er ist der Stolz des Pharisäers, der auf dem Markte predigt und den Armen an den Ecken giebt, nicht die Demut des Zöllners, welcher ausruft: ›Herr, sei mir Sünder gnädig‹! Eure Tracht, welche sich für demütig ausgiebt, ist das Gewand des Stolzes, und aus diesem Grunde bestehen wir darauf, daß unser Freund, so lange er bei uns ist, sich anders kleide. In seinen Glauben mischen wir uns nicht, aber die Religion beruht nicht in der Kleidung, und das müßte ein schwacher Glaube sein, welcher des Gewandes zu seinem Halt bedürfte.«

Susanna war bestürzt über diese neue Wendung der Frage, welche der alte Sachwalter so geschickt herausgekehrt hatte. Frau Kophagus sah ihren Gatten an, der mich, offenbar beistimmend, in den Arm zwickte. Als Herr Masterton ausgeredet hatte, erwiederte Susanna nach kurzem Stillschweigen: »Es geziemt mir nicht, die ich jung und schwach bin, zu streiten mit Dir, der Du so hoch an Jahren über mir stehst. Ich kann mich nicht spitzfindig auf Meinungen einlassen, welche, wenn auch nicht ganz richtig, doch wenigstens auf die heilige Schrift gegründet sind; ich aber bin anders belehrt worden.«

»Dann lassen wir den Streit fallen, Miß Susanna, und erlauben Sie mir; Ihnen zu sagen, daß Japhet seine Quäkerkleidung wieder anziehen wollte, daß ich jedoch es war, der ihn daran hinderte. Wenn irgend jemand zu schelten ist, so bin ich's; aber es ist von keinem Belang, einem alten Manne, wie mir, zu zürnen.«

»Ich habe kein Recht, auf irgend jemanden zu zürnen.«

»Aber Du warst doch zornig auf mich, Susanna«, fiel ich ein.

»Ich kann nicht sagen, daß es Zorn gewesen sei, Japhet Newland. Ich weiß das Gefühl kaum zu benennen, aber ich hatte Unrecht und muß Dich um Verzeihung bitten.« Mit diesen Worten bot sie mir die Hand.

»Nun müssen Sie auch mir verzeihen, Miß Temple«, sagte der alte Masterton, und Susanna lachte unwillkürlich.

Die Unterhaltung wurde jetzt allgemein. Herr Masterton machte Herrn Kophagus mit seinem Gesuche bekannt, und dieser erklärte sich augenblicklich bereit. Es wurde verabredet, daß er am folgenden Tag mit der Post nach London gehen sollte. Herr Masterton sprach viel von meinem Vater und schilderte dessen Charakter in seinem wahren Lichte, da er glaubte, dies werde vorteilhaft für mich sein. Dann kam er auf eine Menge anderer Gegenstände und wußte die Gesellschaft recht angenehm zu unterhalten. Susanna hatte, ehe der Abend vorüber war, schon herzlich lachen gelernt.

Herr Masterton kehrte in das Hotel zurück, da ich in meinem eigenen Bette schlafen wollte. Ich begleitete ihn, und als ich wieder nach Hause kam, fand ich alle drei noch beisammen. Frau Kophagus drückte soeben ihr Vergnügen über die genossene Unterhaltung aus, als ich mit ernstem Gesichte eintrat. »Ich wollte, ich wäre nie von hier fortgegangen«, sagte ich zu ihr: »ich fürchte mich vor der Zusammenkunft mit meinem Vater, er wird den strengsten Gehorsam von mir fordern. Was soll ich thun? Muß ich ihm nicht gehorchen?«

»Freilich, Japhet«, erwiderte Susanna: »in allen erlaubten Dingen.«

»In allen erlaubten Dingen, Susanna! Nun handelt es sich gleich um einen Anzug. Herr Masterton sagt, mein Vater werde mir nimmermehr erlauben, in Quäkertracht zu erscheinen. Was soll ich thun?«

»Du hast Deinen Glauben und Deine Bibel zu Führern, Japhet.«

»Allerdings, und in der Bibel finde ich in dem Propheten des Herrn auf steinernen Tafeln geschrieben: ›Du sollst Vater und Mutter ehren.‹ Das ist ein ausdrückliches Gebot, aber ich finde nirgends eine Vorschrift, daß ich diese oder jene Kleidung tragen soll. – Was haltet Ihr davon?« fuhr ich fort, mich an alle wendend.

»Ich würde Dir zureden, Deinen Vater zu ehren, Japhet«, sagte Frau Kophagus.

»Und Susanna?«

»Ich glaube, ich will Dir gute Nacht sagen, Japhet.«

Über diese Antwort lachten wir alle zusammen, und auch auf Susannas Gesichte las ich ein Lächeln. Sie ging hinaus, ihre Schwester folgte ihr lachend, und ich blieb mit Herrn Kophagus allein.

»Wohlan, Japhet – alten Herrn sehen – küssen – Hände drücken – Segen und so.«

»Ja, Sir«, erwiderte ich, »aber wenn er mich übel behandelt, so werde ich wahrscheinlich bald wieder da sein. Ich fürchte, Susanna ist nicht ganz gut auf mich zu sprechen.«

»Pah, Unsinn – Frau weiß alles – stirbt für Dich, Japhet – thu', was Dir beliebt – kleide Dich – kleide sie – jede Tracht – keine gleich Even – listiges Kätzchen – läßt nicht von Dir – alles richtig und so.«

Ich drang in Herrn Kophagus, mir die volle Wahrheit zu sagen. Er erzählte mir, seine Frau habe gleich nach meiner Abreise Susanna, die sie in Thränen fand, ausgeforscht und das Geständnis ihrer innigen Liebe zu mir empfangen. Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich sagte ihm gute Nacht und ging als ein glücklicher Mensch zu Bett.

Am andern Morgen vor meiner Abreise fand ich noch Gelegenheit zu einer Unterredung mit Susanna, und obgleich ich nichts von Liebe sprach, so hatte ich doch allen Grund, zufrieden zu sein. Sie war freundlich und liebreich, redete in ihrer gewohnten ernsten Weise, warnte mich vor der Welt, gab zu, daß ich große Schwierigkeiten zu überwinden habe, und machte sogar meiner eigentümlichen Lage manches Zugeständnis. »Sie wage mir nicht zu raten«, sagte sie, »wolle aber für mich beten.« Sie zeigte mir mehr Teilnahme und Zutrauen, als ich jemals an ihr wahrgenommen hatte. Beim Abschiede sagte ich zu ihr: »Teure Susanna, was auch in meinen Glücksumständen und in meiner Tracht sich ändern mag, glaube mir, daß in meinem Herzen kein Wechsel vorgehen soll, und daß ich den Gesinnungen, die mir seit dem Anfang unserer Bekanntschaft eingeflößt wurden, immer treu bleiben werde.«

Diese Worte ließen eine doppelte Deutung zu. »Ich wünschte Dich vollkommen zu sehen, Japhet«, erwiderte Susanna: »aber auf Erden ist keine Vollkommenheit. Darum suche so vollkommen zu werden, als Du kannst.«

»Gott sei mit Dir, Susanna.«

»Der Segen des Herrn begleite Dich auf allen Deinen Wegen, Japhet«, erwiderte sie.

Ich schlang den Arm um ihren Leib und drückte sie schüchtern an meine Brust. Sie entwand sich mir sanft, und Thränen glänzten in ihren großen Augen, als sie das Zimmer verließ. Nach einer Viertelstunde befand ich mich mit Herrn Masterton auf der Londoner Straße. »Japhet«, sagte der alte Herr, »ich muß gestehen, Sie haben eine sehr vernünftige Wahl getroffen. Ihre kleine Quäkerin ist ein wunderliebliches Geschöpf; ich bin selbst in sie verliebt und glaube, daß sie an körperlichen Reizen Cäcilie De Clare weit übertrifft.«

»Gewiß, Sir?«

»Ja, ganz gewiß, ihr Gesicht ist klassischer und ihre Farbe steht über allem Vergleich. Soweit ich sie kenne, ist sie ein Muster von Reinheit.«

»Ihre Seele, Sir, ist so rein, wie ihr Leib.«

»Ich glaube es; sie hat einen starken Geist und denkt selbständig.«

»Hierin, Sir, fürchte ich, liegt die Schwierigkeit: sie wird in keinem Punkte nachgeben, wenn sie recht zu haben glaubt, nicht einmal aus Liebe zu mir.«

»Das glaube ich auch und bewundere sie darum. Aber, Japhet, sie wird sich überzeugen lassen, und Sie dürfen versichert sein, daß sie die äußerlichen Gebräuche ihrer Sekte aufgeben wird. Haben Sie gestern Abend bemerkt, welche tüchtige Speiche ich in Ihr Rad einsetzte, als ich behauptete, die äußeren Formen seien ein Zeichen des Stolzes? Lassen Sie das nachwirken, und ich stehe für die Folgen: sie wird diese Quäkerkleidung nicht mehr lange tragen. Wie schön müßte sie sein, wenn sie sich trüge wie andere Leute! Mich dünkt, ich sehe sie vor mir, wie sie in einen Ballsaal tritt.«

»Aber was glauben Sie, daß sie veranlassen könnte, ihren Glauben aufzugeben?«

»Ich sage nicht, daß sie ihn aufgeben werde; auch wünsche ich es nicht, so wenig, als ich es von Ihnen wünsche, Japhet. Es ist viel Schönes und Vollkommenes in diesem Glauben. Alles, was man sich hinweg denken möchte, sind die Kleider und die Ceremonien in den Versammlungen, die ich freilich abgeschmackt nennen muß. Vergessen Sie nicht, daß Miß Temple als Quäkerin erzogen worden ist: infolge der Ausschließlichkeit ihrer Sekte hat sie keine andere Art des Kultus kennen gelernt, noch einen Widerspruch gegen das, was ihr eingeimpft worden ist, vernommen. Lassen Sie sie aber ein paarmal in unsere Kirche kommen, lassen Sie sie das schöne Ritual und eine vernünftige Predigt hören. Gönnen Sie der Überzeugung Raum bei ihr, daß man nichts Unrechtes von ihr verlange, lassen Sie sie selber denken und handeln, und mein Wort darauf, wenn sie eine Vergleichung anstellt, zwischen dem, was sie bei uns vernimmt, und dem Unsinn, der gelegentlich in den Konventikeln von solchen, die sich für inspiriert halten, zu Tage gefördert wird, so muß sie selbst fühlen, daß, obgleich die Satzungen ihres Glaubens dem Christentum am nächsten stehen mögen, dennoch die äußeren Formen und Gebräuche unvollkommen sind. Ich verlasse mich auf ihre eigene Vernunft.«

»Sie machen mich sehr glücklich durch diese Versicherung.«

»So denk' ich nun einmal von ihr, und rechtfertigt sie mich, so will ich gehenkt sein, wenn ich nicht Lust bekomme, sie zu adoptieren.«

»Was halten Sie von Mrs. Kophagus, Sir?«

»Ich glaube, daß sie in ihrem Herzen nicht quäkerischer ist, als ich selbst. Sie ist ein lebhaftes, fröhliches, herzensgutes Wesen und würde nichts dagegen haben, gleich morgen mit Straußenfedern und Diamanten zu erscheinen.«

»Von Mr. Kophagus kann ich Sie versichern, Sir, daß er noch immer nach seinen blauen baumwollenen, gestrickten Hosen und seinen Halbstiefeln seufzt.«

»Um so mehr ist er ein Narr! Übrigens kommt mir das gelegen, denn es bringt mich auf einen Gedanken, den ich bei Gelegenheit ausführen will. Für jetzt beschäftigt uns diese verhängnisvolle Zusammenkunft mit Ihrem Vater.«

Wir kamen zur Mittagszeit in London an. Herr Masterton hatte das Essen in seine Wohnung bestellt. Da jedoch der alte Herr durch die zweitägige Reise ein wenig ermüdet war, so wünschte ich ihm zeitig gute Nacht.

»Erinnern Sie sich, Japhet, daß wir morgen um ein Uhr im Adelphi-Hotel sein müssen. Kommen Sie zeitig.«

Ich erschien am andern Tage zur bestimmten Stunde bei Herrn Masterton, und wir fuhren nach dem Hotel, wo mein Vater abgestiegen war. Bei unserer Ankunft wurden wir in ein Zimmer zu ebener Erde geführt, wo wir Herrn Kophagus und zwei von den Direktoren des Findelhauses fanden.

»Wahrhaftig, Mr. Masterton«, sagte einer der letzteren, »man sollte denken, wir kommen, um Audienz bei einem souveränen Fürsten zu haben und Gefälligkeiten zu empfangen, statt zu gewähren. Meine Zeit ist kostbar. Ich sollte schon seit einer halben Stunde in der City sein, und dieser alte Nabob läßt uns warten, als wenn wir Bittsteller wären.«

Herr Masterton lachte. »Wir wollen alle zusammen hinaufgehen«, sagte er, »ohne zu warten, bis man uns ruft.«

Er rief einen von den Kellnern und gebot ihm, uns bei General De Benyon zu melden. Die andern folgten ihm und ließen mich allein. Ich muß gestehen, daß ich in einiger Bewegung war. Ich hörte oben die Thüre öffnen, dann vernahm ich ein zorniges Geheul, wie von einer wilden Bestie; die Thüre ging noch einmal, dann wurde alles still. »Und dies«, sagte ich, »ist der Erfolg meiner süßen Träume, meiner heißen Wünsche, meines schwärmerischen Forschens. Anstatt mit Sehnsucht seinen Sohn herbeizurufen, verlangt er streitsüchtig nach Beweisen, und wenn er die befriedigendsten empfangen hat, so will er deren immer noch mehr haben. Sie sagen, seine Gemütsart sei grenzenlos gewaltthätig, Unterwerfung reize ihn, statt ihn zu besänftigen. Was nun, wenn er mich erzürnt? Ich habe schon oft gehört, daß man Leuten dieser Art am besten mit ihren eigenen Waffen begegnet – ich denke, ich will's versuchen – doch nein, ich habe kein Recht dazu, aber jedenfalls will ich fest bleiben und unter allen Umständen meine Fassung behalten. Ich will ihm wenigstens zeigen, daß sein Sohn den Geist und die Gesinnungen eines Gentlemans besitzt.«

Während diese Gedanken mir durch die Seele gingen, öffnete sich die Thüre, und Herr Masterton ersuchte mich, ihm zu folgen. Ich gehorchte mit klopfendem Herzen. Als wir die Treppe erstiegen hatten, nahm mich Herr Masterton bei der Hand und führte mich vor meinen lang gesuchten, vor meinen gefürchteten Vater. – Ich will ihn und die ganze Scene beschreiben.

Ich trat in ein langes, schmales Zimmer, an dessen entgegengesetztem Ende ein großes Sofa stand, und auf diesem ruhte mein Vater, die Krücken gegen die Wand gelegt, mit seinem verletzten Beine. Auf jeder Seite von ihm stand eine große Stange mit einem prachtvollen Papagei, und zunächst bei diesen zwei indische Diener in ihren Mousselinkleidern, mit gekreuzten Armen seiner Befehle harrend. Auf dem Tische vor dem Sofa befand sich eine kostbar mit Silber ausgelegte Hooka, deren Rohr unter dem Tische durchging, so daß das Mundstück im Bereiche meines geehrten Vaters war. Auf der einen Seite des Zimmers saßen die beiden Direktoren, auf der andern Herr Kophagus in seiner Quäkertracht; der leere Stuhl neben ihm gehörte Herrn Masterton. Ich blickte meinen Vater an: Er war ein hochgewachsener Mann, dessen Größe mehr als sechs Fuß betrug, von starken Körperformen, ohne auffallend fett zu sein, denn er schien eher hager, war aber breitschulterig, muskulös, und ich schätzte sein Gewicht auf eine beträchtliche Höhe. Sein großes Haupt stand im Verhältnis zu dem Körper; auch seine Züge hatten denselben großen Maßstab. Seine Farbe war braungelb, sein Haar dagegen schneeweiß. Er trug einen sehr großen und am Halse zusammengewachsenen Backenbart. Diese ebenfalls schneeweiße Mähne, die sein Gesicht einfaßte und gegen dessen Farbe abstach, gab der ganzen Erscheinung weit mehr das Ansehen eines Königstigers aus Bengalen, als eines Gentleman. General De Benyon sah zu, wie der alte Rechtsgelehrte mich bis auf einige Schritte gegen seinen Tisch mit den Worten vorführte: »Gönnen Sie mir das Vergnügen, Ihnen Ihren Sohn Japhet vorzustellen.«

Keine Hand bewegte sich, um mich zu bewillkommen. Mein Vater heftete seine stolzen grauen Augen eine Sekunde lang auf mich und dann wandte er sich zu den Direktoren des Findelhauses.

»Ist dies die Person, Gentlemen, welche Sie als Kind erhalten und unter dem Namen Japhet Newland erzogen haben?«

Die Direktoren bezeugten, daß ich es sei, daß sie mich bei Herrn Kophagus untergebracht und seit dem Abgange aus dem Findelhause mehr als einmal gesehen hätten.

»Ist dies der Japhet Newland«, wandte er sich an Herrn Kophagus, »den Sie von diesen Herren übernahmen und zu Ihrem Geschäfte anhielten?«

»Ja und Amen – ich bestätige es – tüchtiger Bursche – guter Junge und so.«

»Ich will keine Quäkerversicherungen! Wollen Sie Ihren Eid ablegen, Sir?«

»Ja!« erwiderte Kophagus, seine Quäkerschaft vergessend: »Eid ablegen – Bibel bringen – Buch küssen und so.«

»Also Sie, ein Quäker, bedenken sich nicht, die Identität dieser Person zu beschwören?«

»Beschwören!« rief Kophagus, »ja, schwören – gleich schwören – nicht Japhet sein! – will verdammt sein – zur Hölle fahren und so.«

Die übrigen Anwesenden konnten bei dem Ausbruche meines alten Lehrherrn das Lachen so wenig unterdrücken, als ich. Herr Masterton fragte hierauf den General, ob er noch mehr Beweise verlange.

»Nein!« brummte dieser und sagte seinen Bedienten einige Worte in hindostanischer Sprache, worauf sie alsbald die Thüre öffneten. Der Wink wurde verstanden. »Nach einer so langen Trennung, Gentlemen«, sagte Herr Masterton ironisch zu den andern, »ist es natürlich, daß der General allein zu sein wünscht, um seinen väterlichen Gefühlen Luft machen zu können.«

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