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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Einundsiebzigstes Kapitel

Meines Vaters Geschichte.

————

Ich schickte die Kutsche fort, Herr Masterton gab Befehle in betreff des Essens, dann schlossen wir die Thüre ab, um jeder Störung zu begegnen, und nun hob ich an. Es wurde beinahe Essenszeit, bis ich mit meiner Erzählung zu Ende kam.

»Wahrhaftig«, bemerkte Herr Masterton, »Sie scheinen dazu geboren, um auf die wunderbarste Weise in Klemmen hinein und aus denselben wieder heraus zu geraten. Ihr Leben gäbe den Stoff zu einem hübschen Roman.«

»Fürwahr, Sir«, erwiderte ich. »Ich hoffe nur, daß es, wie alle Romane, mit ›Ende gut, alles gut‹ schließen möge.«

»Ich ebenfalls; aber das Essen ist fertig, Japhet, und nach Tisch wollen wir unser Thema noch einmal durchsprechen, denn es sind noch einige Punkte übrig, welche Aufklärung verlangen.«

Wir setzten uns zu Tisch. Nachdem wir gespeist hatten und die Tafel abgeräumt war, begaben wir uns mit unserer Flasche Wein an den Kamin. Herr Masterton schürte das Feuer, ließ sich seine Pantoffeln bringen, kreuzte seine Beine über der Schutzplatte und kam wieder auf den Gegenstand zurück.

»Japhet«, begann er, »ich betrachte es als einen sehr glücklichen Zufall, daß wir uns trafen, ehe Sie sich Ihrem Vater vorstellen konnten. Sie haben sich insofern zu gratulieren, als Ihre Familie unleugbar eine angesehene ist, indem sich, wie Sie wissen, eine irische Pairie darin befindet. Auf diese haben Sie übrigens keine Aussicht, da der gegenwärtige Graf eine zahlreiche Familie besitzt. Auch in finanzieller Hinsicht sind Sie glücklich, denn ich habe allen Grund, Ihren Vater, der natürlich außer Ihnen keine Kinder hat, für einen sehr reichen Mann zu halten. Aber nun muß ich Sie darauf vorbereiten, einen Mann in ihm zu finden, der von dem Bilde Ihrer angenehmen Jugendträume vielleicht weit verschieden ist. Ihr Vater hat, so viel ich ihn beurteilen konnte, keine elterlichen Gefühle. Er besitzt großen Reichtum, für den er einen Erben wünscht, und deshalb hat er nach Ihnen gesucht. Außerdem ist er despotisch, gewaltthätig und abgeschmackt; der geringste Widerspruch gegen seinen Willen macht ihn wütend, und – mit Bedauern füge ich es hinzu – ich fürchte, er denkt gemein. Er hat in seiner Jugend grausam durch Armut gelitten, denn sein eigener Vater war ebenso gebieterisch und unversöhnlich, wie er selbst. Nun will ich Ihnen die Gründe mitteilen, warum Sie als Kind dem Findelhause übergeben worden sind. Ihr Großvater hatte Ihrem Vater eine Stelle in der Armee zugedacht und verschaffte ihm auch bald darauf ein Leutnantspatent. Nun befahl er ihm, eine junge Dame von großem Vermögen, die er in seinem Leben nie gesehen hatte, zu heiraten, und berief ihn deshalb zu sich. Ich hörte, sie sei sehr schön gewesen, und hätte Ihr Vater sie gesehen, so würde er vermutlich keine Einwendung gemacht haben; thörichterweise aber sandte er eine unumwundene Absage und wurde dafür auf immer verstoßen. Kurze Zeit darauf verliebte er sich in eine junge Dame von sehr reizendem Äußern, welche noch außerdem für eine reiche Erbin galt. Er betrog sie, indem er vorgab, er sei der Erbe der Grafschaft. Nach einer flüchtigen Bewerbung entflohen sie und wurden getraut. Als sie ihre Rechnungen ausglichen, was nicht lange anstand, ergab es sich, daß er nichts als seinen Subalternsold, und sie ihrerseits keinen Shilling besaß. Ihr Vater wurde wütend – hieß seine Frau eine Betrügerin – sie gab ihm das zurück – und so wurde der zweite Morgen nach der Trauung auf ihrer Seite in Thränen, auf seiner in Flüchen und Schmähungen zugebracht. Die Dame übrigens schien von beiden Teilen der verständigste zu sein. Von ihrer Heirat hatte sie nichts mitgeteilt; sie war von Hause weggegangen mit dem Vorgeben, eine Verwandte zu besuchen, und in dem Grafschaftsstädtchen, wo sie wohnte, hatte man auch nichts anderes geglaubt. ›Was sollten wir uns auf diese Weise zanken?‹ bemerkte sie. ›Du, William, wolltest ein Vermögen heiraten, nicht mich; ich muß mich derselben Zweideutigkeit schuldig bekennen. Wir haben einen Irrtum begangen, aber es ist ja noch nicht zu spät, ihn wieder aufzuheben. Man glaubt, ich mache einen Besuch und Du seiest für ein paar Tage auf Urlaub. Hast Du Dein Geheimnis einem Deiner Kameraden anvertraut?‹ – ›Keinem‹, murmelte Ihr Vater. – ›Wohlan, trennen wir uns denn, als ob nichts vorgefallen wäre; wir können nichts Klügeres thun. Wir haben beide gleich triftige Gründe, unser Geheimnis zu verschweigen. Bist Du einverstanden?‹ – Ihr Vater willigte augenblicklich ein. Er begleitete Ihre Mutter zu dem befreundeten Hause, wo man sie erwartete, und sie erfand ein Märchen für ihr Ausbleiben, welches durch ihre Begegnung mit einem so artigen jungen Mann veranlaßt worden sei. Ihr Vater kehrte zu seinem Regiment zurück, und so machten sie es wie zwei Kaper, welche auf einander losgehen, ohne zu entern, alsbald aber, wenn sie ihres Irrtums gewahr werden, ihre Flaggen aufhissen und in gegenseitigem Einverständnis voneinander abstoßen.«

»Ich kann«, bemerkte ich, »meiner Mutter nicht eben sonderlich viel Gemüt und Zartsinn nachrühmen.«

»Je weniger Sie davon reden, desto besser, Japhet. Übrigens war das Ihres Vaters Sache. Fahren wir fort. Zwei Monate nachher empfing Ihr Vater einen Brief von Ihrer Mutter, mit der Nachricht, daß jenes kurze Zusammensein in gewisser Beziehung sich folgenreich erwiesen habe, und mit der Bitte, die nötigen Maßregeln zur Geheimhaltung und Versorgung des Kindes zu übernehmen, da sie sonst ihre Trauung bekannt zu machen genötigt sein würde. Auf welche Weise es dem Paare gelang, die Sache bis zur Entbindung zu verbergen, das weiß ich nicht; Ihr Vater aber sagt, Sie seien in einem Hause zu London geboren und verabredetermaßen sogleich in seine Hände gebracht worden. Er habe Sie hierauf im Einverständnis mit seiner Frau, samt dem Zettel und der Banknote, nach welcher Sie den Namen Newland erhielten, am Thore des Findelhauses ausgesetzt. Damals dachte er nicht daran, Sie zu reklamieren; Ihre Mutter jedoch, so herzlos sie auch sonst gewesen zu sein scheint, mußte doch wohl mütterlich fühlen und hatte diese Absicht. Das Regiment ihres Vaters wurde hierauf nach Ostindien beordert, wo er wegen seiner Tapferkeit und guten Aufführung während des Krieges in Mysore schnell von einer Stufe zur andern stieg. Nur einmal war er in dieser Zeit auf Urlaub nach Hause gekommen, und damals hatte er sich nach Ihnen erkundigt, übrigens nicht aus eigenem Antriebe, wie es scheint, sondern um Ihrer Mutter Wort zu halten.«

»Meiner Mutter! Wie, haben sie sich denn seitdem gesehen?«

»Ja, Ihre Mutter ging auf gut Glück nach Indien, wo sie sich für ein lediges Mädchen ausgab und eine sehr gute Heirat schloß – so hätte ich bald gesagt, vielmehr aber muß ich behaupten, daß sie sich die glänzendste Bigamie zu schulden kommen ließ.«

»Gott im Himmel, wie charakterlos!«

»Ihr Vater, Japhet, behauptet, Ihre Mutter sei ein Freigeist gewesen, wozu ihr eigener Vater sie gemacht. Ohne Religion hat ein Weib keinen Halt. Nun war Ihr Vater eben in dortigen Hochlanden, als sie ankam und sich an ein Mitglied des Rates zu Kalkutta verheiratete. Er sagt, sie hätten sich auf einem Ball im Regierungspalaste getroffen. Sie war noch immer eine sehr schöne Frau, welche die allgemeinste Bewunderung genoß. Als Ihr Vater sie erkannte und erfuhr, daß sie erst kürzlich den ehrenwerten Mr. *** geheiratet, war er wie vom Donner gerührt und wollte den Saal verlassen. Sie aber hatte ihn erblickt, schritt mit der größten Kaltblütigkeit auf ihn zu und sprach ihn als einen alten Bekannten aus England an. Auf diese Weise trafen sie sich öfter, ohne daß sie jedoch des früheren Verhältnisses erwähnt hätte. Als er aber im Begriffe war, auf Urlaub nach England zu gehen, ließ sie ihn rufen und bat ihn, Erkundigungen nach Ihnen, Japhet, anzustellen. Dies that er, und Sie wissen das Ergebnis. Als er nach Indien zurückkam, erfuhr er, daß Ihre Mutter von der Pest hinweggerafft worden sei. Damals war Ihr Vater noch nicht reich; nun aber wurde ihm das Oberkommando in Karnalik übertragen, wo ihm sein Glück und seine Tapferkeit eine goldene Ernte verschafften. Es scheint, nach allem, was ich von ihm herausbringen konnte, daß er bei Lebzeiten Ihrer Mutter keine Teilnahme für Sie empfand; jener Todesfall jedoch und die Reichtümer, mit denen er überschüttet wurde, haben seine Gefühle geändert, und er wünscht nun, einen Erben zu haben, dem er sein Vermögen hinterlassen könnte. – Dies, Japhet, ist ein Abriß von Ihres Vaters Geschichte; Sie ersehen daraus, daß er im Augenblicke keine Zärtlichkeit für Sie empfindet. Die Aufführung Ihrer Mutter schwebt ihm noch immer vor Augen, und wäre es ihm nicht um den Erben zu thun, so könnte ich beinahe sagen, daß er einen Widerwillen empfinde. Allerdings mögen Sie imstande sein, sein Herz zu erobern, auch kann er vielleicht angenehm von Ihrer Persönlichkeit berührt werden, aber Sie haben da eine schwierige Aufgabe, da Sie sich allen seinen Launen und Grillen unterwerfen müssen, was, wie ich fürchte, einem so hohen Geist beinahe unerträglich sein wird.«

»Wahrhaftig, Sir«, erwiderte ich, »ich beginne zu fühlen, daß die süßesten Hoffnungen selten erfüllt werden, und möchte beinahe wünschen, mein Vater hätte gar nicht nach mir gefragt. Ich war so glücklich, so zufrieden, und nun sehe ich keine Hoffnung, mir zu dem Wechsel Glück wünschen zu dürfen.«

»Noch möchte ich Sie über einige Punkte befragen, Japhet. Es scheint, Sie haben sich unter die Sekte der Quäker aufnehmen lassen. Sagen Sie mir, der Wahrheit gemäß, bekennen Sie sich aufrichtig und von Herzen zu ihren Lehren und, muß ich hinzusetzen, ist es Ihre Absicht, bei ihnen zu bleiben? Hierbei sehe ich gar vieles, was uns noch Schwierigkeiten bereiten dürfte.«

»Ich glaube allerdings, daß die Satzungen dieser Sekte mehr als alle andern dem Christentume entsprechen, auch stehe ich keinen Augenblick an, so weit ich die Anhänger dieser Sekte kenne, zu behaupten, daß ihr Leben ihrer Lehre angemessen ist. Einige Eigentümlichkeiten, die mit ihrem Gottesdienste verbunden sind, sah ich im ersten Augenblick für lächerlich an; dieser Eindruck hat sich aber nach und nach verloren. Was ihre gedehnte Redeweise betrifft, so ist sie vom Gerücht sehr übertrieben worden; ihre Kleidung ist ein Teil ihrer Religion.«

»Wieso, Japhet?«

»Ich kann Ihnen mit Susanna Temple antworten, an welche ich dieselbe Frage stellte. ›Du hältst‹, sagte sie, ›unsere eigentümliche Kleidung für eine unwesentliche Nebensache. Wir legen sie an, um uns von anderen abzusondern, und als einen Beweis unserer Aufrichtigkeit; auch das Ablegen der Tracht ist ein solcher Beweis. Wir halten dafür, daß es eitel sei, das Äußere eines Menschen zu bewundern: unser Glaube beruht auf der Demut. Darum ist es ein äußerliches und sichtbares Zeichen, daß wir den Satzungen, die wir bekennen, nachleben wollen. Nicht alle, welche die Quäkerkleidung tragen, sind Gläubige in ihrem Herzen und in ihrer Aufführung; wir wissen aber, daß, wer sie ablegt, auch von unsern Glaubenslehren sich lossagt: darum halten wir sie für etwas Wesentliches. Ich will nicht behaupten, daß ohne solch ein äußerliches Zeichen das Herz nicht ebenso rein, der Glaube nicht ebenso fest bleiben könne, aber es ist nun einmal ein Teil von unserm Bekenntnis. Wir haben keine Wahl, wir müssen entweder alles behalten oder alles verwerfen‹.«

»Die kleine Quäkerin argumentiert gar nicht übel, aber jetzt noch eine Frage, Japhet. Haben Sie große Anhänglichkeit an diese junge Puritanerin?«

»Ich kann es nicht leugnen, daß ich sie aufrichtig liebe.«

»Geht Ihre Liebe so weit, daß Sie um ihretwillen ein Quäker bleiben und sie heiraten würden?«

»Die Frage habe ich wohl hundertmal in den letzten vierundzwanzig Stunden mir selbst vorgelegt, kann mich aber noch nicht entscheiden. Wenn sie sich wie andere Leute tragen und mir gestatten wollte, dasselbe zu thun, so wollt' ich sie gleich morgen heiraten; ob ich mich aber entschließen könnte, mich ganz ihrer Konfession zu widmen und als Quäker zu leben und zu sterben, das ist wieder eine andere Frage. Ich fürchte, nein – ich bin zu weltlich gesinnt. Eigentlich befinde ich mich in einer recht unbequemen Lage dem Mädchen gegenüber: ich habe ihr mein Herz nie offenbart, noch um Erwiderung gebeten; aber sie weiß, daß ich sie liebe, und ich weiß, daß sie mich liebt.«

»Sie schmeicheln sich wie alle eitlen Jungen.«

»Ich kann es Ihrem Urteil überlassen, Sir«, erwiderte ich, indem ich ihm unser Abschiedsgespräch und die Scene bei meiner nochmaligen Zurückkunft erzählte.

»Das sind allerdings sehr kräftige Beweise; aber sagen Sie mir, Japhet, glauben Sie so sehr von ihr geliebt zu sein, daß sie alles um Ihretwillen verlassen könnte?«

»Nein, Sir, das wird sie nie, dazu ist sie viel zu hochgesinnt. Sie mag tief darunter leiden, aber nimmer wird sie von dem, was sie für das Rechte hält, abfallen.«

»Es muß ein schöner Charakter sein, Japhet; Sie aber geraten in ein übles Dilemma. Wahrhaftig, mir däucht, Ihre Trübsale beginnen jetzt erst recht, statt zu endigen, und Sie wären in Ihrer bisherigen Lage viel glücklicher gewesen, als Sie bei Ihrem neuen Eintritte in die Welt sein werden. Ihre Aussichten sind nicht sonderlich heiter: Sie haben es mit einem unangenehmen Vater zu thun, kommen, wie ich ahne, unter eine scharfe Tyrannei und werden, obgleich Sie jetzt wieder in die Gesellschaft eintreten, dennoch alles nur für Eitelkeit und Qual der Seele erkennen.«

»Ich fürchte, Sie haben recht, Sir«, gab ich zur Antwort, »aber was mir auch bevorstehen mag, es ist doch immer etwas gewonnen, wenn ein Mann aus einem guten Hause mich als seinen Sohn anerkennt. Ich war Fortunas Spielball mein Leben lang, und vielleicht hat sie noch nicht mit mir ausgespielt. Doch es ist spät, ich will Ihnen jetzt gute Nacht sagen.«

»Gute Nacht, lieber Japhet, wenn ich irgend etwas erfahre, so will ich es Sie wissen lassen. Lady De Clares Adresse ist Nr. 13, Parkstreet. Sie werden natürlich sobald als möglich dahin gehen.«

»Ja wohl, Sir, sobald ich meinen Freunden in Reading geschrieben habe.«

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