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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Siebzigstes Kapitel

Rückkehr nach London. Besuch bei Herrn Masterton.

————

Ich ging auf mein Zimmer, wo ich alles bereit fand. Hierauf nahm ich Abschied von Herrn und Frau Kophagus, welche beide die Hoffnung aussprachen, daß ich sie nicht auf immer verlassen würde. »O nein«, entgegnete ich, »das wäre abscheulich von mir.« – Ich verließ sie und ging aus dem Hause, Ephraim mit dem Mantelsack hinter mir her. Nach zwanzig Schritten fiel mir ein, daß ich das Zeitungsblatt mit der Adresse auf dem Tisch gelassen hatte. Ich hieß Ephraim vorangehen, und kehrte zurück. Als ich in das Zimmer trat, saß Susanna daselbst, den Kopf auf die Hand gestützt und weinte. Sie fuhr bei dem Geräusch der geöffneten Thüre empor und wandte sich bei meinem Anblick ab. »Ich bitte um Vergebung, ich hatte das Blatt vergessen«, sagte ich, stammelnd. Ich war im Begriff, mich ihr zu Füßen zu werfen, meine Liebe zu bekennen und jeden Gedanken an meinen Vater aufzugeben, bis wir verheiratet wären, – als sie, ohne ein Wort zu sagen, rasch an mir vorüber und aus dem Zimmer eilte. Sie liebt mich also! dachte ich; Gott sei Dank! Jetzt will ich nicht gehen, sondern erst mit ihr sprechen. Ich setzte mich nieder, von streitenden Gefühlen ganz überwältigt. Aber das Papier war in meiner Hand; noch einmal fiel mir der Artikel in die Augen, ich dachte nur noch an meinen Vater und verließ das Haus.

Nach einer halben Stunde hatte ich mich von Tim verabschiedet, und Reading lag hinter mir. Wie ich in London ankam, das heißt, was sich unterwegs begab, oder an welchen Gegenständen wir vorüber kamen, weiß ich nicht mehr, – so groß war meine Aufregung. Kaum vermag ich meinen damaligen Zustand zu beschreiben. Es war eine Art von geistigem Wirbelsturm, der mich ganz schwindlig machte. Alles tanzte vor meinen Augen, mein Vater und die erwartete Zusammenkunft, dann Susanna, meine Abreise und ihre Thränen – Gebilde jeder Art, die sich im Kreise um mich bewegten. Als die Post anhielt, blieb ich unbeweglich oben sitzen, ohne zu bemerken, daß wir in London seien, bis der Kutscher heraufrief, ob mich der Geist nicht bewege, endlich einmal herunter zu gehen? Ich kam wieder zu mir, rief eine Mietskutsche an und befahl nach der Piazza, Coventgarden, zu fahren.

»Piazza, Coventgarden?« sagte der Mann; »ei, das ist kein Hotel für Euresgleichen, Meister. Sie werden Euch zu Tode quälen, die jungen Herren dort.«

Ich hatte ganz vergessen, daß ich als Quäker gekleidet war. »Der Kutscher soll am ersten Kleider-Magazin, wo es fertige Mäntel giebt, anhalten«, sagte ich. Dies geschah, ich stieg aus und kaufte einen Überrock, der meine ganze Gestalt verbarg. Dann hielt ich noch an einem Hutladen, um einen modernen Hut zu kaufen. »Nun zur Piazza!« sagte ich, wieder in die Kutsche springend. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte mir einmal vorgenommen, dieses Hotel zu wählen. Es war mein Quartier bei meiner ersten Ankunft in London gewesen, und ich wünschte, es wieder zu sehen. Als die Mietskutsche vor der Thüre hielt, fragte ich den heraustretenden Kellner, ob er freie Zimmer habe. Er bejahte es, ich folgte ihm und wurde in dieselben Gemächer geführt, die ich damals bezogen hatte. »Diese gefallen mir«, sagte ich; »nun bringt mir etwas zu essen und sendet nach einem guten Schneider.« Der Kellner wollte mir den Mantel abnehmen, ich lehnte es aber ab und gab vor, es friere mich. Als er das Zimmer verlassen hatte, warf ich mich auf das Sofa und ließ alles, was ich zwischen diesen Wänden mit Carbonnell, Harcourt und andern erlebt hatte, an meiner Seele vorübergehen, bis die Meldung, daß der Schneider da sei, meine Gedanken unterbrach. »Halt«, sagte ich, »laßt ihn erst heraufkommen, wenn ich klingle« – so sehr schämte ich mich über meine Quäkerkleidung, daß ich Rock und Weste abwarf und den Mantel wieder anlegte, ehe ich die Glocke zog. »Mr. ***«, sagte ich, als der Schneider kam, »ich muß einen Anzug haben, und zwar bis morgen Vormittag zehn Uhr.«

»Unmöglich, Sir.«

»Unmöglich!« rief ich. »Und Sie geben sich für einen fashionabeln Schneider aus? Sie sind entlassen.«

Dieses entschiedene Betragen gab dem Schneider eine Ahnung, daß ich eine bedeutende Person sein müsse. »Ich will mein Möglichstes thun, Sir, und wenn ich nur noch bei Zeiten nach Hause kommen kann, ehe meine Leute fortgegangen sind, so denke ich, es sollte sich machen lassen. Natürlich wissen Sie, was eine Nachtarbeit kostet.«

»Ich weiß nur so viel, daß, wenn ich einmal einen Befehl gebe, ich ihn vollzogen zu sehen gewohnt bin; ich lernte das von meinem verstorbenen Freunde, Major Carbonell.«

Er verbeugte sich tief. Es lag eine Magie in dem Namen, obgleich sein Besitzer schon tot war.

»Ich habe mich da einer puritanischen jungen Dame zu Gefallen als Quäker vermummt und muß jetzt wieder fort, ohne andere Kleider in meinem Mantelsacke zu haben; also nehmen Sie Maß und Punkt zehn Uhr erwarte ich die Kleider.« Mit diesen Worten warf ich den Überrock ab und hieß den Schneider ans Werk gehen, worauf er sich empfahl. Bald nachher öffnete sich die Thüre wieder, und wie ich so in meinem Mantel gehüllt auf dem Sofa lag, trat zu meinem großen Verdruß der Wirt mit zwei Kellnern herein, deren jeder ein Gericht meines Abendessens trug. Ich wünschte sie alle drei zum Henker; meine Bestürzung wuchs jedoch, als der Wirt in einer tiefen Verbeugung sagte: »Ich bin sehr glücklich, Mr. Newland, Sie wieder bei mir zu sehen. Sie waren geraume Zeit abwesend – vermutlich wieder eine große Tour?«

»Ja, Mr. –, ich habe einige Abenteuer gehabt, seit ich bei Ihnen war«, erwiderte ich nachlässig; »aber ich fühle mich nicht ganz wohl. Sie können das Essen dalassen, und wenn mir der Appetit kommt, so will ich gelegentlich einen Bissen nehmen; ich bedarf keiner Aufwartung.«

Wirt und Kellner verbeugten sich und gingen hinaus. Nun schloß ich die Thür, zog meinen Quäkerrock an und hielt ein tüchtiges Nachtessen; denn ich hatte seit dem Frühstück nichts zu mir genommen. Als ich damit zu Ende war, legte ich mich wieder auf das Sofa und konnte nicht umhin, mein Betragen zu zergliedern. »Ach, Susanna«, dachte ich, »wie richtig hast Du mich beurteilt! Noch bin ich nicht länger als achtzehn Stunden von Dir entfernt, und schon schäme ich mich der Kleidung, die ich so lange und so gern in Deiner Gesellschaft getragen habe. Du hast die Wahrheit getroffen, als Du sagtest, ich sei voll Stolz und würde mit Freuden in diese Welt der Eitelkeit und des glänzenden Elends zurückkehren.« Ich dachte an Susanna, an ihre Thränen nach meiner Abreise und war wegen meines Mangels an Seelenstärke und wegen meiner weltlichen Gesinnungen ganz mit mir selbst zerfallen.

Zeitig ging ich zu Bett und erwachte am andern Morgen ziemlich spät. Als ich die Glocke zog. brachte das Stubenmädchen meine fertig gewordenen Kleider herein. Ich legte sie an und will nicht leugnen, daß ich mit der Verwandlung zufrieden war. Nach dem Frühstück bestellte ich eine Kutsche, um nach Nr. 16, Throgmorton-Court, Minories, zu fahren. Das Haus war außen schmutzig, und die Fenster offenbar seit Jahren nicht abgewaschen, so daß ich bei meinen Eintritt nur mit Mühe einen großen, hagern Mann an einem Schreibtisch unterscheiden konnte.

»Was steht zu Diensten, Sir?« redete er mich an.

»Bin ich bei dem Prinzipal?« erwiderte ich.

»Ja, Sir, mein Name ist Chatfield.«

»Ich komme zu Ihnen, Sir, wegen einer Anzeige, die in den Zeitungen erschienen ist. Dies Blatt mag Ihnen das Weitere erklären.« Ich legte es hin und deutete auf den Artikel.

»Ah, ganz richtig! Können Sie uns einen Aufschluß geben?«

»Ja, Sir, das kann ich, und zwar einen sehr befriedigenden.«

»Dann muß ich bedauern, Sir, daß Sie so viele Mühe haben, aber Sie müssen bei einem Advokaten in Lincoln's Inn, Namens Masterton, vorsprechen, der jetzt die ganze Sache in Händen hat.«

»Können Sie mir sagen, Sir, wer denn eigentlich nach diesem jungen Manne fragt?«

»Ei freilich, ein General De Benyon, welcher kürzlich aus Ostindien zurückgekommen ist.«

»Guter Gott, ist es möglich? rief ich bei mir aus: »wie wunderbar, daß meine schwärmende Phantasie den Vater in ihm gefunden hat!«

Ich eilte fort, warf mich in die Mietskutsche und befahl, nach Lincoln's Inn zu fahren. Dort stürmte ich zu Herrn Masterton hinauf, den ich glücklicherweise zu Hause fand, wiewohl er mit dem Hut auf dem Kopf und in seinem Überrocke, zum Ausgehen bereit, am Tische stand.

»Mein theurer Sir, haben Sie mich vergessen?« rief ich mit einer von Rührung erstickten Stimme, seine Hand ergreifend und vor Freude fast zerdrückend.

»Beim Himmel, Sie scheinen die Absicht zu haben, daß ich Sie auf einige Minuten wenigstens gewiß nicht vergessen soll!« rief er, die Hand vor Schmerzen reibend. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Herr Masterton sah nichts ohne seine Brille, und meine unterdrückte Stimme hatte er nicht erkannt. Da ich schwieg, so griff er nach der Brille, setzte sie auf die Nase und rief: »Wie? – ach freilich – Japhet – nicht?«

»Allerdings, Sir«, erwiderte ich, abermals meine Hand hinstreckend, die er mit Wärme schüttelte.

»Nicht so fest, mein lieber Junge«, rief der alte Rechtsgelehrte; »ich erkenne Ihre Stärke an, und das ist genug. Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen, Japhet, sehr vergnügt – Sie – Sie Ausreißer – Sie undankbarer Bursche! Setzen Sie sich, setzen Sie sich – helfen Sie mir erst den Überrock ausziehen – vermutlich hat Sie der Artikel wieder ins Dasein gebracht. Ja, ja, es ist alles richtig, Sie haben doch endlich Ihren Vater gefunden, oder vielmehr er Sie. Und was noch seltsamer ist, Sie haben ihn wirklich erraten; wunderbar, in der That höchst wunderbar!«

»Wo ist er, Sir?« unterbrach ich ihn: »wo ist er? Führen Sie mich zu ihm!«

»Muß um Entschuldigung bitten«, erwiderte Herr Masterton: »Er ist nach Irland gegangen, also müssen Sie warten.«

»Warten, Sir? Um keinen Preis! Ich muß ihm folgen.«

»Damit können Sie sich nur schaden, denn er ist ein wunderbarer Kauz von einem alten Gentleman, der, obwohl er zugesteht, daß er Sie als Japhet ins Findelhaus gegeben und nachher sich nach Ihnen erkundigt habe, dennoch so besorgt ist, man möchte ihm irgend einen Wechselbalg aufbinden, daß er ganz unleugbare Beweise haben will. Nun können wir Ihre Spur vom Findelhause an nicht weiter verfolgen, bis dieser Kophagus ausfindig gemacht ist, den wir wie eine Stecknadel, aber bis jetzt vergebens, gesucht haben.«

»Erst gestern Morgen verließ ich ihn, Sir«, erwiderte ich.

»Gut, sehr gut! Wir müssen ihn holen lassen, oder zu ihm gehen. Überdies hat er auch das Paket, das in Miß Maitlands Händen war und die Beweise für die Ehe Ihres Vaters enthält. Höchst wunderbar, in der That außerordentlich wunderbar, daß Sie auch darauf verfallen sind! Es ist beinahe übernatürlich. Ihr Vater ist ein sehr wunderlicher Herr. Er hat sein ganzes Leben, wie ein Despot, unter Sklaven zugebracht und läßt sich seinen Willen nicht durchkreuzen, das kann ich Sie versichern. Wenn Sie ihm mit einem Worte widersprechen, so enterbt er Sie – ein schrecklicher, alter Tiger, das muß man sagen. Wäre es mir nicht um Sie gewesen, ich hätte ihn schon längst ausgegeben. Er scheint zu glauben, die ganze Welt müsse zu seinen Füßen liegen. Verlassen Sie sich darauf, Japhet, es hat keine Eile, ihn zu sehen; auch sollen Sie ihn nicht eher sehen, als bis wir jeglichen Beweis Ihrer Identität ihm vorlegen können. Ich hoffe, Sie haben einen starken Ehrfurchtssinn, Japhet, und eine Quantität kindlicher Pflichtgefühle; sonst sind Sie binnen einer Woche mit Fußtritten aus dem Hause geworfen. Der T... soll mich holen, wenn er mich nicht einen alten Dieb von Advokaten hieß.«

»Wahrhaftig, Sir«, erwiderte ich lachend, »da muß ich für meinen Vater um Entschuldigung bitten.«

»Still, still, Japhet, ich kümmere mich nicht um Kleinigkeiten. Aber warum fragen Sie nicht nach Ihren Freunden?«

»Ich sehne mich, von ihnen zu hören, Sir«, erwiderte ich. »Lord Windermear –«

»Ist recht wohl und wird äußerst erfreut sein, Sie zu sehen.«

»Lady De Clare und ihre Tochter?«

»Lady De Clare ist wieder in die Gesellschaft zurückgekehrt, und die Tochter, wie Sie sie nennen, – Ihre Flita, alias Cäcilie De Clare, – ist die Blume der Residenz. Aber jetzt, Sir, nachdem ich alle Ihre Fragen beantwortet und Sie über die wesentlichsten Punkte zufrieden gestellt habe, werden Sie mir den Gefallen thun, mich mit der Geschichte Ihrer Abenteuer zu beehren, denn Abenteuer müssen Sie natürlich gehabt haben, seit Sie Ihren Freunden auf diese undankbare Weise davongelaufen sind.«

»Ich bin ganz bereit, Sir. Allerdings habe ich, wie Sie sagen, Abenteuer erlebt. Das wird übrigens eine lange Geschichte geben.«

»Dann wollen wir hier speisen und den Abend beisammen bleiben. So, das wäre denn im reinen.«

*

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