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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Neunundsechzigstes Kapitel

Eine unerwartete Kunde reißt mich aus meiner Sphäre heraus und ich seufze wieder nach der vornehmen Welt.

————

Ich merkte wohl, daß er nur im Scherze sprach, aber ich achtete nicht darauf und war froh über seinen Entschluß. Er wurde jetzt mein Gehilfe, rezeptierte unter meiner Leitung, lernte die Eigenschaften der verschiedenen Arzneimittel, mußte medizinische und chirurgische Bücher lesen, und nach ein paar Monaten konnte ich ihm die ganze Apotheke anvertrauen. Da ich außerdem einen Laufburschen hatte und Timothy das Geschäft nach Tische allein besorgte, so blieb mir viel freie Zeit. Mein Geschäft gedieh; ich legte Geld zurück. Meine Mußestunden brachte ich, wie ich kaum zu sagen brauche, bei Herrn und Frau Kophagus zu, und meine Neigung für Susanna Temple wuchs mit jedem Tage. Mein Freund und seine Frau sahen die Heirat schon für ausgemachte Sache an und neckten mich häufig in Susannas Abwesenheit. Was jedoch das Mädchen betraf, so vermochte ich mich nicht zu überzeugen, daß ich seit den zwei ersten Monaten weitere Fortschritte in ihrer Gunst gemacht hatte. Sie war immer freundlich und aufmerksam, augenscheinlich für mein Wohlergehen besorgt, ein wenig streng gegen alles, was wie Leichtfertigkeit aussah, offen und zutraulich mit ihren Ansichten, und liebreich gegen alle, nur, wie mir schien, nicht gegen mich. Dies kam jedoch daher, daß ich nicht so mit ihr zu reden wagte, wie ich es mir bei einem minder vollkommenen Wesen herausgenommen haben würde. Und doch lächelte sie, wie mich dünkte, bei meiner Heimkunft freundlicher, als sonst; auch schien sie nie meiner Gesellschaft müde zu werden. Sprach ich gelegentlich von der Brautschaft eines Bekannten, oder von Aufmerksamkeiten, welche allem Dafürhalten nach mit einer Heirat endigen würden, so brachte das weder Verwirrung, noch Erröten bei ihr hervor; sie redete so ruhig, wie alle andern, über den Gegenstand. Ich wußte nicht, wie ich daran sei. Ich war nun ein Jahr und neun Monate beständig in ihrer Gesellschaft gewesen, und hatte ihr niemals meine Liebe zu gestehen gewagt. Eines Tages aber brachte Herr Kophagus, als wir allein waren, die Sache zur Sprache. Er hob mit einer Beschreibung seines häuslichen Glückes an, sagte, er habe alle Hoffnung auf Nachkommenschaft aufgegeben, weshalb er seine Schwägerin Susanna Temple gut verheiratet zu sehen wünsche, um ihren Kindern sein Vermögen hinterlassen zu können, und nun stellte er die sehr angemessene Frage: »Japhet – wahrlich – vorwärts gebracht – gutes Geschäft – geht viel Geld ein – Haus gründen – heiraten – Kinder bekommen und so. Susanna – hübsches Mädchen – brave Frau – Antrag – losdrücken – verschlagenes Kätzchen – sagt nicht nein – mmh – was meinst Du? – und so.«

Ich erwiderte ihm, ich fühle eine tiefe Neigung zu ihr, ich fürchte aber, dieselbe werde nicht erwidert, und dies sei der Grund, warum ich mit meinem Antrag zurückhalte. Hierauf erklärte er mir, er wolle das Mädchen durch seine Frau ausforschen lassen und mir das Ergebnis mitteilen.

Diese Unterredung hatte am andern Morgen, unmittelbar ehe ich in die Apotheke ging, stattgefunden. Ich verließ das Haus in großer Spannung. Als ich in die Apotheke kam, fand ich, wie gewöhnlich, meinen Tim daselbst; aber sein Angesicht leuchtete heller, denn sonst, als er mit den Worten: »Lies dies, Japhet«, mir den »Reading-Merkur« in die Hände gab. Ich las folgende Anzeige darin:

»Wenn Japhet Newland, welcher dem Findelhause übergeben wurde und sich nachher einige Zeit in London aufhielt, in Nr. 16, Throgmorten-Court, Minories, anfragen will, so wird er daselbst etwas für ihn sehr Vorteilhaftes vernehmen und den Gegenstand seiner langen Nachforschungen kennen lernen. Sollten ihm diese Zeilen zu Gesicht kommen, so wird er gebeten, augenblicklich an die obige Adresse zu schreiben und vollständige Auskunft über seine gegenwärtige Lage zu geben. Wofern irgend jemand, der diese Zeilen liest, imstande sein sollte, eine Mitteilung in Hinsicht des besagten J. N. zu machen, so darf er auf eine gute Belohnung zählen.«

Ich sank auf einen Stuhl. »Barmherziger Himmel!« rief ich, »dies kann kein Irrtum sein. ›Den Gegenstand seiner Nachforschungen kennen lernen!‹ Timothy, liebster Freund, endlich hab' ich meinen Vater gesunden!«

»Ich möchte es ebenfalls glauben, lieber Japhet«, erwiderte er, »und ich hoffe, es werde sich nicht als Täuschung ausweisen.«

»Wer würde auch so grausam sein, Timothy?«

»Offenbar ist Mr. Masterton bei der Sache beteiligt«, bemerkte Tim.

»Wieso?« fragte ich.

»Wie wäre der Artikel sonst in die hiesige Zeitung gekommen? Er muß das Postzeichen meines Briefes erkannt haben.«

Um diese Bemerkung zu erklären, muß ich einen Umstand nachholen. Man wird sich erinnern, daß Timothy Herrn Masterton für den Fall, daß er mich fände, zu schreiben versprochen hatte. Nun bat er mich, kurz nach unserem Wiedersehen, um Erlaubnis hierzu. Ich gestattete ihm, sein Wort zu halten, verbot ihm aber aufs strengste, irgend etwas weiter zu sagen, als: er habe mich gefunden, ich sei wohl und glücklich. Auch enthielt jener Brief nicht das mindeste Merkmal, welches Herrn Masterton hätte auf unsere Spur bringen mögen, und so war es denn nur das Postzeichen, woraus er möglicherweise einen Schluß ziehen konnte, daß Herr Masterton die Veröffentlichung jener Anzeige, wenn sie nicht auf gutem Grunde beruhte, veranlaßt haben würde.

»Was willst Du thun, Japhet?«

»Ich?« rief ich, aus meinen Träumereien ausfahrend, denn diese Nachricht hatte alle meine schlummernden Gefühle wieder aufgeweckt, »noch diesen Morgen will ich nach London reisen.«

»In Deinem jetzigen Aufzuge, Japhet?«

»Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, denn ich habe keine Zeit, um Kleider zu bestellen«, erwiderte ich, und alle meine früheren Ansichten von Mode und schrecklichem Aussehen waren wieder in volles Leben getreten; mein alter Stolz hatte seine Herrschaft wieder erlangt.

»Gut«, erwiderte Timothy, »ich hoffe, Du wirst Deinen Vater so finden, wie Du ihn nur wünschen kannst.«

»Ich rechne darauf, Tim, ich rechne darauf. Jetzt mußt Du aber eilen und in der ersten Post einen Platz bestellen.«

»Du wirst Dich aber doch bei Herrn und Frau Kophagus und – bei Miß Temple verabschieden«, sagte Tim, einen Nachdruck auf Susannas Namen legend.

»Natürlich!« erwiderte ich, tief errötend. »Ich will sogleich hingehen. Gieb mir die Zeitung, Tim.«

Ich nahm das Blatt und eilte hinüber. Alle drei saßen im Frühstückzimmer, Herr Kophagus, wie gewöhnlich, mit der Brille auf der Nase lesend, die Damen mit weiblicher Arbeit beschäftigt.

»Was giebt es, Freund Japhet?« rief Herr Kophagus, als ich mit leuchtendem Antlitz ins Zimmer stürzte.

»Lesen Sie das, Sir!« Und ich gab ihm das Zeitungsblatt.

»Mmh – böse Neuigkeit – Japhet verlieren – vornehmer Herr und so«, sagte er, indem er seiner Gattin die Zeitung gab und auf den Artikel deutete.

Inzwischen hatte ich Susannas Züge beobachtet: bei den Worten ihres Schwagers war eine leichte Bewegung, die sie jedoch augenblicklich unterdrückte, darüber hingegangen; dann blieb sie ruhig, bis ihre Schwester, die den Artikel inzwischen gelesen, ihr das Blatt übergab.

»Ich wünsche Dir Glück, Japhet, zu der Aussicht, Deinen Vater kennen zu lernen«, sagte Frau Kophagus; »ich hoffe, Du wirst einen Mann in ihm finden, welcher Achtung als Mensch verdient. Wann reisest Du ab?«

»Auf der Stelle.«

»Ich kann Dich nicht tadeln; die Bande der Natur sind immer mächtig. Ich hoffe, Du wirst uns schreiben, und wir werden Dich bald wiedersehen.«

»Ja, ja«, versetzte Kophagus, – »Vater sehen – Hände drücken – zurückkommen – he? – häuslich niederlassen und so.«

»Ich werde vielleicht nicht so ganz mein eigener Herr sein«, bemerkte ich. »Wenn mein Vater verlangt, daß ich bei ihm bleibe, muß ich ihm nicht gehorchen? Für den Augenblick weiß ich ja noch gar nichts. Ich werde bald von ihm hören lassen. Inzwischen ist Timothy mein Stellvertreter in – « Es war mir unerträglich, das Wort Apotheke auszusprechen; ich hielt inne. Susanna blickte mir eine Zeitlang still in die Augen. Herr und Frau Kophagus, welche wahrscheinlich über den Gegenstand jener Unterredung miteinander gesprochen hatten und den jetzigen Augenblick für eine gute Gelegenheit zu einer Erklärung zwischen uns beiden halten mochten, verließen das Zimmer unter dem Vorwande, nach meinem Reisesack und nach meiner Wäsche sehen zu wollen.

»Susanna«, sagte ich, »Du scheinst meine Freude nicht zu teilen.«

»Japhet Newland, ich freue mich über alles, was zu Deinem Frieden dient, das glaube mir, aber ich fürchte, diese Versuchung möchte für Dich zu groß sein, als daß Du nicht abfallen müßtest. Ja, schon jetzt gewahre ich, daß neue Gedanken und Gebilde des Stolzes in Dir aufsteigen.«

»Wenn ich unrecht habe, so vergieb mir. Du mußt wissen, Susanna, daß die Forschung nach meinem Vater von jeher der einzige Zweck meines Daseins gewesen ist. Jetzt, da ich allen Grund habe, meinen Wunsch für erreicht zu halten, kannst Du Dich wundern, kannst Du mich schelten, wenn ich mich nach seiner Umarmung sehne?«

»Nein, Japhet, ich lobe Dich um dieser kindlichen Gefühle willen, aber frage Dein eigenes Herz, ob diese Empfindung die einzige ist, die Dich so aufregt. Hoffst Du nicht, in Deinem Vater einen Mann von Rang und Macht zu finden? Genießest Du nicht jetzt schon den Augenblick voraus, wo Du wieder eintrittst in die Welt, die Du verlassen, und nach der Du Dich doch immer gesehnt hast? Fühlst Du nicht bereits Verachtung gegen Dein ehrliches Gewerbe? Ja, noch mehr, verlangt es Dich nicht schon, nicht nur die schlichte Kleidung, sondern auch die Gemeinde, deren Satzungen Du in Deinen Widerwärtigkeiten annahmst, loszuwerden? Frage Dein eigen Herz und antworte, wenn Du magst, aber ich dränge Dich nicht dazu, denn die Wahrheit würde peinlich sein, und eine Lüge, Du weißt es, verabscheue ich von ganzem Gemüte.«

Ich fühlte, daß Susanna die Wahrheit sprach, und wollte es nicht leugnen. »Susanna«, sagte ich, mich an ihre Seite setzend, »es ist nicht leicht, sich auf einmal umzuwandeln. Ich habe lange in der Welt gelebt, und bei Dir noch nicht zwei Jahre. Ich will nicht leugnen, daß die Gefühle, von welchen Du sprachst, in meinem Herzen aufgestiegen sind, aber ich will sie zu unterdrücken suchen, – um Deinetwillen wünschte ich das zu thun, denn ich schätze Deine Meinung höher, als die ganze Welt. Du hast die Gewalt, aus mir zu machen, was Dir gefällt; willst Du diese Macht ausüben?«

»Japhet«, erwiderte Susanna, »der Glaube, welcher auf keiner festeren Grundlage ruht, als auf dem Wunsche, die Gunst eines irrenden Geschöpfes, wie ich, zu gewinnen, ist nur schwach. Diese Gewalt, von welcher Du hoffst, daß sie Dich auf dem rechten Pfad erhalten werde, kann bald zu Ende sein, und was soll Dich alsdann leiten? Wenn keine reineren Beweggründe, als irdische Gefühle, Deine Stütze sind, so wirst Du gewißlich fallen. Aber nichts mehr davon. Du hast jetzt Deine Pflicht zu erfüllen, Du sollst zu Deinem irdischen Vater gehen und seinen Segen holen. Ja, ich wünsche sogar, daß Du noch einmal in die Welt gehst, um allda Dich zu entscheiden. Solltest Du zu uns zurückkehren, so werden Deine Freunde sich freuen, und keiner von allen wird dann froher sein, als Susanna Temple. Lebe wohl, Japhet, mögest Du die Versuchung bestehen. Ich will für Dich beten, inbrünstig will ich für Dich beten, Japhet«, schloß sie mit bebenden Lippen und zitternder Stimme, während sie aus dem Gemache schritt.

*

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