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Japhet, der einen Vater sucht

Frederick Marryat: Japhet, der einen Vater sucht - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleJaphet, der einen Vater sucht
publisherVerlag von Carl Zieger Nachf.
year1889
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectiddfecfff8
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Sechstes Kapitel

Trotz meiner wirksamen und schmackhaften Rezepte verliere ich meine Patientin. Fehde der Montagues und Capulets. Der Ausgang anders als in der Tragödie: Mercutio kommt mit einem blauen Auge davon.

————

Am andern Tage ließ ich durch Timothy stark rectifizierten weißen Branntwein kaufen, färbte ihn mit einer blauen Tinktur, goß ein wenig Zimmtessenz dazu, um den Geruch zu verbergen, und sandte zwölf große Flaschen, sorgfältig verpackt und gesiegelt, in ihre Wohnung. Von jetzt an kam sie seltener, außer etwa morgens früh. Dagegen machte ich häufig Besuche bei ihr, aber nicht als Liebhaber, sondern um Geld in Empfang zu nehmen. Eines Tages bat ich sie um Erlaubnis, einer Versammlung beiwohnen zu dürfen, und sie willigte augenblicklich ein; denn wir standen auf dem vertrautesten Fuße, und seit ich aufgehört hatte, den Narren zu spielen, durfte ich ganze Stunden bei ihr bleiben. Sie hatte, ihrem Worte getreu, das Gesicht wieder übermalt, aber da ich wußte, welche Schönheit unter dieser Schminke verborgen war, so fühlte ich keinen Widerwillen mehr.

Timothy war mit seinem Anteil an dieser Geschäftsverbindung sehr zufrieden, denn er brachte der Dame selten die Arznei, ohne eine halbe Krone einzustecken.

Zwei oder drei Monate lang ging das alles ganz befriedigend. Eines Abends aber kam Timothy, der seinen Korb mit Flaschen zu Miß Judd hatte tragen wollen, in großer Bestürzung zurück mit der Nachricht, er habe die Wohnung leer gefunden. Er hatte die Nachbarn gefragt und aus ihren sehr widersprechenden Berichten schien hervorzugehen, daß die Gegenprophetin am letzten Abend an der Spitze ihrer Proselyten herangezogen sei, Einlaß erzwungen und einen verzweifelten Kampf angefangen, daß ferner die Polizei, die man herbeigerufen, beide Parteien auf die Wache geführt habe; daß endlich die ganze Sache von der Obrigkeit untersucht worden sei, und Miß Judd nebst allen ihren Anhängern ins Zuchthaus geschickt werden würde. Dies war hinlänglich, um zwei Knaben, wie uns, zu erschrecken. Noch viele Tage lang zitterten wir, wenn Leute in die Apotheke kamen, beständig in der Erwartung, vorgefordert und eingesteckt zu werden. Nach und nach jedoch verminderte sich unsere Furcht, aber von Miß Aramathea Judd habe ich seit dieser Zeit nicht das Geringste mehr vernommen.

Nach dieser Begebenheit widmete ich mich ausschließlich meinem Beruf und machte, indem ich den Rat meiner jungen Freundin befolgte, rasche Fortschritte, sowohl in meinem Fache, als in den allgemeinen Wissenschaften; meine Gedanken aber weilten, wie immer, bei meiner Herkunft und ihrem Geheimnis. Mein stetes Brüten wurde zuletzt so quälend, daß ich, um mich zu zerstreuen, zum Lesen meine Zuflucht nahm. Ich abonnierte in einer guten Leihbibliothek und ließ mich selten ohne ein Buch in der Hand sehen.

Inzwischen war ich beinahe dritthalb Jahre bei Herrn Kophagus gewesen, als ein Ereignis eintrat, welches ich mit all' der Würde, die es verdient, zu beschreiben versuchen muß.

Wir leben in einer Welt der Ehrsucht, der Rivalität, des Neides. Ein Volk eifert mit dem andern und kämpft, bis auf jeder Seite ein paar tausend Kehlen abgeschnitten sind und die eine Partei merkt, daß sie den Kürzern gezogen hat. Ein Mann eifert mit dem andern: daher Verleumdung, Zweikampf, Tod. Das Weib eifert mit dem Weibe: daher Verlust des Rufes und der Stellung in der vornehmen, Verlust der Haare und Pantoffelgefechte in der niederen Gesellschaft. Was Wunder also, daß diese allgemeine Leidenschaft, ohne sich vor Asa foedita und Blausäure zu fürchten, auch in die Apothekerläden eindringt? Nur zwei Straßen, zwei sehr kurze Straßen von uns, mit einer einzigen Vorderseite versehen, stand die Apotheke des Mr. Ebenezer Pleggit. Dank sei dem Himmel, nur eine einzige Vorderseite hatte sie, und hierin wenigstens, da wir ein Eckhaus bewohnten, war der Vorzug auf unserer Seite. In andern Punkten waren die Vorteile gleichmäßiger abgewogen. Mr. Pleggit hatte zwei große bunte Flaschen mehr in den Fenstern, als wir; wir aber hatten zwei Rosse und er nur eines. Er überzog seine Flaschen mit roten, wir die unseren mit äußerst schönem blauen Papier. Es ist nicht zu leugnen – denn auch dem Feinde will ich Gerechtigkeit widerfahren lassen –, daß nach Mr. Brookes Abgang Mr. Pleggit zwei Gehilfen und Mr. Kophagus nur einen hatte, aber dieser eine war Mr. Japhet Newland! Außerdem war der eine von jenen einäugig, und der andere schielte fürchterlich, so daß, wenn wir's auf die Augen ankommen ließen, der Vorteil meines Erachtens völlig auf unserer Seite war, im Geschmackspunkt nun einmal ganz entschieden, denn wer wird nicht lieber auf seinen Kaminaufsatz eine einzige hübsche, elegante Vase, als zwei beschädigte, plumpe irdene Geschirre stellen? Es ist wahr, Mr. Pleggit prangte mit einem vergoldeten Mörser und Stößel über der Thüre, eine Verzierung, welche Mr. Kophagus bei der Einrichtung seiner Apotheke anzubringen unterlassen hatte; aber den Mörser entstellte ein großer Riß, dem Stößel fehlte sein Kolben. Nun sei es mir erlaubt, die Sachverständigen zu fragen: was ist ein Stößel ohne Kolben? Im ganzen, denke ich, hatten wir mit dem Vorteil der beiden Vorderseiten, worin wir uns mit Janus vergleichen konnten, die Oberhand; aber ich will die Entscheidung jedem Unparteiischen überlassen.

Alles, was ich sagen kann, ist, daß die Fehden der feindseligen Häuser höchst bitter waren, eingefleischt der Haß und unermeßlich die gegenseitige Verachtung. Wenn Mr. Ebenezer Pleggit mit Mr. Phineas Kophagus in der Straße zusammentraf, so begann jener augenblicklich auszuspucken, als hätte er eine seiner eigenen schnöde verfälschten Arzneien im Halse. Zur Erwiderung erhob Mr. Kophagus seinerseits augenblicklich sein Rohr von der Nase bis hoch über die Stirn, so drohend, daß der andere volles Recht gehabt hätte, ihn Urfehde schwören zu lassen, und murmelte: »Scheußlicher Windbeutel – versteht nichts – mmh – Patienten sterben und so.«

Man kann sich leicht denken, daß dieser feindselige Geist auch die unteren Sphären der beiden Häuser beherrschte. Die Gehilfen und ich lebten in tödlicher Fehde; eine noch tödlichere aber fand zwischen den Knaben statt, welche die Arzneien austrugen, und – da ihre Körbe gewissermaßen als die Feldzeichen der streitenden Parteien angesehen werden konnten – den gefährlichen und ehrenvollen Posten der Standartenträger bekleideten.

Timothy, obgleich der gutherzigste Bursche von der Welt, war doch ein so guter Parteimann, als sich Johnson nur einen hätte wünschen mögen. Wenn sein Korb zuweilen nicht ganz so voll war, wie gewöhnlich, so füllte er ihn lieber unten mit leeren Flaschen auf, nur damit der Kredit des Hauses nicht leiden und der Ausfall nicht ein spöttisches Lächeln auf dem Munde seines rothaarigen Konkurrenten, falls sie zufällig auf ihrer Runde zusammenträfen, hervorrufen möchte. Indessen war es noch zu keinem Ausbruch weder bei den Prinzipalen noch bei den Untergebenen der feindlichen Parteien gekommen; aber es stand in den Sternen geschrieben, daß diese Ruhe nicht länger anhalten sollte.

Glühend von dem ganzen Hasse, welcher die Herzen der Capulets und Montagues durch tägliches »Daumenbeißen«, ohne Entschuldigung für den Affront, Jahre lang gegen einander zur Wut entzündete, traf Timotheus Oldmixon – denn Sünde wäre es, bei einer solchen Gelegenheit nicht seinen ganzen Namen zu nennen – als er, in glühendem Haß und voller Hast, den wohlgefüllten Arzneikorb am linken Arm, eben um eine Straßenecke biegen wollte, da traf er, gegen ihn rennend mit gleicher Hast und mit nicht minder glühendem Hasse, den rothaarigen Mercurius des Mr. Ebenezer Pleggit. Mächtig war der Stoß der Körbe, die gegeneinander prallten, schrecklich das Krachen so vieler Flaschen und schauderhaft der vermischte Geruch all' des Greuels, der durch das Weidengeflecht hervorsprudelte. Zwei Damen von Billingsgate, welche sich soeben in der Nähe dem Fluß ihrer Rednertalente überließen, hielten plötzlich inne. Zwei Kater auf einem benachbarten Dache, die sich eben mit den Augen das Signal gegeben hatten und mit den Klauen die Schlacht eröffnen wollten, wandten sich und blickten auf die verhängnisvolle Scene hinunter. Zwei politische Widersacher brachen ihre lärmenden Gründe ab. Zwei Gassenkehrer hörten auf zu klingeln, und zwei Straßenjungen, welche eben Kirschen aus den Hüten aßen, achteten auf ihr Naschwerk nicht weiter und standen starr vor Schrecken da.

Sie trafen aufeinander und trafen sich mit solcher Heftigkeit, daß jeder einige Schritte zurückprallte, aber gleich mannhaften Rittern behielt jeder seinen Korb und blieb fest auf seinen Füßen. Nur eine Pause von zwei Sekunden, um Atem zu schöpfen, dann ein vernichtender, flammender Blick von seiten Timothys, erwidert von seinem Gegner; ein Blitz der Erinnerung bei jedem, daß er das Gesetz auf seiner Seite habe, und »Nimm das!« brüllte Timothy, indem er einen wohlgerichteten Schlag mit seiner rechten und rechtschaffenen Hand gegen das linke und linkische Auge des Feindes führte: »Nimm das!« wiederholte er, während dieser rückwärts taumelte: »Nimm das und geh zum Teufel dafür, daß Du gegen einen Gentleman anrennst!«

Der Rötlichbehaarte hatte seinen Rückzug genommen, denn der Schlag war so heftig gewesen, daß er nicht anders konnte, und wir müssen ja alle dem Schicksal gehorchen. Allein nicht aus Furcht war er zurückgewichen. Einen bittern Trank ergriff er mit der Aufschrift »Sogleich einzunehmen«, schleuderte ihn mit dämonischer Kraft dem mutigen Tim gerade ins Angesicht, und »Nimm Du das!« schrie er mit ingrimmigem Kreischen. Das Wurfgeschoß, so gut gerichtet, als die Speere der homerischen Helden, fuhr mit voller Wucht auf den Sattel von Tims Nase, das zerbrechliche Glas ging in Stücke, mehrfache Wunden in seinem Gesicht schlagend, und goß, um diese gleich wieder zu heilen, einen dunkelfarbigen Balsam darüber aus, welcher unsägliche Schmerzen verursachte. Timothy, der es unter seiner Würde hielt, diese Todesqual auszuschreien, folgte dem Beispiel des Widersachers, ergriff geschwind eine ähnliche Flasche weit größeren Umfangs, und warf sie mit solcher Gewalt, daß sie zwischen den Augen des Gegners zersplitterte.

Die Freunde der Ordnung oder wenigstens des geordneten Fechtens sammelten sich um die beiden Kämpen und bildeten einen fast undurchdringlichen Kreis, der jedoch weit genug war, um Sicherheit vor dem Wurfgeschosse zu gewähren. »Drauf, Rotkopf! – Bravo, Weißschürze!« – ertönte es auf allen Seiten. Flaschen begegneten einander auf ihrem Fluge durch die Luft und zerplatzten wie Bomben über einer belagerten Stadt. Latwergen wurden mit artilleristischer Genauigkeit abgefeuert, Pillenschachteln mit solcher Kraft geworfen, daß sie wie Granaten und Kartätschen zerfuhren, während Säuren und Alkalien, einander neutralisierend, giftig wie sterbende Schlangen zischten. »Bravo, Weißschürze!« – »Rotkopf für immer!« – scholl es ringsherum, indessen der Streit mit ungeschwächter Lebhaftigkeit fortdauerte. Die Munition war beinahe auf beiden Seiten verschossen, als Herr Ebenezer Pleggit, der den Tumult hörte, vielleicht auch seine eigenen Arzneien roch, so unglückselig vorschnell und so thöricht tollkühn war, den geweihten Kreis zu durchbrechen. Mit aufgehobenem Stock drang er von hinten vor, um den furchtbaren Timotheus zu fällen. Da fuhr ihm eine Mixtur von seiner eigenen Batterie und von seinem eigenen rothaarigen Kämpen geschleudert, in den offenen Mund. Zerbrechend schlug sie gegen seine beiden einzigen noch übrigen Vorderzähne, die sie ausriß, die Arznei aber floß ihm die Kehle hinunter und machte ihn krank. Er fiel, wurde auf einer Tragbahre weggebracht, und es dauerte mehrere Tage, bis man ihn wieder in seiner Apotheke die Arzneien dispensieren sah, von denen er bei dieser unglücklichen Veranlassung sicherlich nur gar zu gerne dispensiert geblieben wäre.

Leser, fandest Du schon das letzte Stadium eines tödlichen Ritterkampfes beschrieben, wenn die Helme heruntergeschlagen, die Schilder verloren, die Schwerter zersplittert waren, wie die Streiter dann zu dem engeren und tödlicheren Kampfe mit den Dolchen schritten? So that Timothy: Seine Munition war zu Ende; unwillig, den Krieg länger aus der Ferne fortzusetzen, drang er kräftig auf den keuchenden Gegner ein und warf ihn im ersten Ringen zu Boden. Dann entnahm er seinem Korbe die einzigen Waffen, die ihm geblieben waren, eine Flasche und eine Pillenschachtel, setzte sich auf den niedergeworfenen Feind, zwang ihm die Pillenschachtel in den heftig blasenden Mund und stieß sie dann mit dem unteren Ende der Flasche gegen den Schlund hinab, recht wie ein Kanonier die Patrone samt der Ladung in eine zweiunddreißigpfündige Karronade stopft. An der Schachtel würgend, erhob der besiegte Ritter die Hände, die um Gnade flehten; Timothy aber fuhr in der Arbeit fort, bis er mit der Flasche den Deckel und Boden der Pappschachtel eingestoßen hatte; – achtundvierzig gallevertreibende Pillen rollten in des Rotkopfs Kehle hinab. Hierauf nahm er seinen Korb wieder und verließ unter triumphierendem Zujauchzen den Wahlplatz. Sein aus dem Sattel gehobener Gegner hustete die Reste des Pappendeckels heraus, holte Atem und wurde, übel zugerichtet, an den nächsten Brunnen geführt, während Timothy glühend vor Kampfesmut in unsere Apotheke kam.

Doch muß ich endlich den heroischen Stil unterbrechen. Herr Kophagus, der bei Timothys Rückkehr zu Hause war, schien zuerst sehr geneigt, über den Verlust so vieler Arzneien zornig zu werden; als er aber das Abenteuer und dessen Ende vernahm, war er so vergnügt ob Tims Doppelsieg über Herrn Pleggit und seinen Gesandten, daß er alsbald in die Tasche griff, um eine halbe Krone herauszuziehen.

Dagegen fühlte sich Mr. Pleggit nichts weniger als vergnügt. Er ging zu einem Advokaten, leitete eine Angriffs- und Mißhandlungsklage ein, und die ganze Nachbarschaft sprach von nichts als von dem stattgehabten Treffen und von dem Prozeß, der daraus folgen sollte.

Außer dieser Balgerei, welche damit endete, daß die Klage nicht gehörig begründet werden konnte, wodurch die Animosität natürlich stieg, habe ich wenig von dem Reste meiner Dienstzeit bei Herrn Kophagus zu erzählen. Länger als drei Jahre war ich bei ihm gewesen, als mir meine Abgeschiedenheit unerträglich wurde. Ich hatte nur einen Gedanken, der mir unaufhörlich im Kopfe herumkreiste: Wer ist mein Vater? Ich hätte meinen Beruf aufgegeben und wäre in der Welt herumgezogen, in der Hoffnung, meinen Erzeuger zu finden, wäre ich nicht von Mitteln entblößt gewesen. Zwar hatte ich nach und nach alles zusammengehäuft, was ich sammeln konnte, aber die Summe war klein, viel zu klein für ein solches Unternehmen. Ich wurde schwermütig, gleichgültig gegen meinen Beruf, nachlässig in meinem Äußern, als ein Umstand sich ereignete, der meinen Geschäften in der Apotheke ein Ende und mich zu einem freien Wesen machte.

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